Ungleichheit

Der Standortwettbewerb schadet mehr als er nutzt

| 25. Februar 2025
Christian Lue / Unsplash

Seit dem Wirtschaftswunder der 1960er-Jahre hat sich das BIP verdreifacht. Dennoch leben immer mehr Menschen in Armut. Woher kommt das?

Zunächst die kurze Antwort: Erstens hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufgehört, ein sinnvoller Maßstab für Wohlstand zu sein. Zweitens hat der Versuch, den Standortwettbewerb zu gewinnen, die einst in der Binnenwirtschaft eingebauten Kräfte des sozialen Ausgleichs außer Kraft gesetzt. Um dies zu sehen, bräuchte es ein evolutionäres Verständnis von Wirtschaft – das leider fehlt.

Nun die lange Version: Um seine Existenz zu sichern und seine physischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen, muss der Mensch seine produktiven und reproduktiven Tätigkeiten sozial koordinieren. Doch anders als alle anderen Spezies und anders als 99 Prozent der vorangegangenen Generationen, tun wir es heute nicht mehr nur in einem, sondern in vier unterschiedlichen sozialen Kreisen. Diese beeinflussen sich gegenseitig, und beanspruchen dieselbe knappe Zeitressource von rund 16 wachen Stunden pro Tag.

Im engsten Kreis der Familie und Nachbarschaft wird mit rund 12 Stunden immer noch der Löwenanteil aller Tätigkeiten geleistet, mit denen wir unsere Bedürfnisse befriedigenden. Der Rest von rund 25% oder vier Stunden (verteilt auf alle Personen ab 10 Jahren) entfällt auf die Arbeit, die gegen Geld geleistet wird. Davon wiederum beanspruchen die Staatswirtschaft und der Export je etwa 5 und der Binnenmarkt 15 Prozent. In diesen vier Bereichen herrschen sehr unterschiedliche Verteilungsregeln. Sehen wir sie uns genauer an:

In der geldlosen Bedarfswirtschaft wird die Beute seit Urzeiten so gleichmäßig verteilt, dass bei der nächsten Jagd alle fit sind und dass keine Energien durch unnötige soziale Spannungen verschwendet werden. Allerdings betrifft dies nur einen engen Solidar-Kreis von 50 bis 150 Verwandten und engen Bekannten. Mit der Erfindung des Geldes konnte dieser die Zusammenarbeit auf größere politische Einheiten ausgedehnt werden. Die so entstandene Staatswirtschaft ist in mancher Hinsicht noch egalitärer, denn hier geht es darum, kollektive Güter herzustellen – Stadtmauern, Verkehrswege, Schulen etc. Alle profitieren, bezahlt wird - im Prinzip – nach Leistungskraft. In der Schweiz etwa zahlt das reichste Fünftel etwa 40 Prozent der Staatsausgaben.

Dank dem Geld konnten nun aber auch Fremde miteinander Leistungen austauschen. Der Vorteil: Man konnte sich spezialisieren und seine Produkte einer großen Zahl von Kunden anbieten. Der Nachteil: Beim Tausch gegen Geld fallen alle sozialen Bisshemmungen der Bedarfswirtschaft weg. Um diesen Nachteil auszugleichen hat man in den Binnenmarkt viele ausgleichende Kräfte eingebaut. Einerseits über politische Eingriffe in den Markt, wie etwa Mindestlöhne, Kündigungsschutz, Gewerkschaften und ähnliches. Andererseits müsste ein funktionierender Wettbewerb zu viel Ungleichheit im Keim ersticken: Verdienen einige mit einer speziellen Tätigkeit sehr viel Geld, wollen alle anderen auch. Das Angebot steigt und die hohen Einkommen fallen auf das Mittelmaß zurück.

In einem gut regulierten Binnenmarkt entsprechen die Preise der Produkte und Dienstleistungen den Lebenshaltungskosten der entsprechenden Arbeitskräfte. Und diese dürfen nicht zu weit auseinanderliegen. Für eine Volkswirtschaft, die – gemäß Lehrbuch – das größte Glück der größten Zahl anstreben sollte, zieht zu viel Ungleichheit hohe Kosten nach sich: Dazu gehört in erster Linie der Luxuskonsum der Reichen, der keine echten Bedürfnisse befriedigt, aber die Mittelschicht zu unnötigem Nachahmer- und Statuskonsum verleitet. Auf der unteren Seite des Einkommensspektrums führen zu tiefe Löhne zu Stress, hohen Gesundheitskosten, steigender Kriminalität und sie erzwingen eine teure Umverteilungsbürokratie. Es liegt im allgemeinen Interesse, diese Schäden mit einer entsprechenden Lohnpolitik und einer funktionierenden Sozialpartnerschaft möglichst gering zu halten.

Einkommensverteilung nicht mehr evolutionsgtauglich

Dass dies möglich ist, zeigten die Nachkriegsjahre. Als in den 1960er Jahren in Deutschland das „Wirtschaftswunder“ ausbrach, schien das Ende der Armut nah. Mit 44 Wochenstunden Arbeit konnte man damals eine 5-köpfige Familie ohne staatliche Hilfe ernähren. 1963 wurde die Kinderarmut in Deutschland auf 1,8 Prozent geschätzt. Inzwischen hat sich das BIP-pro Kopf fast verdreifacht, doch die Kinderarmut hat sich auf 14 Prozent und die aller Deutschen sogar auf 20 Prozent erhöht. Im Gegenzug ist die Zahl der Milliardäre auf 250 gestiegen. Ähnliches gilt für fast alle westlichen Marktwirtschaften. Das BIP ist zwar gewachsen, aber ein viel zu großer Anteil der Bevölkerung verdient zu wenig, um sich die für die Sicherung des Fortbestands nötigen zwei Kinder leisten zu können.

Im Falle der Schweiz sieht das wir folgt aus: Gemäß der offiziellen Haushaltsbudget-Erhebung von 2019 hatte das ärmste Fünftel der „Paarhaushalte mit Kindern“ monatlich Ausgaben von damals 7050 Franken, was heute rund 7500 Franken entspricht. Das, obwohl ihr privater Konsum um einen Drittel unter dem Durchschnitt lag, obwohl dieses ärmste Fünftel für den öffentlichen Konsum nur halb so viele Steuern und Sozialabgaben entrichten musste, und obwohl die statistische Miete mit monatlich 1400 Franken deutlich unter den aktuellen Marktpreisen lag. Um diese sehr vorsichtig geschätzten Ausgaben – wie einst – mit einem Arbeitspensum von 44 Stunden finanzieren zu können, bräuchte es einen Stundenlohn von rund 42 Franken. Das ist in etwa doppelt so viel wie die heute zur Diskussion stehenden gesetzlichen Mindestlöhne. Und das bedeutet, dass sich mindestens ein Viertel aller Paare auch bei einem höheren Arbeitspensum keine zwei Kinder leisten können.

Auch in der reichen Schweiz sind somit die Markteinkommen – anders als einst – nicht mehr evolutionstauglich verteilt. Wie konnte es dazu kommen? Der wohl wichtigste Grund sind die neuen Spielregeln des Außenhandels. Dieser diente einst dazu, Skalenerträge zu realisieren: Warum sollte Saudi Arabien seine Erdölvorkommen nur für sich selbst nutzen? Nicht jedes Land braucht eine eigene Auto- oder Uhrenindustrie. Warum sollte die Lenzerheide ihre Skipisten nur für Schweizer präparieren?

Außenhandel als Arbitrage der Lebenshaltungskosten

Heute reden wir nicht mehr von Außenhandel, sondern von Standortwettbewerb. Dabei geht es in erster Linie um die Arbitrage der Lebenshaltungskosten: Man produziert dort, wo die Lebenshaltungskosten (und damit die Löhne und Steuern) tief sind, und verkauft dort, wo Kaufkraft am höchsten ist. Das spielt sich entlang globaler Wertschöpfungsketten ab. Dabei werden bei uns Produkte, etwa On-Schuhe, zu Preisen angeboten, die der Kaufkraft der Oberschicht entsprechen. Der weitaus größte Teil der Arbeit wird aber in Ländern mit viel tieferen Lebensstandard und Lohnkosten geleistet. Das ermöglicht extrem hohe Gewinne für die Financiers, Werber, Forscher etc. an den fetten Enden der Wertabschöpfungsketten. Diese zu besetzen ist das Ziel des Standortwettbewerbs.

Auch auf den Arbeitsmärkten wird diese Arbitrage betrieben. Wir lassen Saisonarbeiter kommen, die sich mit einem Lohn zufriedengeben, der ihrem tieferen Lebensstandard entspricht, und die hier ohnehin nur arbeiten und nicht leben und konsumieren wollen. Beide Effekte ziehen die Lohnskala nach unten und nach oben weit auseinander. Mit der Folge, dass eine reiche und mobile Oberschicht entsteht, um die wiederum ein Standortwettbewerb entbrennt. Dieser treibt an den guten Standorten die Preise hoch, vor allem die der Immobilien, was wiederum die Verarmung breiter Bevölkerungskreise vorantreibt.

Und noch etwas hat sich seit den 1960er-Jahren verändert. Damals waren die Arbeitswege kurz, die Stellen stabil, die Arbeitszeiten fix. Ein Vollzeitjob reichte, um eine Familie zu ernähren. Das waren ideale Rahmenbedingungen für die geldlose Bedarfswirtschaft, in der – siehe oben – noch immer der Löwenanteil der produktiven Arbeit geleistet wird. Das hat sich geändert: Im Bemühen, das Land im Zuge des Standortwettbewerbs attraktiv zu machen für das globale Kapital, sind die Anforderungen des Arbeitsmarkts an Flexibilität und Mobilität laufend gestiegen. Das hat die Rahmenbedingungen der Bedarfswirtschaft so sehr verschlechtert, dass die unbezahlte Arbeit in Deutschland allein zwischen 1992 und 2013 um 14 Prozent geschrumpft ist. Deshalb ist immer mehr Arbeit aus dem egalitären Bereich der Bedarfswirtschaft ausgelagert und in Billigjobs umgewandelt und kommerzialisiert worden. Was man früher selbst gemacht hat – Kochen, Nähen, Kinderhüten etc. – belastet heute das Familienbudget.

Arbeit verpufft in der Bewältigung der Komplexität

Doch das Problem geht tiefer: In der Bedarfswirtschaft profitieren wir davon, dass die Evolution das Belohnungszentrum in unserem Hirn so programmiert hat, dass wir mit unserer Arbeit die physischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse optimal befriedigen und dass die sozialen Konflikte minimiert werden. Wir werden in eine Produktions- und Konsumgemeinschaft geboren, müssen uns nicht bewerben und können nicht entlassen werden. Die Distanzen sind kurz, es braucht keine Werbung, keine Umverteilung, keine Motivations-Coaches und vor allem kein teures Geldsystem.

Heute verschwenden wir einen ständig wachsenden Anteil unserer bezahlten Arbeit darauf, die zunehmende Komplexität der Marktwirtschaft zu bewältigen: Transport, Werbung, Arbeitsmarkt, Umverteilungsbürokratie usw. Auch die explodierenden Gesundheitskosten lassen sich zu großen Teilen dadurch erklären, dass wir Effizient mit Einsamkeit erkauft, das Wir-Gefühlt gegen Wettbewerbsfähigkeit und Hausmannskost gegen Hochverarbeitetes getauscht haben.

Diese Komplexitäts- und Reparaturkosten werden durch die Ungleichheit weiter hoch getrieben. Je mehr die einen ihren Lebensunterhalt auf Pump – bzw. letztlich mit Staatsschulden finanzieren müssen, desto schneller wachsen auf der anderen Seite die finanziellen Guthaben. Die der privaten Schweizer Haushalte belaufen sich inzwischen auf rund 6000 Milliarden Franken und sie wachsen pro Jahr im Schnitt um 200 Milliarden an. Damit ist auch klar, dass man mit der Verwaltung und Spekulation dieser Guthaben mehr und leichter Geld verdienen kann, als mit produktiver Arbeit. Diese falschen Anreize werden dazu führen, dass der „essbare“ Teil des BIP zumindest anteilsmäßig weiter schrumpft und die Armut weiter zunimmt.

Fassen wir zusammen: Unsere wirtschaftlichen Tätigkeiten werden auf vier Ebenen sozial koordiniert: Bedarfswirtschaft, Staatswirtschaft, Binnenwirtschaft und Außenhandel. Die gute Entwicklung und den breiten Wohlstand der ersten Nachkriegsjahrzehnte verdanken wir weitgehend dem guten Zusammenspiel der ersten drei Ebenen. Seither hat uns der Versuch, mehr aus den letzten fünf Prozent herauszuholen, und im Standortwettbewerb zu bestehen, mehr geschadet als genutzt.

Dass uns das bisher noch kaum aufgefallen ist, kommt daher, dass wir unsere Wirtschaftspolitik noch immer am Maßstab des BIP orientieren.