Gruselige Renten-Geschichten
Die Renten sind relativ stark gestiegen. Der Ökonom Moritz Schularick findet das schaurig. Was ist da los? Ein Blick auf die Altersbezüge und ihre Bewertung.
Manche Menschen gruseln sich vor dem Bildschirm, wenn unter dem Bett des friedlich schlafenden Menschen eine Kralle auftaucht und sich lautlos auf die Bettkante schiebt. Manche graust es, wenn aus dem harmlos scheinenden Ei – zack – ein unheimliches Wesen herausschießt. Den bekannten Ökonomen Moritz Schularick wiederum schaudert es nach eigenem Bekunden, wenn er an die jüngsten Rentenerhöhungen denkt. Auch andere stimmen das Publikum darauf ein, dass in der Geschichte mit den Alten und dem vielen Geld Unheil droht. Wo lauert hier die Gefahr?
Folgt man der „Bild“-Zeitung, anderen großen Medien und einigen einflussreichen Ökonomen, ist die Sache klar: Es sind die Rentenausgaben, die eine Bedrohung sind – für junge Menschen, für die Wirtschaft und für ganz Deutschland. Entsprechend harsch wurde der Beschluss der schwarz-roten Koalition kommentiert, das Rentenniveau vorerst stabil zu halten. Die Koalition habe damit eine „Kostenbombe“ gebaut, schreib die „Bild“-Zeitung. Sie treibe eine Politik voran, „die das Land an den Abgrund manövriert“, urteilte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Die „wirtschaftliche Verheerungen“ dieser Politik seien absehbar, konstatierte die „FAZ“. Und die „WAZ“ kommentierte bereits im vorigen Sommer: „Die Babyboomer fluten das Rentensystem und leeren die Kasse. Bezahlen sollen das ihre Kinder. Die Bundesregierung macht es nur noch schlimmer.“
Auch Schularick lehnt die Stabilisierung des Rentenniveaus ab: Die hohen Rentenausgaben führten dazu, dass Geld für Brücken, Schwimmbäder und Kindergärten fehle, sagte er Ende Februar in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Man könnte hier auch an die hohen Rüstungsausgaben denken, doch die befürwortet der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. Schlimm findet er dagegen, wenn die sozialstaatlichen Leistungen für alte Menschen steigen: „Mich schaudert es, dass das Einzige, das in den letzten Jahren in diesem Land mit rund vier Prozent pro Jahr gewachsen ist, die Renten sind“, sagte er der dpa.
Wie stark die Altersbezüge gestiegen sind
Das ist eine zumindest missverständliche Aussage. Von einem einzigartigen Wachstum kann jedenfalls keine Rede sein. Nur zwei Beispiele: Die Militärausgaben sind hierzulande 2024 nach vorläufigen Ergebnissen der NATO um 28 Prozent gestiegen, bereits in den Jahren davor ging es zweistellig aufwärts. Das Finanzvermögen von Superreichen, die mehr als 100 Millionen Dollar besitzen, ist laut Boston Consulting Group 2024 um immerhin 16 Prozent gewachsen.
Die Gehaltsentwicklung konnte da zwar nicht mithalten. Allerdings sind auch die Löhne zuletzt relativ stark gestiegen. Das ist entscheidend für den Rentenanstieg. Die genaue Rentenformel ist hochkomplex, im Wesentlichen haben sich die gesetzlichen Altersbezüge zuletzt jedoch an der Gehaltsentwicklung orientiert. Um eine Vorstellung von der Größenordnung zu bekommen: Das durchschnittliche Bruttoentgelt je Arbeitnehmer ist seit 2022 pro Jahr im Schnitt um rund fünf Prozent gestiegen, bei den Renten waren es 4,5 Prozent.
Das sind im Vergleich zu früheren Jahren starke Zuwächse. Doch bekanntlich sind auch die Preise kräftig erhöht worden. Die Folge: Preisbereinigt war die Standardrente im vorigen Jahr immer noch niedriger als 2020.
Trotz alldem fordern Ökonominnen und Ökonomen wie Grimm und Lars Feld von der Uni Freiburg Einschnitte bei den Altersbezügen. Die Politik ist über viele Jahre solchen marktliberalen Ratschlägen gefolgt. So beschloss sie diverse Änderungen, damit die Renten langsamer steigen als die Gehälter. Die Folge: Das Rentenniveau, das sich am Durchschnittseinkommen bemisst, sank von rund 53 Prozent um die Jahrtausendwende auf 48 Prozent. Das Sparpaket der rot-grünen Regierung von 2001 sah ursprünglich vor, dass es weiter schrumpft.
Doch 2018 befand die schwarz-rote Koalition, dass es nun genug ist mit dem Absenken. Sie entschied, das Rentenniveau für einige Jahre bei 48 Prozent zu stabilisieren. Die aktuelle schwarz-rote Koalition hat nun diese Haltelinie bis 2031 verlängert. Diesmal ist das Parlament nicht dem Drängen von Ökonomen wie Grimm, Schularick, Feld und der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer gefolgt, die kurz vor der Bundestagsabstimmung in einem gemeinsamen Aufruf gefordert hatten, das Rentenpaket zurückzuziehen.
Das Rentenniveau im EU-Vergleich
Hierbei hat wohl auch eine Rolle gespielt, dass das Rentenniveau in Deutschland ohnehin schon relativ niedrig ist. Das zeigt auch ein internationaler Vergleich, den die OECD regelmäßig veröffentlicht. Dargestellt wird, mit welcher gesetzlichen Rente junge Menschen rechnen können, die während des ganzen Berufslebens einen Durchschnittslohn erhalten und bis zum gesetzlichen Rentenalter erwerbstätig sind. Im EU-Durchschnitt kommen diese Modell-Beschäftigten im Ruhestand auf 68 Prozent ihres letzten Gehalts – in Deutschland sind es lediglich 53 Prozent.
Die OECD vergleicht dabei Nettogehälter mit Nettorenten, jeweils nach Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen. Bei der deutschen Berechnung des Rentenniveaus werden nur Sozialbeiträge abgezogen, darum kommt man hier auf 48 Prozent.
Und wie hoch sind die tatsächlichen Beträge, die alte Menschen erhalten? Ende 2024 betrug die durchschnittliche Altersrente 1154 Euro pro Monat, nach Abzug der Sozialbeiträge und vor Steuern. Bei Personen, die mindestens 35 Versicherungsjahre nachweisen können, lag die Altersrente im Schnitt bei 1501 Euro. Besonders üppig sind diese Beträge nicht. Und so stellen auch Kritiker:innen nicht die konkreten Zahlungen an alte Menschen in den Vordergrund. Vielmehr argumentieren sie mit prozentualen Änderungen und den Gesamtausgaben.
Nun gibt es auch unter alten Menschen Arme und Reiche. Viele haben neben der gesetzlichen Rente kaum andere Einkünfte. Andere haben sehr gut verdient, konnten Geld zurücklegen und bekommen noch eine Betriebsrente. Einsparungen bei der gesetzlichen Rente würde vor allem Beschäftigte mit geringem und mittleren Einkommen im Alter treffen. Bereits heute ist jede fünfte ältere Person armutsgefährdet.
Unstrittig ist bei alldem, dass die gesamten Rentenausgaben deutlich steigen werden, wenn die Politik keine Einschnitte beschließt. Denn in den kommenden Jahren erreichen die Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen das Rentenalter. Mit diesem erwartbaren Ausgabenwachstum kann man unterschiedlich umgehen. Man kann es als Bedrohung darstellen, was häufig geschieht. Wobei sich wissenschaftlich nicht definieren lässt, ab wann Sozialausgaben zu hoch sind.
„Ist das, was Rentner erhalten, fair?“
Aus sozialpolitischer Sicht stelle sich zunächst eine andere Frage, sagt der Sozialforscher Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung: „Ist das, was Rentner erhalten, fair? Wie sehen das nicht nur alte Menschen, sondern auch ihre Kinder und Enkel? Wofür gibt es einen ausreichenden gesellschaftlichen Konsens?“ Erst dann stelle sich die Verteilungsfrage: Wer zahlt was?
Vorschläge für eine Finanzierung von auskömmlichen Renten liegen schon lange vor. Kurzfristig sind insbesondere höhere Steuermittel denkbar. Der Bundeszuschuss könnte vorübergehend angehoben werden, solange Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente sind, und dann wieder abgeschmolzen werden, sagt die Ökonomin Heike Joebges von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.
Möglich ist auch, die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben oder ganz abzuschaffen, wie es etwa der Verteilungsforscher Markus Grabka bereits vor Jahren ins Gespräch brachte: „Warum zahlen Vorstandsvorsitzende von Konzernen nicht auf ihr gesamtes Einkommen Rentenbeiträge, so wie das auch in anderen Ländern der Fall ist?“, fragte der Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Gleichzeitig könnte die Politik bei sehr hohen Einkommen die Rentenzahlungen dämpfen. Würde man die Beitragsbemessungsgrenze abschaffen, „hätten wir sofort große Mehreinnahmen – genau in der Phase, in der die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen“, sagte jüngst auch der emeritierte Statistik-Professor Gerd Bosbach im MAKROSKOP.
Dass sich Besserverdienende über Abgaben oder Steuern stärker an gesellschaftlichen Aufgaben beteiligen, ist begründbar. Sie verfügen ohnehin über mehr Mittel als andere. Ihre Finanzlage hat sich überdies über Jahrzehnte besonders gut entwickelt: Laut DIW sind die verfügbaren Haushaltseinkommen der obersten zehn Prozent zwischen 2000 und 2021 um 47 Prozent gestiegen, und zwar preisbereinigt. Bei mittleren Haushaltseinkommen betrug der Zuwachs rund 20 Prozent. Die Gruppe mit den geringsten Einkünften ging dagegen leer aus, sie hatte preisbereinigt 2021 sogar etwas weniger zur Verfügung als zur Jahrtausendwende.
Langfristig ist die Einführung einer Bürgerversicherung denkbar, in die auch neu eingestellte Beamte und Selbstständige einzahlen. Damit sympathisieren einige Forscher, auch SPD, Grüne, die Linke und Gewerkschaften wie die IG Metall haben sich schon dafür ausgesprochen. Als ein Vorbild gilt Österreich. Dort wurden zunächst Selbstständige in die gesetzliche Versicherung einbezogen und später auch die Altersbezüge der Beamten angeglichen.
Insbesondere besserverdienende Staatsbedienstete erhalten dadurch im Ruhestand weniger Geld als früher. Insgesamt ist das Rentenniveau jedoch viel höher als hierzulande. Für Leute mit geringem und durchschnittlichem Gehalt liegt es laut OECD bei über 84 Prozent. Entsprechend sind auch die Rentenbeiträge höher, wobei Unternehmen einen größeren Anteil als Beschäftigte zahlen.
In Deutschland soll eine Rentenkommission im Sommer Reformvorschläge vorlegen. Was umgesetzt wird, entscheidet das Parlament. Dabei wird es weiter darum gehen, wer bei der Finanzierungsfrage einbezogen wird und wer im Hintergrund bleibt. Und welches Wachstum als Problem beurteilt wird.