Keynes’ Geldtheorie – eine spekulative Rekonstruktion
Eine unscheinbare Fußnote bei Keynes führt tief in die deutsche Ideengeschichte. Über eine überraschende Linie von der Aufklärung bis zur Modern Monetary Theory.
In Vom Gelde (1930) bemerkt Keynes in einer Fußnote, was Geld für ihn ist: „Knapp bezeichnet als ‚Geld‘ – wie ich denke, mit Recht – jedes Zahlungsmittel, das die staatlichen Kassen entgegennehmen, einerlei, ob es für den Verkehr zwischen Privaten einen gesetzlichen Annahmezwang hat oder nicht.“[1]
Aus dieser kleinen Fußnote gehen zwei interessante Tatsachen hervor. Erstens vertrat Keynes bereits 1930 die Idee des Tax-Driven Money, wie sie heute etwa von der Modern Monetary Theory vertreten wird. Zweitens hebt er die Herkunft dieser Idee aus dem Werk des deutschen Geldtheoretikers Georg Friedrich Knapp hervor.
Die Linie des Keynes’schen Geldbegriffs zur MMT ist gut erforscht, die Ursprünge hingegen – der Verweis auf Knapp – sind weit weniger beachtet worden. Dieser Beitrag stellt den Versuch dar, zwar nicht die vollständige Geschichte der Idee des Tax-Driven Money in der deutschen Geldtheorie zu rekonstruieren, wohl aber zumindest eine plausible Spekulation über den Weg anzustellen, den diese Idee von ihren vermutlichen Ursprüngen zu Keynes genommen hat.
Struensee über Fichte, Luden und Stein zu Knapp und – über Singer – zu Keynes
Die kurze Reise durch die Geschichte der Geldtheorie beginnt im Frankreich des Ancien Régime. König Ludwig XVI. hatte aufgrund der katastrophalen Finanzlage des Staates 1789 die Generalstände einberufen. Die Lage in Frankreich rückte bald darauf in ganz Europa auf die Tagesordnungen der politischen Debatten. In Preußen widmete sich Carl August von Struensee (1735–1804), königlich-preußischer Geheimer Oberfinanzrat, dieser Frage. Er veröffentlichte hierzu eine Reihe von Artikeln in der aufklärerischen Berlinischen Monatsschrift.[2]
In einem Artikel Ende 1789 erörterte er die Möglichkeit, in Frankreich Papiergeld auszugeben. Die Praktikabilität dieses Vorschlags machte er von der Möglichkeit abhängig, das Papiergeld zu „realisieren“: „Unter Realisiren verstehe ich aber nicht die Verwandlung in metallisches Geld, sondern jeden möglichen Gebrauch dieses Papiergeldes.“[3] Zu den Möglichkeiten der Realisation, die die Verwendung von Papiergeld ermöglichen, zählt er, dass „ich mit dem Papiere meine Schulden bezahlen, die Gefälle an die königl. Kassen abführen oder ein Kapital zur zinsbaren Belegung berichtigen kann; so ist es realisirt, wenn auch bei allen diesen Geschäften kein Pfennig klingenden Geldes vorkommt.“[3] Das Wort Gefälle meint in diesem Zusammenhang anfallende Zahlungen an die königiche Kasse, also an den Staat.
Struensee, der pragmatische Finanzbeamte, war nicht daran interessiert, eine große Theorie des Geldes zu entwickeln. Sein Interesse richtete sich vielmehr auf ein damals drückendes Problem der Staatsfinanzverwaltung und auf die Möglichkeit, ein Papiergeld zu schaffen, das umlaufen kann, ohne in Edelmetall einlösbar zu sein. Das ungedeckte Papiergeld war für ihn lediglich ein Werkzeug der Staatsfinanzen und des Zahlungsverkehrs.
Struensees Idee wurde vom Philosophen Johann Gottlieb Fichte aufgegriffen. Fichte schreibt im Geschlossenen Handelsstaat (1800), den er Struensee widmete, dass der Herrscher „zu Gelde machen [kann], schlechthin was er will, wenn er nur erklärt, dass er selbst sich nur in diesem Gelde und schlechthin mit keinem anderen bezahlen lassen wird.[4]
Fichte gibt dem Papiergeld allerdings eine größere Aufgabe als Struensee. Für ihn war Papiergeld nicht mehr nur ein Instrument der Finanzen und eine Ergänzung zum Metallgeld. Das Papiergeld sollte das Metallgeld vollständig verdrängen. Ein solches Papiergeld hält Fichte allerdings nur in einem Staat für möglich, der keine Kontakte zum Ausland unterhält. Da die Steuerhoheit des Herrschers an der Grenze endet, könne er ausländische Handelspartner nicht mittels Steuern dazu bewegen, inländisches Papiergeld anzunehmen.
Politisch spielt das Papiergeld bei ihm eine größere Rolle als bei Struensee. Von einem bloßen Verwaltungsinstrument, als das Struensee es am Vorabend der Französischen Revolution betrachtet hatte, wird es für Fichte, der unter dem Eindruck des aufkommenden Nationalismus schreibt, zu einem Symbol und einigenden Faktor der Nation selbst.
Fichtes Schüler Heinrich Luden, ein nahezu vergessener Historiker aus Norddeutschland, bespricht den Zusammenhang von Papiergeld und Steuern in seinem Handbuch der Staatsweisheit (1811). Dort empfiehlt er, die Regierung solle nur dann Papiergeld einführen, „wenn der Verkehr durch den Mangel an Metallgeld gelähmt ist.“[5] Um den Umlauf des Papiergeldes zu gewährleisten, „muss die Regierung alle Geldleistungen an den Staat im Papiergeld annehmen. (…) Auf diese – aber auch nur auf diese – Art wird das Papier nicht nur leicht in Umlauf gesetzt, sondern auch in seinem Wert erhalten werden können.“[6]
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Luden war Professor der Geschichte an der Universität Jena; unter seinen Studenten befand sich auch ein junger Mann namens Wasmer Jakob Lorentz. Später nannte er sich Lorenz Stein und wurde einer der bedeutendsten Verwaltungswissenschaftler der deutschen Geschichte. Luden dürfte die Idee des Zusammenhangs von Geldumlauf und Steuer bei Fichte aufgenommen haben, und Stein hat sie vermutlich von Luden übernommen. Die theoriehistorisch wichtigste Rolle Ludens ist die eines Missing Link zwischen Fichte und Lorenz von Stein. Stein ist vermutlich dank Luden mit Fichtes Denken über Geld in Berührung gekommen.
Stein unterscheidet das Papiergeld nach den Formen der Fundation, was ungefähr dem entspricht, was Struensee „Realisiren“ nannte. Für ihn kann Geld zwei Fundationen haben. Die von Banken ausgegebenen Noten sind durch Edelmetalle fundiert. Stein bezeichnet dies als „Metallfundation, oder bankmäßige, Bankenfundation.“[7] Dies sei jedoch noch nicht Papiergeld im engeren Sinne. Staatspapiergeld, also Geld im engeren Sinne, entsteht erst „wenn der Staat den von ihm ausgegebenen Scheinen das Recht beilegt, in den öffentlichen Kassen als Zahlungsmittel statt des edlen Metalls angenommen zu werden.“[8] Diese zweite Form der Fundation nennt Stein „Steuerfundation.“
Stein, der nach der Revolution von 1848 schrieb, interessierte sich wenig für die Rolle des Geldes als Symbol des Nationalstaates. Anders als Fichte bewegt er sich wieder stärker in der Linie des Zusammenhangs von Geld und Verwaltung, also zurück zu Struensee. Allerdings kehrt er die Zusammenhänge um: Für ihn ist das Papiergeld nicht mehr nur ein Werkzeug der Verwaltung, sondern seine Gültigkeit hängt von der Stärke des Staates und der Qualität der Verwaltung ab. Anders als Fichte hält er es für möglich, dass das Papiergeld eines Staates mit guter Finanzverwaltung auch im Ausland zirkuliert.
Stein bespricht das Papiergeld auch im Zusammenhang mit der staatlichen Schuldenverwaltung. Er schreibt: „Die Kassenscheine [ein anderes Wort für Staatspapiergeld] gehören [zum] Staatsschuldenwesen.“[9] Für ihn ist umlaufendes, durch Steuern fundiertes Papiergeld letztlich umlaufende Staatsschulden. Er geht von einer simplen Tatsache aus: Der Staat gibt das Papier zuerst aus und zieht es anschließend mittels der Steuer wieder ein.[10]
Da sich die Menge des Papiergeldes in einer Volkswirtschaft am Bedarf der Wirtschaft orientieren muss, kann und soll der Staat mehr Papier ausgeben, als er durch Steuern wieder einsammelt. Diese Menge des umlaufenden Papiergeldes, also die Differenz zwischen ausgegebenem und über Steuern wieder eingesammeltem Geld, nennt Stein den „Staatscredit“.
Das Papiergeld ist damit nicht mehr – wie noch bei Struensee – nur ein Werkzeug der Finanzverwaltung, sondern eine Notwendigkeit der Wirtschaftsverwaltung. Der Staat muss sich dieses „Staatscredits“ bedienen und so viel Papiergeld schaffen, wie die Wirtschaft benötigt. Stein geht in seiner Besprechung der Staatsschulden noch wesentlich weiter; unter anderem versucht er, den tatsächlichen Bedarf an Papiergeld für die preußische Wirtschaft seiner Zeit zu berechnen. Dies hier näher zu besprechen, würde allerdings zu weit führen.
Georg Friedrich Knapp begann vermutlich in den frühen 1870er Jahren, Stein intensiv zu studieren. Jedenfalls schrieb der Ökonom Gustav von Schmoller am 11. Juli 1872 einen Brief an Knapp, in dem er seine Freude darüber ausdrückte, dass Knapp sich mit Stein beschäftigte.[11]
Knapps Staatliche Theorie des Geldes (1905) erschien 1924 in englischer Übersetzung. Keynes kannte das Knapp’sche Werk jedoch bereits länger. Im Vorwort zur englischen Übersetzung schreibt Knapp: „Mein besonderer Dank gilt den Herren Keynes und Bonar sowie der geschätzten Übersetzerin Frau Lucas und ihrem Berater Herrn Sanger.“[12]
Es ist zumindest möglich, dass Knapps Denken seinen Weg über den Ärmelkanal über Kurt Singer fand. Singer, der 1910 bei Knapp promoviert hatte, arbeitete seit 1912 in Hamburg – zunächst als Sekretär eines Bankiers, dann von 1917 bis 1933 in verschiedenen Positionen beim Wirtschaftsdienst.[13] Dort war Singer, der fließend Englisch sprach (seine Mutter war Engländerin), unter anderem mit der Übersetzung der Beiträge von Keynes beschäftigt. Es ist gut möglich, dass Keynes über Singer mit Knapps Werk in Kontakt kam.
Das Ende der Reise
Die Idee des Tax-Driven Money findet sich im Laufe der Zeit in verschiedenen Zusammenhängen wieder. Für Struensee war sie lediglich ein Werkzeug der Staatsfinanzen. Fichte betrachtet sie im Kontext der entstehenden Nationalstaaten. Luden erwähnt sie nur in einem praktischen Handbuch. Stein integriert sie in ein umfassendes Konzept der Verwaltung, das hier nur angedeutet werden konnte. Die Idee, so viel lässt sich sagen, veränderte sich sowohl im Kontext unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen als auch mit den unterschiedlichen Interessen und Zielen der Menschen, die sie nutzten.
Die Verbindungslinie von Struensee über Fichte, Luden und Stein zu Knapp und – über Singer – zu Keynes, die hier angedeutet wurde, bleibt vorerst spekulativ. Es ist nachweisbar, dass die Autoren innerhalb dieser Linie einander kannten, und auch eine Ähnlichkeit der Konzepte ist vorhanden. Dennoch ist weitere Archivforschung zu diesem Thema erforderlich.
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