Was unterscheidet neoklassische und klassische Ökonomie?
Oft ist von der Dominanz der „Neoklassik“ in der Ökonomik die Rede. Aber was ist dann die „klassische“ Ökonomik, und was unterscheidet diese Denkschulen?
In unserer Rubrik „Frag‘ den MAKROnauten“ können Leserinnen und Leser der Redaktion Löcher in den Bauch fragen.
In einem Interview, das Malte Kornfeld mit Michael Schedelik in Makroskop (4. Februar 2026) geführt hat, ist von der Dominanz der „Neoklassik“ in der Ökonomik die Rede. Aber was ist die „klassische“ Ökonomik, und was unterscheidet diese Denkschulen?
Liebe Leserinnen und Leser,
die Neoklassik geht auf einen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogenen Paradigmenwechsel zurück, den der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Blaug in seiner „Theoriegeschichte der Ökonomie“ als „marginale Revolution“ beschreibt. Die herrschende Ökonomik vollzog einen grundlegenden Wandel ihres Selbstverständnisses von einer „Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen“ (Adam Smith) hin zu Optimierungsmodellen von Zweck-Mittel-Beziehungen.
Die klassische Ökonomie von Francois Quesnay bis David Ricardo beruht auf dem Gedanken, dass die Preisbildung auf den Märkten sich an der in den angebotenen Waren enthaltenen Arbeitsmenge orientiert. Diesen Gedanken griff in Karl Marx auf, dem deshalb irrtümlich eine „Arbeitswerttheorie“ unterstellt wird. Für ihn gab es zwei Wertquellen, nämlich Arbeit und Natur. was er in der „Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie“ so zusammenfasste: „Alle Produktion ist Aneignung der Natur von seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform.“
Die Aufgabe der Ökonomik sah Marx darin, die sich aus dem Doppelcharakter der Arbeit als Produktion von Gebrauchs- und Tauschwerten ergebenden Formen ökonomischer Beziehungen zu analysieren und diese in einer Abfolge von Abstraktionsstufen darzustellen. Preise sind für ihn die an der Oberfläche des Marktgeschehens sichtbare Hülle dessen, was der Wert ist, nämlich Resultat gesellschaftlich anerkannter Arbeit im oben genannten Sinn. Preise sind demnach Erscheinungsformen des Wertes von Waren, aber nicht der Wert an sich.
Der objektiven Wertlehre der klassischen Ökonomie steht die neoklassische Ökonomie gegenüber, die Preisbildungen als das Abwägen von subjektiven Präferenzen begreift. Ausgangspunkt ist das Gossen’sche Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Dieser tritt ein, wenn für jede zusätzlich für ein bestimmtes Gut ausgegebene Geldeinheit der damit erworbene Zusatznutzen geringer wird.
Die Warenpreise hängen demnach nicht von dem zu ihrer Erstellung erforderlichen Aufwand an Arbeit und Material ab, sondern von der Knappheit der Produkte. Der Markt sorgt stets für ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, das in Indifferenzkurven dargestellt wird. Demnach stehen nicht die sozialen Interaktionen in der Produktion und Verteilung von Gütern und deren Ergebnisse als Wertschöpfung und Volkseinkommen im Fokus der Ökonomik, sondern das in sich selbst ruhende Individuum und die von ihm autonom bestimmten Wertsetzungen.
Daraus hat sich das Paradigma des stets seinen subjektiven Nutzen optimierenden „Homo oeconomicus“ entwickelt, das der britische Ökonom und entschiedene Keynes-Gegner Lionel Robbins so definierte: „Die Ökonomie ist die Wissenschaft, welche das Verhalten der Menschen als Beziehung von Zielen und knappen Mitteln mit verschiedenem Nutzen untersucht.“
Demnach stehen für die Neoklassik nicht die sozialen Interaktionen in der Produktion und Verteilung von Gütern und deren Ergebnisse als Wertschöpfung und Volkseinkommen im Fokus der Ökonomik, sondern das sozial wie historisch bindungs- und voraussetzungslose, nur in sich selbst ruhende Individuum und die von ihm autonom bestimmten Präferenzen.
Der Sozialökonom Kenneth Boulding bezeichnete diese Vorstellung als die „unbefleckte Empfängnis der Indifferenzkurve.“ Damit gleitet, wie Joseph Schumpeter feststellte, die Ökonomie in die Trivialität ab, dass „ungeachtet der Gegebenheiten und namentlich der institutionellen Ordnung einer Gesellschaft, das menschliche Handeln immer versuchen wird, das Beste aus jeder gegebenen Situation zu machen.“
Der Umstand, dass Preise auf Märkten realisiert werden, führt zu der Vorstellung, dass sie nur durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage entstehen. Der Prozess der Wertschöpfung ist für neoklassische Ökonomen uninteressant. Der leider in Vergessenheit geratene Ökonom Werner Hofmann brachte es 1968 in seinem Essay über „Das Elend der Nationalökonomie“ auf den Punkt:
„Man kann sich schwerlich eine Theorie der Mechanik ohne das Hebelgesetz, eine Astronomie ohne die Lehre von der Gravitation, eine Biologie ohne Einsicht in die Vorgänge der Zellvermehrung denken. In der Ökonomie aber gedeiht eine Produktionstheorie ohne Konzept von dem Prozess der Wertschöpfung, und sie befindet sich wohl dabei.“