Makroskop
Rüstungsausgaben

Voodoo-Ökonomik aus Kiel

| 20. Januar 2026
IMAGO / teutopress

Der Kieler Ökonom Moritz Schularick macht immer wieder mit ungewöhnlichen Vorschlägen auf sich aufmerksam. Mal sollen drastisch erhöhte Militärausgaben die Wirtschaft retten und den Wohlstand steigern, mal ist dafür eine unentgeltliche Arbeitszeitverlängerung zwingend erforderlich. Mit seriöser Ökonomik hat das wenig zu tun.

Nach seinem Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl im Herbst 1980 stellte Ronald Reagan ein wirtschaftspolitisches Programm vor, das bei vielen Verwunderung bis Kopfschütteln auslöste. Vorgesehen war, die Militärausgaben sehr stark zu erhöhen, gleichzeitig weitreichende Steuersenkungen (mit dem Schwerpunkt der Reduzierung aller Einkommensteuersätze) vorzunehmen und dennoch das Haushaltsdefizit nicht nur zu verringern, sondern bis zum Jahr 1984 ganz zu beseitigen. Die großen Steuersenkungen würden das verfügbare Einkommen von Arbeitnehmern und Unternehmern steigern, so dass sie härter arbeiten sowie mehr sparen und investieren würden. All dies führe zu einem Anstieg des Wirtschaftswachstums und damit zu weiter steigenden Einkommen.

Arthur Laffer, Mitglied im Beraterstab von Reagan, stellte die Behauptung auf, dass eine Senkung der Steuersätze eine Zunahme der Steuereinnahmen nach sich ziehen würde[1]. Unterstützung erhielt Laffer von niemand Geringerem als Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman.[2]

Solche Vorstellungen klingen nicht nur absurd, sie sind es auch. Selbst Reagans Parteikollegen George Bush senior, damals noch Präsidentschaftskandidat und später dann selbst US-Präsident (1989–1993), war dies zu viel. Er bezeichnete die „Reaganomics“ im Wahljahr 1980 als „Voodoo-Ökonomik“ (voodoo economics) und prägte damit einen Begriff, der heute despektierlich für eine Wirtschaftspolitik oder wirtschaftspolitische Argumentation steht, die unrealistisch, logisch inkonsistent oder empirisch nicht tragfähig ist und stattdessen auf behauptete Wunderwirkungen („Zauberei“) setzt.

Es ist fast überflüssig zu sagen, dass Reagan mit seinem Programm grandios scheiterte. So blieb der prognostizierte Wirtschaftsboom bloßes Wunschdenken und ein ausgeglichener Haushalt stellte sich schon gar nicht ein: Stattdessen kam es zu einer Verdreifachung der gesamten US-Staatsverschuldung von 965 Milliarden US-Dollar Anfang 1981 auf 2740 Milliarden US-Dollar im Jahr 1989 (die Schulden wachsen, wenn der Staatshaushalt ein Defizit aufweist). Rund die Hälfte der neuen Schulden dienten dabei der Finanzierung der deutlich erhöhten Militärausgaben (vgl. Komlos/Schubert 2020).

Mehr Wachstum durch Militärausgaben?

An Voodoo-Ökonomik fühlte man sich in den letzten zwei Jahren auch in Deutschland des Öfteren erinnert, vor allem bei einer Reihe von Beiträgen zur aktuellen Wirtschaftskrise, die inzwischen bereits drei Jahre anhält.

Besonders hervorgetan hat sich dabei Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Zunächst plädierte er – allein und mit Co-Autor – für massiv erhöhte Militärausgaben, um so das Wachstum anzukurbeln und den Wohlstand zu steigern (vgl. zum Beispiel Schularick 2024a, 2024b und Schularick/Ferguson 2024). Wir haben diese Vorstellungen bereits mehrfach auf Makroskop kritisiert.

In der letzten Woche hat Schularick in einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ noch einmal nachgelegt. Er kritisiert dort das seiner Meinung nach viel zu geringe Tempo beim Hochfahren der Rüstungsproduktion. Was durch die Krise momentan in anderen Industriezweigen (zum Beispiel bei den Autozulieferern oder im Maschinenbau) abgebaut werde, sollte für den Verteidigungssektor genutzt werden. Es müssten die industriellen Kapazitäten geschaffen werden, die es ermöglichten, in einem Konflikt zu bestehen. Dies bedeute zum Beispiel konkret – so Schularick – „Kapazitäten, um 1000 Luftabwehrraketen pro Jahr, eine Million Drohnen und fünf Millionen Schuss Munition produzieren zu können […] Das würde zum Booster für Jobs, das würde den Investitionen einen Schub geben“ (zitiert nach Neue Osnabrücker Zeitung, 08. Januar 2026).

Unreproduktive Militärausgaben

Wir haben an anderer Stelle ausführlich den unreproduktiven Charakter von Rüstungsgütern erklärt. Als unreproduktiv werden diejenigen Gebrauchswerte bezeichnet, die nicht von neuem in den gesellschaftlichen Produktionsprozess eingehen, die sich weder in der gleichen noch in einer anderen stofflichen Form reproduzieren und die also weder Produktionsmittel noch Lohngüter sind. Ausgaben – auch solche des Staates – für unreproduktive Gebrauchswerte sind dementsprechend unreproduktive Ausgaben.

Dies trifft zweifellos für Militärgüter und -ausgaben zu. Da Rüstungsgüter als unreproduktive Gebrauchswerte nicht wieder in den Produktionsprozess eingehen, können sie auch nicht die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität steigern. Wie sollten auch Kampfdrohnen, Kampfpanzer, Bordkanonen oder Lenkflugkörper eines Rüstungskonzerns in der Produktion anderer Unternehmen oder Industrien eingesetzt werden und dort zu Produktivitätsgewinnen führen?

Damit soll selbstverständlich nicht bestritten werden, dass auch von höheren Militärausgaben kurzfristig positive gesamtwirtschaftliche Effekte ausgehen: Die Beschäftigten in den Unternehmen, die Rüstungsgüter produzieren, geben einen hohen Anteil ihrer Löhne und Gehälter in der Binnenwirtschaft aus und stimulieren sie damit etc. Nur: Die gleichen Wirkungen könnte man erzielen, wenn man stattdessen Pyramiden bauen oder Löcher ausheben und wieder zuschütten ließe.

Reproduktive Ausgaben

Ganz anders sieht es bei reproduktiven Ausgaben aus, also Ausgaben für reproduktive Gebrauchswerte, die von neuem in den gesellschaftlichen Produktionsprozess eingehen. Zu den reproduktiven Gebrauchswerten zählen unter anderem Maschinen und Anlagen. Kommt in einem Unternehmen eine normale Produktionsmaschine zum Einsatz, so erzeugt sie oft über viele Jahre hinweg Güter. Handelt es sich bei ihr um eine Prozessinnovation, also zum Beispiel eine neue oder merklich verbesserte Fertigungs- oder Verfahrenstechnik, kann darüber hinaus die Arbeitsproduktivität wesentlich erhöht werden.

Im Gegensatz zu den unreproduktiven staatlichen Ausgaben (gerade für Militär) dienen reproduktive Staatsausgaben der gesellschaftlichen Reproduktion des Kapitals beziehungsweise der Herstellung bestimmter allgemeiner Bedingungen dieser Reproduktion auf der Ebene des realen Produktionsprozesses (beispielsweise Verkehrsinfrastruktur- und Energieinfrastrukturausgaben) sowie der gesellschaftlichen Reproduktion der Arbeitskraft (Ausgaben für Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Wohnungswesen etc.).

Reproduktive Staatsausgaben haben einen klaren produktivitätssteigernden Effekt. Zahlreiche Studien belegen, dass zum Beispiel Infrastrukturinvestitionen Straßen, Brücken, Autobahnen, Flughäfen, Schienennetze, Wasserinfrastruktur und anderes öffentliches Kapital schaffen, das die Produktivität der Beschäftigten in der Volkswirtschaft insgesamt erhöht (vgl. zum Beispiel Aschauer 1989a und 1989b; Heintz 2010, Lynde/Richmond 1992 und 1993; Munnell 1990; Nourzad/Vrieze 1995; sowie die Meta-Analyse von 68 vorherigen Studien, durchgeführt von Bom/Ligthart 2014). Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität aber bestimmt maßgeblich das Wirtschaftswachstum.

Kurzum: Militärausgaben haben als unreproduktive Ausgaben zwar die oben beschriebenen kurzfristigen Effekte, aber damit endet ihre Wirkung. Bei reproduktiven Ausgaben etwa für Maschinen, Produktionsanlagen, Werkzeuge oder für Infrastruktur dagegen bleibt es nicht bei dieser ersten Runde: Sie entfalten vielmehr in zweiter Runde ihre entscheidenden langfristigen Wirkungen in Form von Produktivitäts- und Wachstumssteigerungen. Die Volkswirtschaft profitiert davon viele Jahre.

Militärausgaben: Keine Kapazitäts-, wenig Spillover-Effekte

Sie profitiert aber wenig von Rüstungsgütern, denn diese dienen nicht der Kapazitätsausweitung und stehen nach ihrer Produktion in Waffenarsenalen herum, um dann, wenn sie nicht mehr funktionsfähig sind, vernichtet zu werden. Wobei dies sogar noch der günstigere Fall ist, wie die bedeutende britische Ökonomin Joan Robinson bissig feststellte: „Investitionen in Rüstungsgüter tragen noch weniger zum Produktionspotenzial bei, wenn sie genutzt werden, als wenn sie ungenutzt bleiben“ (Robinson 1979, S. 125).

Wenig überzeugend ist auch Schularicks Versuch, seine These vom „Aufrüsten für den Wohlstand“ mit Spillover-Effekten der Militärausgaben auf den zivilen Sektor zu stützen. Denn erstens hat sich die frühere Richtung des Technologietransfers inzwischen vielfach umgekehrt. Seit den 1990er Jahren beeinflussen Innovationen im zivilen Bereich zunehmend militärische Anwendungen – und nicht umgekehrt. So heißt es zum Beispiel im CNTR[3] Monitor 2024: „Obwohl es sicherlich Gegenbeispiele gibt, lässt sich allgemein sagen, dass die treibenden Kräfte hinter der Entwicklung von Hightech-Technologie während des Kalten Krieges sehr oft militärische Entwicklungen waren, die dann ihren Weg in zivile Anwendungen fanden. Dieses Verhältnis änderte sich nach den 1990er Jahren, insbesondere im Bereich der Mikroinformatik und der Telekommunikation“ (Göttsche/Daase 2024, S. 8).

Heutzutage werden Technologien, die später im militärischen Bereich eingesetzt werden, oft zuerst im zivilen Bereich entwickelt, was übrigens auch für die Künstliche Intelligenz (KI) gilt (vgl. zu dieser Umkehr der Richtung des Technologietransfers bzw. zur führenden Rolle der zivilen Forschung auch zum Beispiel Brzoska 2006 und 2013, Weingarten et al. 2015, Fraga-Lamas et al. 2016, Chagnaud et al. 2017, Bowne 2023, Hauner 2024).

Zweitens dürfte unstrittig sein, dass es eine sinnvollere und erfolgversprechendere Strategie ist, Forschung direkt auf bestimmte Ziele auszurichten, statt auf unbeabsichtigte, eher zufällige Spillover-Effekte von Militärausgaben zu setzen.

Kein Produktivitäts- und Wachstumstreiber

Schularick fasste seine Position laut Handelsblatt kurz und knapp so zusammen: „Rüstungsinvestitionen sind Wachstumstreiber.“ Eine solche Behauptung lässt sich durch nichts seriös begründen. Das Gegenteil ist richtig: Sollte Deutschland seine Militärausgaben weiterhin ausweiten – statt auf entsprechende reproduktive Staatsausgaben zu setzen – und am Ende gar fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgeben (was auf 2024 bezogen Verteidigungsausgaben in Höhe von 46 Prozent des Bundeshaushalts entspräche), wird sich dies zukünftig stark negativ auf die Produktivitätsfortschritte hierzulande auswirken, die ohnehin schon in den letzten Jahren extrem schwach waren (vgl. Flassbeck 2025). Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Deutschland Gefahr läuft, mit herbeifantasierten Bedrohungsszenarien durch Russland seine Wirtschaft komplett vor die Wand zu fahren.[4]

Mehr Wachstum durch Mehrarbeit?

Im letzten Jahr wurde von verschiedenen Ökonom(inn)en wie etwa der „Wirtschaftsweisen“ Monika Schnitzer oder Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, gefordert, einen Feiertag zu streichen, um die schwächelnde deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Auch Clemens Fuest, der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, schloss sich dieser Forderung an, um „das Arbeitsangebot der Menschen zu steigern“.

Da wollte Moritz Schularick nicht zurückstehen und plädierte im Spiegel für die Streichung von gleich zwei Feiertagen. Von der Rückfrage des Ökonomen und früheren „Wirtschaftsweisen“ Peter Bofinger, ob der IfW-Chef wirklich glaube, dass aktuell die verfügbare Arbeitszeit und nicht die fehlende Nachfrage die Wirtschaftsleistung in Deutschland bremse, ließ sich Schularick nicht beirren und präsentierte im Dezember 2025 eine neue Variante seiner Idee. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ zum Thema, wie Deutschland wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen kann, stellt er fest:

„Ich wäre dafür, dass wir alle zehn Prozent mehr arbeiten, auch ohne Lohnausgleich. Wenn wir wieder wachsen wollen, führt an einer Ausweitung des Arbeitsvolumens kein Weg vorbei.“ (NOZ, 13./14. 12. 2025, S. 7)

So einfach ist das also: Wir arbeiten alle zehn Prozent mehr, dann wird auch entsprechend mehr produziert und – hokuspokus – alle Probleme sind gelöst. Mehr Arbeitszeit bringt also quasi automatisch mehr Wachstum. Dass da noch niemand früher drauf gekommen ist!  Leider sieht die Realität etwas anders aus:

Grundsätzlich sind zwei unterschiedliche Reaktionen auf eine unentgeltliche Arbeitszeitverlängerung möglich, wie sie Schularick fordert:

  • der Fall, dass die Preise unverändert bleiben, weil die Unternehmen die mit der unbezahlten Verlängerung der Arbeitszeit einhergehende Lohnstückkostensenkung nicht in den Preisen weitergeben,
  • der Fall, dass die Unternehmen die Kostenentlastungen über Preissenkungen weiterreichen.

Fall 1: Keine Weitergabe der Kostensenkung

Im ersten Fall bleibt ein Effekt auf die internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit und folglich auf die Auslandsnachfrage aus. Ebenso ändert sich die Konsumnachfrage nicht, da die Realeinkommen der Lohnbezieher konstant bleiben. Die Unternehmen verzeichnen zwar höhere Stückgewinne, aber sie stehen gleichzeitig vor dem Problem einer größeren Lücke zwischen der potenziellen Produktionsausweitung infolge der Arbeitszeitverlängerung und der Güternachfrage. Mit anderen Worten: Das Produktionspotenzial ist gestiegen, aber die Gesamtnachfrage hält damit nicht Schritt.

In dieser Situation einer unzureichenden Nachfrage führt die Arbeitszeitverlängerung zu einer Senkung der Beschäftigung bei zunächst unveränderter Produktion (vor allem für größere Unternehmen ergibt sich die Möglichkeit, mit weniger Arbeitnehmern den gleichen Output zu erbringen). Gleichzeitig gehen damit die Absatzerwartungen der Unternehmen zurück. Da Untersuchungen zu den Bestimmungsgründen privater Investitionen zeigen, dass veränderte Absatzerwartungen gegenüber der Arbeitskostenentwicklung respektive veränderten Stückkosten dominieren (vgl. zum Beispiel Chirinko 1993), ist insgesamt von einem dämpfenden Effekt auf die unternehmerischen Investitionen und mithin auf Produktion und Beschäftigung auszugehen.

Fall 2: Weitergabe der Kostensenkung

Im zweiten Fall, in dem die Unternehmen bei intensivem Wettbewerb untereinander gezwungen sind, die Senkung der Lohnstückkosten in den Preisen weiterzugeben, steigt zwar das Realeinkommen der Lohnbezieher, wodurch sich deren Konsumnachfrage erhöht. Dies bedeutet aber keineswegs, dass damit der Absatz der zusätzlichen Produktion sichergestellt ist. Denn es kann nicht von einer sinkenden Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland ausgegangen werden (sondern eher vom Gegenteil[5]), so dass der private Verbrauch nicht in dem Ausmaß zulegen wird, wie die realen Lohneinkommen steigen und wie die Produktionsmöglichkeiten wachsen. Zwar steigert die Preissenkung die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen und mithin den Exportüberschuss. Damit entsteht aber ein verstärkter Druck auf die anderen Länder der Eurozone, in die fast 40 Prozent der deutschen Warenexporte gehen, ebenfalls zu versuchen, die Arbeitskosten zu reduzieren.

Das heißt, es wird dort ebenso eine Senkung der Lohnstückkosten ausgelöst, was in Europa zur erhöhten Gefahr eines deflationären Lohndumpings führt. Verfolgen alle Euroländer im Handel untereinander in gleichem Ausmaß eine Strategie der Lohnkostensenkung, verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit in keinem dieser Länder.

Auch der Versuch der Eurozone als Ganzes, wachsende Exportüberschüsse gegenüber dem Rest der Welt zu erzielen, wäre längerfristig zum Scheitern verurteilt. Denn eine solche Strategie würden die anderen Länder auf Dauer wohl kaum akzeptieren. Insbesondere – wie man inzwischen gelernt hat – die USA nicht, die im Jahr 2024 mit einem Anteil von 20,6 Prozent der wichtigste einzelne Absatzmarkt für Warenexporte aus der EU blieben (Eurostat 2025). Aber selbst wenn die Handelspartner zunächst nicht mit Gegenmaßnahmen reagierten, entstünde ein Aufwertungsdruck auf den Euro und die gewonnenen Wettbewerbsvorteile würden wahrscheinlich wieder zunichte gemacht.

Aus Sicht der Unternehmen führt eine Weitergabe der Lohnstückkostensenkungen in den Preisen dazu, dass die Stückgewinne sich nicht verändern. Selbst wenn die Unternehmen eventuell eine Steigerung der Konsum- und der Exportnachfrage erfahren, ist nicht sehr wahrscheinlich, dass diese ausreicht, um die gesamte zusätzliche Produktion abzusetzen. Bei konstanten Stückgewinnen und unsicheren Absatzerwartungen ist auch in diesem Fall mit einer eher dämpfenden Wirkung auf Investitionen, Produktion und Beschäftigung zu rechnen.

In beiden theoretischen Fällen (Fall 1 und Fall 2), die in der Realität natürlich selten in Reinform vorzufinden sind, führt eine unentgeltliche Arbeitszeitverlängerung im Ergebnis zu einer größeren Lücke zwischen der möglichen Produktionsausweitung und der Güternachfrage. Wenn aber die Nachfrage nicht in dem Ausmaß wächst, wie das Produktionspotenzial ausgeweitet wird, steigt nicht die Beschäftigung, sondern es werden im Gegenteil Arbeitskräfte überflüssig.

Schularick: Völlige Vernachlässigung der Nachfrageseite

Es ist schon verwunderlich, dass Schularick in seiner Argumentation die Nachfrageseite der Wirtschaft komplett ignoriert. Offenbar orientiert er sich hier an den Supply-Side-Ökonomen, die der Ansicht sind, dass die Wirtschaftspolitik im Wesentlichen an der Angebots-Seite ansetzen müsse, und die sich dabei immer noch auf das sogenannte „Say’sche Gesetz“ berufen: Nach diesem Gesetz schafft sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage. Oder anders ausgedrückt: Die Produktion erzeugt eine Nachfrage in Höhe der angebotenen Gütermenge. Supply-Side-Ökonomen bestimmten übrigens entscheidend die oben erwähnte Wirtschaftspolitik unter der Regierung Reagan.

Etwas vereinfacht gesagt basiert die entsprechende Argumentation auf der Erkenntnis, dass der Akt der Produktion ein Einkommen erzeugt, das den gesamten Kosten der Produktion entspricht. Da der einzige Grund für die Teilnahme am Produktionsprozess darin bestehe, das für den Konsum der produzierten Güter erforderliche Einkommen zu erzielen, wäre es irrational zu arbeiten, um ein Einkommen zu verdienen, das nicht ausgegeben werde.

Keynes wandte sich gegen das Say’sche Theorem (Keynes 1967, S. 25f), da das im Produktionsprozess erzeugte Einkommen („Angebot“) nicht notwendigerweise ausgegeben wird („Nachfrage“). Man kann einen Teil seines Einkommens in liquider Form – in Form von Geldvermögen – sparen, statt die produzierten Güter zu kaufen. Das heißt: Das Say’sche Theorem, demzufolge jede Produktion sich ihre eigene Nachfrage schafft, kann nur bei einer geldlosen Wirtschaft zutreffen.

Gesamtwirtschaftlich bestimmen die Ausgaben das Einkommen

Generell führt es in die Irre, die Angebotsseite der Volkswirtschaft ins Zentrum der Analyse zu stellen und der Nachfrageseite keine oder keine wesentliche Bedeutung beizumessen. Denn es ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die maßgeblich die Produktion beeinflusst, die wiederum Einkommen generiert. Folglich erzeugt das, was ausgegeben wird, Output und Einkommen im entsprechenden Zeitraum. Alle Ausgaben müssen irgendwo von irgendjemandem als Einkommen empfangen werden. Mit anderen Worten: Die Gesamtausgaben schaffen das Gesamteinkommen (= das Volkseinkommen).

Inzwischen akzeptieren die meisten (ernstzunehmenden) Ökonomen, dass auf gesamtwirtschaftlicher Ebene die Kausalität von den Ausgaben zum Einkommen verläuft. Die Begründung dafür ist, dass eine Gesellschaft sich entscheiden kann, mehr auszugeben, aber nicht beschließen kann, mehr Einkommen zu haben. Die Ausgaben werden nicht zwingenderweise durch das Einkommen beschränkt, da es möglich ist, mehr als das Einkommen auszugeben. Dies deshalb, weil Kreditinstitute die Mittel zur Finanzierung zusätzlicher Ausgaben bereitstellen können, was dann wiederum mehr Einkommen erzeugt. Zwar lässt sich argumentieren, dass auf der Einzelebene – also etwa der Ebene des einzelnen Privathaushalts oder Unternehmens – das Einkommen großenteils die Ausgaben bestimmt; auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind es jedoch die Ausgaben, die das Einkommen bestimmen.

Wann Arbeitszeitverlängerungen sinnvoll sein können

Bedeutet dies nun, dass die Forderung nach einer (unbezahlten) Verlängerung der Arbeitszeit aus gesamtwirtschaftlicher Sicht in jeder Situation falsch ist? Nein, denn wenn die Unternehmen in einer Volkswirtschaft bereits an ihrer Kapazitätsgrenze produzieren und kurzfristig nicht mit mehr Angebot auf eine höhere Nachfrage reagieren können, die Arbeitslosigkeit nahe Null liegt und sich ein starker Inflationsdruck aufbaut, dann könnte tatsächlich daran gedacht werden, steigenden Lohn(stück)kosten auch mit Hilfe einer unentgeltlichen Arbeitszeitverlängerung entgegenzuwirken.

Von einer solchen Situation sind wir in Deutschland allerdings meilenweit entfernt: Ab 2023 ist die Kapazitätsauslastung in Deutschland deutlich zurückgegangen und verharrt 2024/25 auf einem niedrigen Niveau, während die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum spürbar angestiegen ist; gleichzeitig ist die Inflationsrate nach ihrem Spitzenwert 2022 deutlich gesunken und hat sich 2024 wieder dem EZB-Zielwert von 2 Prozent angenähert.

Eine einflussreiche Stimme

Doch zurück zu Schularick. Das Problem ist, dass es sich bei ihm keineswegs um einen randständigen Exoten der ökonomischen Zunft handelt. In den Medien wird er vielmehr als „Top-Ökonom“ (Welt), „Star-Ökonom“ (Rheinische Post), „international renommierter Wirtschaftswissenschaftler“ (SWR) oder als „einer der wichtigsten Ökonomen des Landes“ (RND) eingeordnet.

Gemeinsam mit drei weiteren Ökonomen verfasste er ein Papier, das laut Handelsblatt eine zentrale Grundlage für das Finanzpaket zu Verteidigung und Infrastruktur bildete, auf das sich Union, SPD und Grüne im März 2025 verständigten. In dieses Papier sind offenkundig Schularicks Vorstellungen deutlich erhöhter Verteidigungsausgaben eingeflossen.[6] Der Präsident des IfW ist also eine Stimme, die politisch Gewicht besitzt und nicht ignoriert werden kann. Umso dringlicher ist es, sich mit seinen Positionen auseinanderzusetzen.

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[1] „Es ist vernünftig zu folgern, dass jede der vorgeschlagenen Reduzierungen der Steuersätze um 10 Prozent sich hinsichtlich der gesamten Steuereinnahmen in weniger als zwei Jahren selbst finanzieren und danach einen positiven Beitrag zum gesamten Steueraufkommen leisten würden“ (Laffer 1981, S. 21; diese und alle folgenden Übersetzungen durch mich, G.G.). Zu einer ausgezeichneten Darstellung und Kritik vgl. bereits Lester Thurow 1983, S. 124-141.
[2] „[…] es gibt reichliche Belege dafür, dass der als steuerpflichtiges Einkommen gemeldete Betrag um mehr als genug steigen würde, um den rechnerischen Verlust durch den niedrigeren [maximal 25-prozentigen, Anm. durch mich, G.G.] Spitzensteuersatz auszugleichen“ (Friedman, M.: Painless Revenue, in: Newsweek, 5 April 1982, S. 63).
[3] CNTR steht für „Cluster Natur- und Technikwissenschaftliche Rüstungskontrollforschung“.
[4] Es sei hier auch noch erwähnt, dass Schularick anscheinend keine Grenzen für eine Ausweitung der Militärausgaben sieht – jedenfalls spricht er nicht davon. Tatsächlich aber bedeutet eine Zunahme des Anteils der unreproduktiven Ausgaben (zu denen die Militärausgaben zählen) eine Ausdehnung des unreproduktiven Sektors (in dem Gebrauchswerte produziert werden, die weder als Produktionsmittel noch als Lohngüter Verwendung finden) zulasten des reproduktiven Sektors (in dem Produktionsmittel und Lohngüter hergestellt werden). Der unreproduktive Sektor aber kann sich nicht selbst reproduzieren, er wird vielmehr vom reproduktiven Sektor reproduziert. Sein Wachstum wird daher durch das Wachstum des reproduktiven Sektor begrenzt, weil er die Mittel für seine Ausdehnung vom reproduktiven Sektor erhält. Ein übermäßiges Ansteigen des Anteils der unreproduktiven Ausgaben, d.h. der Ausgaben für unreproduktive Gebrauchswerte – also zum Beispiel Rüstungsgüter –, kann daher die Reproduktion des reproduktiven Sektors, also die Grundvoraussetzung der gesellschaftlichen Reproduktion überhaupt, und damit die Reproduktion des Gesamtsystems beeinträchtigen oder gar gefährden.
[5] Drastische Maßnahmen wie eine Ausweitung der Arbeitszeit je Beschäftigten um zehn Prozent dürften in einer Zeit unklarer Wirtschaftsentwicklung und allgemeiner Einkommensunsicherheit tendenziell zu einer eher ansteigenden Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland führen.
[6] So zeigte sich Schularick zunächst erfreut darüber, dass die Politik bei den Verteidigungsausgaben sogar über die Vorschläge der vier Ökonomen hinausging. Er habe sich nicht vorstellen können, dass dies im Bereich des politisch Möglichen gewesen sei. Inzwischen kritisiert er allerdings – wie oben erwähnt –, dass die Rüstungsproduktion viel zu langsam hochgefahren werde.