Straße von Hormus: Droht die Energiekrise 2.0?
Straße von Hormus blockiert: Ölpreis steigt, Benzin wird teurer – droht Deutschland nach dem Energiepreisschock von 2022 die nächste Energiekrise?
Viele Verbraucher haben sie noch schmerzhaft in Erinnerung: Die Energiepreisschocks im Zuge des Ukrainekriegs. Nun droht mit dem Irankrieg eine erneute Energiekrise. Das Mullah-Regime reagiert auf die US-amerikanischen und israelischen Angriffe nicht nur mit weitläufigen Gegenschlägen in der Region, sondern auch mit der Blockade eines Nadelöhrs – der Straße von Hormus.
“Die Meerenge ist gesperrt. Wenn jemand versucht, sie zu passieren, werden die Helden der Revolutionsgarde und der regulären Marine diese Schiffe in Brand setzen", drohte ein hochrangigerer Berater des Oberbefehlshabers der iranischen Revolutionsgarden einen Tag nach dem israelisch-US-amerikanischen Angriff. Wenig später gingen zwei Öltanker nach Schüssen in der Meerenge in Flammen auf.
Die Straße von Hormus ist die wichtigste Schiffsroute für den Ölexport nach Asien, Westeuropa und in die USA. Tanker verschiffen durch die an der schmalsten Stelle 55 Kilometer breite Meerenge 30 Prozent des weltweiten Flüssiggases und 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion. Aufgrund der Blockade vollzieht die Brent-Rohöl – das wichtigste Benchmark für Europa und den Großteil des internationalen Handels – enorme Preissprünge.
Allerdings hatten bereits vor dem israelischen Erstschlag am 28. Februar Preisspekulationen den Ölmarkt erfasst. Die Futures für Brent-Rohöl („Last Day Financial“[1]) stiegen innerhalb von fünf Tagen um 14 Prozent (Stand: 4. März 2026, 02:37 Uhr UTC-5). Besonders kräftig fiel der Anstieg seit dem Vortag des Angriffs aus.
Die Entwicklung schlägt sich inzwischen auch an deutschen Tankstellen nieder. Am Montag lag der bundesweite Tagesdurchschnittspreis für Super E10 bei 1,839 Euro pro Liter und damit 6,1 Cent über dem Niveau vom 27. Februar. Diesel verteuerte sich im gleichen Zeitraum um sieben Cent auf 1,816 Euro.
Bemerkenswert ist das Tempo der Anpassung: Der Kraftstoff, der derzeit an den Zapfsäulen verkauft wird, stammt überwiegend aus Rohöl, das bereits vor Wochen zu deutlich niedrigeren Preisen eingekauft wurde. Gleichwohl reagieren die Endverbraucherpreise nahezu in Echtzeit auf die gestiegenen Notierungen an den Terminmärkten.
Die Mineralölwirtschaft verweist in diesem Zusammenhang auf das Prinzip der sogenannten Wiederbeschaffungskosten. Preissteigerungen an den Terminmärkten müssten demnach zeitnah weitergegeben werden, um ausreichend Liquidität für künftig teurere Rohöllieferungen sicherzustellen. Nur so lasse sich die Versorgung stabil halten.
Allerdings bildet der aktuelle Börsenpreis zunächst Erwartungen über künftige Entwicklungen ab, nicht zwangsläufig eine bereits eingetretene physische Verknappung. Die Tanks an den Tankstellen sind weiterhin mit zuvor eingekauftem, günstigerem Rohöl befüllt. Die Preisbildung bewegt sich damit in einem Spannungsfeld: Einerseits stehen betriebswirtschaftliche Vorsorgeüberlegungen im Raum, andererseits agieren Mineralölunternehmen in einem wettbewerblich organisierten Markt, in dem auch strategische Margenanpassungen möglich sind.
Kritik kommt derweil vom Tankstellen-Interessenverband. Dessen Vorsitzender Herbert W. Rabl wirft den großen Mineralölkonzernen vor, die Verkaufspreise bereits jetzt anzuheben, um Margen auszuweiten. "Die Pächter, die Mitglieder unseres Verbandes, haben nichts von der Preissteigerung und wir sind auch nicht dafür verantwortlich", so Rabl gegenüber dem NDR. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ließen sich steigende Wiederbeschaffungskosten grundsätzlich auch über Zwischenfinanzierungen abfedern.
Gleichzeitig zeigen sich die Spannungen nicht mehr nur an den Terminmärkten. Auch an den Spotmärkten, an denen physisches Rohöl gehandelt wird, sind die Preise deutlich gestiegen. Der Preisanstieg beschränkt sich damit nicht allein auf spekulative Erwartungen, sondern hat die Realwirtschaft erreicht.
Auffällig ist zudem die Marktstruktur: Seit rund einem Monat notiert Brent-Rohöl am Spotmarkt über dem Preis entsprechender Brent-Zertifikate, deren Wertentwicklung an die Futures gebunden ist. Eine solche Konstellation – in der das sofort verfügbare Öl teurer ist als künftige Lieferungen – wird als Backwardation bezeichnet. Sie tritt häufig dann auf, wenn Marktteilnehmer aus Sorge vor kurzfristiger Verknappung bereit sind, für unmittelbar verfügbare Mengen eine Prämie zu zahlen.
Der starke Preisanstieg des Sportmarkt-Rohöls wird durch die Ereignisse um die Straße von Hormus doppelt getrieben: Zunächst vor allem durch Panikkäufe aufgrund der drohenden Blockade, dann zusätzlich verstärkt durch niedrigere Transportmengen und steigende Transportkosten durch die bestehende Blockade.
Bleiben Gegenmaßnahmen aus und beruhigt sich die Lage im Nahen Osten nicht bald wieder, ist es gut möglich, dass es zu weiteren Preisanstiegen bei Kraftfahrstoffen kommt, sobald die Öl- und Kraftfahrstoffreserven erschöpft sind und auf das teurere Spotmarkt-Rohöl zurückgegriffen wird.
Aus diesem Grund behalten sich CDU und SPD preisdämpfende Maßnahmen vor: "Ich will da nichts ausschließen", so Unions-Parlamentsgeschäftsführer Steffen Bilger. Man werde die Lage beobachten und mit dem Koalitionspartner weiter beraten. Maßnahmen wie eine Spritpreisbremse oder eine Senkung der Energiesteuer, mit der die Ampel-Regierung 2022 auf die Energiepreisschocks im Zuge des Ukrainekriegs vorrübergehend reagierte, wären wichtig, um die Konsum- und Exportkrise nicht noch weiter zu verschärfen.
Zudem könnten solche Maßnahmen einer drohenden Finanzmarktkrise vorbeugen: Der Dax ist vom 27. Februar bis zum 4. März um 5,9 Prozent eingebrochen. Erhöht die Europäische Zentralbank die Zinsen, weil die Euroländer nicht oder nur halbherzig reagieren, droht sie den Abwärtstrend zu verstärken, da die Finanzmärkte auf Zinsschwankungen besonders sensibel reagieren. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane kündigte gegenüber der Financial Times an, "die Entwicklungen genau zu beobachten". Das klingt mehr nach einer Drohung als nach antizyklischer Geldpolitik.
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