Wie Deutschland die Energieversorgung neu denken muss
Warum wir unsere Energieversorgung aus der Marktlogik lösen und wieder als öffentliche Daseinsvorsorge organisieren müssen.
Die Energie ist das Nervensystem einer modernen Gesellschaft. Doch ausgerechnet in einer der stärksten Volkswirtschaften der Welt sind Millionen Haushalte von Energiearmut bedroht. Die Illusion, dass Märkte Daseinsvorsorge effizienter organisieren als der Staat, hat sich in Deutschland als teuer erwiesen – teuer für die Menschen, die frieren, teuer für die Gesellschaft, teuer für die Glaubwürdigkeit der Energiewende.
Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob Deutschland seine Energieversorgung transformieren muss, sondern: Wer kontrolliert diese Transformation – und zu wessen Nutzen?
Das Versprechen der Liberalisierung hat sich nicht erfüllt
Ende der 1990er Jahre versprach die Liberalisierung der Energiemärkte niedrigere Preise durch Wettbewerb, mehr Effizienz durch private Konkurrenz und bessere Dienstleistungen durch den Marktmechanismus. Stattdessen passierte in den letzten 30 Jahren das Gegenteil: die Preise für Strom und Wärme stiegen, die regionalen Versorgungsstrukturen wurden dünner. Aus Wettbewerb wurde Konzentration – wenige große Konzerne beherrschen heute den Markt, während kleine Anbieter verdrängt wurden. Haushalte mit stagnierenden Einkommen stehen immer höheren Grundkosten gegenüber.
Der Grund dafür liegt in der Struktur selbst. Energieunternehmen, die als private Konzerne organisiert sind, folgen einem Geschäftsmodell, nicht dem politischen Prinzip einer breiten Versorgungssicherheit: Märkte organisieren Preise, aber keinen sozialen Ausgleich. Dass die unsichtbare Hand des Marktes den Grundbedarf gerecht verteilt, ist eine Illusion. Deutschland hat sie 25 Jahre lang teuer bezahlt.
Gleichzeitig zeigen andere europäische Länder, wie Energiepolitik auch funktionieren kann. Frankreich schützt Haushalte durch tarifierte Preisdeckel. Belgien kennt sozial differenzierte Tarife. Portugal unterstützt Niedrigeinkommensgruppen durch gezielte Entlastungen. Italien arbeitet mit blockartigen Tarifsystemen, bei denen ein Grundkontingent günstiger ist und Mehrverbrauch progressiv teurer wird. Die Modelle unterscheiden sich, aber ihre Botschaft ist dieselbe: Energie ist zu wichtig, um sie der Gewinnlogik privater Konzerne zu überlassen.
Zurück zu dem, was funktioniert: Staatliche Grundtarife
Energie ist Daseinsvorsorge. Damit stellt sich auch die Frage: Wie separiert man den Grundbedarf – jene Energiemenge, die für ein menschenwürdiges Leben notwendig ist – vom Zusatzverbrauch, der stärker im Markt bepreist werden kann?
Ein staatlich definierter, sozial gestaffelter Grundtarif würde Haushalte vor Überforderung schützen, Budgets stabilisieren und zugleich den Anreiz zum sparsamen Umgang mit Energie erhalten. Das ist nicht revolutionär, es ist deutsche Tradition.
Bis Ende der 1990er Jahre galt in Deutschland eine umfassende staatliche Preisregulierung. Energieversorger konnten ihre Tarife nur erhöhen, wenn sie dem Staat nachwiesen, dass die eigenen Kosten tatsächlich gestiegen waren. Die bundeseinheitlichen Bundestarifordnungen für Elektrizität und Gas legten fest, welche Grundpreise zulässig waren, wie Verbrauchspreise strukturiert sein mussten und wie sich Versorgungspreise zusammensetzten. Dieses System war der energiepolitische Normalfall der Bundesrepublik. Strom und Wärme hatten feste Preisrahmen, die sozial nachvollziehbar, staatlich kontrolliert und über lange Zeit vergleichsweise stabil waren.
Dann kam die Liberalisierung. Die politische Ideologie, dass Wettbewerb alles besser mache, setzte sich durch gegen Erfahrung und Pragmatismus. Die Folge: Steigende Preise, unübersichtliche Tarifsysteme, zunehmende Energiearmut. Deutschland hat ein funktionierendes System aufgegeben und dafür ein Modell erhalten, das weder soziale Teilhabe noch Preissicherheit garantiert.
Eine Rückkehr zu staatlichen Grundtarifen würde also nicht fremde Modelle kopieren – es wäre ein Rückgriff auf die eigene Tradition. Ein moderner Grundtarif könnte eine definierte Menge Strom und Wärme pro Haushalt zu einem staatlich definierten, sozial verträglichen Preis bereitstellen. Ein darüber hinaus gehender Verbrauch würde progressiv teurer – etwa über Staffelpreise oder Blocktarife. Haushalte mit niedrigem Einkommen erhielten zusätzliche Entlastung durch direkte Rabatte oder Sozialtarife.
Mit anderen Worten: Der Grundbedarf stünde unter öffentlicher Verantwortung; der Zusatzverbrauch könnte stärker marktnah bepreist werden. Das schützt Menschen mit geringen Einkommen, sichert soziale Stabilität und verhindert gleichzeitig Verschwendung. Am Ende könnten bis in die mittlere Einkommensschicht hinein die Kosten für Energie gesenkt werden, während diejenigen, die ihre private Sauna betreiben oder ihren Swimmingpool heizen wollen, etwas mehr zahlen müssten.
Rendite darf kein Regulierungsziel sein
Doch ein soziales Tarifsystem bleibt wirkungslos, wenn die Infrastruktur selbst einer Renditelogik unterliegt. Ein Problem der heutigen Netzregulierung ist, dass sie sich am Weighted Average Cost of Capital orientiert – kurz WACC. Das bedeutet in der Praxis: Netzentgelte und damit ein erheblicher Teil der Strompreise werden so bemessen, dass private Netzbetreiber eine garantierte Mindestrendite auf ihr eingesetztes Kapital erzielen.
Hier stellt sich eine grundsätzliche Frage: Warum sollte die Daseinsvorsorge – also die staatliche Aufgabe, grundlegende Güter und Dienstleistungen bereitzustellen – mit einem gesicherten Renditeversprechen für private Akteure verknüpft sein? Öffentliche und kommunale Netzbetreiber können Netze ausbauen und modernisieren, ohne die Entgelte künstlich aufzublähen, um Shareholder-Erwartungen zu bedienen.
Das ist zugleich ein schlagendes Argument, zentrale Stromnetze in öffentliche oder kommunale Hand zurückzuführen, wo immer es möglich ist. Eine sinnvolle Regulierung sollte nicht die Rendite maximieren, sondern Kosten decken und Investitionen sichern. Netzkosten sollten transparent offengelegt und nachvollziehbar auf die Verbraucher verteilt werden.
Das gilt auch für die Gasinfrastruktur – ein Feld, das in der Debatte bislang unterbelichtet bleibt. Hier drohen riesige Stranded Assets, wenn Netze aus Klimaschutzgründen zurückgebaut werden müssen, während Investitionen noch nicht abgeschrieben sind. Es ist die Verantwortung der öffentlichen Hand, dass die Transformationskosten nicht auf Mieter, Kleingewerbe und Haushalte mit niedrigem Einkommen abgewälzt werden.
Quartiersanierung muss eine öffentliche Aufgabe sein
Rund 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs entstehen in Gebäuden. Ohne eine tiefgreifende Modernisierung ist jede Energiewende zum Scheitern verurteilt. Gleichwohl setzt die bisherige Strategie auf individuelle Verantwortung: Eigentümer sollen hohe Summen investieren, Fachkräfte organisieren, technische Entscheidungen treffen und gleichzeitig durch undurchschaubare Förderprogramme navigieren. Das ist für viele schlicht unrealistisch – besonders für ältere Menschen, kleine Eigentümergemeinschaften und Haushalte mit kleinerem Einkommen.
Eine gerechte Sanierungsstrategie muss anders funktionieren. Der Staat oder kommunale Träger – nicht private Investoren – sollten die Planung übernehmen und ganze Quartiere systematisch modernisieren. Das bedeutet: kommunale oder landeseigene Sanierungsgesellschaften, die Straßenzüge, Siedlungen und Stadtteile energetisch ertüchtigen. Bauleistungen, Materialbeschaffung und Planungskapazitäten müssten gebündelt werden, um Kosten zu senken.
Dabei stellt sich die Gretchenfrage jeder öffentlichen Subvention: Wie verhindert man, dass dieses öffentliche Programm am Ende einfach nur potenten Immobilieninvestoren Traumrenditen auf öffentliche Kosten beschert?
Der entscheidende Hebel liegt darin, öffentliche Sanierung als Subvention als Gegenleistungssystem zu gestalten: Wer von öffentlicher Sanierung profitieren will, muss sich gemeinwohlorientierten Bedingungen unterwerfen. Der Staat saniert nicht einfach die Gebäude von großen, finanzstarken Immobilienbesitzern, sondern er knüpft die Beteiligung an eine klare, unmissverständliche Bedingung: Kein Euro öffentliche Mittel ohne strikte Mietpreisbindung, langfristige Belegungsrechte, eine Deckelung der Renditen und eine Verpflichtung, stabile Mietpreise zu gewährleisten.
Gleichzeitig muss klar zwischen verschiedenen Eigentümergruppen unterschieden werden. Kleine Eigentümer – etwa Familien, die ein Zwei- oder Dreifamilienhaus besitzen, Menschen, die ihre Immobilie selbst bewohnen, oder kleine Genossenschaften – haben völlig andere Voraussetzungen als milliardenschwere Immobilienfonds und Wohnungskonzerne. Eine öffentliche Sanierungsoffensive muss daher gezielt jene unterstützen, die es ohne staatliche Hilfe nicht schaffen, während sie große Konzerne nicht subventioniert, sondern reguliert.
Für private Großvermieter gilt deshalb: Entweder sie beteiligen sich an Sanierungsprogrammen unter sozialen Bedingungen, oder sie finanzieren ihre energetischen Modernisierungen selbst und ohne Modernisierungsumlage. Dass der Staat ihre Gewinne stabilisiert oder gar steigert, ist ausgeschlossen.
Ein weiterer zentraler Mechanismus ist die Eigentumsbeteiligung oder Re-Kommunalisierung. Wenn öffentliche Körperschaften komplette Quartiere modernisieren, ist es legitim – und demokratisch geboten –, dass sie dafür auch einen Anteil an der künftigen Wertschöpfung erhalten. Das kann in Form von Erbpachtmodellen, kommunalen Minderheitsbeteiligungen oder sogar Übernahmeoptionen erfolgen: Eine öffentliche Sanierung muss öffentliche Beteiligungen voraussetzen, um zu verhindern, dass öffentliche Investitionen nur private Spekulationsobjekte veredeln.
Darüber hinaus spielt auch eine Renaissance des öffentlichen Wohnungsbaus eine wichtige Rolle. Die öffentliche Hand kann bezahlbaren und energetisch optimierten Wohnraum zur Verfügung stellen, ohne dabei auf Profitmaximierung aus zu sein.
Ein zentraler Baustein dieser Strategie ist Fernwärme. Deutschland verfügt über erhebliche Potenziale, doch viele Kommunen fehlen Mittel und Planungskapazitäten, um diese systematisch zu erschließen. Fernwärme ist eine kollektive Lösung – sie kann ganze Stadtteile aus erneuerbaren Energien, Abwärme oder Großwärmepumpen versorgen, oft effizienter und günstiger als individuelle Heizungslösungen.
Damit Fernwärme zur tragenden Säule der Wärmewende wird, braucht es eine öffentliche Planung und Finanzierung statt eines Flickenteppichs. Preisstrukturen müssen sozial nachvollziehbar und transparent sein. Und es braucht eine klare Regel: Keine Anschlusspflicht, bevor ein Netz existiert und die Preise sozial akzeptabel gestaltet sind.
Die Finanzierung
Die Frage, „wer das bezahlen soll“, wird in Deutschland reflexhaft gestellt – oft, um notwendige Investitionen von vornherein zu blockieren. Doch wenn der Staat nicht investiert, zahlt die Gesellschaft am Ende mehr. Hohe Energiepreise, marode Netze, ungedämmte Gebäude und eine Industrie, die international zurückfällt, sind die Folgen einer jahrzehntelangen Sparpolitik, die das Fundament unseres Wohlstandes zersetzt.
Ein moderner Staat funktioniert nicht wie ein Privathaushalt. Er muss investieren, wenn die Infrastruktur zerfällt und die Wirtschaft schwächelt. Deutschland hat die Kapazitäten, die Fachkräfte und die Industrie, um Netze auszubauen, Fernwärme zu entwickeln und Gebäude zu modernisieren. Jeder öffentliche Euro, der in Infrastruktur, Bildung und Industrie gesteckt wird, wirft am Ende ein Vielfaches dessen wieder ab.
Mit anderen Worten: Eine soziale Energiewende braucht öffentliche Investitionen, die langfristige Werte schaffen und keine kurzfristig geschönten Haushaltszahlen, die die Kosten der Energiewende auf die privaten Haushalte abwälzen.