Handelskrieg

Trumps blinder Fleck wiegt 16 Billionen Dollar

| 02. April 2025
IMAGO / ZUMA Press Wire

Überzeugt von einem leichten Sieg, führt Trump einen Zollkrieg, um das US-Handelsdefizit zu senken. Doch er übersieht, wie bedeutend der Export von Dienstleistungen, geistigem Eigentum und Investitionen für die wirtschaftliche Dominanz der Vereinigten Staaten ist.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 zeigten die Europäer, wie wenig Wert sie dem relativ friedlichen Jahrhundert ohne Kontinentalkriege beimaßen, das auf Napoleons Niederlage bei Waterloo folgte. Wie die Historikerin Barbara W. Tuchman in ihrem 1962 erschienenen Buch The Guns of August berichtet, erfasste die öffentliche Stimmung in Berlin, Paris, London und Wien eine Welle kollektiver Euphorie – eine fieberhafte Begeisterung über die erwarteten Vorteile eines schnellen und entscheidenden Weltkriegs. Doch es kam anders. Es folgten vier Jahre des Elends und der Verwüstung.

Ein ähnliches Gefühl fehlgeleiteter Kühnheit scheint die Regierung Trump zu durchdringen, während sie ihre Angriffe auf die globale Sicherheits- und Handelsordnung der letzten 80 Jahre vorantreibt. Überzeugt von einem unvermeidlichen und leichten Sieg hat Trump der Nachkriegsordnung einseitig den Krieg erklärt. Dabei missachtete er unglücklicherweise eine Lektion von Feldmarschall Helmuth von Moltke, dem militärischen Architekten der preußischen Siegs über Frankreich von 1870/71: Kein Schlachtplan überlebt den ersten Kontakt mit dem Feind.

Trumps Kurzsichtigkeit

Auf den ersten Blick scheinen die Vereinigten Staaten gut gerüstet zu sein, um Trumps Handelskrieg gegen China und wichtige Handelspartner wie Kanada, Mexiko und die Europäische Union zu gewinnen. In seinen öffentlichen Äußerungen konzentriert sich Trump oft auf das große Handelsdefizit Amerikas bei Waren, das 2024 einen Rekordwert von 1,2 Billionen Dollar erreichte.

Das Handelsdefizit sei ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass die USA „sehr, sehr unfair und sehr schlecht“ behandelt werden, so Trump Ende Januar in seiner Rede vorm Weltwirtschaftsforum in Davos. Er droht mit dem „schönsten Wort im Wörterbuch“ – Zölle – als Vergeltungsmaßnahme, um in Kanada, Mexiko und China tätige Unternehmen unter Druck zu setzen, ihre Produktion in die USA zu verlagern und so das Handelsdefizit zu beseitigen. Da die meisten Handelspartner der USA vom Zugang zum US-Markt abhängig sind, glaubt Trump, dass er seine wirtschaftliche Macht ausspielen und die Rivalen zwingen kann, sich zu unterwerfen.

Aber Handel ist kein Schlachtfeld, und wirtschaftlicher Einfluss in einem Bereich bedeutet nicht unbedingt, dass man anderswo leicht gewinnen kann. Der grundlegende Fehler in Trumps Strategie besteht darin, dass sie sich auf das Handelsdefizit bei Waren konzentriert, während er die viel größere Rolle übersieht, die Dienstleistungen, geistiges Eigentum und Investitionen in der Weltwirtschaft spielen. Diese kurzsichtige Perspektive macht die USA anfällig für Gegenmaßnahmen, die genau die Vorteile untergraben könnten, die die Vereinigten Staaten für selbstverständlich halten.

Die offene Flanke der USA

Eine gängige Kritik an Trumps Handelsagenda lautet, dass er früher oder später erkennen wird, dass die Produktion von Waren in den USA die Kosten erhöht, den Verbrauchern schadet und die Wettbewerbsfähigkeit von US-Exporten untergräbt.

Wer so argumentiert, übersieht jedoch ein entscheidendes Detail: Die wirtschaftlichen Beziehungen der Vereinigten Staaten zum Rest der Welt gehen weit über Waren hinaus. Dienstleistungen und Investitionen sind ebenso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger. Und wenn hier potenzielle Schwachstellen liegen, gibt es für andere Länder kaum einen Grund, Gegenmaßnahmen zu unterlasen.

Insbesondere bei Dienstleistungen verzeichnen die USA einen beträchtlichen Überschuss. 2023 waren es 278 Milliarden US-Dollar. Der Dienstleistungssektor wird von Branchen wie Finanzen, Telekommunikation, digitalem Handel, hochwertigen Unternehmensdienstleistungen und der Lizenzierung amerikanischer Patente und Urheberrechte angetrieben.

Doch diese Zahl spiegelt nur die Direktverkäufe aus den USA an ausländische Verbraucher wider. Tatsächlich sind die meisten großen US-Unternehmen über ausländische Tochtergesellschaften weltweit tätig. Im Jahr 2024 lagen die Gewinne aus dem Auslandsgeschäft bei 632 Milliarden US-Dollar. Wenn man diese Einnahmen berücksichtigt, nähert sich der unsichtbare Handelsüberschuss der USA einer Billion US-Dollar.

Darüber hinaus nutzen in den USA ansässige Unternehmen wie Apple, Google, Microsoft, Facebook, Nvidia, Johnson & Johnson und Tesla ihre innovationsbasierte Marktmacht, um auf der ganzen Welt Profite zu erzielen. Würden diese Firmen von anderen Ländern mit Zöllen in gleicher Höhe belegt, wie sie Trump anwendet, können sie die Kosten nicht an ausländische Kunden weitergeben. Schließlich hätten sie die Preise längst erhöht, wenn sie dadurch keine Gewinneinbußen erleiden würden.

Wenn wir die ausländischen Gewinne US-amerikanischer Unternehmen mit 26 multiplizieren – dem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von S&P-500-Unternehmen – lässt sich der Wert der US-Investitionen im Ausland auf 16,4 Billionen US-Dollar schätzen. Im Gegensatz dazu erwirtschafteten ausländische Unternehmen, die in den USA tätig sind, im Jahr 2024 nur 347 Milliarden US-Dollar.

Tatsächlich gleicht der Überschuss der USA bei Dienstleistungen und ausländischen Kapitaleinkünften das Handelsdefizit bei Waren nahezu aus. Das macht die 16,4 Billionen US-Dollar an Auslandsvermögen von US-amerikanischen Unternehmen zu einem weitaus attraktiveren Ziel für Vergeltungsmaßnahmen als Zölle auf US-Exporte.

Die herausragende Bedeutung des TRIPS

Die US-Dominanz im Bereich der Technologie und des geistigen Eigentums, die den massiven Dienstleistungsüberschuss und das Eigenkapitaleinkommen sichert, ist in der internationalen Nachkriegsordnung verwurzelt – insbesondere in der Abmachung, die die internationale Gemeinschaft 1994 während der sogenannten Uruguay-Runde der Welthandelsorganisation getroffen hat.

Im Rahmen des daraus resultierenden Übereinkommens über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS) verpflichteten sich die Entwicklungsländer, den Schutz geistigen Eigentums aus Industrieländern im Gegenzug für Marktzugang durchzusetzen.

Wie jüngste Untersuchungen das Makroökonomen David Hémous und Kollegen zeigen, hat TRIPS für die meisten Entwicklungsländer erhebliche Kosten verursacht. Dennoch haben sie das Übereinkommen als Preis für einen besseren Zugang zu westlichen Märkten akzeptiert. Aber wenn die USA nun als Vertragsbrecher angesehen werden, warum sollten dann die Schwellenländer ihren Teil der Abmachung einhalten?

Viele Länder hätten einen Anreiz, das TRIPS-Abkommen anzufechten, vielleicht sogar koordinierte Anstrengungen zu unternehmen, um es zu schwächen oder ganz aufzugeben. Das würde schutzrechtsintensive Branchen wie Technologie, Pharmazie oder Unterhaltung gefährden.

Während sich die Debatte in den USA und im Ausland um Zölle und ihre Auswirkungen auf Preise und Exporte dreht, werden manche Staaten sich bald fragen, ob der Schutz der wertvollsten Wirtschaftsgüter der USA – geistiges Eigentum und globale Mechanismen, die seine Inwertsetzung ermöglichen – noch ihren Interessen dient. Werden diese Schutzmaßnahmen allmählich ausgehöhlt, sehen Trump und seine Gefolgsleute vielleicht ein, dass die multilaterale Ordnung für die USA doch nicht so nachteilig war und es sich vielleicht nicht lohnt, sie zu zerstören.

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