Makroskop
Interview mit Wolfgang Richter

„Das Vertrauen ist auf einen historischen Tiefpunkt gesunken“

| 03. Februar 2026
Dänemarks Außenminister Lars Loekke Rasmussen im Weißen Haus (IMAGO / Ritzau Scanpix)

Der Militärexperte und frühere Oberst Wolfgang Richter hält Trumps Besitzansprüche in Grönland für mehr als eine Provokation. Was sie für das nukleare Gleichgewicht bedeuten – und weshalb das transatlantische Vertrauen so tief erschüttert ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wolfgang Richter, Oberst a.D., war viele Jahre lang in verschiedenen, verantwortlichen Funktionen in der Rüstungskontrolle tätig. Zudem war er mit der Entwicklung einer europäischen und globalen Friedensordnung befasst. Er ist Mitautor des im Juni 2024 erschienenen und von Götz Neuneck herausgegebenen Buchs Europa und der Ukrainekrieg. Mit ihm sprach Ulrike Simon.

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Herr Richter, die USA haben schon sehr weitgehende Rechte in Grönland. Nun möchte US-Präsident Donald Trump Grönland annektieren. Warum ist der Besitztitel für die USA so wichtig?

Das Interesse an Grönland ist in erster Linie auf seine Neuinterpretation der Monroe-Doktrin zurückzuführen. Ihr Grundprinzip ist die uneingeschränkte US-Hegemonie über den gesamten amerikanischen Kontinent. Zugleich scheint Trump historischen imperialen Visionen zu folgen. Aus seiner Bewunderung für Präsident McKinley macht er keinen Hehl. Er hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert Hawaii, Puerto Rico und Guam annektiert und die vorher spanische Kolonie Philippinen erobert.

Also geht es eher um Prestige und Machtdemonstration als um geostrategische Interessen?

Sicherheitsargumente halte ich für vorgeschoben. Die ließen sich gemeinsam mit Alliierten lösen, zumal Grönland zum Hoheitsgebiet des NATO-Verbündeten Dänemark gehört und die USA dort bereits über den Militärstützpunkt Thule (Pittufik) verfügen. Trumps Behauptung, Grönland sei aktuell durch den Zugriff Russlands oder Chinas militärisch oder ökonomisch bedroht, ist Unsinn. An anderer Stelle sagt er, dass er die europäischen Bedrohungsperzeptionen gegenüber Russland nicht teile. Auch das Interesse des Geschäftsmanns Trump an einer künftigen Ausbeutung von Ressourcen unter dem schmelzenden Eisschild dürfte nur eine sekundäre Rolle spielen. 

Worin besteht dann die strategische Bedeutung Grönlands für die USA?

Sieht man einmal von der Monroe-Doktrin der regionalen Hegemonie ab, so ist Grönland für die USA als Satellitenzentrum und als Basis für die Frühwarnung und die strategische Raketenabwehr von Bedeutung. Mit dem Projekt „Golden Dome“ will Trump Interkontientalraketen abwehren, die über Grönland hinweg das amerikanische Festland angreifen könnten.

Welche Auswirkungen hätte die Realisierung dieses Projekts?

Wenn das Projekt bezahlbar und physisch realisierbar wäre, hätte es erhebliche Auswirkungen auf das vereinbarte nuklearstrategische Gleichgewicht mit Russland. Denn das beruht auf dem Grundsatz, dass die Erhaltung der nuklearen Zweitschlagfähigkeit Voraussetzung dafür ist, einen nuklearen Erstschlag abschrecken zu können. Wenn aber die Fähigkeit zum Zweitschlag durch die Raketenabwehr dezimiert und zugleich der Erstschlag mit Hilfe regionaler Mittelstreckenraketen verstärkt werden könnte, würde diese Kalkulation zusammenbrechen.

Und das letzte noch gültige Rüstungskontrollabkommen läuft in dieser Woche aus …

Das kommt erschwerend hinzu. Der New START-Vertrag, der das strategisch-nukleare Gleichgewicht regelt und Interkontinentalsysteme begrenzt, läuft tatsächlich am 5. Februar aus. Eine Nachfolgeregelung gibt es bisher nicht.

Beginnt jetzt ein neuer unkontrollierter Rüstungswettlauf?

Beide Seiten haben vage angedeutet, dass man die festgelegten Obergrenzen für ein Jahr weiter beachten sollte. Eine Neuregelung erweist sich jedoch als schwierig. Russland hat bereits Systeme erprobt, die einen strategischen Raketenabwehrgürtel überwinden sollen. Die USA dagegen wollen künftig China in einem neuen strategisch-nuklearen Gleichgewicht „zu dritt“ berücksichtigen und ihre nuklearen Kapazitäten erhöhen. Das „Golden Dome“-Projekt dürfte die künftigen Stabilitätsgespräche weiter verkomplizieren.

Es könnte aber die amerikanische Verhandlungsposition stärken …

Gleichwohl können aus solchen strategischen Fragen keine territorialen Besitzansprüche abgeleitet werden. Seit dem Kalten Krieg gibt es bereits Stationierungsabkommen zwischen Dänemark und den USA, die einen größeren Stationierungsumfang erlauben als die derzeitig 200 Soldaten in Thule (Pittufik). Auf dem Höhepunkt unterhielten die USA in Grönland 17 Einrichtungen mit bis zu 10.000 Soldaten. Beide Seiten könnten sich also auf eine Neuinterpretation dieser Vereinbarungen einigen.

In dem zwischen Trump und NATO-Generalsekretär Rutte ausgehandelten Deal einer eventuellen Novelle des Grönland-Vertrags könnten die USA theoretisch die Souveränität über bestimmte Gebiete Grönlands bekommen, um dort Militärstützpunkte einrichten zu können. Dort läge die höchste staatliche Entscheidungs- und Durchsetzungsmacht bei den US-Amerikanern und nicht bei den Grönländern oder Dänen. Dabei verweist der Generalsekretär auf das Beispiel Zypern. Auf der Mittelmeerinsel unterhält Großbritannien seit Jahrzehnten Militärstützpunkte, die etwa drei Prozent des zypriotischen Territoriums ausmachen. Sie werden vom Verteidigungsministerium in London verwaltet und haben eine eigene Polizei und Justiz.

Diesen Vorschlag halte ich für völlig inakzeptabel; denn dabei handelt es sich um einen postkolonialen Status aus der Zeit, in der Zypern seine Unabhängigkeit von Großbritannien erhalten hat. Dabei musste es auf die von Ihnen genannten zwei Gebiete verzichten, die als extraterritoriale britische Militärbasen weiterhin der Souveränität Großbritanniens unterstehen. Herr Rütte überschreitet seine Kompetenzen. Er kann keine Vorschläge zu Lasten der Souveränität und territorialen Integrität irgendeines Staates, geschweige denn eines Verbündeten machen. Darüber können nur Dänemark und Grönland selbst entscheiden.

Welche Folgen hätte eine Annexion für Dänemark, Europa und die NATO? Kann die NATO einen solchen Schritt überleben?

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat deutlich gemacht, dass eine gewaltsame Annexion Grönlands durch einen Bündnispartner das Ende der NATO darstellen würde. Meines Erachtens hat sie Recht. Die NATO als „transatlantische Gemeinschaft“ würde das nicht überleben.

Bisher ist noch nichts entschieden.

Seit der Rede von Präsident Trump in Davos scheint eine gewaltsame Annexion vom Tisch zu sein – zumindest vorläufig. Gleichwohl ist das Vertrauen innerhalb des Bündnisses auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Wir müssen mit weiteren Krisen im transatlantischen Verhältnis rechnen. Europa sollte die Konsequenzen daraus ziehen, seine Abhängigkeit von den USA deutlich reduzieren und sich international unabhängiger aufstellen – politisch-diplomatisch, ökonomisch-technologisch und militärisch.