Unwort des Jahres „Sondervermögen“: Gestärkt wird das Narrativ vom schlanken Staat
Das Unwort des Jahres 2025 heißt „Sondervermögen“. Das Problem: Die Jury transportiert mit der Auswahl eine fiskalkonservative Erzählung über Staat und Geld.
Von der fünfköpfigen Jury der “Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres” wurden in den vergangenen Jahren vor allem rechte Kampfbegriffe wie biodeutsch (2024), Remigration (2023), Corona-Diktatur (2020) oder Gutmensch (2015) als Unwort gewählt.
Ihre neueste Wahl begründete die Jury damit, dass der Begriff “Sondervermögen” verschleiere, was mit ihm eigentlich gemeint sei – nämlich die Aufnahme von Schulden. Dadurch habe das Wort Sondervermögen in der politischen Kommunikation eine „irreführende euphemistische Bedeutung“. Dieser Tenor ist in unseren Leitmedien nicht neu, so schrieb etwa die Tagesschau in ihrem FAQ zu Sondervermögen: „auch wenn der Name es zunächst nicht vermuten lässt – es geht um Geld, das der Staat selbst nicht hat.“
Berechtigt ist Kritik an der Kommunikation von Politikern wie Bundeskanzler Friedrich Merz, wenn sie vor der Wahl vor zu hohen Staatsschulden warnen und nach der Wahl von dringend benötigten Sondervermögen sprechen, als hätte beides wenig miteinander zu tun. Diese Inkonsequenz ist politisch angreifbar. Problematisch ist jedoch weniger der Begriff “Sondervermögen” als vielmehr die Umdeutung zu “Sonderschulden”, die staatliche Ausgaben grundsätzlich in ein negatives Licht rückt.
Entsprechend hieß es mitunter aus AfD, BSW und auch aus Merz’ eigener Partei, der CDU, Sondervermögen seien nichts anderes als Sonderschulden – eine Begriffswahl, die später von zahlreichen Medien übernommen wurde.
Empirische Einordnung: Wer den Begriff „Sonderschulden“ verwendet
Eine Auswertung parlamentarischer Debatten zwischen 2021 und Anfang 2026 zeigt, wie der Begriff “Sonderschulden” im Deutschen Bundestag verwendet wird[1]. Insgesamt tauchte er in diesem Zeitraum 118-mal auf. Die Verteilung der Verwendung des Begriffes ist in Abbildung 1 zu sehen:
Auffällig ist, dass die AfD den Begriff als einzige Fraktion über diesen Zeitraum hinweg relativ konsequent nutzt. Sie vermeidet den etablierten Begriff „Sondervermögen“ weitgehend und ersetzt ihn systematisch durch das Framing der „Sonderschulden“ – also genau jene Begriffswahl, die die Unwort-Jury indirekt einfordert.
Vor dem Regierungsantritt der Ampel wurde der Begriff vereinzelt auch von der Union verwendet; ein erheblicher Teil dieses Anteils entfällt auf Wortmeldungen von Alexander Dobrindt. Aus dem linken Spektrum wurde „Sonderschulden“ lediglich punktuell aufgegriffen, meist im Zusammenhang mit der Kritik an Aufrüstung.
Damit wird deutlich, dass die von der Jury nahegelegte Sprachkritik im parlamentarischen Alltag vor allem von rechts aufgegriffen wird.
Die Schulden des Staates liegen auf unseren Bankkonten
Die Unwort-Jury bemängelt, dass viele Bürgerinnen und Bürger nicht mit der fachsprachlichen Bedeutung von “Sondervermögen” vertraut seien und sich an der Alltagsbedeutung orientierten. Jedoch ist das Alltagsverständnis des Begriffs Sondervermögen aus Sicht der Bevölkerung nicht falsch, wie wir im Folgenden sehen werden. Denn: Mit jeder Staatsausgabe, also auch mit jedem Sondervermögen, schafft der Staat neues Geld. Ausgaben der Bundesregierung erhöhen das Geldvermögen der Haushalte und Unternehmen und stellen aus deren Sicht tatsächlich (Sonder-)Vermögen dar. Die Schulden des Staates liegen auf unseren Bankkonten – wenn auch nicht gleich verteilt. Diesen oft übersehenen, aber fundamentalen Zusammenhang bestätigt auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags.
Dass sich der Staat, welcher über seine Zentralbank die eigene Währung in unbegrenzter Höhe schöpfen kann, verschuldet, hat einen anderen Hintergrund: Der Verkauf von Staatsanleihen dient zur Zinssteuerung, nicht zur Finanzierung der eigenen Ausgaben. Dass Staaten sich die eigene Währung an den Kapitalmärkten leihen müssen und so von diesen abhängig sind, um Ausgaben tätigen zu können, ist ein Mythos. Dieser Mythos fügt sich ein in eine Reihe von neoliberalen Mythen: Der Staat funktioniere wie Privathaushalt (tut er nicht), Staatsschulden seien vergleichbar mit privaten Schulden (sind sie nicht), wenn der Staat heute mehr Geld ausgibt, müsse er in Zukunft die Steuern erhöhen (muss er nicht).
Der Staat ist kein Privathaushalt
Wenn Privatpersonen oder Unternehmen sich verschulden, gehen sie ein Risiko ein: Um ihre Schulden in Zukunft zurückzahlen zu können, müssen sie Einnahmen generieren. Klappt das nicht, droht ihnen die Insolvenz. Ein Staat, der sich in eigener Währung verschuldet (also Staatsanleihen zur Zinssteuerung ausgibt), kann diese Währung dagegen unbegrenzt schöpfen. Er kann nicht „pleitegehen“ wie ein Privathaushalt. Seine Ausgaben sind lediglich durch die Verfügbarkeit realer Ressourcen wie Arbeitskräfte oder Rohstoffe begrenzt.
Die Grenze ist also nicht Insolvenz, sondern Inflation: Versucht der Staat mehr Straßenbauer zu beschäftigen, als es welche mit freien Kapazitäten gibt, bleibt ihm nur die Möglichkeit, Akteure aus dem Privatsektor zu überbieten. Dies würde zu Preisanstiegen führen. Sind jedoch freie Kapazitäten vorhanden, wie es sie im Bausektor aktuell gibt, ist es absurd, diese nicht zu nutzen.
Willkürliche politische Regeln wie die Schuldenbremse oder die Fiskalregeln der Europäischen Union verschleiern den fundamentalen Unterschied zwischen Staat und Privatsektor (Unternehmen und Haushalte), welche sich (buchhalterisch) spiegelbildlich gegenüberstehen. Fiskalregeln wie die Schuldenbremse sind aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger also Vermögensbremsen.
Fallbeispiel USA
Ökonomen aus dem Umfeld der Modern Monetary Theory (MMT) weisen schon seit Jahrzehnten auf diesen Umstand hin. So schreibt etwa die US-Ökonomin und ehemalige Chefökonomin des US-Haushaltsausschusses Stephanie Kelton, Defizite seien kein Zeichen von Verantwortungslosigkeit, sondern der normale Weg, wie der Staat Einkommen und Vermögen im Privatsektor schafft – diese Perspektive hat sie in ihrem Bestseller The Deficit Myth überzeugend dargelegt.
Die letzten beiden Phasen, in denen der Privatsektor über längere Zeit rote Zahlen schrieb (sich also insgesamt verschuldete), gingen jeweils mit der Entstehung großer Blasen einher – der Dot-Com-Blase und der Immobilienblase, die 2000 beziehungsweise 2008 platzten. Wie an Abbildung 2 zu sehen ist, war das private Finanzierungssaldo zwischen 1998 und 2007 fast durchgehend negativ:
Haushalte und Unternehmen mussten sich damals immer stärker verschulden, um ihre Ausgaben aufrechterhalten zu können.
Immer dann, wenn der amerikanische Staat seine Schulden reduziert – was seit dem Zweiten Weltkrieg nur in drei Haushaltsjahren der Fall war –, folgte ebenfalls eine Wirtschaftskrise.
Staatliche Mehrausgaben zum richtigen Zeitpunkt können dagegen Wunder wirken: Nachdem die Arbeitslosigkeit infolge der Covid-Pandemie sprunghaft auf 15 Prozent angestiegen war, reagierte die US-Regierung mit umfangreichen Ausgabenprogrammen, die den deutschen Sondervermögen ähneln und zu vergleichsweise hohen Defiziten führten. Dieses zusätzliche Einkommen beendete die Rezession in Rekordzeit und brachte die Wirtschaft wieder in Schwung – ein voller Erfolg.
Die „Sprachkritische Aktion“ sabotiert ihre eigenen Prinzipien
Umso tragischer ist die diesjährige Wahl der Jury. Mit dem Unwort des Jahres möchte sie eigentlich Begriffe ächten, „die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“, so die Jury in ihren Kriterien. In diesem Jahr sabotiert die „Sprachkritische Aktion“ ihre eigenen Prinzipien, indem sie mit ihrer Wahl ein wissenschaftlich fragwürdiges Narrativ unkritisch transportiert und legitimiert.
Das Original dieser leicht überarbeiteten Version ist auf Klaus Diekmann und Jannik Strobls Substack Outside Money erschienen.
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