Seltsame Zeiten
In der K-förmigen Ökonomie der Vereinigten Staaten vertiefen sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich weiter.
Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Ob Niels Bohr diesen Satz tatsächlich gesagt hat, ist ungewiss. Ernst nehmen sollte man ihn trotzdem. In stabilen Zeiten gelingt Prognostizieren ganz ordentlich, indem man Linien aus der Vergangenheit verlängert. Doch das Jahr 2026 ist voller Unwägbarkeiten – mit einer einzigen Ausnahme, die wir nur allzu gern verdrängen.
In dieser ersten Kolumne des neuen Jahres geht es daher nicht um Warnungen vor explodierenden Ölpreisen, einem kollabierenden Schuldenberg oder einer Verdreifachung der Produktivität durch künstliche Intelligenz bis 2030. Stattdessen soll von zwei merkwürdigen Entwicklungen die Rede sein, die man unabhängig vom weiteren Verlauf im Blick behalten sollte. Eine davon ist die sogenannte K-förmige Wirtschaft.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Grafiken machen Trends und Zusammenhänge auf einen Blick sichtbar. Doch wenn man etwas ohne Abbildung vermitteln will, gilt oft: Ein Buchstabe kann so viel sagen wie eine Kurve.
Ökonomen greifen gern darauf zurück. Man erinnere sich an den V-förmigen Einbruch im Frühjahr 2020, an das W-förmige Wachstum der Eurozone zwischen 2007 und 2015. Eine L-förmige Entwicklung hingegen signalisiert das Ende aller Hoffnungen. In der K-förmigen Wirtschaft der USA driften die Entwicklungen entlang der beiden Schenkel des Buchstabens auseinander. Die Investitionen in künstliche Intelligenz schießen steil nach oben, während der Rest der Wirtschaft nach unten weist. Der Anteil der reichsten zehn Prozent an der gesamten Konsumnachfrage ist deutlich gestiegen, entsprechend gesunken ist der Anteil der übrigen Bevölkerung.
Amerikanerinnen und Amerikaner mit Aktienbesitz – etwa 20 Prozent der Bevölkerung – blicken seit Trumps Amtszeit deutlich optimistischer auf die Wirtschaft. Die übrigen 80 Prozent hingegen äußern sich so pessimistisch wie nie zuvor seit Beginn der entsprechenden Erhebungen im Jahr 1988. Das überrascht kaum: Die Arbeitslosigkeit ist spürbar gestiegen, das Lohnwachstum hat nachgelassen.
Wenn beiläufig von „der“ amerikanischen Wirtschaft die Rede ist, meint man in Wahrheit zwei verschiedene Welten. Die eine, in der Investitionen – vor allem in KI – und der Konsum der reichsten zehn Prozent stetig zunehmen. Und die andere, in der Investitionen und Konsum stagnieren. In dieser zweiten Welt lebt die übrige Mehrheit der Bevölkerung. Die K-Ökonomie wird sich 2026 – ja, das ist nun doch eine Prognose – zwangsläufig weiter zuspitzen.
Was bedeutet das für die Zukunft, etwa für die beispiellosen KI-Investitionen, die zunehmend schuldenfinanziert sind und auf denen große Hoffnungen für die amerikanische Wirtschaft ruhen? Welche Wirtschaft, müsste man genauer fragen. Angenommen, es käme tatsächlich zu einem Produktivitätsschub durch KI. Die Erträge würden kaum bei den unteren 90 Prozent ankommen. Angenommen, das Wunder bleibt aus. Dann geraten viele Unternehmen in Schwierigkeiten, das Wachstum stockt, es folgen Entlassungen und Einsparungen. Die Mehrheit der Bevölkerung würde die Folgen unmittelbar spüren. Kopf gewinne ich, Zahl verlierst du.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Szenarien. Es ist schwer vorstellbar, dass diese K-förmige Entwicklung in den kommenden Jahren nicht zu massiver Ernüchterung führt – unabhängig davon, wie sich einzelne Faktoren entwickeln. Eine große Wende hin zu einer optimistischen Zukunft durch KI, wie sie derzeit oft beschworen wird, scheint unter diesen Bedingungen der Einkommens- und Vermögensverteilung ausgeschlossen. Aus den seltsamen, schwer berechenbaren Entwicklungen des Jahres 2025 lässt sich so vielleicht doch etwas Sinnvolles über 2026 und die Zeit danach sagen.
„Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“, pflegte Cato im römischen Senat zu sagen. Weil ständig über andere Dinge gesprochen wurde, wiederholte er seine Mahnung unbeirrbar. Das führt zum zweiten seltsamen Phänomen, das man im Auge behalten sollte. Ich habe eine KI gefragt, wie häufig im Jahr 2025 in sozialen Medien über das Klima gesprochen wurde. Weniger als in den Jahren zuvor, lautete die Antwort. Ich hatte es bereits vermutet.
Lieber diskutieren wir über den Ölpreis, Trump, den Schuldenberg, Produktivität, künstliche Intelligenz – und dann wieder über Trump und die K-förmige Wirtschaft. Auch ich entkomme dem nicht. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl. Warum über all das spekulieren, wenn es eine einzige Gewissheit gibt, einen Trend, der sich zuverlässig in die Zukunft fortschreiben lässt, eine Prognose, die wir gefahrlos wagen können?
Wenn die CO₂-Emissionen nicht drastisch reduziert werden, wird in absehbarer Zeit enorm viel verloren gehen: Wohlstand, Biodiversität, Menschenleben, bewohnbarer Raum. Die K-förmige Wirtschaft ist ein seltsames Phänomen. Dass das Klima dabei immer weiter in den Hintergrund rückt, ist womöglich das Seltsamste, was im Jahr 2025 geschehen ist. Für 2026 brauchen wir wieder mehr Catos, die uns daran erinnern.