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Chinas Finanzsystem: Staat, Markt und Macht in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.25. Juni 2026, 10:00 Uhr
Goethe-Universität in Frankfurt am Main
Kapitalismus und Kritik. Der lange Weg vom Wachstum zum guten Leben für alle.01. Juli 2026, 10:00 Uhr
FU Berlin
WEITERE AUSGABEN
Updates zur Konjunktur
Der drohende Energiepreisschock und die geldpolitische Falle
Von Hans-Peter Roll
| 12. März 2026Die deutsche Wirtschaft durchläuft eine überaus kritische Phase. Der strukturell schwächelnden Industrie droht ein massiver exogener Angebotsschock durch die Eskalation im Nahen Osten. Politik und Notenbanken stehen vor komplexen Herausforderungen.
- Enttäuschende Industriedaten zum Jahresauftakt trüben den ifo-Geschäftsklimaindex, doch die geopolitischen Verwerfungen sind in diesen Zahlen noch nicht eingepreist.
- Die Blockade der Straße von Hormus und gezielte Angriffe auf Produktionsanlagen drosseln die globale Versorgung mit Öl, Erdgas, Düngemitteln und Helium massiv.
- IW-Köln: Über einen längeren Zeitraum steigende Energiepreise könnten deutsche Wirtschaft erneut empfindlich treffen
- Zinserhöhungen wären für Deutschland und Europa fatal
Schwacher Jahresauftakt der Industrie
Nachdem der ifo-Geschäftsklimaindex in den vergangenen Erhebungen noch leichte Zuversicht signalisierte und zeitweise spürbar anzog, folgt nun der nächste konjunkturelle Dämpfer für die deutsche Wirtschaft. Die harten makroökonomischen Indikatoren zum Jahresauftakt 2026 fallen schwach aus.
So verzeichneten die deutschen Exporte im Januar einen Rückgang um 2,3 Prozent, während die Importe sogar um 5,9 Prozent sanken. Parallel dazu meldete das Produzierende Gewerbe bereits den zweiten Monat in Folge einen Produktionsrückgang.
Besonders deutlich zeigt sich die Schwäche bei den Auftragseingängen. Diese fielen im Januar preis-, saison- und kalenderbereinigt um 11,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Damit wurde der Anstieg aus dem Dezember (+6,4 Prozent zum Vormonat) vollständig wieder aufgezehrt. Ohne die stark schwankenden Großaufträge lag der Rückgang im Januar allerdings nur bei 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat.
Für die gesamtwirtschaftliche Bewertung ist entscheidend, dass in diesen schwachen Daten zum Jahresbeginn die derzeit entstehenden Preisverwerfungen infolge der aktuellen geopolitischen Krisen noch gar nicht enthalten sind. Die deutsche Industrie befand sich bereits vor den jüngsten Turbulenzen an den Energiemärkten in einer äußerst fragilen Verfassung.
Eskalation am Golf: Engpässe bei Energie und kritischen Rohstoffen
Die konjunkturelle Großwetterlage hat sich durch den Krieg im Nahen Osten in den vergangenen Wochen zusätzlich dramatisch verschärft. Die Ereignisse am Persischen Golf bedrohen die globalen Lieferketten für Energie und industrielle Vorprodukte massiv.
Die Region stellt ein zentrales Nadelöhr des Welthandels dar: Rund ein Fünftel des weltweiten täglichen Mineralölverbrauchs sowie erhebliche Teile des globalen Flüssiggasbedarfs sind von den dortigen Transportwegen abhängig. Infolge der militärischen Auseinandersetzungen wurden die Fördermengen in mehreren Ländern drastisch reduziert. So drosselte etwa der Irak seine Ölproduktion um 60 Prozent. Auch in Kuwait und Bahrain musste die Förderung schrittweise zurückgefahren werden. Katar sah sich nach direkten Angriffen auf wichtige Industriezonen sogar gezwungen, die Produktion von Flüssiggas (LNG) vollständig einzustellen.
Die Folgen dieses Produktionsstopps reichen weit über den Energiemarkt hinaus. Auch zahlreiche nachgelagerte Produkte wie Stickstoffdünger, Polymere und Methanol gelangen derzeit nicht mehr auf den Weltmarkt. Besonders problematisch ist zudem der Ausfall von Helium, das als Nebenprodukt der Gasverflüssigung entsteht. Katar kontrolliert rund 40 Prozent des weltweit gehandelten Heliumaufkommens. Da dieser Rohstoff für die globale Halbleiterproduktion, die Kryotechnik sowie die Luft- und Raumfahrt unverzichtbar ist, drohen hier rasch Engpässe bei einer von der EU als kritisch eingestuften Ressource.
Alternative Transportrouten über Pipelines oder den langen Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung lassen sich kurzfristig kaum ausbauen und benötigen aufgrund begrenzter Kapazitäten deutlich mehr Zeit. Zwar sind wegen logistischer Pufferzeiten und strategischer Reserven – die Internationale Energieagentur verpflichtet ihre Mitgliedstaaten zur Vorhaltung von Beständen für mindestens 90 Tage – akute physische Versorgungsengpässe in Europa zunächst unwahrscheinlich.
Betrachtet man die historisch niedrigen Füllstände der Erdgasspeicher in Deutschland, scheint das milde Wetter der deutschen Gassituation aktuell erheblich in die Karten zu spielen
Dennoch treiben Nervosität und Spekulation die Preise an den internationalen Spotmärkten bereits spürbar nach oben. Während asiatische Volkswirtschaften aufgrund ihrer direkten Importabhängigkeit aus der Golfregion physisch besonders exponiert sind, treffen die global steigenden Energiekosten die deutsche Industrie mit voller Wucht – obwohl Deutschland im Jahr 2025 nur rund sechs Prozent seines Rohöls direkt aus dem Nahen Osten bezog.
Selbst bei einer sofortigen Beendigung der Kriegshandlungen würde es Wochen oder sogar Monate dauern, bis die hochkomplexen Produktionsanlagen und Lieferketten wieder vollständig normalisiert wären – vorausgesetzt, an den Anlagen bleiben keine schwerwiegenden strukturellen Schäden zurück.
Marktreaktionen, politische Eingriffe und volkswirtschaftliche Schäden
Um die massiven Verwerfungen an den Ölmärkten abzufedern und die wachsenden Versorgungssorgen zu dämpfen, hat die Internationale Energieagentur (IEA) eine historisch beispiellose Freigabe strategischer Ölreserven angekündigt. Insgesamt sollen 400 Millionen Barrel auf den Markt gebracht werden. Damit sollen die Ausfälle infolge der Sperrung der Straße von Hormus zumindest vorübergehend kompensiert werden.
Auf europäischer Ebene nehmen zugleich die politischen Diskussionen über Eingriffe in die Preisbildung zu. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen prüft staatliche Beihilfen, Subventionen oder sogar explizite Preisobergrenzen für Erdgas, um die massiven Kostensteigerungen bei der Stromerzeugung zu begrenzen.
Griechenland plant darüber hinaus eine dreimonatige Deckelung der Gewinnmargen für Treibstoffe und Supermarktprodukte. Das deutet darauf hin, dass zumindest in Athen die Erfahrungen aus der Energiekrise von 2022 und der anschließenden Übergewinn-Debatte noch präsent sind – und man daraus politische Konsequenzen gezogen hat.
Wie groß die volkswirtschaftlichen Risiken sind, zeigt eine aktuelle Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Steigt der Ölpreis infolge des Irankriegs auf 150 US-Dollar pro Barrel, würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2026 um 0,5 Prozent und 2027 um 1,3 Prozent niedriger ausfallen. Über beide Jahre hinweg entspräche dies einem wirtschaftlichen Verlust von mehr als 80 Milliarden Euro.
Selbst bei einem moderateren Anstieg auf 100 US-Dollar pro Barrel beziffert das IW die BIP-Verluste auf 0,3 Prozent im Jahr 2026 und 0,6 Prozent im Jahr 2027 – ein Schaden von rund 40 Milliarden Euro. Gleichzeitig würde die Inflation deutlich angeheizt: Bei einem Ölpreis von 150 US-Dollar pro Barrel lägen die Verbraucherpreise 2026 etwa 1,6 Prozent und 2027 rund 1,9 Prozent höher.
Diese Berechnungen müssen allerdings mit Vorsicht interpretiert werden. Einerseits dürfte sich die Lage früher oder später wieder stabilisieren; Rohstoffpreise verharren erfahrungsgemäß selten dauerhaft auf extremen Spitzenwerten. Andererseits sind die Folgen der Energiekrise von 2022 in der Industrie bis heute spürbar und haben deren strukturelle Schwäche zusätzlich verschärft. Es bleibt daher zu hoffen, dass viele Unternehmen aus dieser Phase gelernt und inzwischen stärker auf Preisabsicherungen gesetzt haben.
Unabhängig davon ist die Lage ernst. Die abrupten Preissprünge treffen die deutsche und europäische Wirtschaft in einer Phase, in der ihre konjunkturelle Verfassung ohnehin fragil ist.
Die geldpolitische Falle und makroökonomische Perspektiven
Trotz des eindeutig angebotsgetriebenen Charakters dieser Preisanstiege wiederholt sich in der wirtschaftspolitischen Debatte ein vertrautes Muster. Orthodoxe Ökonomen warnen bereits erneut vor einer steigenden Inflation und fordern von der Europäischen Zentralbank (EZB) frühzeitige Zinserhöhungen.
Dabei hätte der Energiepreisschock von 2022 eigentlich eine zentrale Lehre liefern müssen: Konventionelle Geldpolitik – also Zinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung – kann in einer solchen Situation kaum Abhilfe schaffen. Geldpolitik beseitigt keine physischen Engpässe. Sie kann wirtschaftliche Aktivität lediglich durch deutlich höhere Finanzierungskosten dämpfen. Erst mit zeitlicher Verzögerung könnte eine dadurch ausgelöste Nachfrageschwäche auch den Preisdruck mindern – allerdings um den Preis erheblicher wirtschaftlicher Schäden.
Eine solche Entwicklung wäre besonders problematisch, vor allem wenn sich die geopolitische Lage nicht rasch entspannt. Steigende Energiepreise wirken entlang nahezu aller Produktionsstufen und Dienstleistungen weiter. Die Folge ist ein sukzessiver Anstieg der Verbraucherpreise und der allgemeinen Lebenshaltungskosten.
Besonders stark trifft dies Haushalte im unteren Bereich der Einkommensverteilung. In einer Phase wirtschaftlicher Schwäche werden die Löhne mit den steigenden Lebenshaltungskosten kaum Schritt halten können. Der reale Konsum dürfte daher spürbar zurückgehen. Damit würde ausgerechnet das Binnenwachstum – lange als möglicher Ausweg aus der deutschen Wachstumsschwäche diskutiert – weiter an Bedeutung verlieren.
Unter diesen Umständen ist zu erwarten, dass Stagnation oder sogar Rezession die wirtschaftliche Entwicklung noch länger prägen werden. Die Politik steht stärker denn je in der Pflicht, die Folgen dieses exogenen Schocks durch gezielte fiskalische Maßnahmen abzufedern und die wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Schäden zu begrenzen.