Makroskop
China-Debatte

„Zu einer innovationsbasierten Marktwirtschaft übergehen“

| 17. März 2026

Der Ökonom Rainer Land über den Unterschied von Wirtschaftswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung, über Chancen und Krisen der chinesischen Wirtschaft – und was Deutschland davon lernen könnte.

Wie können wir die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Volksrepublik China einschätzen? Was können wir daraus lernen? Dieser Frage widmet sich die Konferenz "China und wir" von Attac vom 20. bis 22. März in Köln. Rainer Land spricht dort über Chinas Ökonomie. Ein Interview.

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Herr Land, Sie sind eingeladen zur Attac-Konferenz „China und wir. Perspektiven für Frieden, Menschenrechte und sozial-ökologischen Wandel“, die in Köln vom 20. bis 22. März stattfindet. Was bewegt Sie zur Teilnahme?

Es gibt unterschiedliche und teilweise konträre Einschätzungen über die Rolle Chinas und unterschiedliche Bewertungen der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese sind zumindest teilweise auf verschiedene ideologische und methodische Prämissen zurückzuführen. Ich möchte diese Unterschiede besser verstehen und prüfen, wie wir uns faktenbasiert annähern können.

In Ihrer Forschung unterscheiden Sie zwischen Wirtschaftswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung…

Diese Unterscheidung ist meines Erachtens fundamental – auch für den Westen, um zu verstehen, wie die Dynamik moderner Wirtschaften funktioniert. Im Unterschied zum Mainstream ist Entwicklung – gegründet auf Innovationen, neue Produkte, neue Verfahren und neue sozialökonomische Strukturen – der grundlegende Vorgang; Wachstum ist die sekundäre Erscheinung. 

"Entwicklung ist auch ohne Wachstum und bei stabilem oder sinkendem Verbrauch von natürlichen Ressourcen möglich."

Entwicklung ist auch ohne Wachstum und bei stabilem oder sinkendem Verbrauch von natürlichen Ressourcen möglich. Die Fixierung des Mainstreams und der öffentlichen Medien auf Wachstum ist ein Fehlurteil. Von Entwicklungen hängt ab, in welche Richtung sich Produktivkräfte und soziale Strukturen verändern.

Welche Bedeutung spielt diese Unterscheidung für die Analyse der chinesischen Ökonomie?

Für China ist das relevant, weil in der ersten Phase nach Beginn der Reform und Öffnung – von 1980 bis etwa 2006 – Wachstum durch Kopieren westlicher Technologie und westlicher Wachstumsstrategien die dominante Orientierung war: Werkstatt der Welt. Die Grundlage war eine sogenannte nachholende Modernisierung – die Kommunistische Partei bezweckte, den westlichen Vorsprung einzuholen.

Seit 2015 mit dem Programm Made in China 2025 stellt sich die chinesische Volkswirtschaft auf innovationsbasierte Wirtschaftsentwicklung um – und will in einigen Bereichen Innovationen über das Niveau der USA und des Westens vorantreiben. Wachstum und Exportüberschüsse gehen seitdem zurück, stattdessen tritt die strukturelle Modernisierung in den Vordergrund: Ausbau von erneuerbaren Energien, Digitalisierung, E-Mobilität, KI und so weiter.

So gewinnt wirtschaftliche Entwicklung im Sinne Schumpeters an Bedeutung. Wachstum entsteht dann nicht mehr und nicht hauptsächlich durch zusätzliche Ressourcen – etwa Arbeitskräfte, Kapital, Energie und Rohstoffe – sondern durch qualitativ neue Produkte und Verfahren.

Die Konferenz stellt die Frage, ob Chinas „Sozialistische Marktwirtschaft“ nun kapitalistisch oder sozialistisch ist. Was ist Ihr Standpunkt dazu und wie würden Sie ihn begründen?

Die Antwort hängt davon ab, was man unter Sozialismus versteht.

Was verstehen Sie darunter?

In meiner Definition ist Sozialismus ein Wirtschaftssystem, bei dem die Bevölkerung insgesamt von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. In diesem Sinne bilden die freie und universelle Entwicklung aller Individuen und die Entwicklung des Gesellschaftskörpers, der Produktivkräfte, der Infrastruktur und der Kultur eine nichtantagonistische und im besten Fall eine harmonische Einheit.

Soziale oder ökologische Ziele müssen in einem demokratischen gesellschaftlichen Entscheidungsprozess festgelegt und laufend überarbeitet werden. So unterscheidet sich eine sozialistische von einer kapitalistischen Entwicklung. Erhaltung des Kapitals und Vermehrung von Ressourcen sind nicht der eigentliche Zweck des Wirtschaftens, aber unverzichtbare Bedingungen.

Also funktioniert Wirtschaft nicht ohne Kapital?

Ohne das Prinzip der Kapitalverwertung lässt sich eine moderne, komplexe Wirtschaft mit ihren eigenständigen staatlichen und privaten Firmen kaum steuern. Es ist der unverzichtbare Taktgeber für die gesamte Erneuerung des Systems.

"Ohne das Prinzip der Kapitalverwertung lässt sich eine moderne, komplexe Wirtschaft mit ihren eigenständigen staatlichen und privaten Firmen kaum steuern."

In der Praxis funktioniert das wie ein harter Filter: Eine neue Idee oder Erfindung schafft den Durchbruch nur dann, wenn sie am Ende Gewinne verspricht. Ob eine Innovation wirklich umgesetzt wird, entscheidet sich also an der Frage, ob sie das investierte Kapital vermehrt – selbst wenn hinter dem Projekt eigentlich ganz andere, etwa soziale oder ökologische Ziele stehen.

Wirtschaftet so nicht auch China?

Ja. Auch die chinesische Ökonomie ist eine Wirtschaft, die nach den Regeln der Kapitalverwertung funktioniert. Meiner Ansicht nach ist das Verfahren der Kapitalverwertung universell und unverzichtbar für die Regulierung der Reproduktion komplexer moderner Wirtschaftssysteme mit autonomen staatlichen und privaten Unternehmen.

Kapitalverwertung bedeutet: Neue Ideen und Erfindungen setzen sich in der Wirtschaft nur dann durch, wenn sie auch Gewinn versprechen und zudem den gesetzten sozialen und ökologischen Zielen entsprechen. Gewinn ist ein notwendiges, aber niemals das einzige und bestimmende Kriterium.

Dann ist China auch kapitalistisch?

Nein. China wäre nur kapitalistisch, wenn zugleich auch die private Aneignung des Mehrwerts diesen Prozess dominiert. Da China streng regulierte Finanzmärkte in einer gelenkten Marktwirtschaft hat, ist die private Aneignung des Mehrwerts durch Rent-Seeking und Spekulation eingeschränkt, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen.

Obwohl in China eine große Einkommensungleichheit herrscht – vor allem zwischen Stadt und Land –steht die private Profitmaximierung nicht im Vordergrund. Stattdessen dient der erwirtschaftete Mehrwert primär sozialen Zielen wie der Armutsreduktion, moderner Infrastruktur und Bildung. Da die Verbesserung der allgemeinen Lebenslage seit den 1980er Jahren oberste Priorität hat, wird die wirtschaftliche Entwicklung gezielt und innovationsgetrieben zum Wohle der Gesellschaft gelenkt.

"Obwohl in China eine große Einkommensungleichheit herrscht – vor allem zwischen Stadt und Land – steht die private Profitmaximierung nicht im Vordergrund."

Daher denke ich, dass sich die chinesische Volkswirtschaft auf einem sozialistischen Entwicklungspfad befindet. Diese Richtung ist noch nicht stabilisiert und es sind noch einige Risiken und Probleme zu überwinden. Dazu gehört auch die Entwicklung demokratischer Mitbestimmung über die wirtschaftliche Entwicklung in Betrieben, Kommunen, Dörfern und Städten.

Dann ist China derzeit ein Hybrid.

Wenn man dem Modell einen Namen geben möchte, dann vielleicht am besten gelenkte sozialistische Kapitalverwertungswirtschaft. Kapitalverwertung ist das Regulationsverfahren, das wirtschaftliche Entwicklung generiert und lenkt, und zwar ohne Dominanz privater Aneignung von Mehrwert und damit ohne Ausbeutung im Sinne von Marx.

Allerdings sind realwirtschaftliche Innovationsgewinne von staatlichen und privaten Unternehmen in meinen Augen gerechtfertigte Elemente einer innovationsbasierten Entwicklung auch im Sozialismus – im Unterschied zu Rent-Seeking, Spekulationsgewinnen und Ausbeutung durch Löhne unterhalb der goldenen Lohnregel: Reallöhne sollen so steigen wie die volkswirtschaftliche Produktivität.

Die chinesische Wirtschaft steht vor multiplen Krisen, unter anderem Überkapazitäten in der Schwerindustrie und der Immobilienkrise. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie im Management dieser Krisen zwischen China und der westlichen Welt?

Ich hoffe und glaube, dass China es schafft, diese Krisen zu überwinden. Das wird aber ein paar Jahre dauern. Chinas Regierung hat den Wildwuchs von Bauprojekten, die die Regionen als Einnahmequelle ihrer Haushalte vorangetrieben haben, zu lange anwachsen lassen, die Immobilienkrise hingenommen und zu spät regulierend eingegriffen.

Vieles wird davon abhängen, dass die Einkommensstruktur überarbeitet, die ländlichen Löhne und Renten und die unteren Einkommen in den Städten angehoben werden und das Steuersystem modernisiert wird. Private und spekulative Investitionen in Bauprojekte müssen beschränkt und der qualitativ hochwertige Konsum muss angehoben werden. Die Dynamik der Investitionen in den Unternehmen ist leider rückläufig, sie muss wieder steigen.

Die deutsche Wirtschaft steht ebenfalls vor multiplen Krisen. Wo, würden Sie sagen, kann Deutschland von China lernen – und wo stieße eine Übertragung des chinesischen Modells in Deutschland an Grenzen?

Deutschland sollte zu einer innovationsbasierten gelenkten Marktwirtschaft übergehen. Dabei könnte man vieles von China lernen. Aber man sollte nicht versuchen, das chinesische Wirtschaftssystem zu kopieren. Es passt nicht zu der europäischen Sozialstruktur. Im Detail habe ich dies in meinem MAKROSKOP-Beitrag Sechs Thesen zur Wettbewerbsfähigkeit dargestellt.

"Sparen ist keine Lösung."

Der Finanzmarktkapitalismus muss überwunden werden. Innovationbasierte positive Effekte der grünen Entwicklung sollten zu Grundlage, der Rückstand der Löhne zur Produktivitätsentwicklung sollte aufgeholt werden. Er beträgt seit 1990 immerhin circa 25 Prozent. Sozialausgaben dürfen nicht gekürzt werden. Kürzungen verringern die Nachfrage reduzieren wirtschaftliche Dynamik. Sparen ist keine Lösung.

Man muss hingegen in die richtigen Dinge investieren: grüne Innovationen, Humankapital, Gemeingüter. Der Einkommenszuwachs der Milliardäre sollte zu höheren Steuern und Sozialbeträgen (zum Beispiel Milliardärs-Steuer oder Zucman-Steuer) herangezogen werden Handelsbilanzüberschüsse und Rüstungsausgaben sind keine geeigneten Mittel zur Überwindung der Krise.

Rainer Land (Dr. rer. oec.) arbeitete in der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin, am soziologischen Forschungsinstitut Göttingen, am Thünen-Institut für Regionalentwicklung e.V. und wirkte an der Gründung des Netzwerkes Ostdeutschlandforschung mit. Sein Buch Chinas gelenkte Marktwirtschaft erschien 2025 im Promedia-Verlag.