Makroskop
Kreislauf, Klima, Kapital

Wind, KI, Boden: Woran Europas Transformation wirklich hängt

| 29. Januar 2026

War der Nordsee-Gipfel mehrerer europäischer Staatschefs eine selten dagewesene Ansammlung von Dummheit oder ein geopolitisches Signal?

Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.

Wer Windräder baut, ist dumm. Ziemlich genau so formulierte es Donald Trump in seiner unverblümten und von Diplomatie unbelasteten Ansage beim Davoser Weltwirtschaftsforum. Während Öl billig und in Massen vorhanden sei, koste jede Umdrehung eines Windrads 1000 Dollar. Und natürlich zieht China die EU über den Tisch, denn das Reich der Mitte baut zwar Windmühlen, stellt aber keine auf.

Wenn das so stimmt, dann war der Nordsee-Gipfel mehrerer europäischer Staatschefs eine selten dagewesene Ansammlung von Dummheit. Denn dort verständigte man sich auf eine umfassende Investitionsoffensive zur Erschließung des Offshore-Windpotenzials in der Nordsee. „Wahnsinn ist es, dass selbe immer wieder zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“. Dieser Aphorismus Einsteins würde in Trumps Logik die europäische Energiepolitik treffend beschreiben.

Eine große Erleichterung ist es da für alle EU-Bürger, dass der Physiker und der Präsident außer ihrer deutschen Herkunft wenige Gemeinsamkeiten haben. Trumps Äußerungen hinsichtlich der Windkraft, deren Kosten und ihren Ausbau in China sind nämlich – man ist geneigt zu sagen: selbstverständlich – vollkommen faktenfrei. Das Interesse dahinter: weiterhin teures Fracking-Gas nach Europa zu verkaufen.

Der Hamburger Nordsee-Gipfel war deshalb nicht nur ein energiepolitisches, sondern auch ein geopolitisches Signal: Europa will seine Energieversorgung unabhängiger machen. Elektrifizierung und Industrie sind dabei keine Gegensätze, sondern zwei Seiten desselben Zukunftsentwurfs.

Energiesouveränität

Warum dieser Gipfel überhaupt nötig war, zeigte sich im vergangenen Jahr auf unangenehme Weise. Eine Ausschreibung für Offshore-Flächen in der Nordsee blieb ohne ein einziges Gebot. Nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil das Verhältnis von Risiko, Kosten und Ertrag für die Unternehmen schlicht nicht mehr stimmte. Für die ehrgeizigen Ausbauziele war das ein Warnschuss.

Die Branche fordert eine dem unternehmerischen Risiko angemessene Ausrichtung. Konkret: Der Staat soll Investitionen besser absichern und die Ausschreibungen neu denken. Nicht der niedrigste Preis allein entscheidet, sondern verlässliche Erlöse. Gemeint sind langfristige Stromabnahmeverträge mit der Industrie oder staatlich abgesicherte Preisgarantien, die Schwankungen am Markt ausgleichen. Solche Modelle sorgen dafür, dass Unternehmen investieren können, ohne auf Jahre ins Risiko zu gehen, und dass Industrie zugleich planbar günstigen Strom erhält.

Hinzu kommt die internationale Dimension. Die Anrainerstaaten der Nordsee wollen ihre Windparks stärker vernetzen, gemeinsame Netzknoten schaffen und den Ausbau koordinieren. Für die Branche ist das ein Signal der Verlässlichkeit. Im Gegenzug stellt sie Milliardeninvestitionen und zehntausende Arbeitsplätze in Aussicht. Dass die Bundesregierung die nächste Ausschreibungsrunde verschiebt, um sie neu aufzusetzen, wird deshalb als gutes Zeichen gewertet: Die politisch Verantwortlichen haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.

Technologiesouveränität

Doch Energie ist nur die halbe Geschichte. Eine dekarbonisierte Industrie braucht nicht nur Strom, sondern auch neue Technologien. Besonders deutlich wird das beim Thema künstliche Intelligenz. Die Debatte kreist oft um Sprachmodelle und Software. Für Europas industrielle Basis ist jedoch ein anderer Ansatz entscheidend: sogenannte physische KI. Systeme, die nicht nur Texte erzeugen, sondern realweltliche Prozesse erkennen, steuern und optimieren. Etwa in der Fertigung, Logistik oder Robotik.

Hier liegt eine strategische Chance. Europa muss im Wettlauf der großen Sprachmodelle nicht zwangsläufig aufholen, um technologisch relevant zu bleiben. Die Verbindung aus industrieller Erfahrung und physischer KI könnte hochwertige Wertschöpfung schaffen und neue Produktivitätsgewinne ermöglichen. Dass selbst Branchenführer wie Nvidia diesen Weg betonen, ist kein Zufall.

Ernährungssouveränität

Resilienz endet allerdings nicht in der Fabrikhalle. Sie beginnt auf dem Acker. Der Agrarsektor steht unter massivem Druck: steigende ökologische Anforderungen, globale Konkurrenz, politisch umkämpfte Handelsabkommen. Der Mercosur-Deal hat diese Spannungen zuletzt offen sichtbar gemacht. Produktivitätssteigerungen sind hier schwer zu erzielen, ohne ökologische Kosten zu verursachen.

Umso bemerkenswerter ist eine Innovation aus Deutschland: synthetischer Humus. Entwickelt unter Mitwirkung des renommierten Chemikers Markus Antonietti, verspricht das Verfahren, ausgelaugte Böden zu regenerieren, Erträge zu steigern und gleichzeitig CO₂ zu binden. Während natürlicher Humus sich über Jahrhunderte bildet, wird dieser Prozess chemisch auf Stunden verkürzt. Pflanzenreste und Klärschlamm werden so aufbereitet, dass sie als Substrat ausgebracht mikrobielle Aktivität und Wasserspeicherfähigkeit des Bodens steigen.

Noch ist offen, ob sich diese Technologie in großem Maßstab wirtschaftlich durchsetzen lässt. Sie ist allerdings gut erforscht und wird aktuell ausführlich getestet. Sie steht exemplarisch für das, worum es in der ökologischen Transformation tatsächlich geht: systemische Lösungen, die Klima, Kapital und reale Wertschöpfung zusammenbringen. Und zwar so, dass alle profitieren. Genau daran wird sich Europas Zukunft entscheiden.