Das Ende der transatlantischen Gewissheiten
Liebe Leserinnen und Leser,
kaum eine internationale Beziehung hat das westliche Nachkriegsdeutschland so geprägt wie die deutsch-amerikanische. Als wohl am wenigsten kriegsgeschädigte Siegermacht trieb Uncle Sam den Wiederaufbau der BRD maßgeblich voran – auch mit viel Eigennutz, ging es doch wesentlich um die Eindämmung der Gefahr durch die Sowjetunion.
Nicht zuletzt mit dem Marshallplan – ein umfassendes Dollar-Kredit-Programm zwischen 1948 und 1952 – stießen die Nordamerikaner die Nachkriegsprosperität in Deutschland und Westeuropa an und sicherten sich sogleich Importe aus den Programmländern. Mit der Gründung der NATO 1949 garantierten sie auch die militärische Gefolgschaft der Westeuropäer.
Es entwickelte sich eine langfristige Partnerschaft über den Atlantik hinweg. Das Prinzip: Soft Power. Gelegentliche Meinungsverschiedenheiten täuschten nicht darüber hinweg, dass die USA und Europa grundsätzlich an einem Strang zogen: Freihandel und der Glaube an die liberale Demokratie einten die Transatlantiker wohl am meisten.
Mit Donald Trump jedoch ist nichts mehr wie zuvor. Autoren dieser Ausgabe wie Eric Bonse oder Thomas Fazi zeigen, dass der US-Präsident wenig an historischer Gefühlsduselei liegt. Die partnerschaftliche Kultur weicht einem unverblümten Imperialismus, der auch nicht vor NATO-Partnerländern zurückschreckt. Der Grönland-Eklat war ein Fanal, der auch die letzten Illusionen hinweggefegt hat.
Wie lange sind die Europäer noch bereit, sich unterzuordnen? Die Androhung von Gegenzöllen deutet darauf hin, dass Brüssel auch anders kann – oder zumindest können will. Mit Nachwirkung? Zumindest ist Trump jüngst davon abgewichen, Grönland samt "Recht, Besitztitel und Eigentum" für sich zu beanspruchen.
Trumps zweite Amtszeit dauert nun ziemlich genau ein Jahr. Spätestens in drei Jahren muss er abdanken – eine dritte Amtszeit ist verfassungsrechtlich unzulässig. Geht es in der gleichen Intensität wie bisher weiter, bleibt wohl nur noch ein transatlantisches Trümmerfeld. Doch ob das geopolitische Rad in einer Post-Trump-Ära vollends zurückgedreht wird, bleibt ungewiss.