Die erfundene Bedrohung
Der Journalist Andreas Hoffmann räumt in seinem Buch „Die erfundene Bedrohung“ mit der Behauptung auf, das Sozialversicherungssystem sei wegen der demografischen Entwicklung nicht mehr finanzierbar.
Die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas bezeichnete Ende August 2025 die Behauptung von Friedrich Merz, unser Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar, als „Bullshit“. Eine unwürdige „Fäkalsprache“, empörte sich der Politik-Chef der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Jasper von Altenbockum. Er hat offenbar nicht mitbekommen, dass mit dem vor zwanzig Jahren erschienenen Essay „Bullshit“ des US-Philosophen Harry Frankfurt[1] dieses Wort begrifflich geadelt wurde und die Methode benennt, mit Hilfe von scheinbaren Fakten Unsinn zu verbreiten.
Der Journalist Andreas Hoffmann beschreibt sie in seinem neuen Buch „Die erfundene Bedrohung“ anhand der Dramatisierung der demografischen Entwicklung, die zu einer Ausbeutung der jungen Generation durch die wachsende Zahl von in Rente gehenden Boomern der Jahrgänge 1955 bis 1965 führen würde. Er gehört zu dieser Altersgruppe und hat sein Berufsleben weitgehend in den Hauptstadtredaktionen von Leitmedien wie dem Tagesspiegel, der Süddeutschen Zeitung und dem Stern verbracht.
Um es gleich zu sagen: Dieses Buch ist ein Leuchtturm in dem Meer von Unsinn, der über unseren Sozialsaat und seine angebliche Unbezahlbarkeit verbreitet wird. Andreas Hoffmann macht seinen Job als Journalist und unterzieht die vermeintliche Ausbeutung der jungen Erwerbstätigen durch die Rentnerinnen und Rentnern einem Faktencheck. Sein Befund: Bei allem Reformbedarf funktioniert unser auf der solidarischen Umlagefinanzierung beruhendes Sozialversicherungssystem grundsätzlich gut. Sein Umbau in ein kapitalgedecktes System von privaten Versicherungsverträgen dient nur der Finanzwirtschaft und sonst niemandem.
Malthus und die Folgen
Andreas Hoffmann beginnt sein Buch mit einem Rückblick auf Thomas Malthus, dem Paten aller Demografie-Menetekel. Er beherrschte Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinen Schriften „Principles of population“ (1798) und „Principles of economics“ (1820) die Debatte mit der Behauptung, die Bevölkerungsentwicklung übersteige die Ernährungsmöglichkeiten.
Seither ist die Beschwörung einer die Ökonomie überfordernden demografischen Entwicklung eine stets wiederholte und faktenresistente Erzählung. Hoffmann betont die kulturgeschichtliche Bedeutung von Malthus, weil er als erster Sozialphilosoph mit Zahlen und nicht nur mit Worten argumentierte. Damit begründete er die heute als Bullshit bezeichnete Methode, mit Hilfe von dressierten Daten Unsinn zu verbreiten.
Andreas Hoffmann kritisiert faktengestützt und sehr gut lesbar die Behauptungen von Professoren wie Axel Börsch-Supan, Bernd Raffelhüschen oder Martin Werding von der Unbezahlbarkeit der Sozialversicherung und der Überforderung der Ökonomie durch die Demografie. Er charakterisiert sie in Anlehnung an den Soziologen Stefan Mau als „Polarisierungsunternehmer“ mit der Schwarzmalerei als Geschäftsmodell, das sie sich durch Fakten nicht verderben lassen.
Warum die Demografie den Sozialstaat nicht gefährdet
Wer keine Zeit oder Lust hat, Andreas Hoffmanns süffig geschriebenes Buch in Gänze zu lesen, sollte sich das Kapitel 5 vornehmen. In ihm widerlegt er faktenreich die in der veröffentlichten Meinung vorherrschenden Behauptungen über die Unbezahlbarkeit des Sozialstaats.
Die rot-grüne Regierung wurde vor 20 Jahren in den Leitmedien mit der Einführung der Riester-Rente und der stufenweisen Anhebung des Rentenzugangsalters von 65 auf 67Jahre als mutige Reformerin gefeiert. Die Riester-Rente hat sich als Flop erwiesen, von dem nur die Finanzwirtschaft profitiert hat, und das auch nur kurze Zeit. Mittlerweile hat sie das Interesse an diesem Geschäft verloren.
Die Anhebung des Rentenzugangsalters hatte, wie Hoffmann zeigt, nur geringes Sparpotenzial, brachte aber der SPD großen Ärger mit ihren Stammwählern ein. Das gilt auch für die Kürzung der Bezugsdauer des an der Lohnhöhe orientierten Arbeitslosengeldes, womit die Abstiegsängste von Facharbeitern genährt wurden.
Die mit der Agenda 2010 angestrebte Senkung der Lohnnebenkosten hatte, wie Hoffmann zeigt, keinen spürbaren Effekt. Sie nahmen kurzfristig um 0,2 Prozentpunkte ab, was bei einem Stundenlohn von 20 Euro eine Ersparnis von nur 4 Cent bringt. Es war Symbolpolitik, die sich für die SPD als Rohrkrepierer erwiesen hat. Sie war mal wieder ihrer Neigung erlegen, „in jede Hose zu machen, die man ihr hinhält“ (Dieter Hildebrandt).
Weshalb wird an die demografische Bedrohung geglaubt?
Andreas Hoffmann fasst die Ergebnisse seiner Recherchen so zusammen: „Der demografische Wandel hat wenig Schuld an den Problemen von Renten-, Kranken-, Pflegeversicherung oder des Arbeitsmarktes. Es fehlt eher an einem politischen Management, das weiter denkt als bis zur nächsten Landtagswahl.“
Aber weshalb ist das so, weshalb traut sich kaum jemand in der Politik, die Probleme der Sozialversicherung zielgerecht anzupacken? Weshalb, fragt Hoffmann haben wir zum Beispiel „eine gesetzliche und eine private Krankenversicherung? Ein einheitliches System wäre gerechter, viele Kassenpatienten bekämen schneller einen Termin, und viele Privatpatienten würden nicht mehr wegen der hohen Beiträge im Alter verzweifeln.“
Andreas Hoffmann zitiert einen anonym gehaltenen namhaften Berliner Medienmenschen mit der Frage: „Wenn das, was du erzählst, stimmt, warum fallen die Leute immer wieder auf diese Masche rein? Warum lernen sie nicht dazu?“ Er verweist als Antwort auf den Ökonomie-Nobelpreisträger David Kahnemann und den „Mere-Exposure-Effekt“ von Wiederholungen: „Je öfter wir hören, dass die Alten den Wohlstand bedrohen und die Renten unbezahlbar werden, desto mehr glauben wir es.“
Damit sind wir bei einem Sachverhalt, auf den Andreas Hoffmann nicht eingeht: die Rolle der Medien als ein vom Großsoziologen Niklas Luhmann als selbstreferenziell analysiertes System. Der zitierte Medienvertreter hätte wohl besser nicht von den „Leuten“, sondern von seinem eigenen Milieu reden sollen. Denn dort wird über den Unsinn, den Andreas Hoffmann als solchen offenlegt, nicht nur berichtet, er wird zumeist auch in den Editorials und Kommentaren geteilt.
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