Makroskop
Editorial

Reformer oder Revolutionär – wie weit wollte Keynes gehen?

| 19. Februar 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Februar wird John Maynard Keynes Opus Magnum, die General Theory, 90 Jahre alt und im Juni würde der große Meister seinen 143sten Geburtstag feiern. Was würde er wohl heute antworten, könnte man ihn noch nach seinen politischen und wirtschaftlichen Visionen fragen? Da wir Keynes (leider!) nicht wiederbeleben können, müssen wir uns auf seine Interpreten verlassen.

Ob nun Jörg Bibow, Lennart Ritterbach, oder Michael Heine und Hansjörg Herr – die Autoren dieses Heftschwerpunkts eint, dass sie die orthodoxe Keynes-Interpretation kritisch sehen: Sie hätten den britischen Ökonomen verfälscht, ihm um seine visionären, langfristigen und radikalen Kerngedanken beraubt – entweder, um ihn als reines Instrumentarium für kurzfristige Konjunkturschwankungen abzutun (Heine und Herr), oder seine wirtschaftspolitischen Rezepte im Sinne eines "Anti-Keynes" (Bibow) in ihr Gegenteil zu verkehren.

Aber was wollte Keynes wirklich? Am weitesten gehen Lennart Ritterbach sowie Michael Heine und Hansjörg Herr. Ritterbach glaubt, dass Keynes buchstäblich "über den Kapitalismus" hinaus wollte. Der intervenierende Staat sei für den Ökonomen aus Cambridge kein Selbstzweck gewesen, sondern lediglich ein "Geburtshelfer", der sich in einer hochproduktiven Wirtschaft am Ende überflüssig mache. Keynes als reformistischer Revolutionär.

Heine und Herr finden bei Keynes ebenfalls Gedanken, die "weit über die Formation des gegenwärtig existierenden Kapitalismus hinaus" gehen. Würde der Kapitalismus noch fortexistieren, griffe man so tief in die kapitalistische Eigentumsordnung und die globale Finanzarchitektur ein, wie Keynes es forderte? Anders gefragt: Von welcher Gesellschaftsordnung könne man sprechen, wenn man große Teile der Investitionen verstaatlicht, leistungsloses Einkommen und Erbschaften aus meritokratischen Gesichtspunkten abschafft und Kapitalverkehr einer strikten Kontrolle unterlegt? Alles das findet man laut Heine und Herr bei Keynes wieder – mit erheblicher Bedeutung für die heutige Debatte einer sozial-ökologischen Transformation. 

War nun Keynes Revoluzzer oder Reformer? Wir sind auf Interpretationen angewiesen. Die meisten Rezipienten sehen in ihm wohl letzteres. Was nichtsdestotrotz bleibt: Der wahrscheinlich einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts fasziniert und inspiriert noch heute.