Makroskop
Green Party

Zack Polanski und der doppelt-grüne Populismus

| 27. März 2026
IMAGO / Avalon.red

Die britischen Grünen verbinden unter ihrem Parteichef Zack Polanski ökonomische Großversprechen mit identitätspolitischer Mobilisierung. Das könnte Schule machen – und ist für Europas Demokratien keine gute Nachricht.

Als Zack Polanski im Herbst 2025 zum Parteichef der Green Party of England and Wales gewählt wurde, wirkte der Moment zunächst wie eine Randnotiz der britischen Politik. Die Grünen galten lange als kleine Protestpartei, als ein Sammelbecken urbaner Aktivisten. Ein Jahr später sieht die Lage völlig anders aus.

In aktuellen Umfragen erreichen die britischen Grünen rund zwanzig Prozent. Damit liegen sie vor den Konservativen und teilweise sogar vor der regierenden Labour Party. Nur Reform UK, die rechtspopulistische Bewegung um Nigel Farage, erzielt derzeit noch höhere Werte.

Polanski ist zum Gesicht dieses Aufstiegs geworden. Charismatisch, rhetorisch zugespitzt und medial äußerst präsent, verkörpert er eine neue Spielart linker Politik: moralisch maximalistisch, gesellschaftspolitisch radikal, ökonomisch ambitioniert.

Je genauer man seine Programmatik betrachtet, desto deutlicher wird jedoch, dass sein Projekt auf einer bemerkenswerten Kombination aus zwei politischen Strategien beruht: einem fiskalischen Heilsversprechen gepaart mit identitätspolitischer Mobilisierung.

Der fiskalische Populismus

Polanski argumentiert regelmäßig, dass die klassischen Haushaltsgrenzen moderner Staaten künstlich seien. Länder mit monetärer Souveränität könnten deutlich größere fiskalische Spielräume nutzen, um Investitionen und soziale Programme zu finanzieren. Eine Argumentation, die stark an die populäre Lesart der Modern Monetary Theory (MMT) erinnert.

In ihrer seriösen Form enthält diese Kritik einen wichtigen Punkt, die auch Post-Keynesianer vertreten: Staaten sollten sich nicht durch starre Defizitregeln daran hindern lassen, produktive Ressourcen zu mobilisieren oder notwendige Investitionen zu tätigen.

Das Problem beginnt dort, wo aus einer legitimen Kritik an fiskalischer Orthodoxie eine politische Zauberformel wird.

Polanskis Vision lässt sich – mit einer Portion Ironie – als No-Border-MMT plus Postwachstum beschreiben. Eine Volkswirtschaft, die bewusst schrumpft oder zumindest nicht mehr wächst, soll gleichzeitig massiv investieren und die Ansprüche sämtlicher Klientelgruppen erfüllen – nicht zuletzt der schnell wachsenden migrantischen und muslimischen Communities.

In Polanskis Reden klingt es oft so, als könne der Staat nahezu unbegrenzt ausgeben, solange nur die moralische Zielsetzung stimmt. Klimaschutz wird zum Leitprinzip, „Hoffnung“ zur zentralen politischen Kategorie. Konflikte zwischen Anspruchsgruppen erscheinen jederzeit lösbar, Prioritäten kaum notwendig.

Die seriöse Debatte ist deutlich nüchterner. Auch MMT-Ökonomen wie Thomas Palley oder Marc Lavoie betonen, dass reale Ressourcen, Inflation und institutionelle Stabilität die entscheidenden Grenzen staatlicher Politik darstellen. Ein Staat kann Geld schaffen – Produktionskapazitäten kann er nicht einfach herbeizaubern.

Polanski verweist zwar selbst gelegentlich auf diese „realen Ressourcen“. Doch in seinen Reden wirkt dieser Hinweis eher wie eine rhetorische Absicherung für eine ansonsten erstaunlich grenzenlose Programmatik. Hoffnung ersetzt Analyse. Genau darin liegt der populistische Kern: ein magischer Dreiklang aus Postwachstum, offenen Grenzen und monetärer Großzügigkeit, der ökonomische Zielkonflikte ausblendet.

Ethnische Mobilisierung

Die eigentliche Bruchlinie von Polanskis Politik liegt jedoch weniger in der Ökonomie als in der gesellschaftspolitischen Strategie, mit der die Grünen – ähnlich wie Labour – neue Wählergruppen mobilisieren.

In mehreren britischen Großstädten, etwa in Leeds, Birmingham oder Teilen Manchesters, haben die Grünen zuletzt besonders dort an Stärke gewonnen, wo große muslimische Communities leben. Mit „Muslim Greens“ existiert inzwischen sogar eine parteiinterne Organisation, die Muslime ausdrücklich als politische Gemeinschaft anspricht. Kampagnenmaterial erscheint in Urdu oder Punjabi, Gaza-Proteste spielen im politischen Messaging eine zentrale Rolle, lokale Kandidaten stammen zunehmend aus diesen Milieus. Umfragen zeigen inzwischen, dass die Green Party zur populärsten Partei unter muslimischen Wählern Großbritanniens geworden ist.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist der Wahlkreis Gorton and Denton in Manchester. Dort liegt der muslimische Bevölkerungsanteil bei rund dreißig Prozent – fast fünfmal so hoch wie im britischen Durchschnitt. In einzelnen Stadtteilen ist die Prägung noch deutlicher: In Longsight stellen Muslime über sechzig Prozent der Bevölkerung, in Levenshulme rund die Hälfte, in Burnage mehr als ein Drittel.

Noch vor wenigen Jahren lagen die Grünen dort bei rund dreizehn Prozent. Inzwischen konnten sie den Sitz mit über vierzig Prozent der Stimmen gewinnen. Es war ein Sieg um den „muslim vote“ gegen Labour.

Der Wahlkreis ist ein politisches Labor der demografischen Zukunft Großbritanniens und Polanski hat das erkannt. Die muslimischen Communities in Longsight oder Levenshulme haben eine dicht vernetzte Infrastruktur geschaffen – Moscheen, Schulen, Geschäfte, Familiennetzwerke –, während das benachbarte Denton noch von der klassischen weißen Arbeiterkultur geprägt ist. Diese Mischung macht wie unter einem Brennglas sichtbar, wie politische Präferenzen zunehmend entlang kultureller und religiöser Linien organisiert werden.

Im Englischen gibt es dafür einen Begriff: „sectarianism“ – eine Politik, die sich weniger an gemeinsamen gesellschaftlichen Interessen orientiert als an der Zugehörigkeit zu religiösen oder ethnischen Loyalitäten. Der britische Essayist Kenan Malik hat diese Entwicklung einmal prägnant beschrieben: „We have replaced the language of universalism with the language of identity.“ Wenn Parteien diese Identitäten aktiv mobilisieren, verstärken sie die Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit. Für den Politologen Eric Kaufmann ist das längst Teil eines breiteren Trends westlicher Demokratien.

Ein Blick nach Birmingham zeigt, wohin eine solche Entwicklung führen kann. Der Zeit-Journalist Jochen Bittner beschreibt für Stadtteile wie Aston eine urbane Realität, in der homogene muslimische Ghettos entstanden sind – mit Clanstrukturen, eigenen politischen Loyalitäten und abgeschottet von der Mehrheitsgesellschaft. Die Loyalität gilt dort oft zuerst der Gemeinschaft, nicht dem Gemeinwesen.

Unterdrückte Kritik aus den Communities

Bemerkenswert ist, dass der deutlichste Widerstand gegen diese Entwicklung nicht von den etablierten Parteien kommt, sondern aus den Communities selbst.

Gerade Menschen mit eigener Einwanderungsgeschichte, die die sozialen Dynamiken dieser Milieus aus eigener Erfahrung kennen, warnen seit Jahren vor der Verfestigung abgeschotteter Parallelstrukturen. Ein Beispiel ist die aus Pakistan stammende Baroness Kishwer Falkner, ehemalige Vorsitzende der britischen Gleichstellungsbehörde. Sie kritisiert offen die religiöse Ghettobildung in Teilen der pakistanisch- und bangladeschisch-stämmigen Bevölkerung Großbritanniens und ein politisches System, das diese Strukturen zu lange ignoriert oder aus falsch verstandener kultureller Rücksichtnahme stabilisiert habe.

Doch gerade diese Stimmen finden in der politischen Debatte oft nicht nur wenig Resonanz, sondern werden auch aus dem Umfeld linker Parteien bekämpft. Das Ergebnis ist paradox: Gerade jene Migranten, die universelle Bürgerrechte und gesellschaftliche Integration verteidigen, werden politisch oft allein gelassen – während identitätspolitische Sprecher, die ihre Communities als geschlossene Kollektive präsentieren, umso leichter Gehör finden.

Mothin Ali und die neue Allianz

Der Aufstieg des Green-Politikers Mothin Ali illustriert diese Entwicklung besonders anschaulich. Der stellvertretende Parteivorsitzende der Greens und Stadtrat im multikulturellen Leeds-Bezirk Gipton & Harehills, wurde landesweit bekannt, als er seinen Wahlsieg mit den Worten feierte: „We will raise the voice of Gaza… Allahu Akbar.“ Der Sieg, erklärte er, sei „a win for the people of Gaza“. Eine lokale Wahl wurde plötzlich zur geopolitischen Bühne.

Als Ali wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration kritisiert wurde, bei der auch Parolen zugunsten des iranischen Mullah-Regimes zu hören waren, reagierte Zack Polanski nicht mit einer klaren politischen Distanzierung. Stattdessen warf er den Kritikern „Islamophobie“ vor.

Der Begriff hat eine eigene politische Geschichte. Bereits in den 1990er Jahren wurde er von islamischen Lobbyorganisationen geprägt und verbreitet – teils mit ideologischen Verbindungen zur Muslimbruderschaft –, um Kritik an religiösen Autoritäten oder islamistischen Bewegungen zurückzuweisen. Heute wird er von Teilen der progressiven Linken bereitwillig übernommen; in Deutschland existiert mit dem Konstrukt „antimuslimischer Rassismus“ ein funktional ähnliches Konzept.

So entsteht eine eigentümliche Allianz. Der Vorwurf der Islamfeindlichkeit dient weniger der Benennung realer Diskriminierung als der moralischen Delegitimierung politischer Kritik. Wer auf illiberale Tendenzen oder islamistische Netzwerke hinweist, gerät selbst unter Verdacht. Damit verschwindet eine Unterscheidung, die für liberale Demokratien zentral ist: die zwischen dem Schutz vor Diskriminierung und der legitimen Kritik an extremistischen oder illiberalen Religionsauslegungen.

Die schleichende politische Einflussnahme islamistischer Netzwerke in europäischen Demokratien zählt zu den brisantesten und zugleich verdrängten Themen unserer Zeit. Lokale Politiker reagieren bereitwillig auf Forderungen religiöser Pressure-Groups, die identitätspolitische Anerkennung wird wichtiger als universelle Rechtsprinzipien. Die Debatte verschiebt sich vom Schutz von Minderheiten hin zur Aufwertung religiöser Identität – ein seismographisches Beben im Selbstverständnis liberaler Demokratien.

Die Grünen in Deutschland, die sich gesellschaftspolitisch in eine ähnliche Richtung bewegen wie ihr britisches Pendant, liefern ein anschauliches Beispiel: Ihr 24-Punkte-Plan zur „Sichtbarkeit muslimischen Lebens“ verschiebt die Grenze zwischen Anerkennung religiöser Vielfalt und politischer Lobbyarbeit. Parteien beginnen, religiöse Identitäten aktiv zu mobilisieren – mit kaum absehbaren Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Regenbogen und Halbmond

Im Fall der Grünen liegt die Ironie darin, dass hier zwei politische Bewegungen ein Bündnis eingehen, deren Wertvorstellungen kaum kompatibel sind. Die progressive Linke verteidigt individuelle Selbstbestimmung, sexuelle Vielfalt und eine säkularisierte Öffentlichkeit – zumindest solange das Christentum betroffen ist. Der konservative und politische Islam hingegen basiert auf kollektivistischen und religiös autoritären Normen.

Dass Mothin Ali als einziger Parteikandidat die Unterstützung einer Erklärung zu LGBT-Rechten verweigerte, ist daher mehr als eine Randnotiz. Die kognitive Dissonanz der „Queers for Palestine“-Bewegung mit ihrer offenen Sympathie für die Hamas wird zum symbolischen Kern dieses Widerspruchs.

Zugleich verdeutlichen Vorfälle wie das Stadionverbot für israelische Fans in Birmingham-Aston und der islamistische Anschlag auf eine Synagoge in Manchester – ausgerechnet Polanskis Heimatgemeinde – die Kollisionslinien zwischen moralischem Aktivismus und innerer Sicherheit. Polanski setzt auf identitätspolitische Loyalität, während Mothin Ali in Verbindung zu Organisationen wie Cage International steht, die Anti-Terror-Gesetze ablehnen.

Auf dem Frühjahrskonvent der Green Party im März wurde zudem das Existenzrecht Israels offen infrage gestellt. Eine Motion mit dem Titel „Zionism is Racism“ wurde zur Debatte zugelassen und fand Unterstützung aus Teilen der Parteispitze, darunter auch von Polanski selbst. Sie ging weit über Kritik an der Politik der israelischen Regierung hinaus und stellte faktisch die Legitimität des jüdischen Staates infrage. Zwar wurde die Motion nicht endgültig beschlossen, doch allein ihre Zulassung verdeutlicht die politische Verschiebung innerhalb der Partei.

Britische Kommentatoren sprechen inzwischen von einer „Rainbow-Crescent coalition“ – einer Allianz aus progressiven Aktivisten und religiös geprägten Wählermilieus, zusammengehalten durch soziale Versprechen und einen gemeinsamen politischen Gegner: Israel und den „westlichen Imperialismus“.

Der verstorbene britische Journalist Nick Cohen schrieb schon lange vor dem Gaza-Krieg über das, was er den moralischen Blindfleck der westlichen Linken nannte: “The left lost the ability to criticise reactionary movements if those movements presented themselves as anti-Western.” Solange eine Bewegung als Gegner westlicher Machtpolitik erscheint, wird ihre eigene Ideologie relativiert.

Tribalismus

Polanskis Politik ist somit Symptom eines größeren Trends: Linke Parteien in Europa verbinden ökonomische Heilsversprechen zunehmend mit identitätspolitischer Mobilisierung. Der Fiskal-Populismus ist der ideale Kitt. Britische Politikwissenschaftler sprechen von tribalistischer Politik – Parteien werden zu Vertretern bestimmter religiöser oder kultureller Minderheiten, die wiederum als geschlossene Wählerblöcke auftreten. Der Staat wird zum Schauplatz permanenter Aushandlungen. Der Politologe Yascha Mounk warnt vor einer „identity-based democracy“, in der Politik beginnt, sich weniger um Programme als um identitäre Loyalitäten zu organisieren.

Teilweise ist diese Strategie auch eine Reaktion auf den Verlust des traditionellen Kernmilieus: die Arbeiterklasse, die viele linke Parteien in den letzten Jahrzehnten an konservativere oder rechtspopulistische Kräfte verloren haben. In Großbritannien zeigt sich diese Entwicklung unter den westeuropäischen Demokratien besonders deutlich, auch wenn sie Labour viel stärker betrifft als die Greens.

Beispiele wie der Libanon zeigen, wie fragil solche Systeme sind. Dort sind politische Macht und staatliche Ressourcen über konfessionelle Linien verteilt: Maroniten, Sunniten, Schiiten und Christen erhalten feste Quoten in Parlament, Regierung und Verwaltung. So entsteht ein System permanenter gegenseitiger Kontrolle. Jede Gruppe muss ihre Interessen wahren, jede Abweichung droht Konflikte auszulösen. Stabilität entsteht nur, solange keine Gruppe dauerhaft benachteiligt wird und jede sich als gleichberechtigt anerkannt fühlt. Wird diese fragile Balance gestört – durch wachsende demografische Verschiebungen, politische Polarisierung oder externe Einflüsse –, kippt das System schnell in Blockbildung, institutionelle Lähmung oder gar Gewalt. Eine gemeinsame Öffentlichkeit existiert nicht. Bürger sind zuerst Vertreter ihrer Gruppe, nicht Mitglieder eines demokratischen Gemeinwesens.

Europas Demokratien stabilisierten sich historisch dadurch, dass sie genau diese identitätspolitische Logik überwanden. Parteien repräsentierten soziale Interessen, Klassen oder Weltanschauungen, die politische Bedeutung der Religion wurde zurückgedrängt. Die wachsende Allianz zwischen progressiver Linker und islamischen Netzwerken aber zeigt, wohin sich Teile der europäischen Linken bewegen. Die Frage ist nicht, ob dies kurzfristig erfolgreich ist. Sondern, welchen Preis die Demokratien langfristig zahlen.

Das gilt auch für die Grünen selbst. Identitätsbasierte Mobilisierung verschärft die gesellschaftliche Polarisierung und erzeugt fragile politische Bündnisse, die mehr durch situative Loyalitäten als durch gemeinsame Prinzipien zusammengehalten werden. Wenn die Grünen sich nicht wieder stärker auf universelle Prinzipien besinnen – auf einen Klimaschutz, der sozial tragfähig ist, und auf eine Politik, die auch die materiellen Interessen der arbeitenden Bevölkerung ernst nimmt –, drohen sie am Ende denselben Weg zu gehen wie viele Protestparteien vor ihnen.

Dann wäre ihr gegenwärtiger Aufstieg nur eine Episode gewesen: ein politischer Moment, der laut begann, aber schneller von der Bühne verschwand, als seine Protagonisten es erwartet hatten.