Theorie

Deutschland – der gescholtene Musterschüler?

| 12. Juni 2016

Im Ausland steht Deutschland aufgrund seiner immensen Außenhandelsüberschüsse am Pranger. Im Inland gilt die deutsche Haushaltspolitik dagegen als leuchtendes Beispiel für andere Länder. Ein Blick auf die saldenmechanischen Zusammenhänge ist aufschlussreich.

Unterschiedliche Bewertungen

Die Diskrepanz zwischen der externen und der internen Sicht könnte kaum größer sein: Während Deutschland international seit Jahren wegen seiner anhaltend hohen (und seit 2014 nochmals deutlich gestiegenen) Leistungsbilanzüberschüsse teilweise heftig kritisiert wird – so beispielsweise vom Internationalen Währungsfonds (hier), der EU-Kommission (hier), aber auch von verschiedener Seite in den europäischen Partnerländern (hier) oder in den USA (hier und hier) –, rühmen hierzulande große Teile von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien den ausgeglichenen Staatshaushalt resp. Haushaltsüberschuss. Sie sehen Deutschland damit in einer Vorbildrolle für die anderen Länder (z.B. hier, hier, hier oder jüngst wieder hier).

Die internationale Kritik an Deutschland wird bei uns entweder schlicht ignoriert, oder aber mit leichter Hand als unbegründet zurückgewiesen (siehe z.B. hier oder hier). Zwei Punkte fallen an der Diskussion in Deutschland besonders auf: Erstens wird kaum oder gar nicht begründet, warum ein ausgeglichener Staatshaushalt ein offenbar von allen Ländern anzustrebendes Ziel ist, warum also alle anderen Länder dem Beispiel Deutschlands folgen sollten. Zu vermuten ist, dass dahinter die simple Vorstellung steckt, dass Verschulden prinzipiell schlecht ist und dies gleichermaßen für einen privaten Haushalt wie für den Staat gilt. Zweitens wird nur selten eine Verbindung zwischen der Leistungsbilanzposition und dem staatlichen Budgetsaldo eines Landes hergestellt. Beides scheint völlig unabhängig voneinander zu sein: Wenn der Staat nur die notwendige Spardisziplin aufbringt – so anscheinend die Idee –, kann er überall und jederzeit jedes gewünschte Budgetergebnis einschließlich einer „schwarzen Null“ erreichen.

[...]

Nichts schreibt sich von allein!

Nur für Abonnenten

MAKROSKOP analysiert wirtschaftspolitische Themen aus einer postkeynesianischen Perspektive und ist damit in Deutschland einzigartig. MAKROSKOP steht für das große Ganze. Wir haben einen Blick auf Geld, Wirtschaft und Politik, den Sie so woanders nicht finden.

Dabei leben wir von unseren Autoren, ihren Recherchen, ihrem Wissen und ihrem Enthusiasmus. Gemeinsam scheren wir aus den schmaler werdenden Leitplanken des Denkens aus.

Wir verlassen die journalistische Filterblase, in der sich viele eingerichtet haben. Wir öffnen Fenster und bringen frische Luft in die engen und verstaubten Debattenräume.

Brauchen Sie auch frische Luft? Dann folgen Sie einfach dem Button.

ABONNIEREN SIE MAKROSKOP
Schon Abonnent? Dann hier einloggen!