Spotlight

Bankenbeben, Fehlverhalten oder Systemcrash?

| 24. März 2023
istock.com/Liudmila Chernetska

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist wieder passiert: Die Pleite der Silicon Valley Bank hat das nächste Beben auf den Finanzmärkten ausgelöst. Diejenigen, die davon überrascht waren, hatten wahrscheinlich noch die Botschaften der orthodoxen Lehrbücher im Kopf. Dabei handelt es sich um das typische Ergebnis unregulierter Banken, Kapitalströme und Vermögensmärkte. Man muss nur einen Blick zurückwerfen: Die Eurokrise von 2010-2015, die Kreditkrise von 2008, die Dotcom-Blase, die im Jahr 2000 platzte, die Asienkrise von 1996, die Immobilienblase, die 1989-1994 platzte, der Aktiencrash am Schwarzen Dienstag von 1987, die Savings & Loans-Krise von 1986-1989 oder der weltweite Aktiencrash von 1973. Krisen sind nicht die Ausnahme, sie sind die Normalität.

Und so zahlreich die Krisen sind, so viele Erklärungsversuche gibt es für die regelmäßigen Crashs. Selbst in der durchaus heterodoxen Familie der Keynesianer herrscht Dissens. In diesem Spotlight werden sie verschiedene Deutungen unserer Autoren finden, die wir bewusst gegenübergestellt haben. Es wird sich zeigen: welche Erklärungen man für und Schlüsse aus der Krise zieht, hängt entschieden davon ab, welches Verständnis des Geldsystems ihnen zugrunde liegt.

Das kann schon mit vermeintlichen Kleinigkeiten beginnen: etwa mit der unterschiedlichen Verwendung des Begriffs Liquidität. Daran hängt die grundlegende Frage, ob Liquiditätsprobleme des Kapitalmarkts die primäre Ursache von Bankenkrisen sind oder nicht.

Genauso gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Beziehungen des Bankensystems zu Zentralbanken genau ausgestaltet ist. Auch die Bestimmung des Schattenbankensystems geschieht häufig auf unscharfe Weise, was unweigerlich zu Missverständnissen führt. Sind Schattenbanken Geldmarktfonds, Investmentfonds und sonstige Finanzinstitute außerhalb des regulären Bankensystems? Oder lassen sich damit auch Rückkaufvereinbarungen (sogenannte Repos) umschreiben, mit denen Lehman kurz vor der Finanzkrise 2007/2008 seine Bilanzen systematisch geschönt hatte?

Dennoch besteht unter unseren Autoren Einigkeit darin, dass eine Ausweitung des Schattenbankenwesens und eine Neuausrichtung der Zentralbanken alsdealer of last resortdazu führt, dass die Banken mehr Schrottkredite vergeben, weil sie wissen, dass die Zentralbank die faulen Kredite im Notfall aufkaufen wird – zumindest solange gilt: to big to fail.

Denn als deutlich wurde, dass der US-Wertpapiermarkt nicht mehr funktionierte, revolutionierte die US-Notenbank ihr geldpolitisches Interventionsinventar: Sie agierte nun selbst als Broker-Dealer und Market-Maker, um die Marktliquidität wiederherzustellen. Dies könnte man ketzerisch als „Sozialismus für Banken“ bezeichnen. Oder – wie Joscha Wullweber – als „Zentralbankkapitalismus“.

Seit der Zäsur von 2008 ist diese „neue Ära der Zentralbankpolitik“ (Ben Bernake) derart fortgeschritten, dass das globale Finanzsystem und der heutige Kapitalismus westlicher Industriestaaten ohne die permanenten und umfangreichen Interventionen der Notenbanken nicht mehr funktionieren könnten. Stellten diese ihre Maßnahmen ein, würde das Banken-, Finanz- und Wirtschaftssystem weltweit kollabieren.

Doch wie der Kollaps der Silicon Valley Bank zeigt: Vor weiteren Bankenkrisen werden uns auch die Zentralbanken nicht verschonen können. Und die gegenwärtig in den Technokratenzirkeln der Finanzwelt geführten Diskussionen geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich an diesem immanent fragilen System etwas ändern könnte. Im Gegenteil: Allen voran in der Europäischen Union wird im Kontext der Kapitalmarktunion versucht, das schattenbankbasierte System unter den bestehenden Vorzeichen weiter auszubauen.