Preisbildung

Wie das Finanzsystem zum Problem wurde

| 03. Dezember 2023
IMAGO / Jochen Tack

Das Finanzsystem macht das Politische überflüssig. Wenn jeder sehen kann, wie hoch der Preis ist, gibt es nichts mehr zu diskutieren, weil auch Klimaschutz zu teuer ist.

Früher waren die Finanzen ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst. Vom Essen über die Wohnung bis hin zum Familienurlaub – alles in unserem Alltag muss irgendwie bezahlt werden. Wenn wir kein Bargeld zur Hand haben, wenden wir uns an einen Kreditgeber, um einen Kredit zu erhalten. 

Unternehmen tun das Gleiche. Sie finanzieren ihre Geschäftstätigkeit regelmäßig durch die Aufnahme von Krediten oder die Ausgabe von Aktien an Investoren, die ihr Geld in der Erwartung künftiger Renditen zur Verfügung stellen. Indem sie diese Gegenparteien zusammenbringen, spielen die Kapitalmärkte eine entscheidende Rolle in der Wirtschaft. So weit, so gut.

Aber das Finanzsystem ist nicht mehr nur ein Vermittler, der Geld von Sparern an Kreditnehmer weiterleitet. Seine Funktion beschränkt sich nicht mehr darauf, Geld in die Hände von Menschen zu geben, die sich verpflichten, das Kapital plus Zinsen in der Zukunft zurückzuzahlen. Der Finanzsektor sitzt jetzt vielmehr an den Schalthebeln und bestimmt maßgeblich die Agenda für andere, einschließlich der Regierungen.

Daraus ergeben sich zwei große Probleme: Das Finanzwesen handelt nicht nur dumm, es ist auch gefährlich. Es ist dumm, weil es nur Zahlen lesen kann und nicht in der Lage ist, schwierige soziale Probleme oder komplexe Geschäfts- oder Entwicklungsstrategien zu verstehen, geschweige denn zu bewerten. Und es ist gefährlich, weil die Leute an der Spitze der Finanzinstitutionen sich für klüger halten als sie sind und deshalb glauben, sie müssten das Schiff, auf dem wir alle stehen, steuern.

Problemlösung wird durch Preisbildung ersetzt

Wenn man nur auf die Preisschilder schaut, scheint es einfach zu sein, die Welt zu beherrschen. Alles wird miteinander vergleichbar. Um Profit zu machen, muss man nur noch zu einem niedrigen Preis kaufen und zu einem hohen Preis verkaufen. Sofern man nicht zu den wenigen Anlegern mit moralischen Prinzipien gehört, die ein gutes Gefühl bei der Art ihrer Investition haben wollen, spielt es kaum eine Rolle, was man kauft oder verkauft. Der Preismechanismus macht es überflüssig, die tatsächlichen Qualitäten, negativen Eigenschaften oder möglichen Nebenwirkungen eines Vermögenswertes zu verstehen.

Je weniger Anleger über diese Dinge wissen oder sich darum kümmern, desto liquider ist der Markt. Aus diesem Grund sind Vermögenswerte, die es schon lange gibt – zu Beispiel Aktien von Öl- und Gasunternehmen –, attraktiver als neuere Vermögenswerte. Die Preise von Vermögenswerten, die sich noch nicht bewährt haben, sind weniger zuverlässig – unabhängig von den Vorteilen, die sie bieten können.

Das Finanzsystem macht also eine Debatte überflüssig. Wenn jeder sehen kann, wie hoch der Preis ist, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Wenn man glaubt, dass ein Vermögenswert überbewertet ist, kann man ihn leerverkaufen. Die Märkte brauchen keine politischen Erwägungen, sie regeln die Dinge hier und jetzt, indem sie die Ressourcen dem Meistbietenden wieder und wieder zuweisen.

Diese Tendenz, die Problemlösung durch Preisbildung zu ersetzen, ist jedoch nicht auf die Marktteilnehmer beschränkt. Viele Regierungen haben – freiwillig oder unfreiwillig – den gleichen Ansatz gewählt – und sei es nur, um die Bedingungen ihrer Gläubiger zu erfüllen. In den Vereinigten Staaten ist das Congressional Budget Office verpflichtet, Kosten und Nutzen von Gesetzen zu beziffern, und Gerichte haben gelegentlich Maßnahmen von Behörden für ungültig erklärt, die keine solche Analyse enthielten. So wurde beispielsweise die Einstufung des Versicherungsunternehmens MetLife als systemrelevantes Finanzinstitut aus diesen Gründen erfolgreich angefochten.

Alles auf eine Zahl zu reduzieren, hat seinen Preis

Aber alles auf eine Zahl zu reduzieren, hat seinen Preis. Wir müssen so tun, als wären die Preisunterschiede zwischen Waren und Dienstleistungen das Einzige, was zählt, obwohl wir es alle besser wissen. Das führt dazu, dass wir Fabriken und Waren mit der Natur, der Gesundheit, dem Glück, dem Klima und dem Leben selbst in einen Topf werfen. Und Themen, die sich nicht in Preisen ausdrücken lassen, wie etwa Fragen der Gerechtigkeit, werden einfach ignoriert.

Dieser beschränkten Weltsicht verdanken wir „Lösungen“ wie die Verbriefung zur Förderung des Wohneigentums, ein privates Rentensystem zur Entwicklung oder Vertiefung der Finanzmärkte und grüne Investments zur Bekämpfung des Klimawandels. Schaffe einen Vermögenswert mit einem Preisschild, und die Investoren werden in Scharen kommen. Vor allem, wenn sie sich auf den häufig auftretenden Fall impliziter staatlicher Garantien gegen mögliche Verluste verlassen können.

Aber was resultiert daraus? Wir haben einen Hypothekenmarkt, der einen Boom im Baugewerbe und bei den Hauspreisen begünstigt hat, aber die Immobilienkrise nicht lösen konnte. Wir haben ein Rentensystem, das ständig sichere Anlagen braucht, um seinen künftigen Verpflichtungen nachzukommen, selbst wenn das bedeutet, weiter in Öl und Gas zu investieren. Und die Art und Weise, wie Energie beschafft, erzeugt und verteilt wird, verändert sich nur mit einer Verzögerung von Jahrzehnten, weil grüne Vermögenswerte diese Transformation nicht leisten können. Unser Vertrauen in die „Magie des Marktes“ hat uns ein aufgeblähtes, instabiles Finanzsystem beschert, das ständig von den Zentralbanken überwacht werden muss, damit es nicht implodiert und die Wirtschaft mit sich reißt.

Nichts davon ergibt viel Sinn. Schließlich sind Preise ein schlechter Indikator für die Zukunft, die von Natur aus unbekannt und unvorhersehbar ist, insbesondere, wenn es starke Anzeichen dafür gibt, dass sie sich erheblich von der Vergangenheit unterscheiden wird. In den 1930er-Jahren argumentierte John Maynard Keynes, dass man nicht wissen könne, ob und wann ein weiterer Weltkrieg ausbrechen würde oder wie hoch die Inflationsrate in den 1960er-Jahren sein würde. Im Jahr 2023 wissen wir nicht, wie schnell sich der Klimawandel beschleunigen wird, wo die nächsten Waldbrände ausbrechen werden oder welche Teile der Welt von verheerenden Dürren, Überschwemmungen usw. betroffen sein werden.

Da diese Szenarien unsicher sind, ist es für die Märkte unmöglich, sie genau zu bepreisen. Aber wenn man die wissenschaftlichen Beweise nicht ignoriert, kann man eines mit Sicherheit sagen: Es wird weitere klimabedingte Zerstörungen geben, und wir können nicht absehen, welche zusätzlichen sozialen und politischen Folgen dies haben könnte.

Schlimmer noch: Da die Finanzwelt das Sagen hat, haben wir uns damit abgefunden, dass die naheliegendste Lösung – die sofortige Reduzierung der Emissionen – zu „teuer“ ist. Aus diesem Grund halten sich immer mehr Unternehmen und Regierungen nicht mehr an ihre Zusagen zur Emissionsreduzierung, verwässern bereits gesetzte Ziele oder verzögern die Maßnahmen zu deren Umsetzung.

Die Finanzialisierung ist so weit fortgeschritten, dass wir Politik verlernt zu haben scheinen. Indem wir uns blind auf Preisschilder verlassen, haben wir uns der Fähigkeit beraubt, einen Konsens zu finden und wirksame Strategien zu entwickeln, um zu verhindern, dass die höchsten Kosten denjenigen aufgebürdet werden, deren Leben nicht „eingepreist“ ist. Niemand profitiert mehr von dieser Misere als die Finanzwelt. Aber diese Profite können nicht ewig anhalten.