Makroskop
Updates zur Konjunktur

Die deutsche Wirtschaft zwischen Zurückhaltung und Resignation

| 11. Dezember 2025

Auch das Weihnachtsgeschäft führt Deutschland nicht aus der Rezession heraus. Geschäftsklima, Investitionen, Handel und Konsum senden weiterhin Warnsignale. Wie tief sitzt die Vertrauenskrise der deutschen Wirtschaft wirklich?

  • Geschäftsklima und Stimmungslage der Unternehmen wieder pessimistischer
  • Investitionstätigkeit zwischen Standortproblemen und Nachfragemangel
  • Außenhandel: Lichtblick Europa, Schatten in Übersee
  • Einkommensentwicklung und Konsumverhalten laufen auseinander

Geschäftsklima und Stimmungslage der Unternehmen wieder pessimistischer

Gehen sämtliche Konjunkturprognosen von einer spürbaren wirtschaftlichen Belebung im Jahr 2026 aus, ist dies derzeit noch nicht an den Stimmen der Unternehmen abzulesen. So fiel der ifo Geschäftsklimaindex im November 2025 erneut leicht von 88,4 auf 88,1 Punkte und steht sinnbildlich für die anhaltende Skepsis in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft.

Auffällig ist das Auseinanderdriften von aktueller Lage und den Zukunftserwartungen: Die Unternehmen beurteilten ihre laufenden Geschäfte zwar etwas positiver als im Vormonat, blicken jedoch pessimistischer in die Zukunft. Die gesunkene Erwartungskomponente gibt denjenigen einen Dämpfer, die bereits Triebkräfte für eine baldige, dynamische Belebung der Auftragslage gesehen haben.

Besonders betroffen ist das Verarbeitende Gewerbe, dessen Index sank. Getragen wird dieser Rückgang von stark nach unten korrigierten Erwartungen, da ein leicht rückläufiger Auftragsbestand die perspektivische Auslastung gefährdet.

Im Dienstleistungssektor hellt das Klima insgesamt auf, hauptsächlich dank einer besseren Beurteilung der aktuellen Geschäfte. Dennoch trüben sich auch hier die Aussichten leicht ein. Ein Rückschlag im Bereich Transport und Logistik spiegelt unter anderem die Schwäche der Industrie wider, während der Tourismus einen spürbaren Aufwärtstrend verzeichnet.

Sorgen bereitet weiterhin der Handel. Hier gab das Geschäftsklima nach, wobei sowohl die aktuelle Lage schlechter bewertet als auch die Erwartungen gesenkt wurden. Besonders der Einzelhandel zeigte sich zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts enttäuscht.

Diese Nachrichten werden durch die zunehmenden Ladenschließungen im Einzelhandel untermauert. Zwischen August 2024 und August 2025 wurden 2.490 Insolvenzen gezählt – so viele wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Betroffen sind sowohl bekannte Marken wie Görtz, Gerry Weber, Wormland und Esprit als auch zahlreiche kleinere Händler.

Branchenanalysten gehen davon aus, dass sich die Konsolidierung fortsetzt, wenn auch etwas langsamer. Haupttreiber bleiben die hohen Investitionsanforderungen der digitalen Transformation, mit denen kleinere Geschäfte kaum Schritt halten können. Zwar sprechen steigende Reallöhne und verbesserte Finanzierungsbedingungen für eine leichte Entlastung, doch der Druck durch große Online-Plattformen und internationale Anbieter bleibt hoch.

Auch im Bauhauptgewerbe verzeichnete der Index trotz des zuletzt festgestellten Aufwärtstrends einen Rückgang. Obwohl die aktuelle Lage etwas besser beurteilt wird, identifizieren die Unternehmen die schwache Nachfrage explizit als bestimmenden Engpass – es mangelt demnach an Aufträgen, nicht an Kapazitäten. Einen Lichtblick könnte im Baugewerbe 2026 allerdings das Sondervermögen für Infrastruktur geben.

Investitionstätigkeit zwischen Standortproblemen und Nachfragemangel

Die anhaltende Unsicherheit über die zukünftige Absatzentwicklung schlägt sich massiv in der Investitionsplanung der Unternehmen nieder. Die Investitionserwartungen für das laufende Jahr sind laut ifo-Konjunkturumfrage vom Dezember 2025 im November auf -9,2 Punkte gefallen, ein deutlicher Rückgang beispielsweise gegenüber den noch positiven 2,4 Punkten im März. Zwar sind die Erwartungen für das kommende Jahr mit -3,1 Punkten etwas weniger pessimistisch, aber von einer Investitionsoffensive kann keine Rede sein.

Laut Ifo sind „der tiefgreifende Strukturwandel und die mangelnde Attraktivität des Standorts Deutschland“ die Hauptfaktoren, die die Investitionsbereitschaft der Unternehmen“ bremsen. Hinzu komme „die anhaltende Unsicherheit über wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen.“ Doch wie so oft wird hier die Nachfrageseite vergessen. Denn ohne die Aussicht auf eine stabile Nachfrage fehlt der Anreiz, Kapital zu binden und Kapazitäten zu erweitern. Wenn Unternehmen nicht wissen, unter welchen Bedingungen sie künftig produzieren und absetzen können, halten sie sich zurück.

Besonders drastisch ist die Entwicklung im Fahrzeugbau. Die Erwartungen stürzten hier von -11,4 auf -36,7 Punkte ab. Auch die chemische Industrie hat ihre Pläne von +21,0 Punkten im März auf -9,4 Punkte im November radikal gekürzt. Ähnlich düster sieht es im Maschinenbau aus, wo sich der Indikator von +0,9 auf -15,3 Punkte verschlechterte.

Ein besonders alarmierendes Signal für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sendet die Automobilindustrie bezüglich ihrer Planungen für 2026. Entgegen dem Trend der Vorjahre, in denen Investitionen in Zukunftstechnologien stetig erhöht wurden, planen die Hersteller nun Kürzungen bei Software sowie Forschung und Entwicklung. Zwar soll leicht mehr in Ausrüstungen investiert werden, doch der Rückzug aus der Innovationsfinanzierung deutet auf eine defensive Strategie hin.

Es gibt jedoch Ausnahmen: Die Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen planen als einziger Industriesektor, ihre Investitionen im kommenden Jahr über alle Bereiche hinweg zu steigern. Hier treibt insbesondere der Ausbau von Forschung und Entwicklung den positiven Ausblick, was die Bedeutung des technologischen Wandels unterstreicht. Im Dienstleistungssektor wurden die Pläne für das laufende Jahr zwar ebenfalls gesenkt, für 2026 zeigen sich die Dienstleister jedoch wieder optimistischer.

Außenhandel: Lichtblick Europa, Schatten in Übersee

Die deutsche Exportwirtschaft, traditionell eine Stütze der Konjunktur, zeigt im Oktober 2025 eine Entwicklung, die auf den ersten Blick positiv überrascht. Entgegen den ursprünglichen Erwartungen, die von einem Rückgang ausgingen, stiegen die Exporte kalender- und saisonbereinigt um 0,1 Prozent gegenüber dem Vormonat auf 131,3 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Oktober 2024 nahmen die Exporte sogar um 4,2 Prozent zu.

Diese Stabilisierung ist fast ausschließlich auf die Nachfrage aus den EU-Nachbarstaaten zurückzuführen. Die Exporte dorthin stiegen gegenüber dem Vormonat um beachtliche 2,7 Prozent auf 76,3 Milliarden Euro. Hier zeigt sich die stabilisierende Wirkung des Binnenmarktes in einem global volatilen Umfeld. Innerhalb der Eurozone legten die Exporte um 2,5 Prozent zu, in die übrigen EU-Länder sogar um 3,1 Prozent.

Doch dieser regionale Lichtblick kann nicht über die Schwäche im globalen Handel hinwegtäuschen. Die Exporte in die Vereinigten Staaten, immer noch der wichtigste Einzelmarkt für "Made in Germany", sanken im Vergleich zum September um drastische 7,8 Prozent. Auch im Jahresvergleich liegen die Exporte in die USA um 8,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Ähnlich negativ ist die Entwicklung im China-Geschäft: Die Ausfuhren in die Volksrepublik gingen um 5,8 Prozent zurück. Auch das Geschäft mit dem Vereinigten Königreich war rückläufig (-6,5 Prozent).

Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Außenhandel derzeit keine starken Impulse für die Gesamtwirtschaft liefern kann. Zwar schloss die Handelsbilanz mit einem Überschuss von 16,9 Milliarden Euro ab, doch spiegelt dies auch die Schwäche der Importe wider. Die Einfuhren sanken im Oktober um 1,2 Prozent auf 114,5 Milliarden Euro. Besonders die Importe aus den USA (-16,6 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (-14,5 Prozent) brachen ein, aber auch aus China wurde weniger eingeführt (-5,2 Prozent). Der sinkende Importbedarf ist ein Indiz dafür, dass die Binnennachfrage nach ausländischen Vorleistungsgütern und Konsumwaren schwächelt. Die hohen Exportüberschüsse sind daher wieder einmal kein Grund für Optimismus.

Der Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Rahmendaten bestätigt das Bild einer stagnierenden Volkswirtschaft. Für das Gesamtjahr 2025 prognostiziert das ifo-Institut lediglich ein minimales Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 0,1 Prozent. Damit wurden frühere Prognosen leicht nach unten korrigiert. Für die kommenden zwei Jahre wird eine leichte Beschleunigung auf 0,8 Prozent bzw. 1,1 Prozent erwartet.

Einkommensentwicklung und Konsumverhalten laufen auseinander

Auch die Analyse der Einkommens- und Konsumdaten fällt nicht nur positiv aus. Aus der Perspektive der Lohnabhängigen gibt es im dritten Quartal 2025 zwar durchaus positive Nachrichten: Die Nominallöhne stiegen um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Da die Verbraucherpreise im selben Zeitraum nur um 2,3 Prozent zulegten, verzeichneten die Arbeitnehmer einen Reallohnanstieg von 2,7 Prozent – der stärkste Zuwachs im laufenden Jahr.

Besonders bemerkenswert ist die soziale Verteilung dieser Lohnsteigerungen. Geringverdiener, also das Fünftel der Vollzeitbeschäftigten mit den niedrigsten Einkommen, verzeichneten mit einem Plus von 7,2 Prozent die stärksten Zuwächse. Auch Auszubildende profitierten von überdurchschnittlichen Steigerungen (+7,6 Prozent). Da Haushalte mit geringeren Einkommen typischerweise eine hohe Konsumquote aufweisen, also einen Großteil ihres zusätzlichen Einkommens direkt wieder ausgeben, hätte dies theoretisch einen deutlichen Impuls für den privaten Konsum auslösen müssen.

Die Realität im Einzelhandel kann diese theoretische Erwartung jedoch nicht erfüllen. Trotz der „volleren Portemonnaies“ wurde der langfristige Trend seit 2022 deutlich verlassen und der Trend seit 2023 weist eine deutlich flachere Steigung auf. Dabei sanken die Umsätze der Einzelhandelsunternehmen im Oktober 2025 real sogar um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Zwar gab es im Lebensmittelhandel ein Plus von 1,2 Prozent, doch der Handel mit Nicht-Lebensmitteln verzeichnete einen Rückgang von 0,7 Prozent. Selbst der Internet- und Versandhandel, oft ein Profiteur veränderten Konsumverhaltens, musste ein Umsatzminus von 0,6 Prozent hinnehmen.

Diese Diskrepanz zwischen steigenden Reallöhnen und sinkenden Einzelhandelsumsätzen sowie rückläufigen Importen deutet auf ein tiefgreifendes Nachfrageproblem hin. Das zusätzlich verfügbare Einkommen fließt nicht in den Konsumkreislauf, sondern wird gespart. Die privaten Haushalte verhalten sich ähnlich wie die Unternehmen: Verunsichert durch die allgemeine Wirtschaftslage und geopolitische Krisen, halten sie ihr Geld zusammen. Eine steigende effektive Nachfrage, die notwendig wäre, um Produktion und Investitionen anzuregen, fällt aus. Dass selbst die Importe sinken, bestätigt, dass die Kaufzurückhaltung nicht nur heimische Produkte betrifft, sondern genereller Natur ist. Die positive Nachricht der Lohnsteigerungen verpufft somit konjunkturell, da sie nicht in kaufwirksame Nachfrage umgemünzt wird.

Fazit

Die deutsche Wirtschaft zeigt sich im Winter 2025 in einer abwartenden Haltung. Während der Binnenmarkt der EU und steigende Reallöhne theoretisch ein Fundament für Stabilität bieten könnten, verhindern Unsicherheit und Pessimismus eine dynamische Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte. Sowohl Unternehmen als auch Haushalte halten sich mit Ausgaben zurück, was die Nachfrage als zentralen Engpass der aktuellen Konjunkturschwäche identifiziert. Solange diese Vertrauenskrise nicht überwunden ist, bleiben positive Impulse wie Lohnzuwächse oder punktuelle Exporterfolge ohne durchschlagende Wirkung auf das Gesamtwachstum.