Wie der Wirtschaftsnobelpreis falsche Erwartungen weckt
Der „Wirtschaftsnobelpreis“ verleiht seinen Trägern Autorität und Prestige. Dabei ist der Preis eigentlich kein Nobelpreis – und prägt dennoch die öffentliche Wahrnehmung.
Alle Jahre wieder verleiht die Königliche Schwedische Wissenschaftsakademie den „Wirtschaftsnobelpreis“. Zumindest im Volksmund wird er so genannt. Anders als die Nobelpreise der anderen Disziplinen heißt der populäre Wirtschaftspreis eigentlich gar nicht so. Der korrekte Name: „Preis der schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft in Gedenken an Alfred Nobel“ – und das hat seinen Grund.
In diesem Jahr hat die schwedische Wissenschaftsakademie Daron Acemoglu, Simon Johnson und James Robinson ausgezeichnet. „Für Studien dazu, wie Institutionen entstehen und Wohlstand schaffen“, verkündete das Preiskomitee. „Sie haben uns geholfen, die Wohlstandunterschiede zwischen Nationen zu verstehen“, so die offizielle Begründung für die Vergabe des Preises weiter.
In den anderen, naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden teils bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse mit Nobelpreisen prämiert. Die Verleihung eines „Nobelpreises“ für Arbeiten der Wirtschaftswissenschaften erzeugt so auch hier einen Eindruck von Autorität. Doch ist diese Autorität gerechtfertigt?
Kein echter Nobelpreis
Seit 1901 wird der Nobelpreis vergeben. Der Name und die Motivation für den Preis gehen auf den Schweden und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel zurück. Dieser legte in seinem Testament fest, dass mit seinem Vermögen eine Stiftung gegründet werden solle, die mit den ebenfalls aus seinem Vermögen entstehenden Zinserträgen die größten Leistungen der Menschheit in verschiedenen Disziplinen prämieren solle.
Bereiche, die Nobel für preiswürdig hielt, waren Physik, Chemie, Physiologie beziehungsweise Medizin, Literatur sowie Bemühungen für den Frieden. Explizit sah der Stifter keinen Preis für Ökonomie vor. Im Vergleich zu den anderen Disziplinen hielt Nobel die „Wirtschaftswissenschaften“ für zu unpräzise und den anderen Wissenschaften nicht ebenbürtig.
Teile der Nachwelt, zumindest aus der Ökonomie, sahen das anders. Und so entstand nach dem Tod des Erfinders im Jahr 1968 der „Preis der schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel“. Wie der Name schon andeutet: Der neue Preis wird nicht aus dem Vermögen von Nobel gezahlt, sondern von der schwedischen Nationalbank. Den Namen des Nobelpreisstifters trägt er trotzdem. Alljährlich wird der neue Preis nun mit den Nobelpreisen verliehen.
„Die Existenz des Preises ist an sich schon eine wissenschaftspolitische Meisterleistung. Für die Öffentlichkeit erhalten Träger des Preises einen Nimbus, welcher dem der Naturwissenschaften hinsichtlich Exaktheit und Erklärungskraft von Gesetzmäßigkeiten gleichkommt. Anders die Sozialwissenschaften: Die haben ja keinen Nobelpreis“, so Stephan Panther, Professor an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz.
Keine Naturwissenschaft
Ob Ökonomie eine (Natur-)Wissenschaft ist, diskutiert auch der Sozialwissenschaftler Andri W. Stahel in seinem Papier Is Economics a science?. Der Autor kritisiert die Anmaßung des neoklassischen Mainstreams, Ökonomie in Anlehnung an die Newton’sche Physik mit mathematischen Modellen, die universellen Geltungsanspruch proklamieren, erklären zu wollen. Wie in den Naturwissenschaften funktioniere der Markt nach bestimmten „Naturgesetzen“.
Auch Panther hält die gedankliche Assoziation der Economics mit den Naturwissenschaften und ihren überzeitlich gültigen wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten für bedenklich: „Damit wird im öffentlichen Diskurs dem Gedanken der gesellschaftlicher Gestaltbarkeit wirtschaftlicher Verhältnisse erheblicher Schaden zugefügt“.
Mit ihren häufig nicht überprüfbaren Annahmen, so erneut Stahel, widersprächen die Modelle zudem dem wissenschaftlichen Standard, der – gemäß dem kritischen Rationalismus des Philosophen Karl Popper – die Notwendigkeit der Falsifizierbarkeit, also der Widerlegbarkeit, vorsieht. Widerspruch kommt etwa vom „Wirtschaftsnobelpreisträger“ Milton Friedman: entscheidend sei, dass die Modelle die Realität adäquat erklären könnten. Doch ist das der Fall?
Die Frage nach der empirischen Richtigkeit stellt sich auch bei den Preisvergabekriterien. Während die prämierten Arbeiten in den naturwissenschaftlichen Disziplinen an ihrer Richtigkeit in der empirischen Realität gemessen werden, so der Wirtschaftsblogger Noah Smith, ist in den Wirtschaftswissenschaften etwas anderes entscheidend: Popularität und Einfluss.
Popularität oder Wahrheit?
Die Ökonomen-Community hat schon länger darüber spekuliert, dass Daron Acemoğlu irgendwann einen Wirtschaftsnobelpreis erhält. Die Frage war vielmehr nicht ob, sondern wann er ausgezeichnet wird. In atemberaubendem Tempo veröffentlichte der türkisch-US-amerikanische Ökonom wissenschaftliche Paper und wurde herausragend häufig zitiert. Ein Themenbereich sticht dabei besonders heraus: Institutionen und wirtschaftliche Entwicklung – jener Bereich, der jetzt den Nobelpreis erhält.
Die Grundthese des diesjährig prämierten Papers ist, dass die Art der Institutionen, die die Europäer in ihren Kolonien installierten, entscheidend dafür war, ob das Land langfristig einen hohen Lebensstandard erreichte oder nicht. Seien diese inklusiv, also mit Möglichkeiten der politischen und wirtschaftlichen Beteiligung, steige der Lebensstandard. Sind sie eher extraktiv, also werden Ressourcen vom Ausland abgeschöpft und Arbeitskräfte ausgebeutet, bliebe das Land arm.
Entscheidend für die Art der Institutionen sei die Überlebensfähigkeit der Kolonisatoren vor Ort, etwa mit Blick auf lokale Krankheiten. War diese hoch und viele Europäer zogen in das Land, seien Institutionen eher inklusiv und vice versa. Kritiker, wie Edward L. Glaeser von der Harvard Universität und Kollegen, argumentieren hingegen, der steigende Lebensstandard könne genauso in dem technologischen Wissen begründet sein, das die europäischen Zuwanderer mitbrachten. Der große Einfluss der Institutionen ist also gar nicht unbedingt gesichert – was sogar das Nobelkomitee anmerkte.
Welches Fazit lässt sich daraus ziehen? Vom Wirtschaftsnobelpreis prämierte Erkenntnisse sind gar nicht unbedingt gesichert, wie Noah Smith sinngemäß sagt. In den Naturwissenschaften hätte es wohl keinen Nobelpreis für Acemoglu, Johnson und Robinson gegeben, in den Wirtschaftswissenschaften schon. Was wohl Alfred Nobel dazu gesagt hätte?
Ein Preis des Mainstreams
Die Kritik soll die drei Ökonomen jedoch keineswegs ins Abseits stellen. „Die Arbeiten von Acemoglu und Co. haben den Zusammenhang von Verteilungs- und Machtfragen sowie institutioneller Qualität quasi im Alleingang im ökonomischen Mainstream thematisierbar gemacht“, sagt Professor Panther. Außerdem helfe ihre These, den schädlichen Einfluss der europäischen Kolonisation auf die wirtschaftliche Entwicklung im Globalen Süden theoretisch zu begreifen.
Dies passiere allerdings in den typischen Grenzen des Mainstreams. Die normative Monopolstellung der „Effizienz“ werde etwa nicht in Frage gestellt, sondern vielmehr gezeigt, dass (zu starke) ökonomische und politische Ungleichheit ineffizient ist. Auch blieben der Wandel von Normen und Präferenzen sowie weitere Facetten von Macht außerhalb des Blickfelds, so Panther.
Klar ist weiterhin: Der Wirtschaftsnobelpreis ist ein Preis des Mainstreams. „Der einzige heterodoxe Autor, der je diesen Preis erhielt, war Gunnar Myrdal. Zudem hatte die Preisverleihung beginnend in der Mitte der 70er-Jahre bis Ende der 90er Jahre eine klare Schlagseite zu Gunsten der Neoliberalisierung. Heute ist er deutlich ökumenischer in den Grenzen des Mainstreams, wie auch diese Preisverleihung zeigt“, sagt Panther.
Gunnar Myrdal gilt aufgrund seiner interdisziplinären Herangehensweise, seinem kritischen Blick auf die traditionellen ökonomischen Modelle sowie seiner Betonung sozialwissenschaftlicher Konzepte wie Institutionen und sozialer Ungleichheit als heterodoxer Nobelpreisträger. Seine Auszeichnung bekam er für die theoretische Arbeit zu Geld und Konjunktur, die er zusammen mit dem politisch gegensätzlichen Friedrich August von Hayek veröffentlichte.
Zweifelhafte Autorität
Die Verleihung eines Wirtschaftsnobelpreises strahlt Autorität aus. Besonders neben den anderen Nobelpreisen, die teils bahnbrechende Erkenntnisse der Menschheit prämieren, erzeugen mit einem vermeintlichen Nobelpreis ausgezeichnete Arbeiten der Wirtschaftswissenschaften den Eindruck, diese seien ähnlich bahnbrechend und lieferten wertvolle Erkenntnisse über elementare wirtschaftliche Zusammenhänge.
Ist diese Autorität gerechtfertigt? Die Tatsache, dass nicht wenige Arbeiten, die einen Wirtschaftsnobelpreis erhielten, später stark umstritten waren, lässt zumindest daran zweifeln. Ein weiterer Punkt ist, dass diese Autorität durch die inhaltliche Aufstellung des Nobelpreiskomitees fast ausschließlich Autorinnen und Autoren des Mainstreams zugutekommt, was dessen hegemonialen Status weiter zementiert.
Selbst der liberale Friedrich August von Hayek nutzte seine Bankettrede als Nobelpreisgewinner, um den Preis zu kritisieren. Unter anderem sagte er: „Es geht darum, dass der Nobelpreis einer Person eine Autorität verleiht, die in der Wirtschaft niemand besitzen sollte.“