Massenproteste, Massaker und die wankende Macht der Mullahs
Was im Iran geschieht, ist kein gewöhnlicher Aufstand. Eine säkularisierte Gesellschaft trifft auf ein erschöpftes und abgewirtschaftetes theokratisches System – mit ungewissem Ausgang.
Teheran, Anfang 2026. Der Iran erlebt keine gewöhnliche Protestwelle. Seit Wochen entlädt sich auf den Straßen des Landes eine kumulative Krise, in der ökonomische Depression, kulturelle Entfremdung, religiöse Delegitimation und geopolitische Eskalation ineinandergreifen. Die Bilder brennender Barrikaden, massiver Militärpräsenz und abgeschalteter Kommunikationsnetze markieren keinen kurzfristigen Ausnahmezustand, sondern möglicherweise einen historischen Kipppunkt.
Nach Angaben verschiedener Menschenrechtsorganisationen und medizinischer Netzwerke, die trotz staatlicher Abschottung Informationen zusammentragen, liegt die Zahl der Todesopfer infolge gezielter Liquidierungen und Hinrichtungen durch Sicherheitskräfte je nach Quelle zwischen mehreren Tausend und bis zu rund 12.000 – Stand 15. Januar. Zehntausende gelten als verletzt oder inhaftiert. Selbst konservative Schätzungen übersteigen frühere Protestzyklen wie 2009, 2017, 2019 und 2022 deutlich. Der Staat reagierte nicht mehr auf lokale Unruhen, sondern auf einen landesweiten Aufstand, der sich von Teheran über Isfahan, Shiraz und Mashhad bis Trabiz erstreckt und sämtliche wirtschaftlich wichtigen, urbanisierten Regionen sowie Universitätsstädte umfasste.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Protestfluss in einige weniger beachtete Provinzen vordringt, was auf eine landesweit vernetzte Dynamik hinweist. Neu ist auch, dass der Ausgangspunkt der Proteste diesmal der Große Basar von Teheran war. Die Basaris, das traditionelle Händlermilieu, bildeten historisch das soziale Rückgrat des Regimes. Sie standen dem Schah skeptisch, dem Klerus nahe, und stabilisierten nach der Revolution 1979 die Islamischen Republik.
Ökonomischer Zusammenbruch
Viele Basaris profitierten bislang von Subventionen, mit denen sie bestimmte Produkte zu vergünstigten Dollarpreisen einkaufen konnten. Diese Vorzugsregelung erlaubte ihnen, Waren günstiger weiterzuverkaufen oder die Differenz privat einzubehalten. Als die Regierung kurz vor Ausbruch der Proteste plante, die Subventionen zu streichen, drohte den Händlern ein massiver Verlust: Die Produkte müssten zum teuren Marktpreis gekauft werden, während die Konsumenten sie aufgrund der grassierenden Inflation kaum noch bezahlen konnten. Das trieb viele Basaris in Opposition zum Regime.
Die Inflation liegt real deutlich über den offiziellen Angaben und wird von unabhängigen Ökonomen auf über 40 Prozent geschätzt, in einzelnen Bereichen der Grundversorgung noch höher. Der iranische Rial hat seit 2020 über 90 Prozent seines Wertes verloren, am 29. Dezember 2025 fiel er auf ein Rekordtief von 1,45 Millionen pro US-Dollar. Löhne und Ersparnisse wurden entwertet, während Preise für Lebensmittel, Mieten und Energie weiter steigen. Selbst subventionierte Energiepreise, einst sozialpolitisches Pfund des Regimes, erreichen faktisch nur noch Bruchteile der Bevölkerung.
Die Wirtschaft schrumpft. Exporte, vor allem Öl und Gas, sind durch jahrzehntelange Sanktionen, eingeschränkte globale Absatzmärkte und interne Misswirtschaft massiv eingebrochen. Es fehlen die Devisen, um Importe zu finanzieren. Wasser- und Energieknappheit belasten den Alltag, das Haushaltsdefizit gehört laut internationalen Wirtschaftsexperten zu den höchsten der Region. In Städten wie Teheran, Isfahan oder Shiraz, wo mehr als 70 Prozent der Bevölkerung leben, bedeutet das steigende Preise, sinkende Löhne und wachsende Perspektivlosigkeit: Viele Iraner verfügen heute nur noch über ein Viertel bis ein Drittel ihres Einkommens von vor 13 Jahren.
Kulturell entwachsende Gesellschaft
Doch die ökonomische Not entfaltet ihre politische Sprengkraft nicht isoliert. Sie trifft auf eine Gesellschaft, die dem herrschenden System kulturell längst entwachsen ist. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Staaten der Region: Während im Nahen Osten häufig säkulare oder militärische Regime über religiös-konservative Bevölkerungsmehrheiten herrschten, ist die Konstellation im Iran spiegelverkehrt. Hier herrscht ein autoritär-islamistischer Staat über eine weitgehend säkulare, individualisierte und westlich orientierte Bevölkerung.
Der Iran ist jung, urban und gebildet. Die soziale Modernisierung des Landes begann unter der Pahlavi-Monarchie, wurde nach 1979 quantitativ fortgesetzt und hat eine Gesellschaft hervorgebracht, die politisch längst weiter ist als ihr System. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben in Städten, der Zugang zur Hochschulbildung ist breit, insbesondere für Frauen. Die junge Generation ist digital vernetzt und kulturell global geprägt. Zwar gehören 90 Prozent der Iraner dem schiitischen Islam an, doch die religiöse Praxis ist für viele privat, selektiv oder kulturell, nicht politisch bindend. Laut Regierungserhebungen fordern 73 Prozent der Bevölkerung die Trennung von Religion und Staat.
Dass der konservative Islam weniger greift als in anderen muslimischen Staaten, hat auch historische Gründe. Der Iran besitzt eine persische Identität, die dem Islam vorausgeht. Zoroastrische Vorstellungen von innerer Gewissensfreiheit, moralischer Verantwortung und der Trennung von Glauben und äußerem Zwang prägen bis heute Denkweisen und Alltag. Der schiitische Islam wurde über Jahrhunderte poetisch, mystisch und kulturell adaptiert, nicht als strikte Staatsnorm internalisiert.
Digitale und religiöse Fronten
Diese Entfremdung zeigt sich im Umgang des Regimes mit Kommunikation und Öffentlichkeit. Am 8. Januar begann ein nahezu vollständiger Internet-Lockdown. Mobilfunknetze wurden abgeschaltet, internationale Plattformen blockiert, VPN-Dienste bekämpft. Ziel war, die Koordination der Demonstrationen zu unterbinden und die Sichtbarkeit staatlicher Gewalt zu reduzieren. Tatsächlich scheinen sich die Proteste seitdem abgeschwächt zu haben. Gleichzeitig versuchen Aktivisten über Satellitenverbindungen wie Starlink in Kontakt zu bleiben. Der Besitz der dafür notwendigen Terminals, von denen es etwa 50.000 bis 100.000 im Land geben soll, wird strafrechtlich verfolgt und kann mit der Todesstrafe geahndet werden.
Auch religiöse Orte sind von diesem Bruch erfasst. In mehreren Städten dienen Moscheen als operative Stützpunkte der Basij-Milizen und Sicherheitskräfte. Berichte über brennende Moscheen verdeutlichen die Integration der Religion in den Repressionsapparat. Anders als 1979 mobilisiert die Religion heute nicht gegen den Staat, sondern wird vom Staat zur Kontrolle genutzt.
Dennoch steht hier nicht Volk gegen Diktatur. Getragen wird das Regime weiterhin von einem klar umrissenen Machtblock: den Revolutionsgarden, Teilen des Klerus und den Basij-Milizen, deren Hunderttausende überwiegend aus konservativen, ländlichen oder sozial abhängigen Milieus rekrutiert werden. Noch immer gelingt dem Regime die Mobilisierung Zehntausender für Akklamationsdemos. Und bei den letzten Präsidentschaftswahlen votierten trotz breitem Wahlboykott dreizehn Millionen für den erzkonservativen Hardliner Said Dschalili.
Die soziale und ideologische Basis des Regimes existiert weiterhin, wenngleich sie stetig schrumpft, von den staatsnahen Wirtschaftsstrukturen zehrt, an Ressourcen, Privilegien und die Erwartung von Stabilität gebunden ist. Je länger die wirtschaftliche Krise anhält, desto schwieriger wird es, diese Loyalität aufrechtzuerhalten. Repression wird teurer, Zustimmung seltener, wie das Beispiel der Basaris zeigt.
Die geopolitische Dimension
Die Krise hat eine geopolitische Dimension erreicht. US-Präsident Donald Trump hatte öffentlich die iranische Bevölkerung zum Widerstand aufgerufen und Unterstützung in Aussicht gestellt. Zugleich werden in Washington offenbar militärische Optionen geprüft. Selbst die Plausibilität eines Angriffs verändert die Lage: Sie ist Nahrung für die Propaganda des Regimes, die Proteste wären vom Ausland gesteuert und könnte die Situation langfristig weiter eskalieren lassen.
Ein militärischer Konflikt hätte weitreichende Folgen über den Iran hinaus. Teheran hat mehrfach signalisiert, auf Angriffe mit Vergeltung zu reagieren, etwa gegen US-Stützpunkte oder über Störungen von Handels- und Energierouten. Selbst regionale Rivalen warnen vor offener Eskalation, aus Sorge um die Stabilität, Energiepreise und Lieferketten.
Der Iran steht damit vor einer kaum lösbaren Situation. Grundlegende Reformen innerhalb des bestehenden Systems sind kaum möglich, weil sie dessen ideologische Basis infrage stellen würden. Repressionen und eine erneute Niederschlagung der Aufstände können Zeit kaufen, aber keine Legitimation. Wie so oft im Nahen Osten droht auch im iranischen Vielvölkerstaat ein Staatszerfall und Bürgerkrieg. Eine äußere Intervention würde den inneren Konflikt internationalisieren und unkontrollierbar machen. Was bleibt, ist eine gefährliche Schwebe.
Fest steht jedoch: Die Islamische Republik Khameneis regiert eine Gesellschaft, die ihr nicht mehr folgt. Dieser Widerspruch – das zeigen die zyklischen Proteste – ist nicht temporär, sondern strukturell. Er erklärt die Wucht des Aufstands, die Härte der Repression und die Nervosität der internationalen Akteure. Doch der Iran ist kein weiterer Krisenstaat nach bekanntem Muster, sondern ein islamisch-theokratisches System, das einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft gegenübersteht. Ob dieser Widerspruch politisch aufgelöst oder gewaltsam entschieden wird, ist offen – sicher ist nur, dass er nicht mehr ignoriert werden kann.