Arbeitszeitrechnung: Fiktion und Realität
Anhänger einer Arbeitszeitrechnung wollen den gesellschaftlich notwendigen Aufwand von Arbeit mathematisch bestimmen. Doch die komplexe Dynamik von Angebot und Nachfrage lässt sich nicht einfach durch eine zentrale Berechnung simulieren.
„Zu wenig und zu viel ist dem Narren sein Ziel”. In der Marktwirtschaft sind zwar in den allermeisten Fällen nicht unbedingt Narren am Werk. Dennoch lässt sich mit unschöner Regelmäßigkeit beobachten, dass zu viel oder zu wenig von bestimmten Gütern angeboten wird. Erst im Nachhinein stellt sich auf den Märkten heraus, ob ein Anbieter mit seinem Produkt oder seiner Dienstleistung auf zahlungsfähige Nachfrage trifft oder „am Markt vorbei produziert” hat. In wirtschaftlichen Krisenzeiten eskaliert das Missverhältnis zwischen massiven Überkapazitäten in den Betrieben und mangelnder Nachfrage.
Angesichts dieser Malaise sind manche auf die Idee gekommen, die in Produkten oder Dienstleistungen verausgabte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu berechnen. Sie verbinden damit die Hoffnung, es lasse sich ohne den „Umweg” über den Markt bereits im Betrieb feststellen, ob seine Arbeit in einer Weise erfolgt, die unter oder über dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegt.
Die Probleme der Messung
Eine Institution, die beabsichtigen würde, die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit für bestimmte Produkte zu ermitteln, hätte sich einiges vorgenommen. Einzubeziehen wären die Vorprodukte, die die Produktion flankierenden Dienstleistungen sowie allgemeine Voraussetzungen wie der Wissenschaftsbetrieb und die Infrastrukturen. Nicht nur wäre die gesamte in der Gesellschaft geleistete Arbeit zu ermitteln, sondern auch, welcher Teil dieser Gesamtarbeit auf das jeweilige konkrete Produkt entfällt.
Das würde ein Wissen darüber voraussetzen, in welchem quantitativen Verhältnis höher und niedriger qualifizierte Arbeiten zueinanderstehen. Das Problem verschärft sich in dem Maße, wie die verschiedenen Arbeiten und Tätigkeiten untereinander sowie mit Vorleistungen und dem allgemeinen Wissensstand dicht vernetzt sind.
Schon Marx beobachtete, „wie die große Industrie sich entwickelt“: Die „Schöpfung des wirklichen Reichtums“ wird „abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien (gemeint sind etwa Technologien und Anwendungen der Wissenschaft – Verf.), die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden.” Und weiter: „In dem Maße”, wie dieser Prozess voranschreitet, stehe der Wert von Produkten „in keinem Verhältnis zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet.“[1]
Anhänger der Arbeitszeitrechnung nehmen gern den einzelnen Betrieb in den Blick. Beispielsweise könne in einer Großküche der zeitliche Aufwand eingeschätzt werden, der auf die einzelnen Arbeiten entfällt. Es lasse sich einschätzen, in welcher Proportion die verschiedenen Teilarbeiten zueinanderstehen, damit eine bestimmte Zahl von verschiedenen Mahlzeiten die Großküche in einer gegebenen Zeit verlassen kann.
Doch aus der Planung innerhalb eines Betriebs lässt sich nicht auf die Planung der Wirtschaft in einer Nation schließen. Wer die notwendige Arbeitszeit als Durchschnittsmaß vieler Betriebe in der Gesellschaft ermitteln will, steht vor ganz anderen Aufgaben als die Person, die innerhalb eines einzelnen Betriebs die Arbeitszeit ausrechnet.
Dynamik der Innovationen, Variabilität von Bedürfnissen
Geht es darum, die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeit zu messen, ist es erstens erforderlich zu wissen, welcher Güter und Dienstleistungen eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt bedarf. Man muss die Proportionen kennen, in denen die verschiedenen Bedürfnisse zueinanderstehen: individueller Konsum, öffentlicher Konsum (inklusive Gesundheitswesen, Bildungswesen), Versorgung der Senioren und anderes.
Zweitens wird ein Überblick über die vorhandenen Leistungskapazitäten erforderlich. Drittens muss unter den Arbeiten und Tätigkeiten ein Durchschnitt gebildet werden – sowohl innerhalb der verschiedenen Bereiche als auch zwischen ihnen. Als gesellschaftlich notwendig gilt schlussendlich diejenige Arbeit, die mit durchschnittlichem Aufwand das Bedürfnis bedient. Die durchschnittliche Arbeitszeit, die auf Produkte verwendet wird, ist nur dann gesellschaftlich notwendig, wenn die Produkte nachgefragt werden.
Die Verfechter der Arbeitszeitrechnung sehen in diesen Aufgaben allein ein Problem der Informationsgewinnung und -verarbeitung. Sie sind optimistisch, mittels gegenwärtiger Rechnerkapazitäten und Informationsverarbeitungssysteme alles in Echtzeit berechnen zu können. Mit dieser illusionären Erwartung habe ich mich an anderer Stelle auseinandergesetzt.
Die kapitalistische Marktwirtschaft geht einher mit einer hohen Dynamik an technischen Innovationen und einer hohen Volatilität des Marktgeschehens. Die Arbeitszeitrechnung scheint im Unterschied dazu so etwas wie eine Gleichgewichtsökonomie zu unterstellen und wenigstens für eine gewisse Zeit stabile Austauschrelationen vorauszusetzen.
Dynamisch und variabel sind aber auch die Bedürfnisse. Selbst wenn sich statistisch aus der unmittelbaren Vergangenheit Daten über bestimmte Verbrauchsfelder (Bedarf an Nahrung, an Lektüre und ähnlichem) gewinnen ließen, so sind damit nicht Verschiebungen der Proportionen zwischen verschiedenen Angeboten vorhersagbar. Statistisch hoch aggregierte Daten sagen nichts über das Bedürfnis nach bestimmten Produkten und Dienstleistungen aus oder über deren Akzeptanz durch die Kunden.
Durch technologische Innovationen oder durch den Wandel der Bedürfnisse verändert sich die auf ein zentrales Produkt entfallende gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Und diese Veränderung hat Auswirkungen auf die für andere Produkte erforderliche Arbeitsmenge.
Eine gesamtgesellschaftliche Arbeitszeitrechnung scheitert Stephan Krüger[2] zufolge „nicht an einer etwaig unzureichenden Leistung der eingesetzten Hilfsmittel (Computersysteme, Rechnerkapazitäten), sondern an der Natur der Entscheidungen selbst, die individuell und dynamisch sind und uno actu jeweilige Wirkungen und Rückwirkungen auf andere Einzelentscheidungen erzeugen.“
Krüger erläutert: Der auf dem Markt ablaufende Prozess „des Ins-Maß-Setzens der individuell verausgabten Arbeiten“ setzt „keineswegs vorab bestimmbare Gleichgewichtsbedingungen bloß durch.“ Vielmehr werden „die Austauschverhältnisse innerhalb und zwischen den Abteilungen der Produktion in diesem Prozess erst herausmodelliert. Die Preisbewegung ist somit eine regulierte und – innerhalb gewisser Grenzen – regulierende Bewegung; eine derartige Wechselwirkung ungleicher Kräfte ist weder theoretisch mit dem Instrumentarium der Gleichgewichtsökonomie noch praktisch mit dem Instrument zentraler Planung im Sinne von ex-ante-Regulation adäquat zu erfassen.“[3]
Anhänger der Arbeitszeitrechnung sind häufig bereits dann zufrieden, wenn sich geleistete Arbeitsstunden berechnen lassen. Sie verlieren oft die Ausgangsfrage aus dem Blick. Sie lautet: Handelt es sich bei den geleisteten Stunden um gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit?
Auf dieses Problem hat Eduard Heimann[4] bereits vor 90 Jahren hingewiesen:
„Legt man der Rechnung eine Arbeitsstunde als Einheit zu Grunde und vergleicht die Erzeugnisse verschiedener Arbeitsrichtungen nach der Anzahl der zur Herstellung erforderten Arbeitsstunden, so löscht man gerade das aus, worauf es ankommt; man kann dann nicht mehr sehen, ob in der augenblicklichen Versorgungslage eine Stunde der einen Arbeitsrichtung ebenso großen Nutzen stiftet wie die einer anderen Arbeitsrichtung, da man sie ja bereits gleich gesetzt hat. […] Das Geld ist ein in sich einheitlicher Maßstab, wo jede Einheit gleich der anderen gilt; die Arbeitsstunde ist ein in sich uneinheitlicher Maßstab, weil die verschiedenen Arbeitsrichtungen wechselnd stark beansprucht werden, wechselnden Nutzen stiften.”
Welche Tätigkeiten gehen in die Arbeitszeit ein?
Vor einigen Jahrzehnten galt als gesellschaftlich notwendige Arbeit vor allem diejenige Arbeit, die in der Industrie geleistet wird. Mit dem Ausbau der Dienstleistungen in der Zirkulation, Verwaltung, Erziehung und Forschung sowie dem Gesundheitswesen gewinnen andere Tätigkeiten an Relevanz.
Für so etwas wie eine betriebliche Arbeitszeitrechnung würde es reichen zu fragen: Welche Arbeiten und Tätigkeiten sind zu berechnen, die innerhalb des Betriebs sowie für die benötigten Vorprodukte, für die vom Betrieb beanspruchte Energie und für die Transporte anfallen? Gesamtgesellschaftlich stellt sich die Frage anders: Welche Arbeiten und Tätigkeiten sind erforderlich, um die Infrastrukturen (Straßen, Versorgungsnetze, Verwaltungen) und die schulische Qualifikation von Kindern und Jugendlichen sowie die Behandlung von Kranken zu erbringen?
Das eigentlich schwierige Problem betrifft das Vorhaben, zu ermitteln, in welchem Anteil die Arbeiten und Tätigkeiten für die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Produktion in die erforderliche Arbeitszeit für eine von einem Unternehmen verfertigte bestimmte Produktsorte eingehen.
Die gesamtgesellschaftlich notwendige Arbeitszeit umfasst nicht nur die Aktivitäten, die für die Voraussetzungen der Produktion notwendig sind. Hinzu kommen solche Arbeiten und Tätigkeiten, über deren Menge letztlich politisch entschieden wird. Die Frage lautet hier: Wie hoch oder niedrig soll der Lebensstandard für Senioren, Arbeitslose und Nicht-Arbeitsfähige sein? Davon hängt beispielsweise ab, wie viel Arbeiten und Tätigkeiten in Altersheimen, Kindertagesstätten und Schulen in der jeweiligen Nation faktisch als gesellschaftlich notwendig gelten.
Tätigkeiten in privaten Haushalten
Die Schwierigkeiten steigern sich infolge einer weiteren Frage, die seit den 1970er Jahren populär wurde: Personen üben privat Care-Tätigkeiten für ihre Kinder, für kranke sowie für alte Familienangehörige aus. In welchem Ausmaß gelten diese Tätigkeiten als Bestandteil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit?
Aus der Vergangenheit wissen wir, wie diese Frage besser nicht zu beantworten ist. Das eine Extrem besang 1977 Johanna von Koczian: „‚Das bisschen Haushalt macht sich von allein.’/ Sagt mein Mann./ Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein’”. Das andere Extrem findet sich in der Forderung nach „Lohn für Hausarbeit”.
Die erste Auffassung unterschätzt die Mühen, die Haushaltstätigkeiten und das Umsorgen von Kindern machen, sowie die damit verbundenen entnervenden Wiederholungen und die soziale Enge des Kleinhaushalts. Die zweite Auffassung ignoriert, dass zwischen Arbeit, Hobby und Freizeit bei der Arbeit im eigenen Haushalt sich nicht klar trennen lässt. Gertraude Keil schrieb dazu 1978: „So ist Kochen mit Sicherheit Hausarbeit, Wäsche waschen auch; aber wie ist das mit einem Pullover für den Mann stricken, einen schönen Blumenstrauß hinstellen, mit den Kindern spielen? – die Grenzen sind flüssig.“[5]
Wer einen Preis für Care-Tätigkeiten innerhalb der Familie ermitteln will, greift dafür auf vermeintliche Marktäquivalente zurück. Das Kochen einer Mahlzeit für die eigene Familie bekommt dann das Arbeitseinkommen zugerechnet, das diejenigen erhalten, die Mahlzeiten in Restaurants erstellen. Wer auf diesem Wege vorgeht, tut so, als mache es keinen Unterschied, ob ein Elternteil am Tag eine warme Mahlzeit kocht, die es zudem auch selbst gemeinsam mit seiner Familie genießt, oder ob man über einen langen Arbeitstag viele Mahlzeiten für meist fremde Gäste kocht.
Gewiss kann es anstrengend sein, den ganzen Tag mit einem kleinen Kind zusammen zu sein und sich mit ihm zu beschäftigen. Folgt daraus, dass sich dieser Tätigkeit der Preis zuordnen lässt, den Erzieher in einem Kindergarten erhalten? Wer das meint, sieht davon ab, dass eine Person, die sich um ihr eigenes Kind kümmert, damit etwas anderes verbindet als lohnabhängige Erzieher. Auch so etwas wie „die verspielten, verschmusten, verplemperten Nachmittage zusammen mit dem Kind“[6] entziehen sich der Bepreisung. Es sei denn, man wolle ausrechnen, welchen Preis Eltern für das Glück, das ihnen das Kind bereitet, auf dessen Konto einzahlen. Von ihm wäre dann wiederum der Preis dafür zu entrichten, dass Eltern Kinder gut tun.
Verfechter der Arbeitszeitrechnung kommen in die Schwierigkeit, zwar nicht Preise für die privaten Tätigkeiten in der Familie ausrechnen zu müssen. Wohl aber müssen sie die Frage beantworten, in welchem Ausmaß diese Tätigkeiten als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gelten können. Der Unterschied zwischen privaten Tätigkeiten in der eigenen Familie und Erwerbstätigkeiten ist ein Grund dafür, dass die Beantwortung dieser Frage massive Probleme aufwirft.
Der Rechenmeister Markt und die Arbeitszeitrechnung
Die Anhänger der Arbeitszeitrechnung unterstellen positivistisch eine Objektivität, die sie der Gestaltung der Gesellschaft als sicheres, weil vermeintlich mathematisch einwandfrei feststellbares Fundament zugrundelegen wollen. Von dieser Objektivität nehmen sie an, sie sei bereits in der marktwirtschaftlichen Gegenwart gegeben. Das sehen Anhänger der Marktwirtschaft wie Wilhelm Röpke[7] einerseits ganz genau so. Andererseits erläutern sie, um was für eine bestimmte Objektivität es sich dabei handelt und was man sich mit ihr einhandelt:
„Diesen Preis nun wirklich auszurechnen […] ist ein Rechenkunststück, das immer nur der Rechenmeister Markt vollbringen kann. Es gibt keine andere Methode, den richtigen, d.h. der Gleichgewichtslage entsprechenden Preis […] zu bestimmen als die marktwirtschaftliche; wir können diese Größen nicht irgendwie mathematisch-statistisch im voraus berechnen, sondern nur hinterher konstatieren, nachdem der ‚Markt’ seine Schuldigkeit getan hat.”
Auch Verfechter der gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung sehen den Markt als Rechenkunststück an. Im Unterschied zu Anhängern der Marktwirtschaft meinen sie, das, was der Markt hinter dem Rücken der Beteiligten einreguliert, durch eigene Berechnung im Voraus erheben und damit den Markt durch diese Berechnung ersetzen zu können.
Damit wollen sie ein besseres funktionales Äquivalent zur Marktwirtschaft vorlegen. Sie nehmen an, die Marktwirtschaft funktioniere als ein komplexes System von Gleichungen, und wollen diese Gleichungen unabhängig von der Marktwirtschaft formulieren und lösen. Einerseits stützen sie sich auf ein Geschehen, das sich hinter dem Rücken aller Beteiligten ergibt. Andererseits meinen sie, eine bewusste oder sogar „demokratische Arbeitszeitrechnung” brauche nur dasjenige auszurechnen, von dem sie annehmen, der Rechenmeister Markt rechne es bereits aus.
Anhänger der Arbeitszeitrechnung wollen mit ihr objektiv vorhandene Größen feststellen. Das steht im Kontext der Erwartung, die Wirtschaft als eine sachliche Verwaltung von Sachen organisieren zu können. Im Unterschied dazu wird in einer anstrebenswerten nachkapitalistischen Gesellschaft die öffentliche Beratung, Erwägung, Reflexion und Entscheidung über die Zusammensetzung des gesamtgesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses maßgeblich für bestimmte Proportionen sein.
Selbstverständlich gibt es auch in dieser Gesellschaft Proportionen, die ihrer Wirtschaft immanent sind und nicht politisch beliebig festgelegt werden können. Daraus folgt aber nicht, für die anstrebenswerte nachkapitalistische Gesellschaft eine strikte Trennung zwischen der objektiven Voraussetzung („sachliche Verwaltung der Sachen”) und der politischen Gestaltung vornehmen zu können.
Quantität und Qualität
Für die Arbeitszeitrechnung gilt ähnliches wie für die Preisrechnung. Viele für das Wirtschaften relevante und von ihm betroffene Qualitäten lassen sich nicht in Preisen darstellen. Preise vergegenwärtigen die materiellen und immateriellen „Kosten“ des Wirtschaftens unzureichend. Damit steht der Vorteil des Preismechanismus infrage.
Als problematisch erweist sich die Behauptung, alle relevanten Hinsichten des Wirtschaftsgutes in einem numerischen Index darstellen und alle einschlägigen Sachinformationen in einer leicht handhabbaren quantitativen Information bündeln zu können.
Das betrifft auch die Arbeitszeitrechnung. Produkte in einer anstrebenswerten nachkapitalistischen Gesellschaft werden nicht nur danach bewertet, ob auf sie gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit verwendet wurde, sondern wie es in der für die Produkte erforderlichen Arbeit um die Lebensqualität der Arbeitenden bestellt ist und welche ökologischen Effekte die Produktion sowie die Produkte aufweisen.
Zugleich erfordert auch eine Alternative zur kapitalistischen Marktwirtschaft eine Antwort auf die Frage: Wie können verschiedene Vorgänge, Güter und Arbeiten gemessen und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden? Die Herausforderung besteht darin, dieses „Kommensurierungsproblem“ zu lösen, ohne dass entsprechende Abstraktionen (zum Beispiel durch Bepreisung) sich zum Nachteil der Qualität von Gütern und Dienstleistungen, dem Arbeiten und den Sozialbeziehungen auswirken.[8]
Die Arbeitszeitrechnung bietet ein Beispiel für den „Solutionismus“. Er „deutet komplexe, soziale Zusammenhänge so um, dass sie entweder als genau umrissen Probleme mit ganz bestimmten, berechenbaren Lösungen oder als transparente, selbstevidente Prozesse erscheinen, die sich – mit den richtigen Algorithmen – leicht optimieren lassen“.[9]
Arbeitszeitscheine als Geldäquivalent
Die Arbeitszeitrechnung soll eine Alternative zur Geldwirtschaft bieten. Die Arbeitenden sollen Arbeitsscheine nach dem Anteil erhalten, den sie mit ihrer Arbeit zur gesellschaftlich notwendigen Arbeitsmenge beitragen. Mit diesen Arbeitsscheinen zahlen sie dann für ihren privaten Konsum.
Auch zwischen den Betrieben würden die Arbeitsscheine zur Rechnungseinheit, wie Heinemann konstatiert:
„Würde man schließlich eine Stunde einer in sich einheitlichen Arbeitsrichtung zur Rechnungseinheit machen, z. B. eine Spinnereiarbeitsstunde, so würden die anderen Arbeitsrichtungen ihre wechselnde Inanspruchnahme und Nützlichkeit in wechselnden Beträgen dieser Einheit spiegeln, und man wäre wieder bei dem Auf und Ab der Geldrechnung angelangt. Welchen Maßstab der Rechnung man wählt, ist eine Frage der Währungstechnik. Aber es muss jedenfalls ein in sich gleichartiger Maßstab sein”.[10]
Man wollte zwar mit den Arbeitsscheinen als gesellschaftlich maßgeblicher Rechnungseinheit das Geld verabschieden, bekommt aber mit den Arbeitsscheinen praktisch etwas, das dem Geld gleicht. Beide abstrahieren von allen qualitativen Unterschieden zwischen den Gebrauchswertinhalten.
Fazit: Abstraktion in anderer Gestalt
Die Bedürfnisse und Produkte, den technischen Stand der Produzenten und ihren Arbeitsaufwand gesamtgesellschaftlich zu berechnen, überfordert die rechnungsführende Institution sachlich und zeitlich. Die Erwartung, von einer einzelnen Arbeit ließe sich konkret berechnen, welchen Anteil an der gesamtgesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit sie enthält, ist nicht nur sozialtechnologisch unrealistisch.
Die vorgestellte sozialtechnologische Lösung selbst stellt keine Alternative zu der Wertabstraktion dar, die der Marktwirtschaft eigen ist, sondern reproduziert diese Abstraktion in anderer Gestalt. Für die Vorstellung, die gesellschaftlich durchschnittliche notwendige Arbeitszeit eines Produkts berechnen zu wollen, gilt Ähnliches wie für den Narren: Beide wollen sowohl zu viel als auch zu wenig.
Meistens belassen es diejenigen, die positiv das Wort Arbeitszeitrechnung im Munde führen, bei der Versicherung, sie sei schon irgendwie möglich, ohne sich in die Materie zu vertiefen. Sie nehmen die Absicht für die Tat. Eine vage Vorstellung genügt ihnen. Niemand muss sich dann Rechenschaft davon ablegen, was die Arbeitszeitrechnung praktisch voraussetzen und worauf sie faktisch hinauslaufen würde.
Bei „Arbeitszeitrechnung” handelt es sich um eine der ideomagischen Imponiervokabeln, die ein Konzept nur suggerieren und simulieren. Das mit ihr verbundene Versprechen, alle Schwierigkeiten nachkapitalistischer Wirtschaftsregulation überwinden zu können, richtet sich an diejenigen, die von ihnen nicht wirklich etwas wissen wollen, aber zugleich beanspruchen, einer Realität gewachsen zu sein, die sie nicht begreifen.
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