Mega-Cities: Die Schwarzen Löcher des Überflusses
Megastädte mögen effizient wirken, das Ziel staatlicher Strukturpolitik sollten sie aber nicht sein. Das „Tribute von Panem“-Modell aus Kapitol und Distrikten ist kein Fahrplan für Wohlstand.
Tokio ist die mit Abstand größte Stadt der Welt. Sie wächst weiter, selbst während Japans Bevölkerung schrumpft. Die rund 40 Millionen Menschen in der Metropolregion machen 30 Prozent der japanischen Gesamtbevölkerung aus, während die 20 Millionen Einwohner New Yorks lediglich 6 Prozent aller Amerikaner repräsentieren.
Dank liberaler Bauvorschriften schafft Tokio neuen Wohnraum, um dieses Wachstum aufzufangen – was die Preise im Zaum hält und so noch mehr Menschen zum Zuzug ermutigt. „Die Großstadt, in der Wohnraum noch bezahlbar ist“, schrieb Binyamin Appelbaum in der New York Times, „bleibt wirtschaftlich divers und bewahrt breiten Zugang zu städtischen Annehmlichkeiten und Chancen. [...] Während Politiker in urbanen Gebieten der entwickelten Welt damit ringen, wie sie ihre Städte nach der Pandemie wiederbeleben können, bietet Tokio eine Blaupause.“
Das klingt auch nach der Blaupause für die derzeit angesagte „Agenda“ des Überflusses. „Wohnraum steht an erster Stelle“, erklärt mir der US-Journalist Ezra Klein im American Compass-Podcast und fügt hinzu, dass reichlich vorhandener Wohnraum „ein fundamentaler Motor für Chancen und Innovation“ sei. Er spricht von der „Abschottung der Städte“ als dem wahren Ende der amerikanischen Frontier.
In einem berühmten Papier aus dem Jahr 2019 schätzten die Ökonomen Chang-Tai Hsieh und Enrico Moretti, dass eine durchschnittliche US-Stadt ohne restriktive Zonierungsmaßnahmen 80 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren, während New York City auf das Achtfache seiner heutigen Größe anwachsen würde. Das BIP, davon gehen Moretti und Chang-Tai aus, läge in diesem Szenario um Billionen Dollar höher: „Die Unterschiede bei Einkommen und Arbeitsproduktivität zwischen den Gebieten, die wir betrachten, und dem Rest des Landes sind so groß, dass man bei einer Expansion dieser lokalen Ökonomien enorme gesamtwirtschaftliche Vorteile erzielt“, sagt Moretti.
Was ist das Problem?
Hat Japan jenen Überfluss freigesetzt, den die Amerikaner suchen? Die Japaner sehen das nicht so. Und mit dem üblichen Vorbehalt, dass ich bei meinem Besuch in Japan nur mit einer kleinen, nicht repräsentativen Auswahl der Gesellschaft gesprochen habe, fand ich es bemerkenswert, wie oft dieses Thema zur Sprache kam – von Regierungsbeamten und Ökonomen, von Bewohnern des wachsenden Tokios und des schrumpfenden Kyotos. Auch das Vereinigte Königreich bietet einen guten Vergleichspunkt: Dort hat die wirtschaftliche Dominanz Londons nicht zu Jubelstürmen geführt, sondern zu einer ambitionierten Initiative, um andere Regionen aufzuwerten („Levelling Up“).
Das Problem liegt darin, dass die Skaleneffekte einer Megastadt andere wirtschaftliche und soziale Faktoren der Geografie dominieren. Sie ziehen immer mehr Menschen und Ressourcen in einen wachsenden Strudel, ähnlich einem Stern, der in sich zusammenfällt und ein Schwarzes Loch erzeugt, dem nicht einmal mehr das Licht entkommen kann. Eine große Stadt ist schön. Aber wenn sie so „schön“ wird, dass talentierte Menschen und vielversprechende Unternehmen das Gefühl haben, sie müssen sich dort ansiedeln, um Erfolg zu haben, sind die Auswirkungen keineswegs mehr schön. Wenn ein Ort gewinnt und jeder andere Ort verliert, ist der Gesamteffekt ein Verlust. Marktkräfte treiben eine „Agglomeration“ voran, im Streben nach einer „Effizienz“, die in keinem Verhältnis mehr zu menschlichem Gedeihen oder nationaler Stärke steht.
In der post-neoliberalen Ära gilt die feste Annahme, dass das, was Menschen wählen, ihre eigenen Präferenzen widerspiegelt und ihr individuelles Wohl optimiert. Diese Entscheidungen sollen in der Summe das kollektive Wohl optimieren. Aber warum funktioniert das hier nicht?
Das individuelle Problem: Pluralismus
Damit Menschen eine sinnvolle Wahl treffen und ausüben können, müssen ihnen reale Optionen zur Verfügung stehen. Dies ist ein zentrales Thema meines Buches The Once and Future Worker, das für „produktiven Pluralismus“ als Rahmenwerk für die Definition und das Streben nach breitem Wohlstand plädiert:
Gesellschaften sollten eine Voreingenommenheit zugunsten bewährter Optionen pflegen, in der Erwartung, dass steigender Wohlstand im Laufe der Zeit neue Wege eröffnet. Das Versprechen des Pluralismus liegt darin, jene Wahlmöglichkeiten zu maximieren, die zu produktiven Tätigkeiten führen, die für so viele Menschen wie möglich zugänglich sind. Wenn historisch gesehen sowohl Kleinstädte als auch Großstädte florieren konnten, ist eine wirtschaftliche Entwicklung, die erstere eliminiert, verdächtig – den Gesamtkonsum auf Kosten fundamentaler Lebensentscheidungen zu steigern, die von Millionen geschätzt werden, mehrt den Wohlstand nicht.
Aus dieser Perspektive ist das Problem der Megastadt eine Art Problem des kollektiven Handelns (Collective Action Problem). Jedes Individuum, das glaubt, dass die Chancen in der Megastadt größer sind und dass andere, die Chancen suchen, ebenfalls dorthin ziehen, entscheidet sich für den Umzug. Arbeitgeber, die glauben, dass Arbeitssuchende in der Megastadt leben wollen, schaffen die Arbeitsplätze nur dort. Und so dreht sich die Spirale weiter. Könnten sich alle irgendwie koordinieren, würden sie vielleicht bei einem ganz anderen und viel besseren Gleichgewicht landen. Aber wir verlassen uns auf den Markt, um diese Koordination zu erleichtern, und wenn der Markt Effizienz und damit Ballung belohnt, ist es genau das, was wir bekommen.
Das kollektive Problem: Gemeinschaftsgüter
Menschen mit Talent und Ehrgeiz bringen ihrem Umfeld großen Nutzen – sie bauen Unternehmen auf, stärken Gemeinschaften und so weiter –, aber sie berücksichtigen diese Vorteile nicht bei der Entscheidung, wo sie sich niederlassen. Auf den ersten Blick mag das irrelevant erscheinen, schließlich bringen sie denselben Nutzen, egal wo sie sind. Doch der Grenznutzen dieser Vorteile variiert erheblich. Zehn innovative Unternehmen von St. Louis ins Silicon Valley zu verlegen, wird kaum Auswirkungen auf die Kultur oder die Chancen im Silicon Valley haben; sie vom Silicon Valley nach St. Louis zu verlegen, könnte für St. Louis jedoch transformativ sein.
Als Frage der persönlichen Freiheit sind diese sozialen Vorteile irrelevant: Natürlich sollte jeder frei sein, dorthin zu ziehen, wohin er möchte. Aber als Frage der öffentlichen Politik besteht ein Zielkonflikt: Agglomeration bringt zwar Vorteile, eine breite Streuung (Diffusion) kann jedoch größere bringen. Dies gilt insbesondere dann, wenn selbst im aggressivsten Megastadt-Modell die meisten Menschen nicht in der Megastadt leben werden. Ein Wirtschaftsmodell, das die Mehrheit der Menschen in abgehängten Regionen zurücklässt, wird langfristig auf keiner Ebene gute Ergebnisse liefern.
Das nationale Problem: Wettbewerb
Doch auch unter Monopolproblemen leidet das Modell der Megastadt. Wenn eine oder wenige Städte „Marktmacht“ innerhalb der Gesellschaft haben, mag die Effizienz der Skaleneffekte kurzfristig offensichtlich sein, aber die aus mangelndem Wettbewerb resultierende Sklerose ist das wahrscheinliche langfristige Ergebnis. Der Wettbewerb zwischen Städten und Regionen um Talente und Investitionen ist ein wichtiges Korrektiv gegen das Versagen lokaler Regierungen und führt wahrscheinlich zu einem breiteren und innovativeren Angebot an Optionen (siehe Pluralismus oben). Ein vielfältiges Ökosystem dynamischer und produktiver Regionen, die sich auf ein breites Spektrum von Sektoren spezialisieren, verleiht einem Staat zudem eine weitaus größere wirtschaftliche Resilienz.
Ein solcher Wettbewerb zwischen geografischen Faktionen stellt zudem sicher, dass das nationale politische System auf die unterschiedlichen Interessen der Bevölkerung eingeht. Wenn sich genügend wirtschaftliche und politische Macht an wenigen Orten konzentriert, wird sich die öffentliche Politik darauf konzentrieren, genau diesen Orten zu dienen, was dort noch mehr Macht bündelt. Das „Tribute von Panem“-Modell aus Kapitol und Distrikten ist kein Fahrplan für Wohlstand.
Märkte verschärfen jedes dieser Probleme, anstatt sie zu lösen. Insofern wir sie als Probleme erkennen, müssen sie politisch angegangen werden. Politik bietet einen Mechanismus zur Koordination, um soziale besser mit individuellen Kosten und Nutzen in Einklang zu bringen und Macht innerhalb einer Gesellschaft zu verteilen. Ob wir eine pluralistische, dynamische Nation bewahren wollen, ist eine Entscheidung, die wir gemeinsam treffen können. Es ist bemerkenswert, dass Untersuchungen von American Compass ergeben haben, dass mehr als 66 Prozent der Amerikaner der Meinung sind, der Fokus der Politik sollte darauf liegen, „wirtschaftlich schwachen Regionen zu helfen“, statt „Menschen zu helfen, in wirtschaftliche starke Regionen zu ziehen“. Dies gilt klassenübergreifend und sowohl für Bewohner der Küstenstädte als auch für jene außerhalb.
Diese Dichotomie hilft auch bei der Einordnung der Alternativen. Eine Zukunft der Megastädte abzulehnen, heißt nicht, die explodierenden Lebenshaltungskosten in Orten wie New York und San Francisco zu bejubeln. Die USA leben heute in der schlechtesten aller Welten: Chancen konzentrieren sich an ausgewählten Orten, und der Zugang zu diesen Chancen ist versperrt. Aber wir sollten die Konzentration von Chancen nicht als gegeben hinnehmen und uns folglich nur auf Wohnungsbaureformen als Allheilmittel konzentrieren. Der primäre Schwerpunkt der Politik sollte darauf liegen, Wirtschaftswachstum und Chancen jenseits dieser Städte voranzutreiben.
Aus politisch-pragmatischer Sicht gilt zudem, dass der Weg zu Reformen auf angespannten Wohnungsmärkten über mehr Wettbewerb führt, nicht über mehr staatliche Macht. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass hohe Wohnkosten in einigen Metropolen andernorts einen förderlichen Boom ausgelöst haben – von Austin über Nashville bis Columbus –, der ohne diese Verdrängungseffekte womöglich nie entstanden wäre. Und es ist nicht anhaltendes Wachstum, sondern erst Bevölkerungsrückgang und der Verlust von wirtschaftlichem Gewicht, der in den teuersten Städten den Widerstand sogenannter NIMBY-Gruppen („Not In My Back Yard“), also lokaler Anwohnerinitiativen, die Neubauvorhaben im eigenen Umfeld blockieren, allmählich aufweichen lässt.
Japan leidet seit Langem unter den sogenannten „verlorenen Jahrzehnten“ wirtschaftlicher Stagnation. Es wäre nicht fair zu behaupten, dass die Situation in Tokio diese Stagnation verursacht habe. Sehr wohl lässt sich jedoch festhalten, dass ein wachsendes und zugleich vergleichsweise bezahlbares Tokio keinen Ausweg aus dieser Entwicklung geboten hat. Erst eine breit getragene wirtschaftliche Prosperität führt zu bezahlbaren Städten. Setzt man hingegen auf die Konzentration von Wachstum in Megastädten, könnte diese breit angelegte Prosperität am Ende ganz ausbleiben.
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Commonplace.org