Makroskop
Krach in der Redaktion

Bringt uns Migration wirtschaftliche Nachteile?

| 26. März 2026

In der emotionalisierten Migrationsdebatte kursieren viele Annahmen und Glaubenssätze. Einer davon ist, dass die aktuelle Struktur der Zuwanderung ein Gewinn für unsere Ökonomie sei.

In der MAKROSKOP-Redaktion gibt es bei verschiedenen Themen unterschiedliche Meinungen. In diesem Format tragen wir die Debatten öffentlich aus. Möge das bessere Argument gewinnen!

In der politischen Debatte gilt Migration inzwischen als ökonomisches Wundermittel. Sie soll den Fachkräftemangel lösen, die alternde Gesellschaft stabilisieren und das Wachstum ankurbeln. Wer Zweifel anmeldet, gilt als wirtschaftspolitischer Analphabet. Ein nüchterner Blick auf Daten und Arbeitsmarkt zeigt jedoch ein anderes Bild: Die gegenwärtige Migrationsstruktur bringt Deutschland ökonomisch eher Nachteile als Vorteile.

Der erste Denkfehler besteht darin, Migration als homogene Größe zu behandeln. Für eine Volkswirtschaft ist aber weniger entscheidend, wie viele Menschen einwandern, sondern welche Qualifikationen sie mitbringen und wie gut sie in den Arbeitsmarkt integriert werden. Genau hier liegt das Problem.

Attraktiv für Niedrigqualifizierte

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Deutschland – in den Worten des Wirtschaftsjournalisten Wolfgang Münchau – „one of the most attractive destinations for low-skilled immigrants“ ist. Der Migrationsforscher Ruud Koopmans weist seit Jahren darauf hin, dass – anders als in klassischen Einwanderungsländern wie Kanada oder Australien – in Europa und insbesondere Deutschland der Großteil der Zuwanderung nicht über selektive Fachkräfteprogramme erfolgt, sondern über eine humanitäre Migration mit Familiennachzug. 

Die Folge ist eine Qualifikationsstruktur, die kaum zu den angeblichen Fachkräfteengpässen passt. Ein großer Teil der Zuwanderer verfügt über niedrige oder schwer übertragbare Qualifikationen. Erwerbsquoten bleiben trotz aller Bemühungen entsprechend niedrig und überproportional auf den Niedriglohn- und Teilzeitsektor beschränkt, besonders bei Frauen. 

Während rund zwei Drittel der Deutschen im erwerbsfähigen Alter sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, liegt dieser Anteil bei Ausländern nur bei etwa der Hälfte. Besonders niedrig fällt die Integration bei Zuwanderern aus klassischen Asylherkunftsländern aus: Selbst mehrere Jahre nach der Ankunft erreichen sie Beschäftigungsquoten von lediglich rund 45 Prozent – und diese Zahlen umfassen bereits Teilzeit-, Niedriglohn- und geringfügige Beschäftigung.

Koopmans weist zudem darauf hin, dass manche Befragungsstudien wie etwa die des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aufgrund hoher Stichprobenausfälle zu optimistische Ergebnisse liefern könnten. Auf Basis von Verwaltungsdaten kommt er für syrische Flüchtlinge zeitweise sogar nur auf Erwerbsquoten von etwa einem Drittel. Ein erheblicher Teil dieser Zuwanderer bleibt damit langfristig außerhalb des regulären Arbeitsmarkts.

Der Sozialstaat wird damit – bei aller gebotenen Humanität - nicht entlastet, sondern stärker belastet. Dazu legte die dänische Regierung 2018 eine aufschlussreiche Rechnung vor. Sie untersuchte die langfristigen fiskalischen Effekte verschiedener Migrantengruppen und kam zu einem klaren Ergebnis: Einwanderer aus den sogenannten MENAPT-Staaten (Mittlerer Osten, Nordafrika, Pakistan, Türkei) verursachen über ihren Lebenszyklus deutlich höhere Kosten für den Staat, weil Sozialtransfers und Integrationsaufwendungen höher sind als die gezahlten Steuern und Abgaben. Der entscheidende Punkt ist nicht moralischer, sondern ökonomischer Natur: geringe Qualifikation erzeugt hohe Transaktionskosten.

Deutschland versucht das Problem umzuetikettieren: Der Ökonom Norbert Häring beschreibt, wie die Politik inzwischen praktisch jede Form von Migration rhetorisch zur „Fachkräftezuwanderung“ umdeutet. Im Zuge des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes von 2023 – noch unter der Ampelkoalition – wurden Einkommensgrenzen gesenkt und Qualifikationsanforderungen reduziert. Selbst gering qualifizierte Tätigkeiten gelten plötzlich als Fachkräftejobs. Das ändert zwar nichts an der realen Qualifikationsstruktur, erleichtert aber die Zuwanderung in den Niedriglohnsektor.

Genau dort entstehen die nächsten ökonomischen Nebenwirkungen.

Niedrige Löhne, niedrige Produktivität

Eine starke Ausweitung des Arbeitskräfteangebots im unteren Qualifikationssegment setzt Löhne unter Druck. Diese Mechanik ist banal: Wenn das Angebot an Arbeitskräften schneller wächst als die Nachfrage, sinkt ihre Verhandlungsmacht. Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman selbst schrieb noch 2006, dass gering qualifizierte Einwanderung die Löhne der am schlechtesten bezahlten einheimischen Arbeitnehmer senken kann. Damals galt das als nüchterne Arbeitsmarktökonomie.

Der Effekt geht über Lohndruck hinaus. Billige Arbeitskräfte reduzieren auch den Druck auf Unternehmen, in Produktivität zu investieren. Wenn sich Personalengpässe durch ein wachsendes Reservoir gering qualifizierter Arbeitskräfte lösen lassen, sinkt der Anreiz für Automatisierung, technologische Innovation oder bessere Arbeitsbedingungen. Migration in den Niedriglohnsektor kann so paradoxerweise wirtschaftliche Modernisierung bremsen. Das gilt insbesondere für Branchen wie Gastronomie, Logistik oder einfache Dienstleistungen: Sie profitieren kurzfristig, langfristig entstehen strukturelle Abhängigkeiten von niedriger Produktivität und niedrigen Löhnen.

Noch ein Punkt wird in der Debatte gern übersehen: Viele Fachkräfteprobleme sind hausgemacht. Deutschland steckt seit Jahren in einer Ausbildungskrise. Immer weniger Betriebe bilden selbst aus, während gleichzeitig über Fachkräftemangel geklagt wird. Das ist ein bequemes Geschäftsmodell: Statt in Ausbildung zu investieren, kann man Arbeitskräfte importieren.

Eine Bilanz

Grundsätzlich ist der ökonomische Nutzen von Migration keineswegs automatisch positiv. Internationale Studien zeigen vielmehr, dass der Gesamteffekt auf Einkommen und öffentliche Haushalte meist äußerst gering ausfällt. Eine umfassende OECD-Analyse kam zu dem Ergebnis, dass der fiskalische Nettoeffekt von Migration in den meisten Industrieländern zwischen minus und plus 0,5 Prozent des BIP liegt. Der Hauptgewinn entsteht vor allem bei den Migranten selbst und bei Unternehmen, die von niedrigeren Löhnen profitieren. Mit anderen Worten: niedrigere Lohnkosten, höhere Kapitalrenditen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Migration grundsätzlich gut oder schlecht ist. Entscheidend ist ihre Struktur. Hochqualifizierte Zuwanderung kann zweifelsohne Innovation, Wachstum und Produktivität steigern. Niedrig qualifizierte Massenzuwanderung in einen großzügigen Sozialstaat erzeugt dagegen hohe fiskalische und institutionelle Kosten.

Mit anderen Worten: Ja, Deutschland braucht Migration – aber eine intelligent gesteuerte. Die gegenwärtige Migrationspolitik löst die ökonomischen Probleme nicht, sie schafft neue. Ungeachtet dessen wird Migration pauschal als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte dargestellt. Das ist vor allem eines: ein politisch genehmes Narrativ. Keine seriöse ökonomische Analyse.