Der fatale Traum von der billigen Metropole
Warum das Mantra „Bauen, bauen, bauen“ in Berlin und München die Wohnungsnot nicht löst, sondern zementiert. Wir brauchen keine Mietenstopps, sondern eine Renaissance der Provinz.
In der deutschen Debatte um Wohnungsnot und Mietenwahnsinn herrscht ein seltener Konsens über die Parteigrenzen hinweg. Von der Linkspartei bis zur FDP lautet die Formel: Das Angebot muss rauf, damit der Preis sinkt. „Bauen, bauen, bauen“ ist der kategorische Imperativ der Stunde. Das Ziel ist die bezahlbare Großstadt für alle.
Doch was, wenn dieses Ziel kein Paradies ist, sondern eine Falle?
Der amerikanische Ökonom Oren Cass hat kürzlich nach einem Besuch in Tokio eine unbequeme These formuliert, die wie ein kalter Guss auf die hitzige deutsche Debatte wirkt. Tokio gilt Stadtplanern als Heiliger Gral: Dank liberalster Baugesetze wächst die Stadt unaufhörlich, die Mieten bleiben stabil. Ein Wunder der Effizienz. Doch Cass nennt es das „Schwarze Loch“. Denn Tokio wächst, während Japan stagniert. Die Stadt saugt Talent, Jugend und Kapital aus dem ganzen Land an, bis der Rest verödet.
Das Problem lässt sich ohne weiteres auch auf Deutschland übertragen: Wer fordert, dass Wohnen in Berlin-Mitte oder München-Schwabing wieder so günstig sein muss wie vor zwanzig Jahren, fordert indirekt die finale Entleerung der Uckermark, des Bayerischen Waldes und der Lausitz.
Das Prinzip der induzierten Nachfrage
Wir unterliegen einem Trugschluss. Wir glauben, die Menschen ziehen in die Metropolen, weil dort die Jobs sind. Oft ist es umgekehrt: Die Jobs entstehen dort, weil alle glauben, dort sein zu müssen. Es ist ein Problem des kollektiven Handelns. Wenn wir nun Milliarden in den sozialen Wohnungsbau in den sieben Top-Standorten (A-Städte) pumpen, subventionieren wir genau jene Agglomeration, die die Krise erst verursacht hat.
Ökonomisch betrachtet ist die „bezahlbare Megastadt“ eine Einladung zur Überfüllung. Machen wir Berlin so dicht und günstig wie Tokio, gibt es für den Absolventen aus Cottbus oder Rostock keinen ökonomischen Grund mehr, in seiner Heimat zu bleiben und dort etwas aufzubauen. Die Folge ist das, was Verkehrsplaner „induzierte Nachfrage“ nennen: Wer mehr Straßen baut, erntet mehr Stau. Wer die Metropole künstlich verbilligt, erntet noch mehr Zuzug.
Die deutsche DNA ist dezentral
Dabei hat Deutschland einen historischen Standortvorteil, um den uns Briten (London oder nichts) und Franzosen (Paris oder nichts) beneiden: unseren Föderalismus. Unsere wirtschaftliche Kraft lag nie im Zentrum, sondern in der Fläche. Die „Hidden Champions“, die Weltmarktführer, sitzen in Ostwestfalen, im Sauerland, im Schwarzwald.
Doch diese dezentrale DNA erodiert. Start-ups gehen nach Berlin, Konzerne zentralisieren in München. Wenn die Politik nun primär die Symptome in den Ballungsräumen bekämpft (Mietpreisbremse, Enteignungsdebatten, Nachverdichtung), beschleunigt sie diesen Erosionsprozess. Eine Politik, die das Wohnen im Zentrum verbilligt, entwertet das Leben in der Peripherie.
Regionale Resilienz statt Betongold
Was also tun? Wir müssen aufhören, Wohnungspolitik isoliert zu betrachten. Sie ist untrennbar mit Regionalpolitik verknüpft. Die Lösung für den Münchner Mietmarkt liegt nicht am Münchner Stadtrand, sondern in Augsburg, Landshut oder Ingolstadt. Die Entlastung für Berlin liegt in Magdeburg, Schwerin und Halle.
Das Grundgesetz fordert die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“. Das darf keine Floskel für Transferzahlungen sein. Es muss bedeuten, dass wir echte Alternativen zur Megastadt schaffen. Das Zauberwort heißt „produktiver Pluralismus“. Menschen müssen die echte Wahl haben, einen guten Job zu bekommen, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen.
Das bedeutet konkret: Statt Milliarden in teures Bauland in A-Städten zu versenken, müssen diese Gelder in die Infrastruktur der B- und C-Regionen fließen. Schnelle ICE-Verbindungen, die Pendlerradien erweitern; Glasfaser bis zum letzten Bauernhof, damit das Tech-Start-up auch in der Eifel sitzen kann; Universitäten und Forschungsinstitute gezielt in die Fläche verlagern.
Der Preis für die „effiziente“ Megastadt ist der Verlust an funktionierenden Gemeinden, gesellschaftlichem Zusammenhalt und nationaler Resilienz. Soll Deutschland nicht in ein paar überhitzte Inseln und ein abgehängtes Meer aus Peripherie und administrativer Wüsten zerfallen, müssen wir den Mut haben, das Wachstum der Metropolen nicht zu fördern, sondern zu bremsen – indem wir den Rest des Landes wieder attraktiv machen.