Makroskop
Brief aus Brüssel

Größte allgemeine Verunsicherung

| 18. Februar 2026

Kann Europa den USA noch vertrauen? Und wenn Nein, was folgt daraus? Die Münchener Sicherheitskonferenz ist Antworten schuldig geblieben. Kanzler Merz und die EU-Granden  fordern mehr Unabhängigkeit, doch in der Praxis folgen sie weiter US-Präsident Trump.


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Manchmal reicht ein Bild sogar, um ein großes Ereignis auf den Punkt zu bringen. Bei der Münchener Sicherheitskonferenz war es das Bild von den Standing Ovations, die US-Außenminister Marco Rubio nach seiner Rede erhielt. 

Die Zuhörer - darunter mehrere deutsche Minister – sprangen von ihren Sitzen und spendeten begeistert Beifall. Dabei hatte Rubio gerade das Ende der Nachkriegsordnung und den Beginn eines neuen imperialen Feldzugs angekündigt – und Gefolgschaft gefordert.

Die bizarre Szene erinnert an das ikonische Bild von Kanzler Friedrich Merz und anderen europäischen Politikern, das im August 2025 im Weißen Haus in Washington entstand. Damals war es US-Präsident Donald Trump, der den Europäern den Leviten las. 

Dass sie seine Belehrungen klaglos über sich ergehen ließen und wie Schulkinder an den Lippen ihres Meisters hingen, ohne sich zu wehren, hat einen Schock ausgelöst. Das Bild mit Trumps hilflosen Jüngern ist zum Symbol der europäischen Abhängigkeit geworden.

Die Sicherheitskonferenz in München hätte die Wende bringen können. Das Motto „Under Destruction“ versprach eine schonungslose Analyse der neuen Weltlage. Die EU müsse am Tisch der Big Player sitzen, um nicht auf der Speisekarte zu landen, betonte Gastgeber Wolfgang Ischinger. Die Nato müsse europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben.

Doch die Europäer haben nicht geliefert. Sie haben sich nicht aus der toxischen Beziehung zu den USA gelöst und auch keine neue NATO ausgerufen. Rubios Rede in München wurde auch deshalb beklatscht, weil sie eben keinen Bruch mit der Atlantischen Allianz bedeutet, sondern „nur“ eine neue Arbeitsteilung. 

Die Europäer sollen aufrüsten, Russland in Schach halten und die Kosten des Kriegs in der Ukraine tragen – was sie auch bereitwillig tun, wie eine Studie des Kiel Instituts belegt. Während die USA ihre Unterstützung 2025 praktisch eingestellt haben, hat die EU ihre Ukrainehilfe massiv erhöht, vor allem Deutschland zahlt kräftig drauf.

Für Kanzler Merz ist das ein Zeichen der Stärke. Er hat in München eine Rede gehalten, die neues deutsches Selbstbewusstsein signalisierte. Er kritisierte Trumps Alleingänge, distanzierte sich vom MAGA-Kult und verteidigte das Völkerrecht und den Klimaschutz. Für einen alten Transatlantiker wie Merz war das beachtlich. 
Doch er hat Trump auch die Hand gereicht. Wenn man sich schon nicht mehr auf gemeinsame Werte verständigen könne, so müsse man wenigstens gemeinsame Interessen suchen und verteidigen, so der Kanzler. 

Merz ist jedoch eine Antwort auf die Frage schuldig geblieben, was deutsche und europäische Interessen sind, wie sie verteidigt werden können – und wo Schnittmengen mit Trump zu finden wären. Welche gemeinsamen Ziele hat man denn noch, außer dem Erhalt der NATO?

Schon bei der Ukraine gehen die Interessen auseinander, wie Rubios abrupte Abreise aus München zeigte. Statt an einem Treffen mit Merz und Ukraine-Freunden teilzunehmen, flog er in die Slowakei und nach Ungarn – also in jene Länder, die die europäische Ukraine-Politik ablehnen.

Der Kanzler und andere EU-Politiker wagten es jedoch nicht, Rubio oder Trump zu kritisieren. Nicht einmal der Grönland-Konflikt wurde thematisiert – aus Angst vor neuem Streit. Was die Europäer in München sagten und was sie nicht zu sagen wagen, zeugt von größtmöglicher Verunsicherung, aber nicht von einer neuen Strategie. 

Die Rhetorik mag sich verändert haben, in der Praxis folgen die Europäer weiter Trump. Ob Grönland, Gaza oder Iran – in allen brennenden Fragen der Weltpolitik passen sie sich der US-Linie an. Sogar von der UNO rückt die EU neuerdings ab, wie die Teilnahme von 14 EU-Ländern – darunter Deutschland – an Trumps neuem „Friedensrat“ zeigt.

Man könne das eine tun, ohne das andere zu lassen, heißt es entschuldigend in Berlin und Brüssel. Solange Europa noch von den USA abhängig sei, müsse man Zugeständnisse machen – und sei es nur, um das wichtigste Ziel, die Rettung der Ukraine und die Schwächung Russlands, zu erreichen. Dies sei das europäische Kern-Interesse.

Doch was wie eine Doppelstrategie aussieht, hält einer näheren Prüfung nicht stand. Denn zum einen haben die Europäer keine eigene Strategie, um den Krieg in der Ukraine zu beenden – auch hier folgen sie Trump. Zum anderen sind sie bei der Frage, wie mehr Unabhängigkeit erreicht werden könnte, heillos zerstritten.

Vor allem Deutschland und Frankreich driften immer mehr auseinander. Schon seit Wochen streiten Merz und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron über Eurobonds, eine Buy-European-Klausel und einen gemeinsamen Kampfjet. München hat keine Lösungen gebracht – sondern nur gezeigt, wie groß die allgemeine Verunsicherung ist.