Editorial

Zweite Allgemeine Verunsicherung

| 20. April 2021
istock.com/vinx2o2o

Liebe Leserinnen und Leser,

unsere Welt steht Kopf! Jaa, 5 Euro ins Phrasenschwein, schließlich konnte diese Feststellung schon zu Großmutters Zeiten eine gewisse Gültigkeit beanspruchen. Geschenkt. Und dennoch, befällt Sie nicht auch gerade das diffuse Gefühl, dass die Karten neu gemischt, Felder umgepflügt werden – und zwar auf sämtlichen Ebenen des gesellschaftlichen und politischen Seins?

Die Welt, sie scheint sich in einer Art Chaos der Neuordnung zu befinden, indem sich die Regeln des Spiels ändern, alte auf neue Gewissheiten prallen, sich in einer zerrütteten Öffentlichkeit Ideologen bekriegen, Glaubensätze ins Wanken geraten, neue Heilslehren aus dem Boden sprießen und auch die Realpolitik Wege beschreitet, die noch vor einem guten Jahr keiner für möglich gehalten hätte. Die Digitalisierung schreitet beschleunigt voran, die Arbeit, wie wir sie kannten, wird einmal mehr umgekrempelt und bei alledem dreht sich die Welt gefühlt immer schneller, was manch einen überfordert.

Die Energiewende kündet von einem neuen Zeitalter im Anthropozän, während der Klimawandel längst im Gange ist. Auch die Debatten wandeln sich. Die Postmoderne dominiert zunehmend die kulturelle und gesellschaftliche Deutung und lehnt jede übergeordnete Wahrheit ab. Der universalistische Blick auf unsere Welt soll eine Erfindung von alten weißen Männern sein. Die Postmoderne beschreibt die Gesellschaften als Marktplatz widerstreitender und unversöhnlicher Interessen und propagiert eine solche Nicht-Ordnung als erstrebenswerte Antwort auf die neue Unübersichtlichkeit. Die Demokratie ächzt unter der wachsenden Ungleichheit – materiell wie kulturell –, weil auch der Furor der Identitätspolitik die Öffentlichkeit in ein Minenfeld verwandelt.

Gleichzeitig gerät eine Ideologie, die im Windschatten der Postmoderne vortrefflich gedeihen konnte, zumindest wirtschaftspolitisch ins Wanken: Der Neoliberalismus. Die Schuldenbremse wird unter dem Handlungszwang, den die Corona-Pandemie oktroyiert, zunehmend in Frage gestellt, wenngleich eine Riege von deutschen Ökonomen unbelehrbar scheint. Jüngst zelebriert in einer vom ifo-Institut initiierten Diskussion zur Schuldenbremse, die keine war, weil die entscheidenden volkswirtschaftlichen Zusammenhänge außen vor gelassen wurden.

Unsere Ökonomen scheinen aus der Zeit gefallen, denn auch sie sind mit der neuen Welt überfordert, in der die Unternehmen seit über zehn Jahren de facto sparen und der Staat permanent gefordert ist, neue Schulden zu machen. Dass die alten Regeln der Marktwirtschaft aus der Nachkriegszeit längst nicht mehr gültig sind, ist bei den ordoliberalen Gralshütern noch nicht angekommen.

In den USA scheint man das begriffen zu haben. Es sieht alles danach aus, als ob Joe Biden gerade fulminant mit den Reaganomics bricht und mit Billionen für gigantische Infrastrukturprogramme eine neue Epoche einleitet: „Es ist an der Zeit, unsere Wirtschaft von unten nach oben und von der Mitte nach außen aufzubauen, nicht von oben nach unten“, so Biden in einer Rede in Pittsburgh, und beerdigte damit die neoliberale Trickle-Down-Theory, nach der Steuersenkungen für Reiche, Deregulierung und Lohnzurückhaltung für alle anderen angeblich der Weg zu gemeinsamen Wohlstand wären.

Es sind spannende, unruhige, widersprüchliche und auch hysterische Zeiten, die wir erleben. Der Staat ist gezwungen, die Zügel fester in die Hand zu nehmen, was den Argwohn bei einigen selbsternannten Hütern der Freiheit – welche eigentlich? - wachsen lässt. Doch vielleicht ist der fiebrige Geist unserer Gesellschaft vielmehr das Resultat eines hyperindividualistischen Freiheitsdranges, der geradezu ins Nichts geführt hat.

Die Felder vor unseren Häusern werden neu bestellt, was auf ihnen sprießen wird, das ist noch ungewiss.