Makroskop
IDENTITÄT UND INTERESSE

Die Linke zwischen irgendwo und nirgendwo

Nicole Wilcox / Unsplash

Zwischen Identität und Universalismus hat die Linke ihren Kompass verloren. Warum sie den Wunsch nach Zugehörigkeit lange unterschätzt hat – und weshalb eine neue Politik der Würde entscheidend sein könnte.

In ihrem berüchtigten Wahlkampfslogan während der italienischen Parlamentswahlen 2022 formulierte Giorgia Meloni wütend ein Bekenntnis: „Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin und das werden die mir nicht wegnehmen.“ Für viele klang das bedrohlich: die Formulierung einer exklusiven identitären Ideologie, die Geschichte zur Natur erklären und Individuen in Stämme sortieren möchte.

Die linke Empörung, wohl vor allem in den faschistischen Wurzeln der Partei begründet, die Meloni anführt, stellt sich heute als übertrieben und verkürzt dar. Bei aller berechtigten Kritik an Meloni, ihrer Partei und am Identitarismus, skizziert sie zugleich einen Gegenpol zu einer Kultur, die allzu oft das leere anything-goes des Liberalismus predigt. Sie ruft auf zur Rebellion gegen ein Leben als austauschbarer, steriler Arbeiter-Konsument. Identität ist mit Sinn, Gemeinschaft und Solidarität verbunden, und vielleicht hat die Linke dies zu schnell beiseite geschoben.

Der britische Autor David Goodhart hat es treffend formuliert: Die Linke hat kulturell das Thatcher’sche Dogma akzeptiert, dass „es so etwas wie Gesellschaft nicht gibt“. Die rechte Vorstellung von Identität ist essentialistisch, sexistisch, rassistisch teilweise und romantisierend; manchmal wirkt sie wie der lächerliche Versuch, ein retrotopisches Disneyland zu erschaffen. 

Die Linke hingegen hat mit ihrem berechtigten Fokus auf Klasse allzu oft die Bedeutung kultureller Identitäten geleugnet, als wären diese Konzepte unvereinbar. Auch um wieder die Vertretung der Arbeiter werden zu können, darf die Antwort der Linken auf den Ruf nach Identität nicht länger bloße Ablehnung sein. Wie es in der Bibel heißt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Anywheres

Identität ist kein ganz einfaches Konzept. Sie kann gegeben, verdient, gewählt, geschaffen, vorgeschrieben oder verweigert werden. Sie ist weder ganz Natur noch ganz Kultur. Sie kann lokal oder global sein. Sie markiert Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Sie ist nicht ganz rational. Sie muss aber in gewisser Weise exklusiv sein. Man kann nicht etwas sein, das zugleich auch alles andere ist. Identität kann so zu Stolz, Zugehörigkeit, Sinn, Schönheit und Macht führen.

Die Alternative der Linken zum Identitarismus war lange die Dekonstruktion. Schließlich sind wir vor allem Menschen, und alle Trennlinien zwischen Menschen sind konstruiert und könnten daher auch ganz anders oder auch gar nicht sein. Die politische und gesellschaftliche Aufgabe der Linken besteht darin zu zeigen, dass Kapitalismus und Herrschaft nicht das Ende der Geschichte sind; dass die Menschheit gleicher ist, als es die Gesellschaft erscheinen lässt; dass sozialer Fortschritt kein Privileg ist, sondern Ziel politischer Gestaltung zu sein hat; dass Ungleichheit nicht natürlich ist und Freiheit kein Privileg weniger sein darf; dass die Welt gestaltet und nicht bloß vom Himmel gefallen ist, und dass Emanzipation eine gesellschaftliche und nicht bloß individuelle Aufgabe ist.

Der Kampf für universelle Wahrheiten, Freiheiten und Rechte kollidiert jedoch mit Identitäten, die irrational, exklusiv, relativ und oft chauvinistisch sind. Die Vorstellung, dass die Welt gemacht ist und neu gemacht werden sollte, gerät in Konflikt mit jenen, die sich mit den Traditionen und Kulturen ihrer Heimat verbunden fühlen. Internationalismus kann mit Nationalismus kollidieren; Atheismus mit Religion; Gender mit Sex.

David Goodhart beschreibt in seinem Buch The Road to Somewhere die kulturelle Unterscheidung zwischen den Anywheres und den Somewheres: Menschen mit erworbenen Identitäten versus Menschen mit gegebenen Identitäten. Der Stamm der Anywheres, wie eine hippe Bar mit Techno-Musik und Whisky-Sours, die so in Hongkong, New York oder Berlin stehen könnte, braucht keine lokalen Identitätsmarker. Ihre Kennzeichen sind meritokratisch: prestigeträchtige Berufe, akademische Abschlüsse, Wohlstand oder kosmopolitische Kultur, nicht geerbt, sondern erworben und gekauft.

Die Somewheres hingegen sind stärker an Identitäten gebunden, die sie bei der Geburt erhalten haben: Ort, Religion, Tradition, Familie oder der lokale Fußballverein. Die Linke ist hier ihrem eigenen Elitismus erlegen: dem Elitismus der Anywheres, die den Somewheres erklären, sie sollten nicht stolz auf Dinge sein, die sie nicht selbst geschaffen haben. Dabei wird der tiefe kulturelle Wert von Identitäten aus Ort und Zeit übersehen, ebenso wie die Kränkung, die das meritokratische Denken für jene darstellt, die es nicht „nach oben geschafft“ haben.

Würde

Der rechte Identitätsdiskurs von J. D. Vance über Weidel bis Meloni nutzt dabei ein wachsendes Gefühl existenzieller Heimatlosigkeit und Entfremdung aus. Doch er bietet wenig mehr als den leeren Handschlag der Anerkennung.

Der Neoliberalismus schuf Strukturen, die, wie Marx es formulierte, „alles Ständische und Stehende verdampfen lassen“. Die neuen retrotopischen Konservativen mögen die Sprache des Kommunitarismus sprechen, praktizieren aber weiterhin eine Art Thatcherismus. Das Ergebnis ist sowas wie ein Disneyland: eine kommerzialisierte Version einer romantisierten Vergangenheit. Die wirtschaftliche und soziale Politik der Rechten verwandelt unsere Städte in etwas, das eher einem Flughafen oder einem US-Einkaufszentrum gleicht, Natur in Privateigentum und den Menschen in ein auf Arbeit und Konsum reduziertes Etwas.

Eine linke Antwort darauf muss materiell und substanziell sein – mehr als die leere Antithese, die Meloni und Vance anbieten. Eine Politik der Identität durch Würde: Würde durch Menschen- und Arbeitnehmerrechte, hohe Löhne, Investitionen in den öffentlichen Raum und starke Verbraucherschutzstandards; durch kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung, durch den Aufbau einer Gesellschaft, in der Individuen und Gemeinschaften nicht von Tech-Oligopolen ausgenutzt werden und nicht länger durch die Konkurrenz eines kalten Individualismus voneinander entfremdet werden.

Dabei muss die Linke zum Unterstützer all jener Institutionen werden, die nicht wie ein Unternehmen geführt werden können: die Kirchen, Kunst und Kultur, Vereine und letztlich die Natur. Institutionen der Mitgliedschaft, in denen man mehr ist als bloßer Kunde. Dritte Orte wie Wirtshäuser, Biergärten oder Eckkneipen, müssen unterstützt werden.

Gegen die Kommodifizierung von allem und jedem muss angekämpft werden, um eine Welt anzustreben, in der der Mensch mehr ist als das, was Adorno einst den Arbeiter-Konsumenten taufte. Austauschbare Städte und Dörfer voller Einkaufszentren, co-working spaces, Kaffee- und Restaurantketten sind hohl und steril. Wie es der britische Politische Theoretiker Maurice Glasman formuliert: „Die liberal-konservative Vorstellung von der Wirtschaft ist, dass Migranten essen liefern an eine Nation, die verlernt hat zu kochen“, und ihre Vorstellung von Arbeit ist „Alle machen E-Mail.“ Im Kern des neoliberalen Konservatismus steckt eine Kraft, die Kultur, Arbeit, Ort und Gemeinschaft feindlich gegenübersteht.

Wir wissen, dass die viel gescholtene Work-Life-Balance kein bloßer Hedonismus ist, sondern das Bekenntnis, dass das Leben mehr ist als Arbeit und Konsum. Wir brauchen Zeit, um Kinder großzuziehen, zu lesen, zu schreiben, zu musizieren, uns zu engagieren und das Soziale Leben zu kultivieren. Es ist die marxsche Vision einer Welt voller Schriftsteller, Kritiker und Fischer, nicht bloß Menschen, die sich auf ihren Beruf reduziert haben. Eine passende Metapher ist die Tweed-Jacke: traditionell, unangepasst, konservativ, partikular und von echten Schneidern hergestellt. Wir brauchen einen Sozialismus der Tweed-Jacke, nicht den leeren Progressivismus des Slim-Fit-Sakkos.

Somewhere

Die Linke kann natürlich nicht nationalistisch, identitär, sexistisch oder chauvinistisch werden und dabei links bleiben. Sie kann jedoch eine alternative Antwort auf die Frage der Identität formulieren. Die Alternative zum leeren Handschlag der Anerkennung und zum Identitarismus muss die Forderung nach Würde sein. Sie muss die Möglichkeiten für Unterschiedlichkeiten schaffen – zur Kreierung und Erhaltung des Besonderen. Das ist zugleich Kritik am Identitarismus und die Anerkennung, dass er die falsche Antwort auf eine richtige Frage ist.

Die Linke sollte sich für das öffnen, was oft als Kulturkonservatismus bezeichnet wird: Religion, Tradition, lokale Kultur, eine Skepsis gegenüber Popmusik und zuckerhaltigen Softdrinks. Haltungen also, die gut zu einer Tweed-Jacke passen. Der Spätkapitalismus markiert den kulturellen Sieg der Werte der Bourgeoisie über das, was von aristokratischen Werten übrig geblieben ist. Eine Trumpisierung der Eliten findet statt: Botox, protzige Villen, schnelle Autos, Slim-Fit-Anzüge und ein Platz auf der Epstein-Liste. Im Vergleich dazu wirken alte aristokratische Praktiken beinahe erfrischend – eine willkommene, wenn auch unvollständige Antithese zur leeren Ideologie des Arbeiter-Konsumenten.

In einer Zeit, in der Städte zunehmend wie gesichtslose Einkaufszentren aussehen und Restaurants wie Starbucks-Filialen, müssen wir uns der Austauschbarkeit von Identitäten und Orten stellen.

Obgleich die zunehmende Kommodifizierung und die globalen Märkte das Projekt neoliberaler Kräfte waren, hat auch die Linke ihren Anteil daran gehabt. Sie feierte die Globalisierung als großen Gleichmacher der Kulturen. Die Doppel-Bewegung kultureller und wirtschaftlicher Liberalisierung der 1980er und 1990er Jahre führte zur leeren Anomie einer individualistischen Anything-goes-Gesellschaft. Wie Peter Sloterdijk es formulierte: „Alle Wege von ’68 führen in den Supermarkt.“

Die – sowohl taktisch als auch materiell – notwendige Re-Proletarisierung der Linken muss von der Einsicht begleitet sein, dass die Arbeiterklasse oft weniger mobil, traditioneller und stärker an nicht-meritokratische Identitäten des Somewhere gebunden ist. Ein erfolgreiches linkes Projekt muss auf materieller Verbesserung beruhen – nicht allein auf identitärer Wärme. Es muss jedoch auch erkennen, wo sich die beiden Konzepte überschneiden.

Eine linke Politik von Ort und Zeit muss eine Welt problematisieren, in der Nationen und Regionen zu bloßen Standorten für internationales Kapital verkommen sind. Eine Linke, die die große Kränkung der Anywhere-Kultur gegenüber der Somewhere-Kultur versteht, muss dritte Orte schaffen, lokale Besonderheiten feiern, die Würde des Einzelnen verteidigen und falsche meritokratische Ideologien zurückweisen. Sie muss aber auch ihr Verhältnis zwischen dem Partikularen und dem Universellen neu austarieren. Denn es gibt so etwas wie eine Gesellschaft, und das ist auch gut so.