Updates zur Konjunktur

Schrumpfkurs statt Aufschwung

| 28. August 2025

Die deutsche Wirtschaftsleistung leidet unter der schwierigen Weltlage – und schrumpft im zweiten Quartal 2025 stärker als erwartet. 

  • BIP sinkt deutlicher als prognostiziert
  • Industrieproduktion erneut „negative leader“
  • Kein Wachstum im Sommer – Hoffnung erst ab 2026
  • Wirtschaftsforschungsinstitute uneinig
  • Insolvenzen auf Rekordniveau
  • Exporte brechen ein, Zölle verschärfen die Lage

Nach zwei Quartalen moderaten Wachstums schreibt die deutsche Wirtschaft wieder negative Zahlen. Laut aktualisierten Zahlen des Statistischen Bundesamts schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal 2025 um 0,3 Prozent – dreimal so stark wie ursprünglich geschätzt. Im Jahresvergleich ergibt sich ein preisbereinigter Rückgang von 0,2 Prozent. Damit hat sich das Konjunkturbild im Frühjahr spürbar eingetrübt.

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Industrieproduktion erneut „negative leader“

„Vor allem die Industrieproduktion entwickelte sich schwächer als angenommen“, erklärten die Wiesbadener Statistiker. Besonders betroffen war das Verarbeitende Gewerbe. Lediglich die Automobilindustrie und Teile des Fahrzeugbaus verbuchten minimale Zuwächse. Im Baugewerbe kam es zu einem drastischen Rückgang um 3,7 Prozent – nach einem witterungsbedingt starken Jahresauftakt.

Abbildung 2

Auch die Bruttoanlageinvestitionen fielen: minus 1,4 Prozent insgesamt, davon -1,9 Prozent bei Ausrüstungen und -2,1 Prozent bei Bauinvestitionen. Private Haushalte (+0,1 Prozent) und der Staat (+0,8 Prozent) gaben zwar etwas mehr aus, doch reichte das nicht, um die Investitions- und Exportflaute aufzufangen.

Im Dienstleistungssektor stagnierten die Werte: Zuwächse bei öffentlichen Diensten (+1,2 Prozent) sowie Handel, Verkehr und Gastgewerbe (+0,4 Prozent) wurden durch Rückgänge bei Unternehmensdienstleistern (-1,2 Prozent) und sonstigen Dienstleistungen (-0,5 Prozent) wieder neutralisiert.

Auch die Bilanz des Außenhandels fiel ernüchternd aus: Die Exporte sanken um 0,1 Prozent, die Warenexporte sogar um 0,6 Prozent. Rückgänge bei Maschinen, Chemieprodukten sowie Kfz-Teilen trafen ausgerechnet die Exportschlager der deutschen Industrie besonders hart. Gleichzeitig stiegen die Importe um 1,6 Prozent. Im Jahresvergleich: -3,6 Prozent bei den Warenexporten, +3,3 Prozent bei den Einfuhren.

Kein Wachstum im Sommer – Hoffnung erst ab 2026

Die Erwartungen einer baldigen Erholung haben sich zerschlagen. Zwar prognostizierten Wirtschaftsforschungsinstitute im August ein leichtes Plus, doch die meisten verschieben optimistischere Szenarien inzwischen auf 2026 – wenn staatliche Investitionsprogramme für Verteidigung, Infrastruktur und Bahn ihre Wirkung zeigen sollen. Auch die Bundesbank rechnet im Sommerquartal nur mit Stagnation. Belastend wirken schwache Investitionen, fehlende Auslandnachfrage, eine anhaltende Bauflaute, hohe Energiepreise und geopolitische Risiken.

Geschäftsklimaindex: Stimmung leicht aufgehellt, aber keine Trendwende

Einen kleinen Lichtblick lieferte das ifo-Institut: Der Geschäftsklimaindex stieg im August von 88,6 auf 89,0 Punkte. Von einer Trendwende sei aber keine Rede, betonten ifo-Präsident Clemens Fuest und Konjunkturchef Klaus Wohlrabe. Auch das DIW sieht die Lage kritisch: Das hauseigene Konjunkturbarometer fiel im August zum zweiten Mal in Folge auf 92 Punkte – weit unter der neutralen 100er-Marke. DIW-Expertin Geraldine Dany-Knedlik sprach von einem „zarten Pflänzchen“ der Erholung, das von strukturellen Problemen bedroht sei.

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Besonders problematisch bleibt die sinkende Nachfrage nach deutschen Exportgütern. „Der Außenhandel verliert an Bedeutung, die Binnenkonjunktur wird entscheidend“, so Dany-Knedlik. Viel hänge davon ab, wie schnell die Bundesregierung ihre Ausgabenpläne umsetze.

Insolvenzen erreichen Höchststand

Besonders alarmierend: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stieg im Juli laut Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) auf 1.588 Fälle – 12 Prozent mehr als im Juni, 13 Prozent mehr als im Vorjahr und 64 Prozent über dem Vorkrisen-Niveau von 2016–2019. Abgesehen vom Rekordmonat April 2025 liegt die Zahl der Pleiten damit so hoch wie seit 20 Jahren nicht.

Zwar sei die Zahl gefährdeter Arbeitsplätze noch moderat, betont IWH-Forscher Steffen Müller. Doch Frühindikatoren deuten auf weiter hohe Insolvenzzahlen im Herbst hin. Besonders brisant: Es handelt sich nicht um aufgeschobene Corona-Pleiten, sondern um neue Fälle – häufig von bereits länger angeschlagenen Unternehmen.

Abbildung 4

Strukturelle Probleme der Industrie

Die Bundesbank macht vor allem den Export als Schwachstelle aus. Hätte er mit dem globalen Wachstum Schritt gehalten, wäre die deutsche Wirtschaftsleistung seit 2019 um 2,4 Prozent gewachsen, so die Analysten. Stattdessen sinkt die Wettbewerbsfähigkeit: In drei Vierteln der knapp 100 Produktkategorien büßte Deutschland Marktanteile ein. Gründe sind laut Notenbank mangelnde Innovation, hohe Energiekosten, Bürokratie und steigende Löhne. Auffällig: Marktanteile gingen besonders dort verloren, wo China zugleich hinzugewann – ein Effekt, der vor 2019 kaum erkennbar war.

US-Zölle verschärfen die Krise

Zusätzlichen Druck erzeugt die aggressive Handelspolitik der USA. Trotz eines neuen Deals mit Präsident Donald Trump, der die Autozölle von 27,5 auf 15 Prozent senken sollte, folgte Mitte August eine drastische Ausweitung der Stahl- und Aluminiumzölle auf über 400 europäische Produkte – darunter Motoren, Industrieroboter sowie Land- und Baumaschinen.

Für den Maschinen- und Anlagenbau ist dies ein herber Schlag: Rund 30 Prozent der EU-Exporte in die USA fallen inzwischen unter die neuen Zollkategorien. „Der Deal hat seinen Wert schon verloren“, warnt VDMA-Vertreter Oliver Richtberg. Besonders gefährlich sei, dass die Liste der betroffenen Produkte alle vier Monate erweitert werden könne.

Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Inverto zeigt: 77 Prozent der Industrie-Manager erwarten steigende Rohstoffpreise, 81 Prozent sehen sich direkt oder indirekt von Zöllen betroffen. Handelsbarrieren gelten inzwischen für 35 Prozent der Unternehmen als größtes Risiko – noch vor geopolitischen Unsicherheiten.

Trotzdem haben laut dem Beratungsunternehmen viele Firmen keine Strategien entwickelt, um sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einzustellen. Problematisch sei die hohe Volatilität: „Die Zollpolitik ändert sich fast wöchentlich. Viele Einkäufer haben kein Gespür mehr für die Richtung“, sagt Inverto-Experte Justus Brinkmann.

Neben Stahl und Aluminium geraten zunehmend auch Agrarprodukte, seltene Erden und mineralische Rohstoffe ins Visier des Handelskriegs. Unternehmen fürchten nicht nur steigende Einkaufspreise, sondern auch Versorgungsengpässe. Bain & Company warnt, dass Zulieferer das Zollregime nutzen könnten, um Preise opportunistisch nach oben zu treiben.

Fazit: Die deutsche Wirtschaft steckt in einer schwierigen Phase. Während die Stimmung nur minimal aufhellt, verschärfen harte Fakten wie schrumpfende Produktion, sinkende Exporte und Rekordinsolvenzen die Lage. Hinzu kommen strukturelle Probleme, internationale Konkurrenz und eine zunehmend aggressive Handelspolitik der USA.