Makroskop
Shareholder Value

Die Folgen des Finanzkapitalismus

| 11. November 2025
IMAGO / bonn-sequenz

Die Finanzialisierung der Wirtschaft hat vieles verändert. Was macht den neuen Finanzkapitalismus aus – und welche Folgen hat das für die Zukunft?

Gewinne, die vermehrt über finanzielle Kanäle entstehen, hohe Dividendenzahlungen, gedämpftes Lohnwachstum und zurückhaltende Investitionen – mit dem Beginn des Neoliberalismus ab Ende der 1970er Jahre ensteht auch eine neue Form des Kapitalismus. Namen für dieses Phänomens gibt es verschiedene: Finanzialisierung oder Finanzkapitalismus sind nur zwei.

Welchen Namen man ihr auch geben mag, die Entwicklung hat tiefe Spuren im Finanz- und Wirtschaftssystem hinterlassen und gipfelte 2007/2008 in einer weltweiten Finanzkrise. Die Folgen reichen noch bis heute und darüber hinaus. Was also charakterisiert die Finanzialisierung?

Finanzialisierung im Bankensektor

War das „goldenen Zeitalter“ des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg noch von einem starken Lohn- und Wirtschaftswachstum geprägt, hat sich mit der neoliberalen Wende Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre die Wirtschaftsstruktur der Welt und Deutschlands tiefgreifend geändert.

Mit dem Ende von Bretton Woods setze sich ein neues internationales Wirtschaftssystem durch, das auf freie Kapitalmobilität und flexible Wechselkurse setzte. Begleitet wurde der Richtungswechsel von einem internationalen Trend zu Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte und -institute. Der Markt sollte es von nun an regeln.

Einhergehend mit neuen Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie schuf die neue Politik die Basis für maßgebliche Veränderungen im Bankensystem. Auch wenn etwa die Unternehmensfinanzierung in Deutschland anders als in den USA noch immer primär über klassische Bankkredite statt über die Kapitalmärkte läuft, haben die großen Banken ihren Geschäftsschwerpunkt verschoben. Einen Überblick gibt das Paper von Daniel Detzer.

Machte zuvor das Großkundengeschäft im Verhältnis zur Gesamtbilanz einen traditionellen Schwerpunkt aus, setzten die Banken nun zunehmend auf Investmentbanking. Anstatt primär Kredite zu vergeben, handelten die Großbanken verstärkt mit Finanzprodukten. In der Folge begannen die Bilanzen, in denen die Finanzaktiva einen immer größeren Anteil ausmachten, deutlich zu wachsen.

Neben dem sich verändernden Bankengeschäft strömten auch diverse neue Finanzakteure auf die entstehenden Märkte: Investment- und Geldmarktfonds, Hedge- und Private-Equity-Fonds sowie weitere Finanzunternehmen, die zwar bankenähnliche Dienstleistungen ausführen, jedoch keine Geldschöpfungslizenz besitzen und damit nicht unter das Bankenaufsichtsrecht fallen – die sogenannten Schattenbanken.

Schattenbanken werden häufig mit dem Verbriefungsgeschäft in Verbindung gebracht: Eine (Schatten-)Bank bündelt verschiedene einzelne, vorher vergebene Kredite und macht daraus handelbare Wertpapiere, die dann auf den Finanzmärkten verkauft werden. Die neuen Eigentümer erhalten folgend die Zinsen der Kredite, tragen jedoch auch anteilig das Risiko.

Im großen Stil vergaben vorrangig US-amerikanische Banken nach der Jahrtausendwende Immobilienkredite an jedermann, ließen sie zu handelbaren Wertpapieren verbriefen und verkauften sie auf den Finanzmärkten. Durch die neue freie Kapitalmobilität fanden die riskanten Produkte ihren Weg in die Bilanzen von Finanzinstitutionen auf der ganzen Welt. Die daraus resultierende Finanzkrise ist Geschichte.

Shareholder Value und die Realwirtschaft

Profite waren – neben wirtschaftlichem Wachstum – zwar schon immer maßgeblich für unternehmerisches Handeln gewesen, doch wurden sie nun zum Selbstzweck. Das zeigte sich nicht nur am ausufernden Bankensektor, sondern auch an einer Umorientierung der Unternehmen selbst. Zum einen investieren auch diese vermehrt in Finanzprodukte. Zum anderen zeigt sich ein weiteres Phänomen: der Shareholder Value – ein Phänomen, das in Deutschland noch moderater ausgeprägt ist als in den USA.

Mit dem Shareholder Value bestand besonders für Aktiengesellschaften ein zunehmender Anreiz, den Wert des Unternehmens und den Profit an sich zu maximieren, anstatt realwirtschaftliches Wachstum zu erzielen. Erwirtschaftete Gewinne wurden zunehmend als Dividenden ausgezahlt oder für den Rückkauf von Aktien und so für die Wertsteigerung der bestehenden Anteile genutzt. Um dieses Ziel zu realisieren, erhielt das Management Anreize durch eine variable Bezahlung oder Aktienoptionen am Unternehmen.

Der Shareholder Value und das verstärkte Investment der Firmen in Finanzprodukte haben aber auch für die Gesamtwirtschaft destruktive Folgen: Sie reduzieren Investitionen in die Realwirtschaft. Wie eine aktuelle Studie aus neun europäischen Ländern zeigt, investieren börsennotierte Unternehmen bei steigender politischer Unsicherheit bis zu 50 Prozent weniger als die nicht-gelisteten Unternehmen. Die Autoren führen das auf den Druck der Shareholder zurück.

Flankiert wird dies von einem seit den 1990er Jahren finanziell zurückhaltenden Staat. Seit 1992, als die Maastricht-Kriterien in der EU eingeführt wurden, um die Staatsverschuldung der Mitgliedsländer zu begrenzen, liegen die Nettoinvestitionen des deutschen Staates laut Ameco-Daten fast dauerhaft deutlich unter 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Das ist ein Problem, denn der Investitionsbedarf ist hoch. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) schätzt allein die anstehenden Kosten für eine vollständig klimaneutrale Wirtschaft auf rund fünf Billionen Euro. Bei dem Ziel einer Klimaneutralität bis 2045 sind das rund 250 Milliarden Euro pro Jahr zusätzliche Ausgaben. Soll die Klimaneutralität bereits 2035 erreicht werden, wie Klimaschutzorganisationen es fordern, wären es 500 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt hat der nichtstaatliche Sektor 2024 rund 770 Milliarden Euro investiert, der Staat rund 130 Milliarden. Je länger gezögert wird und je mehr Geld abgezwackt wird, desto teurer wird es in Zukunft, die Lücke zu schließen. Hinzu kommen weitere Investitionsbedarfe für marode Infrastruktur, die Schiene, Bildung oder Wohnen. Die politische Stimmung zeigt zudem, wie wichtig es ist, die steigenden Kosten des CO2-Preises sozial abzufedern, wenngleich das nicht als Investition gilt.

Investitionen, Produktivität und Verteilung

Investitionen steigern zudem die Produktivität, weil sie bessere Produktionsmittel, Know-How und Organisation bereitstellen. Mangelnde Investitionen bedeuten einen gedämpften Anstieg der Produktivität. Das hat verschiedene Folgen. Zum einen verschleppt dies die Reduktion des Ressourcenverbrauchs – eine weitere Bremsung der sozial-ökologischen Transformation.

Zum anderen altert die deutsche Bevölkerung. Pro Frau werden aktuell 1,35 Kinder geboren – ein abnehmender Trend – und die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer gehen demnächst in Rente. Das bedeutet auch: Immer weniger Erwerbstätige müssen für Rente und Pflege der Älteren aufkommen. Da diese logischerweise keine Rentenabschläge erfahren möchten, ist es umso wichtiger, dass die Produktivität pro Person zunimmt. Das passiert allerdings nur, wenn adäquat investiert wird.

Wer nicht investiert, verliert auch relativ zu anderen an Produktivität und technologischer Entwicklung – und somit auch an wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Besonders in Zeiten der geopolitischen Spannungen mit China oder den USA unter Donald Trump muss sich Europa in Schlüsselindustrien gut und unabhängig aufstellen. Auch dafür braucht es Investitionen und einen Staat, der stabil die Richtung vorgibt und mutig anschiebt.

Eine weitere Auswirkung lässt sich schlussendlich gar auf Leben und Tod zuspitzen. Schauplatz des Dramas: Flugzeughersteller Boing. Das Unternehmen machte um 2018/19 Schlagzeilen mit mehreren Abstürzen seiner Flugzeuge – mehrere hundert Menschen starben. Wie konnte das passieren? Zach Silk sieht in seiner Analyse für MAKROSKOP die Ursache unter anderem im Sparkurs des Unternehmens zugunsten des Shareholder Values.

Zusammen mit weiteren Faktoren hat die Finanzialisierung auch Auswirkungen auf die Verteilung. Profite, die ausgeschüttet werden, können nicht als Löhne ausgezahlt werden. Wie das Institut für Makroökonomie (IMK) für Deutschland zeigt, ist die Lohnquote von 1980 (rund 71 Prozent) bis vor (!) der Finanzkrise 2007 (rund 62 Prozent) stark gefallen – eine Umverteilung von Arbeit zu Kapital. Seit Ende der Krise stagniert sie bei rund 65 Prozent des Gesamteinkommens.

Der Shareholder Value erhöht so die Einkommensungleichheit. Das liegt zum einen auch an Unterschieden zwischen den Löhnen – ein Manager verdient ein Vielfaches des einfachen Arbeiters. Zum anderen sind Kapitaleinkommen deutlich ungleicher verteilt als Lohneinkommen. Die Folge: Rund 70 Prozent des Gesamteinkommens, also aus Löhnen und Kapital, landet auf den Konten der oberen fünf Prozent, so das IMK. Bei einer Betrachtung des reinen Lohneinkommens wäre die Differenz deutlich geringer.

Der Shareholder Value wirkt nicht nur auf die Einkommen. Wenn Aktienkurse steigen, steigen vor allem die Vermögen – und die sind sehr ungleich verteilt. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung besitzen die oberen fünf Prozent rund 60 Prozent (zur Vergleichbarkeit mit der Einkommenszahl) und die oberen 0,1-Prozent rund 20 Prozent. Da ein großer Teil des Vermögens vererbt wird, wächst die Ungleichheit über die Generationen immer weiter.

Für eine starke Wirtschaftspolitik

Alles in allem: Die Finanzialisierung begünstigt Finanzkrisen, fördert leistungslose Ungleichheit und reduziert den Anreiz für realwirtschaftliche Investitionen – eine Tendenz, die sich durch einen zurückhaltend oder ohne klare fiskalische Linie agierenden Staat noch verstärkt. Was daraus folgt?

Eine Wirtschaftspolitik für breiten Wohlstand fördert die Gewerkschaften und starke Löhne, schiebt Investitionen an und reguliert die Finanzmärkte (sowie möglicherweise auch Dividendenzahlungen) ausreichend. Das erzeugt nicht nur eine fairere Einkommensverteilung, sondern verbessert darüber hinaus auch die inländische Nachfrage und macht Deutschland unabhängiger von der volatilen Auslandsnachfrage.

Ein weiterer Punkt: die Besteuerung der Einkommen. Während Lohneinkommen in Deutschland progressiv zunehmend und in der Spitze mit bis zu 45 Prozent besteuert wird, liegen die Steuersätze für Kapitaleinkommen pauschal bei 25 Prozent. Das ist eine Ungleichbehandlung zugunsten des Kapitals und sollte progressiv angepasst werden.

Insbesondere für die ökologische Transformation, den demografischen Wandel und eine gewisse geopolitische Resilienz sind umfassende Investitionen notwendig. Um diese erfolgreich anzuschieben, braucht es stabile politische Leitlinien und einen Staat, der mit hohen Investitionen in Schlüsselsektoren und -technologien vorangeht.