Makroskop
Green Party

Die Grünen können auch anders. Der Aufstieg des britischen Öko-Populismus

| 25. März 2026
IMAGO / Anadolu Agency

Bisher blieb der Aufstieg der Green Party of England and Wales in Deutschland weitgehend unbeachtet. Unter neuer Führung und mit einem radikalen Programm könnte sich das nun ändern: Die Partei ist gut positioniert, um der regierenden Labour Party ernsthaft Konkurrenz zu machen.

Sieben Monate sind vergangen, seit Zack Polanski den Vorsitz der Green Party of England and Wales übernommen hat. Seine moderaten Gegenkandidaten hatten im Vorfeld gewarnt, seine polarisierende Strategie eines „Öko-Populismus“ könne Wähler abschrecken und die Partei politisch marginalisieren.

Tatsächlich ist das Gegenteil eingetreten. Die Grünen verzeichnen steigende Umfragewerte und konnten nun auch bei einer wichtigen Nachwahl überraschend stark abschneiden. Inzwischen drohen sie sogar, der Labour Party von Premierminister Keir Starmer die Rolle als führende Kraft der politischen Linken streitig zu machen.

Polanskis Erfolgsrezept bildet einen bemerkenswerten Kontrast zu den deutschen Grünen. Statt auf Mäßigung setzt die Partei auf einen scharfen Linkskurs und inszeniert sich als Gegenpol zu einem aus ihrer Sicht dysfunktionalen politischen und wirtschaftlichen Establishment.

Im Zentrum steht eine offensiv geführte Wirtschaftspolitik. Die Partei fokussiert ihre konfrontative Kommunikation stark auf die steigenden Lebenshaltungskosten und positioniert sich demonstrativ an der Seite der Arbeiterschaft. Ähnlich wie der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani verbinden die britischen Grünen diese wirtschaftspolitische Zuspitzung mit einer progressiven Gesellschaftspolitik.

Während sich die Führung der deutschen Grünen zuletzt stärker am ordoliberalen Denken und einer „transformativen Angebotspolitik“ orientierte, schlägt Polanski eine andere Richtung ein: Er bezieht sich offen auf die Modern Monetary Theory (MMT) – ein Ansatz, der damit unerwartet politische Aufmerksamkeit gewinnen könnte.

Ein politisches Erdbeben

Am 26. Februar kam es im Wahlkreis Gorton and Denton im Großraum Manchester zu einer Nachwahl, nachdem der Labour-Abgeordnete Andrew Gwynne aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war. Solche By-elections gelten in Großbritannien, wo es keine regionalen Zwischenwahlen mit nationaler Signalwirkung wie deutsche Landtagswahlen gibt, als wichtige Stimmungstests für die Regierung. Entsprechend investierten alle Parteien erhebliche Ressourcen in den Wahlkampf.

Das Mandat galt lange als sichere Labour-Hochburg. Noch 2024 hatte der Labour-Kandidat hier über 50 Prozent der Stimmen erzielt. Vor der Nachwahl deuteten Umfragen jedoch auf ein offenes Rennen zwischen Labour, den Grünen und Nigel Farages rechtspopulistischer Reform UK hin.

Das Ergebnis fiel schließlich deutlich aus und löste landesweit politische Schockwellen aus. Die grüne Kandidatin Hannah Spencer, eine Klempnerin, die während des Wahlkampfs eine Ausbildung zur Stuckateurin absolvierte, gewann den Wahlkreis mit rund 40 Prozent der Stimmen. Sie lag damit zwölf Prozentpunkte vor Reform UK. Labour, das die Region über ein Jahrhundert lang dominiert hatte, fiel mit nur 25 Prozent auf Platz drei zurück. Die konservativen Tories erreichten mit 1,9 Prozent ein historisch schwaches Ergebnis.

Die Dynamik erhält zusätzliche Bedeutung durch das britische Wahlsystem. Anders als in Deutschland gibt es keine Verhältniswahl; ins Unterhaus gelangt nur, wer einen Wahlkreis direkt gewinnt. Dieses sogenannte First-Past-the-Post-System begünstigt traditionell zwei große Parteien. Neue politische Kräfte haben es daher besonders schwer, dauerhaft Fuß zu fassen.

Umso bemerkenswerter ist der Aufstieg der Greens. Mit dem Sieg von Hannah Spencer stellen sie nun fünf Abgeordnete im 650 Sitze umfassenden Unterhaus. Noch vor wenigen Jahren saßen dort überhaupt nur zwei grüne Parlamentarier. Die Partei blieb lange politisch randständig, konnte sich dadurch aber auch einen konfrontativen Kurs bewahren. Anders als viele etablierte Parteien musste sie bislang kaum Regierungsverantwortung übernehmen oder Kompromisse eingehen.

Bei der letzten Parlamentswahl 2024 erreichten die Greens landesweit 6,5 Prozent der Stimmen, rund 1,8 Millionen Wähler. In einem Mehrheitswahlsystem, in dem Stimmen außerhalb aussichtsreicher Wahlkreise meist wirkungslos bleiben, ist selbst dieses Ergebnis beachtlich.

Parallel wächst die Partei organisatorisch rasant. Seit Zack Polanski den Vorsitz übernommen hat, hat sich die Mitgliederzahl auf über 200.000 verdreifacht. Damit liegen die Grünen inzwischen vor den Konservativen und nähern sich Labour sowie Reform UK an.

Auch in den nationalen Umfragen zeichnet sich eine Verschiebung ab. Zwar lässt sich in einem Mehrheitswahlsystem nur schwer abschätzen, wie sich Umfragewerte in Parlamentssitze übersetzen. Doch seit Anfang 2025 holen die Greens kontinuierlich auf und nähern sich sowohl den Tories als auch Labour an.

Besonders stark sind die Grünen inzwischen bei jüngeren Wählern. Unter den unter 50-Jährigen liegen sie laut Umfragen bereits seit Jahresbeginn klar vorne; auch bei Frauen führt die Partei mittlerweile.

Der Wahlsieg in Gorton and Denton zeigt zudem, welches Potenzial noch unerschlossen sein könnte. Der Wahlkreis galt innerhalb der Partei keineswegs als aussichtsreich. In der internen Rangliste möglicher Zielwahlkreise lag er lediglich auf Platz 127. Noch bei der Parlamentswahl 2024 hatten die Grünen hier lediglich 13 Prozent der Stimmen erzielt.

Polanski: Gegen das Establishment und den politischen Konsensus

Auf den ersten Blick wirkt Zack Polanski nicht wie der klassische Kandidat für eine breite Wählerschicht. Seine Familie jüdischer Herkunft floh kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach Großbritannien und nahm damals einen anglisierten Namen an – eine Entscheidung, die Polanski später rückgängig machte. Damit gehört er zu einer kleinen Gruppe jüdischer Politiker, die jemals an der Spitze einer größeren britischen Partei standen.

Geboren in Manchester, lebt er heute in London, wo er auch politisch aktiv ist. Polanski studierte Schauspiel, ist offen schwul, lebt vegan und wurde bei einer Protestaktion von Extinction Rebellion zeitweise festgenommen. Bis 2017 war er zudem Mitglied der Liberaldemokraten, dem britischen Pendant zur FDP. Biografisch verkörpert er damit vieles, was Kritiker gerne als urbane, liberale Hauptstadtelite karikieren.

Dass ihm dennoch der Zugang zu jüngeren und wirtschaftlich verunsicherten Wählern gelingt, liegt vor allem an seiner politischen Kommunikation. Polanski bezeichnet sich selbst als „Öko-Populist“. Damit meint er eine Verbindung von Klimapolitik mit den unmittelbaren Sorgen vieler Menschen. Wer sich um steigende Lebensmittelpreise oder Heizkosten sorgt, denkt selten zuerst an die Klimakrise. Genau hier setzt seine Argumentation an: Umweltpolitik müsse mit Fragen von wirtschaftlicher Macht, Lobbyismus und wachsender Ungleichheit verbunden werden.

Sein Wahlkampf richtet sich entsprechend frontal gegen das politische und wirtschaftliche Establishment. Das bringt ihm nicht nur die Konkurrenzparteien, sondern auch große Teile der britischen Medienlandschaft gegen sich auf. Viele Boulevard- und Qualitätszeitungen gehören einflussreichen Medienunternehmern wie Rupert Murdoch, die traditionell die bestehenden Machtverhältnisse verteidigen.

Die konfrontative Rhetorik der Grünen richtet sich bewusst an Wähler, die sich von der etablierten Politik enttäuscht fühlen. Wie stark diese Tonlage inzwischen ist, zeigte die Siegesrede der neuen Abgeordneten Hannah Spencer nach ihrem Wahlerfolg in Gorton and Denton. Sie sprach davon, dass viele Menschen „nicht mehr für ein gutes Leben arbeiten, sondern dafür, die Taschen von Milliardären zu füllen“. Tausende Wähler hätten ihr an den Haustüren gesagt, sie seien es leid, dass ihre Arbeit andere reich mache.

Ein solcher Ton wäre in der deutschen Grünen-Spitze kaum vorstellbar. Für Labour-Premierminister Keir Starmer ist er bereits ein Warnsignal. Nach der Wahlniederlage schrieb er an seine Fraktion, die Grünen seien keineswegs harmlose Umweltschützer, sondern betrieben eine spalterische Politik. Noch schärfer reagierte Reform-UK-Kandidat Matt Goodwin, der vor einem „Verlust des Landes“ und einem „gefährlichen muslimischen Sektierertum“ warnte; Nigel Farage sprach sogar von möglichem Wahlbetrug.

Der Aufstieg der Grünen ist auch eine Folge politischer Verschiebungen bei Labour. Mit einer wirtschaftspolitisch restriktiven Linie und einer zunehmend konservativen Positionierung in gesellschaftspolitischen Fragen hat die Partei ihre linke Flanke geöffnet. Polanski nutzt diesen Raum offensiv. Statt sich der politischen Mitte anzunähern, setzt er auf klare Gegenpositionen – selbst wenn diese teilweise Minderheitenpositionen darstellen. Manche Beobachter sprechen bereits von einem „linken Trumpismus“.

Besonders deutlich wird dieser Kurs in der Migrations- und Gesellschaftspolitik. Im vergangenen Dezember besuchte Polanski die Flüchtlingslager im französischen Calais und zeigte offen Solidarität mit Migranten, die versuchen, den Ärmelkanal zu überqueren. Ebenso engagiert setzt er sich für die Rechte queerer Menschen ein, insbesondere für Transrechte – ein Thema, das in Großbritannien deutlich stärker polarisiert als in Deutschland.

Auch seine Positionen zum Nahostkonflikt sorgen für heftige Kontroversen. Polanski bezeichnet Israels Krieg im Gazastreifen seit längerem als Völkermord und unterstützt die umstrittene Boykottbewegung BDS. Innerhalb der Partei wird zudem über einen Antrag diskutiert, der Zionismus grundsätzlich als rassistische Ideologie einordnet. Entsprechend laut fallen die Antisemitismusvorwürfe aus – ähnlich wie einst gegen Labour unter Jeremy Corbyn.

Polanski reagiert auf solche Angriffe deutlich konfrontativer als viele seiner Vorgänger. Seine eigene jüdische Herkunft verschafft ihm dabei in den Augen vieler Unterstützer zusätzliche Glaubwürdigkeit.

Auch die britische Monarchie gehört zu den Institutionen, die Polanski offen infrage stellt. Langfristig strebt er ihre Abschaffung und die Umwandlung Großbritanniens in eine Republik an. Das bleibt im Vereinigten Königreich bislang eine Minderheitenposition, die von den etablierten Parteien meist gemieden wird. Gleichwohl hat der Skandal um Prinz Andrew, der wegen seiner Verbindungen zum Umfeld des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein sämtliche militärischen Ehren, Schirmherrschaften und schließlich auch seinen Prinzentitel verlor, die Debatte über die Rolle der Monarchie neu entfacht.

Noch heikler ist eine andere Forderung der Grünen: Sie unterstützen das Recht Schottlands auf Unabhängigkeit. Die schottischen Grünen haben sich zwar organisatorisch von der Green Party of England and Wales getrennt, doch inhaltlich bleibt die Unterstützung für eine mögliche Aufspaltung des Vereinigten Königreichs bestehen. Polanski bekräftigte diese Position zuletzt im Oktober. Zugleich gehört seine Partei zu den wenigen politischen Kräften, die einen erneuten Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Union befürworten. Diese Haltung findet in Umfragen mehr Zustimmung als noch kurz nach dem Brexit, gilt politisch jedoch weiterhin als riskant, weil sie alte gesellschaftliche Konfliktlinien wieder aufreißen könnte.

Trotz dieser programmatischen Radikalität hat Polanskis Aufstieg bislang kaum an Dynamik verloren. Was ihm allerdings zuverlässig bleibt, ist eine ungewöhnlich aggressive mediale Begleitung. Reißerische Schlagzeilen und persönliche Angriffe gehören in der britischen Presselandschaft zwar zum Alltag, doch Polanski scheint davon überdurchschnittlich häufig betroffen zu sein.

Manches bewegt sich noch im Bereich grober Boulevardpolemik. Der Daily Express verspottete ihn etwa als „Spinner“, der wieder einmal mit einer „lächerlichen Idee“ auftauche. Die Daily Mail spottete über sein Aussehen und verglich seine Zahnlücken mit denen von Hannibal Lecter.

Andere Angriffe gehen deutlich weiter. So veröffentlichte ausgerechnet die Daily Mail – die auflagenstärkste Kaufzeitung des Landes – eine Karikatur Polanskis, in der seine Nase in klassisch antisemitischer Weise überzeichnet wurde. Besonders pikant wirkt das vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte des Blattes: In den 1930er Jahren unterstützte die Zeitung offen die faschistische British Union of Fascists und ihren Anführer Oswald Mosley.

Polanski und die MMT

Ein zentrales Element von Polanskis wirtschaftspolitischem Profil ist seine Nähe zur Modern Monetary Theory (MMT), einer makroökonomischen Denkschule, die sich bewusst vom ökonomischen Mainstream absetzt. Polanski hat an mehreren MMT-Veranstaltungen teilgenommen und steht nach eigenen Angaben im Austausch mit Vertreterinnen der Theorie wie Patricia Pino oder Sheridan Kates. Pino promoviert am University College London und betreibt einen einflussreichen MMT-Podcast, während Kates selbst bereits für die Grünen für das Unterhaus kandidiert hat.

Im Unterschied zu vielen linken Politikern, die inhaltlich ähnliche Positionen vertreten, sich aber mit ausdrücklichen Verweisen auf die MMT zurückhalten, zeigt Polanski hier wenig Scheu. Während etwa Bernie Sanders trotz enger Kontakte zur Ökonomin Stephanie Kelton die Theorie selten beim Namen nennt, diskutiert Polanski offen über ihre Grundlagen. Ein Beispiel ist eine rund einstündige Podcastfolge, in der er mit dem britischen MMT-Ökonomen Richard Murphy über staatliche Finanzpolitik spricht.

Dass Polanski kein Ökonom ist, wird dabei gelegentlich sichtbar. In einem Auftritt beim Politikpodcast The Rest is Politics, einem der meistgehörten Formate des Landes, konnte er auf Nachfrage einige makroökonomische Kennzahlen nicht benennen. Seine wirtschaftspolitischen Positionen dürften daher noch an Präzision gewinnen müssen, insbesondere wenn es darum geht, die Öffentlichkeit von einem stärker MMT-inspirierten Umgang mit Staatsfinanzen zu überzeugen.

Trotzdem zeigen Umfragen und Wahlergebnisse, dass sein Ansatz bereits viele Wähler anspricht. In den Medien haben seine Verbindungen zur MMT zunächst vor allem Empörung ausgelöst – was den Bekanntheitsgrad der Theorie im Vereinigten Königreich allerdings erheblich gesteigert hat. Inzwischen finden sich vereinzelt auch wohlwollendere Stimmen, etwa im Magazin New Statesman.

Innerhalb der Grünen stößt der neue wirtschaftspolitische Kurs jedoch nicht überall auf Zustimmung. Die frühere Parteivorsitzende Caroline Lucas gründete gemeinsam mit dem ehemaligen Jeremy-Corbyn-Berater James Meadway – einem entschiedenen Kritiker der MMT – den parteinahen Thinktank Verdant, der den Einfluss der Denkschule begrenzen soll.

Die Gegenseite reagierte prompt: Unterstützer der MMT gründeten mit der MMTUK Policy Research Group einen eigenen Thinktank. Dessen erste Studie widmet sich einem der zentralen Konzepte der Theorie – einer staatlichen Jobgarantie.

Der Ketchup-Effekt?

Polanski steht erst seit kurzer Zeit im Zentrum der nationalen Politik, und ob sein „Öko-Populismus“ dauerhaft trägt, ist offen. In der britischen Politik kommt es häufig vor, dass eine neue Parteiführung zunächst auf einer Welle der Aufmerksamkeit reitet, die bis zur nächsten Wahl wieder abebbt. Die nächste reguläre Unterhauswahl dürfte erst 2029 stattfinden – viel Zeit also, in der sich politische Stimmungen noch mehrfach drehen können.

Während die deutschen Grünen ihren Aufstieg über Jahrzehnte hinweg in einem „langen Marsch durch die Institutionen“ erkämpften, könnte die Entwicklung im Vereinigten Königreich ganz anders verlaufen. Eher wie bei einer Ketchupflasche: lange passiert wenig – und dann kommt plötzlich sehr viel auf einmal. Für die britische Politik würde das erhebliche Umbrüche bedeuten, möglicherweise sogar Debatten über den territorialen Zusammenhalt des Landes.