Iran und der Westen: Eine Krise und ihre Deutungen
Liebe Leserinnen und Leser,
die innenpolitische Eskalation im Iran wirft auch ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie diese Krise im Westen wahrgenommen und eingeordnet wird. Während im Land selbst ein autoritär-islamistisches System die Proteste mit massiver Gewalt niederschlägt, oszillieren die westlichen Debatten zwischen eigenartiger Zurückhaltung, naiver Projektionen und Forderungen nach militärischer Intervention. Diese Spannungen sagen mindestens ebenso viel über den Westen wie über den Iran.
Auffällig ist zunächst die zurückhaltende Reaktion zumindest von Teilen des linken politischen und intellektuellen Spektrums. Die landesweiten Proteste wurden häufig als rein sozioökonomische Unruhen verharmlost, die islamistische Herrschaft von manchen gar identitätspolitisch verteidigt, die brutale Repression ganz im Sinne des Regimes als Reaktion auf eine angebliche „Destabilisierung von außen“ gedeutet.
Diese Perspektive knüpft an einen verbreiteten antiwestlichen und antiimperialistischen Reflex an, der interne Konflikte im „Globalen Süden“ oft vorschnell unter den Generalverdacht stellt, fremdgesteuert zu sein. Welche Rolle CIA, Mossad oder MI6 im Iran spielen und wie groß diese wirklich ist, bleibt vorerst im Spekulativen. Zumal dabei aus dem Blick gerät, dass die Proteste im Iran von breiten, urbanen und gesellschaftlich vielfältigen Gruppen getragen werden, deren Motive sich nicht auf äußere Einflüsse reduzieren lassen. Übrig bleibt nicht selten eine verklärende Haltung zum politischen Islam.
Auf der anderen Seite, innerhalb westlicher Medien und atlantischer Zirkel, steht eine sicherheitspolitische Lesart, die die Ereignisse vor allem als strategische Gelegenheit interpretiert. In diesem Rahmen erscheinen die Proteste weniger als innergesellschaftlicher Konflikt denn als möglicher Hebel für einen Regimewechsel von außen. Militärische Optionen werden zumindest rhetorisch in den Raum gestellt und offen begrüßt, trotz der bekannten Risiken einer fatalen Eskalation in einer ohnehin fragilen Region.
Beide Perspektiven werden der Komplexität der Krise nicht gerecht. Sie übersehen die Eigenlogik der iranischen Gesellschaft und die Tiefe des inneren Konflikts. Der Iran ist kein klassischer Fall autoritärer Herrschaft über eine vom illiberalen Islam durchdrungenen Bevölkerung wie in so vielen anderen Regionen des Nahen Ostens. Vielmehr steht ein theokratisches System einer weitgehend urbanisierten, gebildeten und kulturell pluralisierten Gesellschaft gegenüber, deren politische Erwartungen sich zunehmend von den institutionellen Strukturen des Staates entfernen. Genau dieser Widerspruch prägt die aktuelle Krise.
Der Versuch eines Regime-Change von außen – so verlockend er in der gegenwärtigen Situation auch sein mag – würde diesen Konflikt nicht lösen, sondern voraussichtlich verschärfen. Zugleich trägt eine rein geopolitische Rahmung dazu bei, die inneren Ursachen der Proteste zu marginalisieren. Ebenso problematisch ist jedoch eine Haltung, die aus einer verqueren Solidarität mit den Widersachern des „westlichen Imperialismus“ die vollen Leichenhallen ignoriert.
Wer diesen Konflikt ernst nimmt, muss sich von einfachen Erzählungen verabschieden. Weder Bomben noch Relativierungen oder Schweigen helfen den Menschen im Iran. Notwendig sind Sichtbarkeit, präzise Analyse und politischer Druck, der den Preis der Repression vervielfacht, ohne den inneren Konflikt weltanschaulich zu vereinnahmen.
Ob die Mullahs stürzen, wie Bundeskanzler Friedrich Merz mutmaßt, bleibt ungewiss. Sicher ist jedoch, dass die Bedeutung des Konflikts über den Iran hinausweist – auch nach Deutschland, einem der wichtigsten Handelspartner des Irans innerhalb der Europäischen Union und einer großen persischen Diaspora.