Bringt Migration uns wirtschaftliche Vorteile?
In der emotionalisierten Migrationsdebatte kursieren viele Annahmen und Glaubenssätze. Warum Zuwanderung ein Gewinn für unsere Ökonomie ist.
In der MAKROSKOP-Redaktion gibt es bei verschiedenen Themen unterschiedliche Meinungen. In diesem Format tragen wir die Debatten öffentlich aus. Möge das bessere Argument gewinnen!
Alle Jahre wieder kocht in Deutschland die Migrationsdebatte hoch. Zuletzt entzündete sie sich, nachdem der Kanzler von einem Problem im Stadtbild sprach. Die Reaktionen gingen in alle Richtungen, die Stimmung ist zunehmend emotional. Ist Zuwanderung ein Gewinn?
Ob nun Stadtbild oder Ökonomie: In der Diskussion kursieren viele Glaubenssätze und Vorurteile – mitunter aktiv geschürt. Liegen Zugewanderte nur dem Sozialstaat auf der Tasche? Sind sie alle schlecht qualifiziert und bringen uns nur wirtschaftliche Lasten?
Nur in der sozialen Hängematte?
Ende 2024 bezogen laut Bundesagentur für Arbeit 5,4 Millionen Menschen in Deutschland Bürgergeld (darunter auch viele „Aufstocker“, die von ihren niedrigen Löhnen nicht leben können und inklusive Kinder). Fast die Hälfte davon hatte keinen deutschen Pass – ein überproportional hoher und seit 2014 deutlich steigender Anteil. Die Zahlen erwecken schnell den Eindruck, Zugewanderte lägen nur dem Sozialstaat auf der Tasche. Doch das greift zu kurz.
Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zur Kohorte der 2015 zugewanderten Geflüchteten zeigt: Ihre Beschäftigungsquote stieg über die Jahre deutlich an und näherte sich bis 2024 dem Durchschnittsniveau der Gesamtbevölkerung an. Nach einer Ankommensphase arbeiten die Geflüchteten also. Ob weiter mit staatlichen Leistungen „aufgestockt“ werden muss, hängt auch von den gezahlten Löhnen ab.
Darüber hinaus: Die ausländische Nationalität, die mittlerweile am häufigsten im Bürgergeld vertreten ist, ist die Ukraine, nicht Syrien. Aus einem hohen Anteil ausländischer Nationalitäten im Bürgergeld allein folgt daher nicht, dass Zugewanderte langfristig nicht arbeiten. Der Anteil wird auch durch neue Zugänge geprägt, etwa infolge des russischen Angriffskriegs.
Auch wenn es die deutsche Gesellschaft kurzfristig Geld kostet, Zugewanderten Starthilfe zu geben: Langfristig lohnt sich Migration, auch für die Staatsfinanzen. In der Endsumme entlastet Migration die öffentlichen Haushalte um rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und das sogar unter der Annahme, dass primär junge, niedrig qualifizierte Menschen einwandern. Das ergibt eine Studie von Martin Werding, Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft. Weitere Studien deuten in eine ähnliche Richtung.
Systemrelevanz und Innovation
Inwiefern tragen Zugewanderte zur Wirtschaft bei? Zum einen arbeiten die geflüchteten Menschen laut IAB häufig in händeringend gesuchten und oft systemrelevanten Berufen. Bei Männern sind das vor allem Verkehrs-, Logistik- sowie fertigungsnahe Berufe, bei Frauen überwiegend Berufe im medizinischen und nicht-medizinischen Gesundheitsbereich. Ohne die systemrelevante Arbeit der Zugewanderten würde unser System praktisch in ernste Schwierigkeiten geraten.
Menschen mit Migrationshintergrund, mitunter in der nächsten Generation, gründen zunehmend auch Unternehmen. Der erste Alltagsimpuls lässt zunächst an Kioske, Dönerbuden und Friseursalons denken. Das ist allerdings zunehmend verkürzt: Jede vierte Gründung ist mittlerweile schon im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen angesiedelt – Tendenz steigend.
Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Telekommunikation und Informationsdienstleistungen, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Forschung und Entwicklung oder Gesundheitsdienste. Darüber hinaus melden Menschen mit Migrationshintergrund zunehmend Patente an. Während der Anteil 2000 noch bei 4,9 Prozent lag, hatte er 2022 bereits 14 Prozent erreicht. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung lag 2024 bei rund 26 Prozent.
Die Ressource Arbeitskraft
Selbst wenn diese Menschen jetzt in Deutschland geboren sind, ihre Vorfahren sind es nicht. Wären diese Menschen nicht da, hätte Deutschland ein gewaltiges Arbeitskraftproblem. Das wird in Zukunft nicht unbedingt besser: Pro Frau werden aktuell 1,35 Kinder geboren – ein abnehmender Trend – und die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer gehen demnächst in Rente.
Zwar könnten Einkommensverluste durch die fehlenden Erwerbstätigen womöglich durch eine Steigerung der Produktivität oder eine bessere Verteilung des bestehenden allgemeinen Wohlstands kompensiert werden. Doch so oder so: Zuwanderung stärkt die wichtige „Ressource Arbeitskraft“ – jetzt und in Zukunft. Das ist nicht nur für den ökologischen Umbau der deutschen Wirtschaft zentral.
Schon jetzt stützt die Arbeit zugewanderter Menschen unser Wirtschaftssystem und sorgt für Gründungen und Innovationen. Um das Potenzial der zugewanderten Menschen jedoch voll zu heben, ist eine erstklassige Sprach- und Bildungsförderung, der Ausbau der zugehörigen Kapazitäten wichtig – auch, um nicht einfach nur weitere Fachkräfte aus anderen Ländern abzuziehen, die dort auch dringend gebraucht werden.
Dazu gehören auch mehr Schnelligkeit und Flexibilität bei der Anerkennung von Qualifikationen. Es ist niemandem geholfen, wenn Zugezogene nicht in einem Beruf arbeiten können, der ihrer Ausbildung entspricht, sondern in anderen Bereichen arbeiten, für die sie keine oder weniger gute Qualifikationen haben. Zudem die Bedingung des Ganzen: die Erlaubnis, zu arbeiten und die hiesige Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur zu nutzen.
Eine Bilanz
Besonders mit der richtigen Bildung und Integration ist Zuwanderung ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Auch wenn der Prozess kurzfristig Geld kostet: Langfristig „rechnet sich“ der Zuzug für die wirtschaftliche Produktion und auch für die Staatsfinanzen.
Neben häufig systemrelevanten Tätigkeiten bringt Migration zunehmend auch neue Unternehmensgründungen und Patentanmeldungen. Insbesondere mit Blick auf die „Ressource Arbeitskraft“ und den demografischen Wandel ist Zuwanderung ein Gewinn – besonders in Kombination mit einer Bildungsoffensive.
Der ganze Prozess der Integration und Ausbildung benötigt Geld und Geduld. Doch den dafür nötigen Aufwand sollten wir uns leisten. Es ist nicht nur ein Beitrag zu einer menschlicheren Welt, es lohnt sich auch wirtschaftlich.