Die verkannte Macht der Geldpolitik
Liebe Leserinnen und Leser,
nach ökonomischen Maßstäben befinden wir uns in einem globalen Dorf. Zentralafrika und das Vereinigte Königreich liegen geographisch weit auseinander, doch das "Gesetz der Märkte" dominiert an beiden Orten das Denken. Wer es missachtet, wird bestraft, so der Mythos. Aber entspricht er auch der Realität? Zwei Artikel dieser Ausgabe zeigen, dass nicht die Märkte, sondern die Geldpolitik das Zünglein an der Waage ist.
Der Entwicklungsökonom Ndongo Samba Sylla beschreibt ein System, das afrikanischen Staaten die Kontrolle über ihre Finanz- und Industriepolitik entzieht: der CFA-Frank, ein an den Euro gebundenes neokoloniales Währungs-Korsett. Aus tausenden Kilometern Entfernung bestimmen geldpolitische Entscheidungsträger der Eurozone das wirtschaftliche Leben der Afrikaner.
Die Dominanz geht so weit, dass unliebsame Regierungen in die Knie gezwungen werden. Unter französischer Ägide, als es noch den Franc gab, hat Paris Mali und zuletzt Niger den Zugang zu Konten bei der Zentralbank und zum nationalen Finanzsystem entzogen, wie Sylla schildert.
Aber selbst auf dem Boden der einst größten Kolonialmacht wurde eine Regierung durch geldpolitische Entscheidungen gestürzt: Klaus Diekmann und Jannik Strobl widersprechen der landläufigen Behauptung, die Märkte hätten im Herbst 2022 die "Schuldenorgie" der Premierministerin Liz Truss abgestraft. Sie beschreiben, wie die Zinspolitik der Bank of England im Vereinigten Königreich Marktverwerfungen auslöste und dadurch mehrere britische Pensionsfonds in die Krise trieb.
Entscheidend für das Schicksal der Regierungen waren in beiden Fällen nicht die „Märkte“, sondern die Geldpolitik der Institutionen. In dem Wissen, dass monetär souveräne Staaten in eigener Währung nicht bankrottgehen können, erscheint der Truss-Schock weniger als Staatsschuldenkrise, denn als Finanzmarktkrise der Pensionsfonds. In Zentralafrika hat der chronisch überbewertete CFA-Frank die industrielle Entwicklung gehemmt und das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung einbrechen lassen. In der Elfenbeinküste, dem wirtschaftlich bedeutendsten Land der Franc-Zone, fiel das reale Pro-Kopf-BIP im Jahr 2024 um ganze 21,6 Prozent unter seinem Höchststand von 1978.
Die Tragik ist, dass das Wissen über die Macht der Geldpolitik noch immer unter einem Schleier liegt: „There is no such thing as public money, there is only taxpayers' money“ – nicht nur in Großbritannien hat sich Margaret Thatchers Diktum tief in den Köpfen eingenistet.