Donald – what have you done!
Die Blockade der Straße von Hormus stoppt die Lieferung von Millionen Barrel Öl, treibt die Preise in die Höhe und bedroht die europäische Energieversorgung. Ein historischer Angebotsschock, der Märkte und Verbraucher weltweit unterschiedlich hart trifft.
Der Ausfall des Großteils der Öl‑ und Gasströme aus dem Golf ist der größte singuläre Angebotsschock in der Geschichte des Ölmarkts. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen – noch nicht absehbar.
Washington hat einen Krieg angezettelt, für den es keinen klaren Plan gibt – weder militärisch noch ökonomisch. Vor den Luftschlägen wurden keine Maßnahmen vorbereitet, die einen längeren Konflikt abfedern könnten: Die koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven erfolgte erst zwei Wochen nach Kriegsbeginn, spezielle Versicherungsprogramme für Frachtschiffe wie die 20 Milliarden Dollar schwere „Maritime reinsurance facility“ wurden improvisiert, nicht vorab geplant.
Kein Ausweg nach vorn, keiner zurück: Trumps Zwickmühle
Donald Trump hatte offensichtlich ein anderes Drehbuch vor Augen: kurze, spektakuläre Schläge, rasche Erfolge, eine willige neue Führung, an der sich ein „Sieg“ inszenieren lässt – so, wie es in Venezuela mit der Entführung von Nicolás Maduro und der Installierung einer Übergangsfigur gelang. Doch im Iran gibt es kein venezolanisches Pendant, keinen „Delcy‑Rodríguez‑Moment“, der den USA erlaubt hätte, innerhalb von Tagen den Mantel des Siegers umzuhängen und weiterzuziehen.
Politisch steht Trump vor einem Dilemma. Ein abruptes Zurückweichen würde in Teheran und der Region als Kapitulation gewertet – Iran könnte den Anspruch erheben, die Golfzufahrten und damit zentrale Teile der globalen Energieversorgung zu kontrollieren.
Gleichzeitig wäre ein monatelanger, womöglich jahrelanger Ausnahmezustand mit blockierter Straße von Hormus ökonomisch nicht tragfähig: Die erforderliche Nachfragezerstörung von rund 15 Millionen Barrel pro Tag entspräche dem pandemiebedingten Einbruch im Frühjahr 2020. Zudem betrifft die strategische Bedeutung der Straße von Hormus längst nicht nur Öl, sondern eine Vielzahl global gehandelter Rohstoffe.
Hinzu kommt, dass Trump auch öffentlich keine klare Linie fährt. Zunächst warnte er vor Panik und appellierte, die Ölpreise nicht „hochzubieten“. Dann erklärte er hochschießende Preise zu einer guten Nachricht für die USA als größten Ölproduzenten. Diese rhetorische Wendung steht in deutlichem Widerspruch zu seinem jahrzehntelang gepflegten Image als Präsident niedriger Ölpreise.
Gleichzeitig hat Washington die Kontrolle über die Eskalationsdynamik nur begrenzt in der Hand. Israelische Angriffe auf sensible Ziele wie das Gasfeld South Pars oder Treibstoffdepots in Teheran erfolgten teils gegen den ausdrücklichen Wunsch der US-Regierung und haben die iranische Führung zu immer weitergehenden Gegenschlägen veranlasst. Trump ist damit nicht nur von den Reaktionen Teherans abhängig, sondern auch von der Eskalationsbereitschaft eines Verbündeten, der in mancher Hinsicht größere Risiken einzugehen bereit ist als Washington selbst.
Warum der Iran‑Krieg zum ultimativen Fiasko werden kann
Noch nie war der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus so stark eingeschränkt wie derzeit. Selbst während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er Jahren, als Hunderte Schiffe getroffen und Dutzende Tanker versenkt wurden, kam der Verkehr nicht zum Erliegen. Heute hingegen ist der physische Transit um rund 90 bis 95 Prozent eingebrochen.
Parallel dazu sind die Kosten für Kriegskaskoversicherungen von etwa 0,25 Prozent des Schiffswerts auf rund 5 Prozent gestiegen. Rein rechnerisch lohnt dieses Risiko dennoch: Auf der Innenseite des Golfs ist Rohöl teils im Überfluss vorhanden und wird faktisch zu sehr niedrigen, vereinzelt sogar negativen Preisen gehandelt. Auf der anderen Seite der Straße von Hormus hingegen – etwa vor Dubai oder Oman – werden für physische Lieferungen Preise von über 150 Dollar pro Barrel erzielt.
Dass dennoch kaum ein Schiff fährt, hat einen einfachen Grund: Wer sich in der Straße von Hormus bewegt und nicht unter dem Schutz oder zumindest der Duldung Teherans steht, wird zur Zielscheibe. Ein Tanker unter US-Schutz würde unmittelbar zur Kriegspartei – in einem Umfeld, in dem die Revolutionsgarden mit Raketen, Drohnen und Schnellbooten gezielt genau diesen Engpass unter Druck setzen.
Es geht längst nicht mehr nur um Versicherungsprämien oder Arbitrage, sondern um das reale Risiko, dass Schiffe angegriffen, Besatzungen festgesetzt oder durch einzelne Treffer schwere Umweltkatastrophen ausgelöst werden, die die Lage weiter eskalieren lassen.
Ökonomisch ist die Dimension des Schocks kaum zu überschätzen. Selbst bei maximaler Auslastung der saudischen Ost-West-Pipeline und einer teilweisen Umleitung der Ströme Richtung Rotes Meer würden erhebliche Mengen fehlen – Größenordnungen von bis zu 15 Millionen Barrel pro Tag, die den Weltmarkt nicht erreichen. In einem anhaltenden Szenario erscheinen Ölpreise von 200 Dollar pro Barrel aus Sicht vieler Analysten durchaus plausibel.
Hinzu kommen direkte Angriffe auf Produktions-, Verflüssigungs- und Raffineriekapazitäten im Golf. Einschläge auf LNG-Anlagen in Katar, Raffinerien in Kuwait und Saudi-Arabien sowie auf Gas- und Ölfelder in den Emiraten zeigen, dass sich der Fokus iranischer Angriffe vom Transit zunehmend auf die Quellen und Knotenpunkte der Förderung verlagert. Berichte, wonach bis zu 17 bis 18 Prozent der katarischen LNG-Kapazität über Jahre ausfallen könnten, verdeutlichen, wie aus einer temporären Blockade eine strukturelle Beschädigung der Angebotsseite wird.
Besonders beunruhigend ist dabei die niedrige Schwelle der eingesetzten Mittel. Iran erzielt mit vergleichsweise einfachen Raketen- und Drohnensystemen erhebliche Wirkung – bei steigender Treffsicherheit. Saudi-Arabien wehrt bereits heute an manchen Tagen Dutzende bis nahezu hundert Drohnen ab, die gezielt auf die östlichen Förderregionen zielen. Solange solche kostengünstigen Systeme so effektiv bleiben, ist das Eskalationspotenzial erheblich – bis hin zu breit angelegten Angriffen auf Terminals, Pipelines, Tanker und Infrastruktur, auch über Stellvertreter wie die Huthi im Roten Meer.
Der Energieschock bleibt zudem nicht auf Öl und Gas begrenzt. Rund ein Drittel der globalen Düngemittelproduktion und ein Großteil der Heliumversorgung stammen aus dem erweiterten Golfraum. Anhaltende Störungen würden Ernten belasten, Nahrungsmittel verteuern und Lieferketten zusätzlich unter Druck setzen. Aus einem Energieschock droht so ein umfassender Versorgungs- und Preisschock zu werden.
Wer besonders blutet – und wer vorerst nicht
Die Kosten dieses Krieges verteilen sich erneut ungleich. Entscheidend sind vor allem Einkommen, Energieabhängigkeit und politische Resilienz.
Am härtesten dürfte es den globalen Süden treffen. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern schlagen Preisspitzen an den Großhandelsmärkten nahezu unmittelbar in reale Knappheit um. Bereits 2022 wurden für Pakistan bestimmte LNG-Ladungen kurzfristig nach Europa umgeleitet, weil dort höhere Preise erzielt wurden. Aktuell verdichten sich die Hinweise, dass zahlungskräftige Abnehmer in Asien – etwa China, Japan oder Südkorea – nun ähnlich verfahren und Lieferungen zu ihren Gunsten umlenken. Wenn selbst Vertragsstrafen in Kauf genommen werden, treibt das die Preise weiter nach oben – mit der Folge, dass ärmere Länder schlicht leer ausgehen.
Auch darüber hinaus sind viele asiatische Volkswirtschaften wie Japan, Indien, Korea, Indonesien, Vietnam oder Thailand in unterschiedlichem Maß auf Energie- und Rohstoffimporte aus dem Golf angewiesen – nicht nur bei Öl und Gas, sondern auch bei Düngemitteln. Erste Berichte über Engpässe und Rationierungen häufen sich, während die physische Knappheit etwa bei Kerosin die Preise auf deutlich über 200 Dollar pro Barrel treibt.
Selbst die Golfstaaten geraten unter massiven Druck. Für die Produzenten der Region ist die Blockade eine doppelte Bedrohung: Exporterlöse brechen weg, zugleich gerät das bisherige Wohlstands- und Sicherheitsmodell ins Wanken. Auch die Rolle von Zentren wie Dubai als vermeintlich stabile Finanz- und Immobilienstandorte steht infrage. Gut ausgestattete Staaten erleben, dass sie trotz aller Vorsorge kaum handlungsfähig sind, während ihre zentralen Industrien zur Geisel geopolitischer Entwicklungen werden.
Wäre da noch Europa. Der Kontinent bleibt stark energieimportabhängig, hat die Krisen der Jahre 2022 und 2023 noch nicht vollständig verarbeitet und kämpft mit einer chronisch schwachen Konjunktur. Umso mehr trifft der neue Schock auf empfindliche Strukturen: Die finanziellen Puffer von Unternehmen und Haushalten sind geschrumpft, die gesellschaftliche Toleranz für steigende Lebenshaltungskosten ist begrenzt, und die industrielle Basis steht bereits unter hohem Druck.
Deutlich besser positioniert sind vorerst China, Russland und die USA. China hat sich über Jahre mit günstigem, sanktioniertem Öl aus Iran und Russland versorgt und so erhebliche Lagerbestände aufgebaut. Das dämpft kurzfristig die Preissensibilität, weil das Land über Monate hinweg aus Reserven schöpfen kann. Hinzu kommt, dass große Produzenten wie Saudi-Arabien ihre wichtigsten Abnehmer in einer Mangellage bevorzugt bedienen dürften.
Der größte Gewinner des Konflikts ist jedoch Russland. Die USA sehen sich faktisch gezwungen, Sanktionen gegen russisches Öl zu lockern, um den Weltmarkt zu stabilisieren. In der Folge wird russisches Öl inzwischen teils sogar mit Aufschlägen gegenüber der Sorte Brent gehandelt, etwa in Indien. Jeder zusätzliche Ausfall aus dem Golf stärkt zudem Moskaus Verhandlungsposition gegenüber Abnehmern in Europa und Asien, die auf alternative Lieferungen angewiesen sind. Jegliche vermeintliche strategische Hebelwirkung, die der Westen gegenüber Moskau hatte, ist innerhalb von zwei Wochen verdampft.
Die USA sind ebenfalls betroffen, verfügen aber über größere Handlungsspielräume. Als bedeutender Produzent und Exporteur profitieren sie zunächst von höheren Preisen, während der Binnenmarkt besser abgesichert ist als in Europa oder im globalen Süden. Dennoch steigen auch dort die Preise für Diesel, Benzin und Kerosin spürbar. Bereits jetzt werden erneut Exportbeschränkungen diskutiert, wie schon 2022. Solche Eingriffe bergen die Gefahr, aus einem reinen Preisproblem ein Versorgungsproblem zu machen – auch in Märkten, die bislang als stabil galten.
Europa: Im Zentrum der wirtschaftlichen Verwundbarkeit
Für Europa ist dieser Schock in mehrfacher Hinsicht gravierend. Nicht nur die Konjunktur ist schwach – die Energiewende befindet sich in einer heiklen Übergangsphase: Neue Kapazitäten sind erst im Aufbau, während alte Strukturen bereits zurückgefahren wurden. Die Blockade von Hormus und die Angriffe auf die Golf-Infrastruktur verschärfen diese Fragilität in dreierlei Hinsicht.
Erstens: Energiepreise und Inflation. Höhere Öl- und Produktpreise schlagen direkt auf Transport, Heizung und industrielle Prozesse durch. Regionale Benchmarks und Produktpreise – etwa Cash Dubai Rohöl bei rund 170 Dollar und asiatisches Kerosin bei über 200 Dollar – zeigen bereits, was europäischen Raffinerien und Verbrauchern bevorstehen könnte, sobald die Schockwelle den Markt vollständig erfasst hat.
Zweitens: Industrie und Standortattraktivität. Energieintensive Branchen – von Chemie bis Stahl – haben sich gerade erst mühsam auf ein neues, höheres Kostenniveau eingestellt. Ein weiterer, dauerhafter Anstieg von Öl-, Gas- und Strompreisen würde diese Grundlage erneut verschieben – zugunsten von Regionen mit stabilerer Versorgung und geringeren Risiken. Investitionsentscheidungen, die bereits aufgeschoben oder ins Ausland verlagert wurden, dürften unter dem Eindruck eines anhaltenden Schocks im Golf endgültig zuungunsten Europas ausfallen.
Drittens: die fiskalische und politische Dimension. In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Haushalte der Mitgliedstaaten durch die Pandemie, Energiekrise und höhere Verteidigungsausgaben schon jetzt äußerst strapaziert; so geboten neue Entlastungspakete für Haushalte und Unternehmen auch sind, dürften sie auf erheblichen Widerstand treffen. Gleichzeitig wächst der Druck, auf soziale Verwerfungen zu reagieren, wenn die Energie- und Lebensmittelpreise erneut deutlich anziehen. Genau in dieser Konstellation trifft der Iran-Krieg Europa an einem besonders empfindlichen Punkt.
Die Märkte: zwischen Verdrängung und Erwachen
Auffällig ist die Diskrepanz zwischen den physisch eskalierenden Knappheiten und der relativen Gelassenheit zentraler Finanzbenchmarks wie Brent und WTI. Während regionale Preise für Middle-East-Sorten und Jet Fuel in Asien bereits extreme Niveaus erreicht haben, verharren die globalen Benchmarks bislang knapp über 100 Dollar. Selbst erfahrene Händler finden kaum eine schlüssige Erklärung für diese Lücke.
Ein Teil der Ursache liegt in der Struktur der Kontrakte: Brent und WTI beziehen sich auf bestimmte Orte und Liefertermine, die räumlich und zeitlich von der akuten Knappheit im Golf und in Asien entfernt sind. Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Nach Jahren beinahe eskalierter Konflikte, die an den Märkten regelmäßig verpufften, und unter dem Eindruck verbaler Interventionen aus Washington sind viele Marktteilnehmer vorsichtig geworden, extreme Szenarien zu früh einzupreisen. Wer sich nach den ersten Angriffen langfristig positionierte und anschließend von politischen Aussagen überrascht wurde, die ein baldiges Kriegsende nahelegten, musste bereits Lehrgeld zahlen.
Die Realität lässt sich jedoch nicht dauerhaft ausblenden. Die Lücken in den Lieferketten – Hunderte Millionen Barrel, die binnen Wochen aus dem System verschwinden – schlagen sich in raschem Lagerabbau, Drosselungen bei Raffinerien und schließlich in physischen Engpässen nieder. Spätestens wenn diese Realität auch in Europa spürbar wird, dürfte die bisherige Gelassenheit an den Terminmärkten einer abrupten Neubewertung weichen – mit Folgen für Volatilität, Risikoprämien und die Bewertung von Vermögenswerten weit über den Energiesektor hinaus.
In dieser Gemengelage ist der Iran-Krieg kein regionaler Nebenschauplatz, sondern der Kern eines globalen Systemschocks. Die Straße von Hormus ist blockiert, ein politisch tragfähiger Ausweg ist nicht erkennbar, und die Schockwellen treffen auf eine Weltwirtschaft, deren Resilienz nach Jahren der Dauerkrise weitgehend erschöpft ist.