Oberst a.D. Wolfgang Richter: „Deutschland wäre das hauptbetroffene Zielgebiet“
Der Militärexperte Wolfgang Richter über das Strategische Gleichgewicht, Mittelstreckenraketen und die neue Oreschnik.
Wolfgang Richter, Oberst a.D., war viele Jahre lang in verschiedenen, verantwortlichen Funktionen in der Rüstungskontrolle tätig. Zudem war er mit der Entwicklung einer europäischen und globalen Friedensordnung befasst. Er ist Mitautor des im Juni 2024 erschienenen und von Götz Neuneck herausgegebenen Buchs Europa und der Ukrainekrieg. Ulrike Simon gab er die Gelegenheit, mit ihm über den Krieg in der Ukraine zu sprechen. Wir veröffentlichen das folgende Interview in drei Teilen.
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Ab 2026 sollen in Deutschland neue Mittelstreckenraketen stationiert werden. Dagegen sind am 29 März in Wiesbaden Proteste geplant. Wäre das strategische Gleichgewicht mit Russland nach Ihrer Lesart nicht auch ohne diese Raketen gewährleistet?
Ich würde es etwas anders formulieren. Man muss hier unterscheiden zwischen der Sicherheitslage in Europa und dem strategischen nuklearen Gleichgewicht zwischen den USA und Russland. Letzteres ist durch den New Start Vertrag geregelt. Darin wird die Begrenzung von drei großen Kategorien festgelegt, der sogenannten Triade von Interkontinental-Waffen. Das sind landgestützte Interkontinentalraketen, see-, also u-bootgestützte Raketen mit großer Reichweite und schwere Bomber mit strategischer Reichweite. Letztere verfügen entweder über Freifallbomben oder Marschflugkörper, die aus der Luft gestartet werden. Dieses Gleichgewicht, beruht auf dem Grundsatz, dass man selbst nach dem Erstschlag des Gegners mit solchen strategischen Waffen noch genügend überlebensfähige Waffen hätte, um über einen Zweitschlag den Angreifer ebenfalls vernichten zu können. Die Philosophie dahinter ist das Konzept der gegenseitigen zugesicherten Zerstörung – Mutual Assured Destruction (MAD).
Dieses System kann man natürlich aushebeln. Man kann den Erstschlag durch Waffen verstärken, die nicht vertraglich geregelt sind, zum Beispiel durch regional vorgeschobene Raketensysteme. Das war etwa in Kuba der Fall, wo sowjetische Mittelstrecken- oder sogar Kurzstreckenraketen so nah an der Küste stationiert wurden, dass sie das US-amerikanische Festland erreichen konnten.
Allerdings gibt es eine geopolitische Asymmetrie zwischen Russland und den USA; denn das mit den USA verbündete Europa besteht aus vielen Staaten, die dicht beieinander liegen, mit kurzen Entfernungen nach Russland. Zu einer vergleichbaren Bedrohung der USA bräuchte Russland eine Insel wie Kuba oder einen Staat in Südamerika, der als vorgeschobene Basis in Frage käme. Wenn man also einen potenziellen Erstschlag zu verstärken sucht, und gleichzeitig den verbleibenden Gegenschlag durch eine verbesserte Raketenabwehr schwächt, dann ergibt sich eine Destabilisierung dieses Systems. Die Angst vor einer solchen Entwicklung treibt seit langer Zeit die Risikoperzeptionen in Russland. Deswegen war Moskau immer gegen die Errichtung einer strategischen Raketenabwehr, die über den im ABM-Vertrag von 1972 vereinbarten Begrenzungsrahmen hinausgeht, und gleichzeitig auch gegen regional vorgeschobene Mittelstreckenraketen, die für Russland einen „Kuba-Effekt“ auslösen würden.
Also ist es das Ziel der NATO, mit der Mittelstreckenstationierung in Deutschland das Gleichgewicht des Schreckens auszuhebeln?
Genau darum geht es. Dadurch würde die strategische Stabilität geschwächt; die Reichweite von Hyperschallraketen des Typs Dark Eagle liegt bei etwa 3000 Kilometern. Das heißt, sie können in 15 Minuten den Ural oder in 10 Minuten Moskau erreichen und bedrohen somit aus russischer Sicht strategische Ziele in den westlichen Teilen Russlands mit ihren wichtigsten militärischen Einrichtungen und Bevölkerungs- und Industriezentren. Schon seit der Kündigung des ABM-Vertrags durch George W. Bush im Jahr 2001 bestehen Spannungen bei den bilateralen strategischen Stabilitätsgesprächen zwischen den USA und Russland. Zwar wurden sie sie durch den New Start Vertrag von 2011 abgemildert, aber der wird im Februar des kommenden Jahres ablaufen.
Genau in dieser Phase soll nun ein Raketensystem in Deutschland stationiert werden, das weiter an der strategischen Stabilitätsschraube zum Nachteil Russlands dreht. Dann besteht natürlich die Gefahr, dass Russland im Falle einer Krise – wenn es einen militärischen Konflikt als unvermeidbar ansieht – versuchen wird, als erstes diese Raketen in einem Präemptiv-Schlag auszuschalten. Da diese Raketen in keinem anderen NATO-Land aufgestellt werden sollen, wäre Deutschland also das hauptbetroffene Zielgebiet.
Mit anderen Worten: bei der Installation der Mittelstreckenraketen in Deutschland geht es eigentlich nicht um die Sicherheit Europas, sondern um das Gleichgewicht zwischen den USA und Russland; dass aber Deutschland im Konfliktfall zwischen den Großmächten den Schaden zu tragen hätte?
So ist es, auch wenn die politische und operative Absicht in Deutschland eine andere sein mag. Das strategische Gleichgewicht zwischen den USA und Russland ist mit der europäischen Sicherheitsordnung eng verwoben. Dieser Zusammenhang ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Russland verhindern möchte, dass die NATO zu nahe an seine Grenzen vorrückt. Denn die Allianz wird von der Nuklearmacht USA geführt. Sie hält nicht nur das bilaterale strategische Gleichgewicht mit Russland aufrecht, sondern gewährleistet mit ihren Nuklearwaffen auch die erweiterte Abschreckung für Europa.
„Aus Moskauer Sicht wird durch die Ausdehnung der NATO nach Osten das vereinbarte strategische Gleichgewicht potenziell immer weiter unterminiert.“
Aus Moskauer Sicht wird durch die Ausdehnung der NATO nach Osten das vereinbarte strategische Gleichgewicht potenziell immer weiter unterminiert. Freilich handelt es sich derzeit um Risikoperzeptionen; aber Perzeptionen muss man ernst nehmen, denn sie sind der Gegenstand, um den es eigentlich bei Rüstungskontrollverhandlungen geht.
Und was wäre die amerikanische Sicht?
Die USA haben ein anderes Problem. Sie blicken auf das ökonomisch erstarkte China, das gleichzeitig auch militärisch und als Nuklearmacht immer stärker wird. Derzeit hat das Land zwar mit rund 500 Nuklearsprengkörpern nicht mehr als Frankreich und Großbritannien zusammen. Aber die Amerikaner erwarten, dass diese Zahl in den nächsten Jahren auf weit über 1000 steigen wird. Damit wird China zu einem Peer Competitor, also einem strategischen Gegner auf Augenhöhe. Zumindest hätten die Chinesen die ökonomischen und technologischen Voraussetzungen, um diesen Status erreichen; ob sie das tatsächlich wollen, wissen wir nicht. Die Amerikaner nehmen das aber an und wollen sich schon jetzt auf diese Möglichkeit vorbereiten, bevor es tatsächlich so weit ist. Daher wollen sie ein „strategisches Gleichgewicht zu dritt“ einrichten. Das ist schon konzeptionell nicht ganz einfach, denn man muss dazu ja bestimmen, wer auf welcher Seite steht. Im denkbar besten Fall möchte nun die Trump-Administration die Russen von den Chinesen entfremden. Trotzdem zielen die USA darauf ab, gleichzeitig Russland und China abschrecken zu können. Daher halten sie eine Erhöhung ihrer aktiven Nuklearwaffenbestände für notwendig, wenn nicht eine neue, dann aber asymmetrische Vereinbarung über Atomwaffen getroffen werden kann.
Das sieht Russland seinerseits als Risiko und gibt zu bedenken, dass in diesem Fall ja auch die Briten und Franzosen als Nuklearmächte der NATO mit in diese Gespräche einbezogen werden müssten, sodass das Gesamtgleichgewicht aus russischer Sicht nicht gefährdet wird. Das alles ist also eine sehr schwierige Gemengelage.
Nun wurden in Riad die strategischen Stabilitätsgespräche wieder eröffnet; zumindest wurde die Absicht bekannt gegeben.
Wir werden sehen, wo das hinläuft. Trump scheint sogar davon auszugehen, dass man insgesamt die Bestände der Russen und Amerikaner senken könne, möglicherweise asymmetrisch, sodass das chinesische Potenzial irgendwie mit abgeschreckt wird. Wenn man in einer solchen kniffligen Lage dann auch noch vorgeschobene Systeme mit strategischer Reichweite in Deutschland stationiert, unterminiert man ja im Grunde genommen diesen Versuch, wieder zu einem neuen Gleichgewicht, zu einer stabilen Ordnung zu kommen. Deswegen habe ich mich gegen die Stationierungsabsicht gewandt.
Wie aber sieht es mit der Sicherheit in Europa selbst aus? Schützen die amerikanischen Mittelstreckenraketen in Wiesbaden uns vor russischen Angriffen?
Leider werden in Deutschland bisher operative Vorteile mit den strategischen Folgen verwechselt. Wenn es um russische Waffen kürzerer Reichweite geht, wie die Iskander oder die Kalibr etc., dann haben wir in der NATO ausreichende Mittel, um sie unter Kontrolle zu halten. Unsere Luftwaffen sind denen der Russen überlegen. Wir haben eine große Zahl an luft- und seegestützten Marschflugkörpern, die Briten haben Tomahawk, die Holländer schaffen sich welche an, die Franzosen haben ein ähnliches System und viele Staaten, also Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, aber auch Polen und Finnland haben mittlerweile Marschflugkörper mit hohen Reichweiten, die man aus Kampfflugzeugen abfeuern kann. Sie können etwa jeden Winkel der russischen Exklave Kaliningrad abdecken, einschließlich der dort stationierten 12 Iskander-Systeme. Insofern sehe ich hier keine echte Fähigkeitslücke. Aber die Stationierung bodengestützter Mittelstreckenraketen in Deutschland würde das strategische Gleichgewicht negativ beeinflussen.
Hat sich durch die Oreschnik daran etwas geändert?
Die neue Oreschnik ist in der Tat eine landgestützte ballistische Mittelstreckenrakete, die es so in Russland seit der Implementierung des INF-Vertrags nicht gab. Sie wurde im November 2024 gegen die Stadt Dnipro mit einem MIRV-System von sechs Gefechtsköpfen eingesetzt, die unabhängig voneinander steuerbar ins Ziel gelenkt werden konnten. Offenbar führten sie keine größeren Sprengsätze mit; aber die Fähigkeit dahinter wurde deutlich. Die USA erklärten, die Oreschnik sei eine Experimentalwaffe, die es erst in einer geringen Stückzahl gäbe. Putin drohte dagegen, er könne auch die Serienproduktion anordnen, wenn der Westen mit der Lieferung von Langstreckenraketen an die Ukraine eskalieren sollte. Wir haben jetzt also tatsächlich ein Mittelstreckensystem auf der russischen Seite, dass man im Blick behalten muss.
Wenn sich eine mögliche militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA hauptsächlich auf europäischem Gebiet abspielen würde, wäre es ja mehr als sinnvoll, dass die Europäer jetzt nicht nur auf Aufrüstung, sondern auf Verhandlungen und Deeskalation setzen.
Eine Lösung könnte darin bestehen, gegenseitig auf die Stationierung solcher Waffen zu verzichten. Das wäre ein Moratorium mit einer technischen Überwachung und möglicherweise auch mit Inspektionen vor Ort. Man könnte im Gegenzug Russland anbieten, seinerseits die amerikanischen Aegis ashore-Stellungen zu verifizieren. Das sind Raketenabwehrstellungen in Polen und Rumänien, von denen die Russen befürchten, sie seien strategischer Natur und in der Lage, auch russische Mittelstrecken- oder Interkontinentalraketen abzuschießen. Noch größer wiegt die Befürchtung, man könnte das dort verwendete Startsystem Mk 41 auch für den Start bodengestürzter Marschflugkörper nutzen, die Russland angreifen könnten. Denn es ist weitgehend baugleich mit dem System, das auf Schiffen für die Tomahawk Marschflugkörper verwendet wird. Vor diesem Hintergrund bietet es sich doch an, auf Gegenseitigkeit entweder ganz auf diese Waffen zu verzichten oder verifizieren zu lassen, dass diese Launcher in Rumänien und Polen nicht für den Start von Mittelstreckenraketen geeignet sind und dass sich keine derartigen Raketen vor Ort befinden.
„Seit 1967 – da hatte man noch frisch die Erfahrung von Kuba im Kopf – hat die NATO mit dem Harmel-Bericht formell anerkannt, dass Abschreckung alleine instabil ist.“
Das wäre eine Lösung, die ich für vernünftig und auch machbar halte. Verifikation wäre nichts Neues, das haben wir auch in der Vergangenheit gemacht. Seit 1967 – da hatte man noch frisch die Erfahrung von Kuba im Kopf – hat die NATO mit dem Harmel-Bericht formell anerkannt, dass Abschreckung alleine instabil ist, und dass der Dialog, die Entspannung und am Ende auch die Rüstungskontrolle unverzichtbar sind, um Eskalationsgefahren unter Kontrolle zu halten. Das ist notwendig, um die Risiken der Abschreckung abzufedern, da das zugrunde liegende Worst Case-Denken zu einem ungebremsten Rüstungswettlauf, militärischen Fehleinschätzungen und Überreaktionen und schließlich zur Eskalation führen kann. Diese Erkenntnis brauchen wir heute wieder. Auch wenn die Verteidigungsfähigkeit unverzichtbar ist, müssen wir doch zugleich Verhandlungswege suchen, um unsere Sicherheit erneut auch auf einen kooperativen Pfeiler zu stellen, damit Abschreckung nicht aus dem Ruder läuft.
Das ist leider in Europa fast vollständig in Vergessenheit geraten.
Na ja, die USA waren ja unter George W. Bush heftig daran beteiligt, die Rüstungskontrolle zu zerstören, und Trump hat das dann in seiner ersten Amtszeit als Präsident vollendet. So haben wir alle kooperativen Sicherheitsvereinbarungen verloren, die wir vorher als „Eckpfeiler der europäischen Sicherheit“ bezeichnet haben, wie etwa den KSE-Vertrag.
Nun scheint Trump aber mittlerweile eine Wende zu vollziehen, die alle überrascht hat. Er möchte den Ukraine-Krieg beenden. Er möchte auch die Verhandlungen über strategische Stabilität wieder aufnehmen, und möglicherweise schwebt ihm ein Nachfolgeabkommen oder ein neues Arrangement vor, wenn der New Start Vertrag im Februar 2026 ausgelaufen ist. Offenbar will Trump einen neuen größeren Rüstungswettlauf vermeiden, der Riesensummen verschlingen würde. Er hat andere Pläne mit dem Geld, und vielleicht schwebt ihm sogar vor, als Friedenspräsident in die Geschichte einzugehen. Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist, dass Trump auch sehr schnell seine Meinung ändern kann, und dass alles auch in eine ganz andere Richtung laufen kann. Was Vorhersagen angeht, wäre ich im Moment sehr vorsichtig.