Wie der Neoliberalismus die Care-Arbeit in die Krise führt
Von KiTa-Krise bis Pflege-Notstand: Die soziale Reproduktion ist ökonomisch in die Enge getrieben. Wie es dazu kam und warum das vermeidbar wäre.
Mit bunt bemalten Schildern protestieren junge Eltern gegen das mangelnde Kita-Angebot in Willich, Nordrhein-Westfalen. Sie haben Schwierigkeiten, einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden. Selbst die Glücklichen, die einen Platz ergattern konnten, sehen sich teils mit reduzierten Betreuungszeiten konfrontiert. Die Stimmung reicht von sauer bis verzweifelt. Und das nicht nur in Willich: Medien verschiedener Regionen Deutschlands, wie in diesem Fall der WDR im April 2023, sind voll von Berichten dieser Art.
Letztes Jahr fehlten 384.000 Kita-Plätze, gibt die Bertelsmann-Stiftung an. Die finanziell oft auf zwei Einkommen angewiesenen Familien stellt das mitunter vor existenzielle Herausforderungen. Wenn die Kita das Kind nicht betreut und keine engagierten Großeltern einspringen können, müssen die Eltern sich selbst kümmern. Entweder zusätzlich zur normalen Lohnarbeit oder mit reduzierten Stunden, was im letzten Fall Verdienstausfälle und geringere Einkommen bedeutet. Verantwortliche Kommunen rechtfertigen die prekäre Situation mit Personalmangel und fehlendem Geld.
Nicht nur bei der Kinderbetreuung zeigt sich eine Notlage, die in der Fachliteratur häufig als Krise der Care-Arbeit bezeichnet wird. Auch in der Altenpflege ist das Problem virulent. Das staatliche Pflegegeld reicht kaum, um einen Vollzeit-Pflegeplatz zu bezahlen und die Kapazitäten sind aufgrund von mangelndem Personal beschränkt. Im Zweifel muss die Pflege von den Angehörigen selbst übernommen werden – in der Praxis meist von Frauen. Erneut drohen Überlastungen und Einkommensausfälle.
Die Existenz einer Care-Krise liegt auf der Hand. Doch wie lässt sie sich erklären und warum scheint sie sich gerade in jüngster Vergangenheit zuzuspitzen?
Produktion, Reproduktion und Kapitalismus
Einen Ansatz dazu liefert die amerikanische Philosophin, kritische Theoretikerin und Feministin Nancy Fraser. Unter anderem im Kapitel Gender, Capital, and Care des Buches Why Gender, argumentiert sie, der Kapitalismus, besonders in seiner neoliberalen Form der jüngsten Vergangenheit, erzeuge eine Prekarisierung der Care-Arbeit – beziehungsweise der sozialen Reproduktion, wie Fraser sie nennt.
Fraser definiert den Aufbau und die Aufrechterhaltung sozialer Bindungen als soziale Reproduktion. Praktisch fallen darunter zum einen das Gebären und Aufziehen von Kindern sowie die Pflege der alten Generation, zum anderen jedoch auch Freund- und Nachbarschaften sowie Beziehungen zur Familie und anderen Gemeinschaften.
Die materielle und emotionale Reproduktionsarbeit ist die Grundlage für soziale Kooperation. Ohne sie ist gesellschaftliche Zusammenarbeit nicht möglich. Ohne soziale Reproduktion keine Wirtschaft, keine Politik, keine Kultur. Auch für die Aufrechterhaltung und Optimierung der kapitalistischen Produktion sind Care-Arbeit und soziale Reproduktion essenziell. Zugespitzt: Produktion ist abhängig von Reproduktion.
Das (neoliberale) kapitalistische System führt die soziale Reproduktion – und damit seine eigene Basis – in die Krise, argumentiert Fraser. Um die herrschenden Dynamiken zu verstehen, blickt sie auf die Entwicklung des Kapitalismus und seinen Umgang mit der Reproduktion im Zeitverlauf.
Von Kinderarbeit zum Familieneinkommen
Dabei identifiziert sie drei verschiedene Formen kapitalistischer Vergesellschaftung: den liberalen, kompetitiven Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts, den staatlich organisierten Kapitalismus der Nachkriegszeit sowie den neoliberalen, finanzialisierten Kapitalismus der Gegenwart.
Die erste Phase war geprägt durch die aufkommende Industrieproduktion und mangelnden Arbeitsschutz. Um das nackte Überleben der arbeitenden Klasse sicherzustellen, arbeiteten selbst Frauen und Kinder den Großteil des Tages in den Fabriken. Dies führte zu einer Krise in zweierlei Hinsicht: Zum einen, so Fraser, waren ärmere Familien nicht mehr in der Lage, die soziale Reproduktionsarbeit im ausreichenden Maße zu leisten; zum anderen verursachte die Lage eine Panik in der Mittelschicht, welche die bürgerliche Familie in Gefahr sah.
Gemeinsam sorgten Mittelklasse-Reformer und Arbeiterorganisationen für eine Regulierung der Arbeitsbedingungen. Frauen und Kinder sollten von der prekären Arbeit ausgenommen werden und sich im sicheren Familienheim um die soziale Reproduktion kümmern. Da aber die Löhne nicht ausreichend stiegen, linderte das die finanzielle Not der Arbeiterfamilien damals noch nicht.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die im globalen Norden mit hohen Wachstumsraten und erweiterten Verteilungsspielräumen einherging, änderte sich das System. Einhergehend mit erstarkten Gewerkschaften und einem Zeitgeist, der eine gesunde und gebildete Arbeiterschaft anstrebte, stiegen die Reallöhne. Der Staat investierte vermehrt in die öffentliche Daseinsvorsorge.
Das Ergebnis war ein neues gesellschaftliches Modell: das Familieneinkommen. Der Mann erzielte einen Lohn, mit dem er die ganze Familie ernähren konnte, während die Frau unentlohnt die Reproduktionsarbeit zu Hause übernahm. Da Handlungsfähigkeit im Kapitalismus mit dem Besitz von Geld einhergeht und Frauen in dieser Phase durch den Ausschluss vom Lohneinkommen weitestgehend von einem autonomen Geldfluss abgeschnitten wurden, mussten sie sich in der Regel dem Mann und „Familienernährer“ unterordnen.
Zweiverdienerhaushalt nach der neoliberalen Wende
Mit dem Preisschock der Ölkrise in den 1970ern kam das Modell der Nachkriegszeit langsam ins Wanken. Durch die importierte Inflation fand sich die Politik in einer Situation wieder, die mit nationalen Mitteln zunächst nicht lösbar schien.
Die Krise bereitete damit das Feld für neoliberale Argumente: Hohe Löhne und eine expansive Fiskalpolitik seien schlecht für die Wirtschaft. Der Einzelne müsse mehr Leistung erbringen, um Schmied seines materiellen Glückes zu werden. Die neu entstehende Form des Kapitalismus, nach Fraser der neoliberale Finanzkapitalismus, charakterisiert sich durch staatliche Austerität, den Rückbau sozialer Wohlfahrtsprogramme, vergleichsweise niedrige Reallöhne und zunehmende Frauenerwerbstätigkeit.
Der Doppelverdiener-Haushalt löste das Familieneinkommen als neues Reproduktionsmodell ab. Da die Reallöhne tendenziell nicht mehr ausreichten, um eine ganze Familie zu ernähren, war es nun auch unter finanziellen Geschichtspunkten nötig, dass beide Partner einer Lohnarbeit nachgingen.
Fraser erklärt die stagnierenden Reallöhne der neoliberalen Ära mit der sich verändernden Wirtschaftsstruktur von überwiegend gewerkschaftlich organisierter Industriearbeit hin zu einem nicht gewerkschaftlich organisierten Dienstleistungssektor. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: Von 1950 bis 2019 stieg in Deutschland der Anteil der Beschäftigten im tertiären Sektor von 32,5 auf 74,5 Prozent. Und während 1998 noch für 76 Prozent der Beschäftigten eine Tarifbindung bestand, waren es 2023 nur noch 49 Prozent.
Druck auf die Reallöhne übten in Deutschland auch die Agenda-2010-Reformen aus. Zwischen 2003 und 2005 wurde unter Kanzler Gerhard Schröder der Arbeitsmarkt dereguliert und das Arbeitslosengeld gekürzt. Auf diese Weise bildete sich in 00er-Jahren ein großer Niedriglohnsektor mit stagnierenden Reallöhnen heraus. Ein deutlicher Reallohneinbruch folgte zudem sowohl nach der Corona- als auch der Energiekrise in Folge des russischen Einmarschs in die Ukraine. Beide Entwicklungen gehen aus folgender Grafik hervor:
Schuldenbremse und billige Arbeitsmigration
Mit der doppelten Lohnarbeit von Frau und Mann innerhalb der Familie fehlt die Zeit für private Reproduktionsarbeit. Die Situation erinnert in abgeschwächter Form an den liberalen Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Wer es sich heute leisten kann, lagert die Arbeit an den Markt aus – vorausgesetzt, der warenförmige Care-Sektor weist entsprechende Kapazitäten auf.
Dass das häufig nicht der Fall ist, zeigen nicht nur Kita-Krise und fehlende Betreuungsplätze. Unter der Last der Schuldenbremse kürzt die Regierung eine Sozialmaßnahme nach der anderen – etwa das gerade reformierte Bürgergeld oder die Kindergrundsicherung. Gleichzeitig ermutigt der Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck die Deutschen, noch mehr zu arbeiten, um das Wirtschaftswachstum anzutreiben. Wie dabei die soziale Reproduktion gestemmt werden soll, die jetzt schon in der Krise ist? Keine Antwort.
Eine Möglichkeit, die Lücke zu füllen, ohne an der Schuldenbremse zu rütteln, ist der Import billiger (weiblicher) Arbeitskraft aus der Peripherie. Um etwa in der Altenpflege günstige Reproduktionskapazitäten zu schaffen, werden Menschen aus dem Globalen Süden angeworben, die zu Niedriglöhnen die Care-Arbeit erledigen sollen, für die sich unter diesen Bedingungen in Deutschland nicht genug Menschen finden.
Um die Arbeitsmigration zu fördern, hat die Bundesregierung das Gesetz zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung beschlossen. Die Kehrseite dieser Politik, so argumentiert Fraser: die bei uns erweiterten Reproduktionskapazitäten fehlen in den Heimatländern – eine prekäre Kette, die das Problem auf immer ärmere Menschen abwälzt.
Auswege aus dem Dilemma
Zusammengefasst: Die Kombination aus staatlicher Austerität und niedrigen Reallöhnen stellt die soziale Reproduktion vor ein Dilemma. Zum einen erlauben die niedrigen Reallöhne es den Familien häufig nicht, die Lohnarbeit in Summe so stark zu reduzieren, dass Sorgearbeit, wie im Zeitalter des Familieneinkommens, im Privaten erledigt werden kann – zumindest nicht, ohne dabei stark an Wohlstand einzubüßen. Auf der anderen Seite ist auch eine Auslagerung in den Markt kaum möglich, da der Staat aufgrund seiner Sparpolitik keine brauchbaren Alternativen bereitstellt, beispielsweise in Form eines guten Kita-Angebots.
Welchen Ausweg aus dem Dilemma gibt es? Auf der einen Seite fördern starke Gewerkschaften die Lohnentwicklung. Deswegen ist es auch an der Politik, die Tarifbindung und damit die Verhandlungsmacht von Gewerkschaften zu fördern. Wünschenswert – wenn auch angesichts der Tarifautonomie realpolitisch schwierig umzusetzen – wäre es, unter Berücksichtigung der Produktivitätsentwicklung in die Lohnpolitik einzugreifen. Denkbar ist auch eine Unternehmensbeteiligung der Belegschaften, wenngleich sie eine Einschränkung der internationalen Kapitalmobilität voraussetzt. Und soll die öffentliche Daseinsvorsorge ihren wachsenden Aufgaben gerecht werden, ist eine Reform oder Abschaffung der Schuldenbremse unumgänglich.