Regimewechsel per Rakete? Wie die Welt auf den Angriff gegen den Iran reagiert
Mit dem Angriff auf Teheran und der Tötung von Ajatollah Ali Chamenei haben die USA und Israel die internationale Ordnung erschüttert. Die globalen Reaktionen zeigen, wie tief die Welt gespalten ist.
In einer Welt wachsender Rivalitäten und schwindender Gewissheiten wird Europas Rolle neu verhandelt. „Was denken die Anderen?“ sammelt internationale Einschätzungen zu geopolitischen Machtverschiebungen, Konflikten und strategischen Interessen jenseits westlicher Selbstbilder.
Washington und Jerusalem: Prävention oder Regimewechsel?
Am 28. Februar 2026 verkündete US-Präsident Donald Trump auf Truth Social den gemeinsamen Angriff der USA und Israels auf den Iran. Das „terroristische Regime" in Iran dürfe niemals eine Atomwaffe besitzen. Das ballistische Raketenprogramm müsse gestoppt, die Flotte zerstört werden. Trump rief das iranische Volk auf, die Regierung zu stürzen: „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen."
Auch Israels Premier Benjamin Netanjahu begründete den Angriff mit der Notwendigkeit, die „existenzielle Bedrohung" zu beseitigen. In einer farsi-sprachigen Videobotschaft rief auch er die Iraner zum Aufstand auf.
Die koordinierte Aktion (Operation Epic Fury / Operation Roaring Lion) zielte auf einen Enthauptungsschlag gegen die iranische Führung ab. Israelische Kampfflugzeuge feuerten etwa 30 Präzisionsraketen auf den Regierungskomplex in Teheran. Das iranische Rote Kreuz meldete über 200 Tote, US- und israelische Quellen sprechen von etwa 40 getöteten hochrangigen Funktionären. Das prominenteste Opfer war Ayatollah Ali Khamenei, der Oberste Führer, das politische und religiöse Staatsoberhaupt Irans. Bei einem Angriff auf eine Mädchenschule in Minab wurden mehr als 150 Schülerinnen getötet; ob dies ein gezielter Angriff oder ein Versehen war, ist ungeklärt. Die offizielle Linie beider Länder ist es, die eigene Verantwortung zurückzuweisen. Die USA distanzieren sich von dem Angriff und kündigen eine Untersuchung an. Israel bestreitet jede Kenntnis von einem Angriff in dem Gebiet und spekuliert, dass der Iran sich selbst attackiert haben könnte.
Teheran zwischen Vergeltung und Stabilisierung
Entgegen manchen Erwartungen blieb die iranische Führung handlungsfähig. Ein dreiköpfiger Übergangsrat aus Präsidenten, Justizchef und einem Mitglied des Wächterrats übernahm die Aufgaben Khameneis. Die Revolutionsgarden kündigten „die größten militärischen Einsätze der Geschichte" an. Noch am selben Tag erfolgten massive Vergeltungsschläge gegen Israel und US-Militärbasen in Katar, Kuwait, den VAE und Bahrain. Außenminister Abbas Araghchi bekräftigte mehrfach öffentlich, dass Iran die Angriffe nicht hinnehmen werde. Auf X schrieb er: „Diese Verbrechen gegen das iranische Volk werden nicht unbeantwortet bleiben."
Gleichzeitig startete der Iran eine diplomatische Offensive: Der UN-Botschafter berief eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates ein und bezeichnete die Angriffe als „unprovozierte und vorsätzliche Aggression".
Ob im Inneren der Plan zum Sturz des iranischen Regimes aufgeht, ist ungewiss. Die Tötung Khameneis und der Schülerinnen könnte es kurzfristig sogar stärken. Große Teile der Bevölkerung reagieren mit Trauer und Wut und nahmen massenhaft an den Trauerkundgebungen teil. Der Konflikt könnte sich zu einem regionalen Religionskrieg ausweiten, da Khameneis Bedeutung weit über den Iran hinaus in die gesamte schiitische Welt ausstrahlte. Im Irak kam es bereits zu Angriffen auf die US-Botschaft. In den Golfstaaten, insbesondere aber nicht nur in Bahrain mit seiner mehrheitlich schiitischen Bevölkerung, könnte die Lage für die sunnitischen Herrscherfamilien schwierig werden.
Die Frage ist, ob bzw. wie lange das Regime in Iran angesichts der massiven Angriffe von außen den staatlichen Zusammenhalt und die Staatsfunktionen sichern kann. Im Iran gibt es starke regimekritische und separatistische Kräfte, allerdings mit uneinheitlichen Zielen. Eine einheitsstiftende Öffentlichkeit fehlt bislang. Einige Experten erwarten, dass sich im Land eine Vielzahl höchst unterschiedlich motivierter Widerstandshandlungen herausbildet und so mehrere lokale „Bürgerkriege“ unterschiedlicher Intensität entstehen. Der Staatskollaps wäre die unmittelbare Folge.
Globale Bruchlinien
Israel: Zwischen historischer Mission und politischem Kalkül
Ein erheblicher Teil der israelischen Bevölkerung betrachtet die Angriffe als historische Notwendigkeit zur Abwehr einer langfristigen Bedrohung im Rahmen der existenziellen Auseinandersetzung mit dem Iran. Beobachter vor Ort berichten, sie seien weniger von Angst, sondern vielmehr von einer tiefen Entschlossenheit beeindruckt. In dieser Wahrnehmung überwiegt ein starkes Gefühl des Zusammenhalts und der Überzeugung, einen historischen Moment zu erleben, der über die unmittelbare Sicherheit Israels entscheiden wird.
Neben der entschlossenen Unterstützung gibt es eine zweite Strömung: die politische Wut auf die eigene Regierung. Viele Israelis, insbesondere in den liberalen Zentren wie Tel Aviv, fürchten, dass Premierminister Netanjahu den erfolgreichen Angriff auf Iran politisch ausschlachten wird, um die Ende Oktober anstehende Wahl zu gewinnen. Die Sorge ist groß, dass der Militärerfolg und die Tötung Khameneis ihn im Inland so beliebt machen, dass er gestärkt aus der Krise hervorgeht. Die iranisch-israelische Aktivistin Orly Noy schreibt im 972 Magazine unter der Überschrift „Israels ‚Blutdurst‘ nach Krieg: „Der ewige Krieg ist Netanjahus zuverlässigste politische Strategie.“
Auch der bekannte Journalist Gideon Levy von Ha’aretz zeichnet unter der Überschrift Krieg ist das Opium der israelischen Massen ein kritisches Bild: „Es ist wieder Krieg, und wieder einmal soll ein Krieg Israels existenzielle Probleme ein für alle Mal lösen. Netanjahu sagte, die Eröffnungssalve werde in die Militärgeschichte Israels eingehen. ‚Im entscheidenden Moment erhob sich eine Nation wie ein Löwe; unser Brüllen erschütterte Teheran. ’ Das Brüllen des Löwen entpuppte sich jedoch schnell als das Quietschen einer Maus. Der ‚historische Sieg‘, der ‚zwei existenzielle Bedrohungen für Israel, nämlich die nukleare und die ballistische Raketenbedrohung‘ beseitigen sollte, währte nur so lange wie das Leben eines Schmetterlings.“
USA: Krieg ohne Mandat, gespaltene Nation
Der Angriff ist umstritten. 59 Prozent der Bevölkerung lehnen ihn ab, doch 77 Prozent der Republikaner befürworten ihn. Trump begann den Krieg ohne Zustimmung des Kongresses – eine Verfassungskrise zeichnet sich ab. Während die republikanische Führung hinter ihm steht, lehnen libertäre Republikaner, die Abgeordneten Thomas Massie, Warren Davidson und Senator Rand Paul, den Krieg ab: „Krieg bedarf der Autorisierung des Kongresses." Und das Sprachrohr der MAGA-Bewegung Marjorie Taylor Greene schrieb auf X: "Es fühlt sich an wie der schlimmste Verrat. Wir haben 'Keine ausländischen Kriege mehr' gesagt – Trump hat damit Wahlkampf gemacht."
Auch die Demokraten sind gespalten. Kamala Harris verurteilte den „nicht autorisierten Krieg nach Wahl" scharf: „Ich lehne einen Krieg zum Regimewechsel ab. Es ist ein gefährliches und unnötiges Glücksspiel mit amerikanischen Leben." Der demokratische Senator John Fetterman hingegen unterstützt Trump ausdrücklich: Er tue, „was richtig und notwendig ist". Zum Tod Khameneis twitterte er: „Mal sehen, wer um diesen Müll trauert."
Europa: Besorgnis, Distanz, Handlungsunfähigkeit
Die EU-Spitzen (von der Leyen, Costa) nannten die Lage „äußerst besorgniserregend" und riefen zu Zurückhaltung, Schutz der Zivilbevölkerung und Achtung des Völkerrechts auf. Die Angriffe selbst wurden nicht direkt verurteilt.
Frankreich, Deutschland und Großbritannien (E3) grenzten sich klar ab: „Wir haben nicht an diesen Angriffen teilgenommen", stehen aber in engem Kontakt mit den USA und Israel. Der Ton gegenüber Teheran war hart: iranische Angriffe auf die Region wurden „auf das Schärfste" verurteilt. Nach weiteren iranischen Raketenangriffen drohten die E3-Länder, „notwendige und verhältnismäßige Abwehrmaßnahmen zu ergreifen".
Aus anderen europäischen Hauptstädten gab es kritischere Töne: Spanien lehnte die "unilaterale Militäraktion" ausdrücklich ab, Norwegen zweifelte an der Legitimität des "Präventivschlags“, der eine „unmittelbar bevorstehende Bedrohung" voraussetze.
Die europäische Öffentlichkeit zeigt sich gespalten. Während viele – insbesondere Teile der iranischen Diaspora – in den Ereignissen die Chance auf einen politischen Umbruch sehen, kam es in Berlin zu Demonstrationen, bei denen historische iranische Flaggen mit dem Löwen-und-Sonne-Symbol zu sehen waren, das heute vor allem von Gegnern der Islamischen Republik verwendet wird. Zugleich wurden dort offen Sympathien für Trump bekundet.
Dem gegenüber standen kleine Gegenproteste von Regime-Anhängern. Ihre Plakate und Reden stellten den Iran als Opfer „imperialistischer/zionistischer Angreifer" dar. Die Tudeh Partei (kommunistische Partei Irans) sieht das ebenfalls so, fordert aber gleichzeitig eine Revolution im Inneren des Iran.
Große Antikriegsdemos wie vor dem Irak-Krieg 2003 bleiben bisher aus. Die traditionelle Friedensbewegung (und auch die Linke) findet keine gemeinsame Linie, da große Teile von ihr zwar den Angriffskrieg verurteilen, sich aber nicht mit dem Teheraner Regime solidarisieren möchten.
China: Angriff auf die internationale Ordnung
Für China ist der Angriff ein unprovozierter, völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Die Global Times schrieb: „Die internationale Gemeinschaft ist zutiefst schockiert, dass dieser Angriff mitten in den laufenden Verhandlungen durchgeführt wurde. Der Iran wurde bewusst getäuscht." Die Tötung des Führers eines souveränen Staates und die offene Anstiftung zum Regimewechsel seien „eine dreiste Missachtung der Normen der internationalen Beziehungen".
Die rücksichtslosen Handlungen hätten eine Kettenreaktion ausgelöst, heißt es weiter. Die Flammen des Krieges hätten sich auf Nachbarländer ausgebreitet. Mit der Sperrung der Straße von Hormus gerieten die weltweiten Energievorräte in Gefahr. Priorität müsse ein sofortiger Stopp der Militäroperationen sein.
Russland: Verurteilung und strategische Selbstpositionierung
Auch Russland positioniert sich als entschiedener Gegner der US-israelischen Aktion und bietet sich als Vermittler an. Präsident Putin sprach dem iranischen Volk sein Beileid aus und nannte die Tötung Khameneis einen „zynischen Verstoß gegen Moral und Völkerrecht". Das Außenministerium sprach von einem „gezielten und unprovozierten Akt militärischer Aggression", besonders verwerflich, weil „unter dem Deckmantel von Verhandlungen" geführt.
Die „Absichten der Aggressoren" seien eindeutig: Sie wollten „die verfassungsmäßige Ordnung und die Regierung eines Landes zerstören, das für sie unerwünscht ist.“ Die Zeitung Iswestija bezweifelte jedoch, dass Bomben ein Regime stürzen könnten. Moskau warnte zudem vor einer „radiologischen Katastrophe".
Kanada: Prinzipien und Realpolitik im Widerspruch
Der kanadische Premierminister Mark Carney unterstützt den US-Angriff und löste damit in Kanada eine scharfe Debatte aus. Kritiker werfen ihm vor, aus realpolitischen Gründen Prinzipien geopfert zu haben. Der Angriff sei völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen. Schließlich hatte auch UN-Generalsekretär Guterres die Luftangriffe für völkerrechtswidrig erklärt. Zudem widerspreche Carneys Haltung seiner Davos-Rede, die "Unabhängigkeit, Konsistenz und prinzipientreuen Pragmatismus" versprochen hatte. Die Iran-Erklärung fühle sich jedoch anders an.