Makroskop
Stresstest

Wie krisensicher sind die europäischen Banken?

| 26. November 2025
IMAGO / greatif

Der große Finanzcrash von 2007/08 schockte die Weltwirtschaft. Um Krisen wie dieser in Zukunft vorzubeugen, hat die EU eine breite Palette neuer Regulierungen eingeführt. Sind die europäischen Banken nun krisensicher?

Rund 15 Jahre ist es her, dass die mit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers beginnende Finanzkrise die Welt erschütterte. Im großen Stil vergaben vorrangig US-amerikanische Banken nach der Jahrtausendwende Immobilienkredite, ließen sie zu handelbaren Wertpapieren verbriefen und verkauften sie auf den Finanzmärkten. Durch die freie Kapitalmobilität fanden die riskanten Produkte ihren Weg in die Bilanzen von Finanzinstitutionen auf der ganzen Welt.

Als die FED die Zinsen anhob und viele der variabel verzinsten Kredite ausfielen, gerieten viele Banken und andere Finanzinstitutionen an den Rand der Insolvenz. Auch in Europa mussten zahlreiche Staaten die als systemrelevant eingestuften Banken mit vielen Milliarden öffentlicher Gelder vor dem Bankrott bewahren.

Seitdem hat die EU eine breite Palette neuer Regulierungen eingeführt, um zukünftigen Finanzkrisen vorzubeugen. Doch längst drängt die Bankenbranche in Brüssel mithilfe zunehmender Lobbyarbeit wieder gezielt darauf, die neuen Regeln zu verwässern und zu verzögern. Wie ist der Stand der Dinge? Wie krisensicher ist der europäische Bankensektor wirklich?

Was sich seit der Finanzkrise geändert hat

Seit der Finanzkrise hat die EU die europäischen Banken in verschiedener Hinsicht strenger reguliert. Die erlassenen Maßnahmen folgen dabei grundsätzlich drei Zielen: mehr Sicherheitspuffer, engere Kontrolle, geordnete Abwicklung im Notfall. Herzstück ist der internationale Basel-III-Standard, den die EU in ihre Aufsichtsregeln übernommen hat. Ergänzt wird dies etwa durch die Bankenunion.

Einerseits müssen Banken nun mehr und besseres Eigenkapital halten, das echte Verluste auffängt. Wichtig sind dabei unter anderem zwei Größen: das harte Kernkapital (CET1) von mindestens 4,5 Prozent und der zusätzliche Kapitalerhaltungspuffer von 2,5 Prozent der „risikogewichteten Aktiva“. Das Kernkapital besteht dabei etwa aus Stammaktien oder einbehaltenen Gewinnen.

Praktisch bedeutet das, dass die Geschäfte der Banken nach Risiko gewichtet werden (ein sicherer Kredit zählt weniger, ein riskanter mehr). Je nach Risikoprofil muss die Bank proportional Kapital vorhalten. Fällt das Kapital einer Bank unter die „kombinierte Pufferanforderung“, darf sie Dividenden, Boni und bestimmte Kupons nur noch eingeschränkt ausschütten, bis der Puffer wieder aufgebaut ist.

Damit Banken ihre Risiken nicht durch interne Modelle zu stark kleinrechnen, wird ein Output Floor eingeführt: Interne Modelle dürfen die risikogewichteten Aktiva nicht unter 72,5 Prozent der Standardmethode drücken. Zusätzlich begrenzt eine einfache Verschuldungsgrenze das Risiko unabhängig von den Modellen: die Leverage Ratio von mindestens 3 Prozent (Kernkapital im Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme plus weitere relevante Positionen).

Für die Zahlungsfähigkeit in Stresszeiten müssen zwei Liquiditätsquoten dauerhaft bei 100 Prozent liegen: Die Liquiditätsdeckungsquote stellt sicher, dass eine Bank genug sofort verfügbare, leicht verkäufliche Mittel wie Bargeld und Staatsanleihen hält, um 30 Tage heftiger Geldabflüsse zu überstehen, ohne in Notverkäufe zu geraten – zum Beispiel, wenn viele Kunden gleichzeitig Geld abheben oder der Geldmarkt austrocknet.

Die strukturelle Liquiditätsquote sorgt dafür, dass längere Kredite und Anlagen überwiegend mit „stabilem“ Geld gedeckt sind – also vor allem mit Kundeneinlagen und länger laufenden Anleihen statt mit kurzfristigen, flüchtigen Geldern –, damit die Bank über ein Jahr hinweg stabil ist.

Die Aufsicht ist in der Bankenunion zentralisiert: Die EZB prüft große Institute direkt, nationale Behörden die übrigen. Regelmäßige Gesamtprüfungen und europaweite Stresstests sollen sicherstellen, dass Banken Risiken – etwa aus Kredit-, Markt- und Zinsänderungen – früh erkennen und abfedern. Zudem können Länder je nach Lage des Kreditmarkts vorübergehend zusätzliche Puffer anordnen, um Überhitzungen zu bremsen.

Wenn trotz allem eine Bank scheitert, greift das Abwicklungsregime mit dem Prinzip „Bail‑in statt Bail‑out“: Erst tragen Eigentümer und Gläubiger Verluste, nicht der Staat. Dafür müssen Banken einen ausreichend großen Verlustpuffer aus Eigenkapital und speziellen Schuldpapieren vorhalten (MREL), die im Notfall abgeschrieben oder in Eigenkapital umgewandelt werden können.

Der europäische Abwicklungsrat erstellt Pläne, wie Institute im Krisenfall geordnet abgewickelt oder weitergeführt werden (zum Beispiel über eine Brückenbank). Kundeneinlagen bis 100.000 Euro pro Person und Bank sind EU‑weit durch nationale Einlagensicherungssysteme garantiert. Das Gesamtpaket soll Banken robuster machen, Krisen seltener und kleiner halten und im Ernstfall die Kosten von Investoren tragen lassen – nicht von Einlegern und Steuerzahlern.

Sind die europäischen Banken krisensicher?

In der Zeit nach der Finanzkrise hat die EU verschiedene neue Regularien eingeführt, um die Krisenresilienz der Banken zu erhöhen. War das Vorhaben erfolgreich? Sind die europäischen Banken gegen die nächste Krise gewappnet? Dafür hat MAKROSKOP bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, der EZB, der Finanznichtregierungsorganisation Finance Watch sowie beim europäischen Bankenverband nachgefragt. Der europäische Bankenverband ließ die Anfrage unbeantwortet.

„Die bedeutenden Banken des Euro-Währungsgebiets befinden sich derzeit in einer guten finanziellen Lage“, sagt Frank Elderson, Mitglied des Direktoriums der EZB und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der EZB. Die Kernkapitalquote (CET1) lag im dritten Quartal des Jahres 2024 demnach bei 15,7 Prozent (Anforderung: 4,5 beziehungsweise 7 Prozent) und das Kernkapital relativ zur Verschuldung bei 5,8 Prozent (Anforderung: mindestens 3 Prozent).

Während die Liquiditätsdeckungsquote für kurzfristige liquide Assets im Vergleich zu potenziellen Abflüssen 158,5 Prozent (Anforderung: 100 Prozent) beträgt, liegt auch die langfristige strukturelle Liquiditätsquote mit 126,9 Prozent signifikant über der Grenzmarke. Seit mindestens 2015 liegen die Werte dabei über 100 Prozent.

Allgemein klingt das solide. Doch wie würde sich eine tiefe Krise auf die Werte auswirken? Das simuliert die EZB mit ihren unionsweiten Stresstests. Im sehr negativen Krisenszenario (Adverse Szenario) des jüngsten Stresstests liegt die Kernkapitalquote am Ende immer noch bei rund 12,0 Prozent.

Wesentlich für die Interpretation ist die Unterscheidung nach Größe und Geschäftsmodell: große, diversifizierte Institute schneiden im Mittel besser ab, weil sie über breitere Ertragsquellen, höhere Kapitalquoten und robustere Risikopuffer verfügen. Kleinere und regional tätige Banken zeigen ein heterogeneres Bild und können in Einzelfällen deutlich anfälliger sein, etwa wegen konzentrierter Kreditportfolios oder geringerer Profitabilität.

Auch Julia Symon, Leiterin der Abteilung für Forschung und Interessenvertretung bei Finance Watch sagt: „Die nach 2008 verabschiedeten Reformen – insbesondere das Basel-III-Rahmenwerk und die Aufsichtsvorschriften der EU inklusive Kapitalanforderungen, Risikomanagement und Aufsicht – sowie das Abwicklungssystem, dessen Überprüfung noch nicht abgeschlossen ist, haben die Banken widerstandsfähiger gemacht als zuvor.“

Ist also alles gut?

Die Daten zum Kapital der Banken sowie die Ergebnisse des Stresstests zeichnen ein positives Bild. Können wir also Entwarnung geben und uns entspannt zurücklehnen? Ist der europäische Banken- und Finanzsektor sicher für die Zukunft gewappnet?

Symon mahnt zur Vorsicht: „Wie wir jedoch gesehen haben, bleibt die Gefahr finanzieller Instabilität bestehen. Krisen wie die um Crédit Suisse und Silicon Valley Bank (SVB), die auch für die EU-Banken zu erheblichen Kursverlusten führten, zeigen, dass Risiken nach wie vor eintreten können und dass die Anleger noch kein Vertrauen in die Solidität der Banken haben.“

Nachdem die Zentralbanken im Zuge der Corona-Pandemie und des Ukraine-Kriegs die Zinsen erhöhten, verloren auch die alten Staatsanleihen, die teils noch in großer Zahl in den Bilanzen der Banken lagen, an Wert. Als viele Kundinnen und Kunden der Silicon Valley Bank ihre Einlagen aus Panik abzogen, war die Bank genötigt, die Anleihen zu verkaufen und die Verluste zu realisieren. Schlussendlich resultierte dies im Bankrott.

Besonders im Hinblick auf deutsche Institute warnt die Bundesbank vor einer steigenden Anzahl „fauler Kredite“ in den Bilanzen. Doch nicht nur Kreditausfälle sind ein Risiko, auch die Rentabilität bereitet Sorgen. Frank Elderson von der EZB sagt: „Zwar ist die Eigenkapitalrendite der Banken gestiegen, liegt aber immer noch kaum über ihren eigenen Schätzungen der Eigenkapitalkosten.“ Dies zeige, dass Banken ihre operative Effizienz genau im Auge behalten müssten.

Darüber hinaus liege die Quote notleidender Kredite zwar nahe ihrem historischen Tiefstand, so Elderson, allerdings nähmen Unternehmensinsolvenzen zu, was zu einem höheren Kreditrisiko führen könne. Das alles müsse vor dem Hintergrund bleibender geopolitischer Spannungen sowie sich verschärfender Klima- und Naturkrisen gesehen werden.

Eine wachsende Sorge ist der Aufstieg der so genannten Schattenbanken, die mittlerweile (je nach Definition) mehr Vermögenswerte halten als die "richtigen" Banken und eng mit diesen verflochten sind. Dennoch unterliegen die Nichtbanken weitaus weniger strengen Regulierungs- und Aufsichtsvorschriften, wobei einige von ihnen überhaupt nicht reguliert sind (wie Family Offices und Staatsfonds) – ein potenzielles Systemrisiko.

Julia Symon von Finance Watch sagt: „Diese Verlagerung der Kreditvergabe von Banken auf Nichtbanken hat das Finanzsystem nicht sicherer gemacht. Stattdessen hat sie neue Ansteckungskanäle geschaffen. Liquiditätsengpässe, Hebelwirkungen und Margin Calls in angespannten Märkten können schnell auf Banken übergreifen, insbesondere auf die größten, systemrelevanten Banken.“

Auch die EZB sieht dieses Problem. Europa müsse die kürzlich vereinbarten internationalen Reformen des Regulierungsrahmens für Nichtbanken rasch umsetzen. Darüber hinaus seien systemweite Stresstests unerlässlich. Um Nichtbanken wirksam zu beaufsichtigen, müssten sich die Behörden untereinander besser koordinieren und bräuchten sie einen besseren Zugang zu Daten.

Wettbewerbsfähigkeit und Regelkomplexität

Mit Ablauf des 15-jährigen Jubiläums der Finanzkrise scheint das Ausmaß der Krise langsam wieder in Vergessenheit zu geraten. Mit steigendem Lobbyaufwand dringen die Vertretungen der Bankenbranche in Brüssel wieder gezielt auf eine Verwässerung und Verzögerung der Regulierungen des Banken- und Finanzsektors. Das Argument: Die Regeln untergrüben die Wettbewerbsfähigkeit der Banken.

Frank Elderson von der EZB widerspricht: „Finanzielle Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit als gegensätzliche Kräfte darzustellen, ist ein grundlegender Irrtum. Es ist erwiesen, dass stärkere, besser kapitalisierte Banken wettbewerbsfähiger und [...] besser in der Lage sind, Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben.“

Finance Watch sieht die Offensive der Banken durch die Aussicht auf Gewinne motiviert und verweist darauf, dass die Banken die Hälfte ihrer Gewinne des Jahres 2024 als Dividenden an ihre Aktionäre ausgeschüttet hätten – die höchste Ausschüttungsquote seit Beginn der europäischen Bankenaufsicht.

EZB und Finance Watch sehen das Problem nicht in einer Überregulierung, sondern in der zunehmenden Komplexität der Regularien. Viele Facetten des derzeitigen Aufsichtsrahmens bestünden aus einem Flickenteppich national umgesetzter Richtlinien, so Elderson. Wovon die europäischen Finanzmärkte demnach profitieren würden, wäre eine europaweite Harmonisierung der Vorschriften sowie eine bessere Offenlegung von Finanzinformationen durch EU-Unternehmen.

Fazit: Europäische Banken sind besser reguliert als zur Zeit der Finanzkrise. Dennoch ist in verschiedenen Bereichen notwendig, nachzuschärfen – insbesondere im Schattenbankensektor. Vor allem die jüngste Offensive der Bankenlobby birgt das Risiko der Verwässerung. Wichtig wäre es, die unionsweiten Regeln zu harmonisieren.