Makroskop
Bezemers Bilanz

Das Rezept für eine Finanzkrise im Jahr 2026? Private Credit

| 10. März 2026

Wer das langweilig findet, sollte kurz an Begriffe wie Subprime-Hypotheken oder Lehman Brothers denken – Auslöser der größten Finanzkrise der jüngeren Geschichte.

Es rumort derzeit wieder an den Finanzmärkten – diesmal im Bereich privater Kreditfonds. Der amerikanische Vermögensverwalter Blue Owl Capital vergibt solche Kredite, vor allem an Softwareunternehmen, deren Gewinne durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz künftig unter Druck geraten könnten. Viele Investoren haben ihr Geld bereits aus den Fonds zurückgezogen.

Seit Jahresbeginn haben Blue Owl und andere große Anbieter von Private Credit – darunter Blackstone, BlackRock, Apollo, KKR und Ares – rund ein Viertel ihres Börsenwerts verloren.

Jamie Dimon, Vorstandschef von JP Morgan Chase, der nach Börsenwert größten Investmentbank der Welt, warnte vergangene Woche: Der Markt für Private Credit sei ein „Rezept für eine Finanzkrise“. Intransparente Ratings, überhöhte Renditeversprechen auf Basis hoher Verschuldung und langfristige Verpflichtungen bildeten eine gefährliche Mischung. Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein. Für ihren halbjährlichen Bericht zur Finanzstabilität befragt die US-Notenbank regelmäßig Investoren und Marktteilnehmer. Auch sie nennen Private Credit derzeit als eines der größten Risiken für das Finanzsystem.

Auch in den Niederlanden bieten Banken solche hochverzinslichen, entsprechend riskanten Kreditprodukte an. Die drei großen niederländischen Banken erzielten im Jahr 2025 gemeinsam einen Gewinn von rund 14 Milliarden Euro – exakt so viel wie das Haushaltsdefizit, das die Regierung zu drastischen Sparmaßnahmen veranlasste.

Für wen das trocken klingt, sollte sich an andere einst scheinbar harmlose Begriffe erinnern: Subprime-Hypotheken, Lehman Brothers, Verbriefungen oder Credit Default Swaps. Sie lösten 2007 die schwerste Finanzkrise der jüngeren Geschichte aus – mit drastischen Sparprogrammen, einer tiefen Rezession und dem Aufstieg populistischer Bewegungen als Folge. Trotz der milliardenschweren Rettungspakete von damals sind die grundlegenden Probleme des Finanzsystems bis heute nicht gelöst.

Finanzielle Instabilität ist kein Unfall, sondern ein Konstruktionsfehler – einer, der nach der Krise von 2008 nie wirklich behoben wurde. Investoren und Banker können weiterhin nahezu ungehindert immer größere Schuldenberge aufbauen, um enorme Gewinne zu erzielen – solange es gut geht. Wenn es schiefgeht, muss der Staat einspringen, um einen noch größeren Schaden zu verhindern. Auch im Jahr 2026 könnte das wieder passieren.

Strengere Regulierung könnte diesen Mechanismus durchbrechen. Doch hier zeigt sich das zweite Problem: Der Finanzsektor hat großen politischen Einfluss. Die Kapitalpuffer der Banken sind nach wie vor zu niedrig, internationale Kapitalströme weitgehend unreguliert. Eine mächtige Lobby sorgt dafür, dass sich daran wenig ändert. So hat die niederländische Regierung jüngst sogar die Obergrenze für Bankerboni abgeschafft. Medy van der Laan, Vorsitzende des niederländischen Bankenverbands, kommentierte die Sparpolitik der Regierung mit den Worten: „Wir begrüßen, dass diese Koalition klare Entscheidungen trifft.“

Das dritte Problem ist die enorme – und weitgehend unnötige – Komplexität des Finanzsystems. Es wimmelt von Produkten und Konstruktionen, die zwar hohe Gewinne abwerfen, aber kaum etwas zur realen Wirtschaft beitragen, in der tatsächlich Güter und Dienstleistungen entstehen.

Gerade diese Komplexität macht uns abhängig von Warnungen von Insidern wie Jamie Dimon – also von jenen, die selbst Teil des Systems sind. Es ist, als müsste die Lebensmittelaufsicht vom Chef einer Wurstfabrik erfahren, dass sich im Fleisch Verunreinigungen befinden – weil sie selbst kaum noch in die Produktionshallen geht und gar nicht genau weiß, worauf sie achten müsste.

Ein viertes Problem ist die schiere Größe des Finanzsektors. In einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2015 wurde untersucht, welchen Beitrag ein immer weiter wachsendes Kreditvolumen – also immer mehr Schulden – zur wirtschaftlichen Entwicklung leistet. Der Titel lautete: „Too Much Finance“. Das Ergebnis: Ab einem bestimmten Punkt wirkt ein wachsender Finanzsektor nicht mehr förderlich, sondern schädlich für die Wirtschaft.

Seitdem ist die Finanzbranche weiter gewachsen – und mit ihr die potenziellen Risiken.

Wir haben also einen Sektor, von dem wissenschaftlich längst gezeigt wurde, dass weniger davon der Wirtschaft eher nützen würde – der aber trotzdem immer weiter wächst. Einen Sektor, der enorme Gewinne erzielt, oft auf Kosten der übrigen Gesellschaft.

Doch kaum jemand spricht über die wirtschaftlichen Risiken eines überdimensionierten Finanzsektors: über komplexe Schuldenstrukturen, Aktien, Anleihen, Credit Default Swaps, Private Credit, Venture Capital oder Versicherungsprodukte.

Die Bauernlobby etwa mag laut sein – doch sie ist bei weitem nicht so einflussreich wie der Bankenverband oder die Finanzlobby in Brüssel, deren Vertreter regelmäßig bei Politikern und Beamten vorstellig werden.

Für Regierungen und europäische Institutionen sollte die Konsequenz klar sein: Sie müssen die Kontrolle zurückgewinnen. Die Eigenkapitalpuffer der Banken müssen steigen, internationale Kapitalströme stärker reguliert werden. Die Zentralbanken sollten stärker prüfen, wofür Kredite vergeben werden und ob sie tatsächlich wirtschaftlich sinnvoll sind.

Zudem wäre die Einführung eines digitalen öffentlichen Euro sinnvoll. Eine solche staatliche Alternative zum privaten Geld würde es ermöglichen, strengere Anforderungen an die private Geldschöpfung zu stellen – weil dann ein öffentliches Backup existiert.

All das hätte bereits vor zehn Jahren passieren müssen. Wenn es weiterhin unterbleibt, ist die nächste Finanzkrise nur eine Frage der Zeit.