Deutschlands Wirtschaft im Wartestand
Kaum Wachstum, verunsicherte Verbraucher und wachsende Handelsrisiken: Die deutsche Konjunktur bleibt fragil. Während Kanzler Friedrich Merz außenpolitisch neue Allianzen schmiedet, entscheidet sich die wirtschaftliche Zukunft womöglich im Binnenmarkt.
- Wirtschaftsleistung 2025: Minimales Wachstum im vierten Quartal
- Stimmungsindikatoren 2026: ifo-Geschäftsklima hellt sich leicht auf, Erholung des GfK-Konsumklimas gerät ins Stocken
- Bausektor: nominaler Anstieg der Auftragseingänge und Baugenehmigungen, doch tatsächliche Fertigstellungen verfehlt gesellschaftlichen Bedarf spürbar
- Handelspolitische Zäsur: Bundeskanzler Friedrich Merz drängt Peking zum Abbau von Subventionen sowie Überkapazitäten und sucht zeitgleich in der Golfregion nach neuen Allianzen im Energie- und Rüstungssektor.
Die deutsche Wirtschaft hat das Jahr 2025 mit einem Hauch von Wachstum beendet. Im vierten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent zu, aufs Gesamtjahr gerechnet steht ein reales Plus von 0,2 Prozent. Mehr Stagnation als Aufschwung. Der Wachstumspfad der Jahre 2009 bis 2020 ist endgültig verlassen, die Volkswirtschaft bewegt sich seit Längerem seitwärts.
Getragen wurde das geringe Plus vor allem von der Binnennachfrage – allerdings mit Schlagseite. Der Staat weitete seine Konsumausgaben im Schlussquartal um 1,1 Prozent aus, private Haushalte erhöhten ihre Ausgaben lediglich um 0,5 Prozent. Zwar stieg der private Konsum im Jahresvergleich nominell um 4,4 Prozent und damit stärker als die gesamtwirtschaftlichen Einkommen (plus 3,3 Prozent). Doch dieser Effekt speiste sich aus einer sinkenden Sparquote, die auf 9,4 Prozent zurückging.
Wachstum aus der Substanz ist jedoch selten nachhaltig. Genau darauf deuten die aktuellen Stimmungsindikatoren hin.
Konsumklima kippt wieder
Zum Jahresbeginn 2026 verliert die Verbraucherstimmung erneut an Schwung. Der GfK-Konsumklimaindex sank für März auf minus 24,7 Punkte. Zwar verbesserten sich die Einkommenserwartungen leicht, doch die Anschaffungsneigung fiel deutlich ins Negative. Gleichzeitig stieg die Sparneigung auf 18,9 Punkte – der höchste Wert seit der Finanzkrise 2008.
Private Haushalte reagieren damit defensiv auf geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit und sozialpolitische Debatten. Zusätzliche Einkünfte werden nicht in Konsum umgesetzt, sondern aus Vorsicht zurückgelegt. Dem Binnenmarkt fehlen damit wichtige Impulse.
Industrie stabilisiert sich – Bau bleibt hinter Bedarf zurück
In der Industrie zeichnet sich ein vorsichtiger Stimmungsumschwung ab. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Februar auf 88,6 Punkte, den höchsten Stand seit dem vergangenen Sommer. Besonders im verarbeitenden Gewerbe hellten sich Lageeinschätzungen und Produktionserwartungen auf. Von einer breiten Erholung kann dennoch keine Rede sein – im Einzelhandel etwa trübt sich die Stimmung weiter ein.
Der Bausektor sendet gemischte Signale. Die Auftragseingänge legten 2025 real um 6,8 Prozent zu, nominal erreichten sie ein Volumen von 113 Milliarden Euro. Auch die Zahl der Baugenehmigungen stieg auf 238.500 Einheiten – ein Plus von gut zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch gebaut wird weiterhin zu wenig. Tatsächlich fertiggestellt wurden rund 225.000 Wohnungen. Der jährliche Bedarf liegt mindestens 100.000 Einheiten höher. Zwischen Genehmigung und Fertigstellung vergehen oft mehrere Jahre. Eine spürbare Entlastung angespannter Wohnungsmärkte ist daher kurzfristig nicht in Sicht.
Außenhandel unter Druck
Die tiefgreifendsten Verschiebungen zeigen sich im Außenhandel. 2025 löste China die USA wieder als wichtigsten Handelspartner Deutschlands ab. Das Handelsvolumen mit der Volksrepublik erreichte 251,8 Milliarden Euro, mit den Vereinigten Staaten waren es 240,5 Milliarden Euro.
Doch die Zahlen offenbaren strukturellen Stress. Der deutsche Exportüberschuss sank um 42 Milliarden Euro auf 200,5 Milliarden. Besonders deutlich brachen die Ausfuhren in die USA ein – minus 9,4 Prozent, bei Kraftwagen und -teilen sogar minus 17,8 Prozent. Der Überschuss gegenüber den USA schrumpfte erheblich.
Gleichzeitig wuchs das Handelsdefizit mit China auf 89,3 Milliarden Euro. Die Importe aus der Volksrepublik stiegen kräftig, insbesondere bei Elektronik und Maschinen. Die deutschen Exporte nach China gingen dagegen zurück. Hinzu kommt ein indirekter Effekt: Höhere US-Zölle auf chinesische Waren lenken Exporte verstärkt nach Europa um – und erhöhen den Wettbewerbsdruck auf hiesige Unternehmen.
Zugleich bestehen strategische Abhängigkeiten, etwa bei Seltenen Erden und anderen Schlüsselrohstoffen. Für exportorientierte Branchen wie Automobil- und Maschinenbau verschärft sich damit die Lage doppelt: Absatzmärkte werden unsicherer, Konkurrenz und Abhängigkeiten nehmen zu.
Merz sucht neue Partner
Bundeskanzler Friedrich Merz reagiert mit außenwirtschaftlicher Neujustierung. Bei seinem Besuch in Peking drängte er auf den Abbau chinesischer Subventionen und industrieller Überkapazitäten sowie auf eine stärkere Währungsanpassung. Ziel ist ein ausgeglichenerer Handel und mehr „De-Risking“, also die Absicherung kritischer Lieferketten.
Parallel intensiviert die Bundesregierung ihre Beziehungen zur Golfregion. In Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten wirbt Berlin um Energiepartnerschaften und neue Absatzmärkte – auch für die europäische Rüstungsindustrie. Zudem werden Handelsabkommen mit Indien und den Mercosur-Staaten vorangetrieben.
Exportmodell an Grenzen
Doch selbst eine breitere außenwirtschaftliche Aufstellung wird die strukturellen Schwächen nicht automatisch beheben. Über die Hälfte des deutschen Warenhandels entfällt weiterhin auf Europa. Neue Partner wie Indien oder Mercosur-Staaten machen bislang jeweils nur rund ein Prozent des Handelsvolumens aus. Die Hoffnung, wegbrechende Märkte vollständig durch neue zu ersetzen, erscheint angesichts dieser Größenordnungen ambitioniert.
Hinzu kommt ein ökonomisches Grundmuster: Handel folgt Nähe. Geografische Distanz beeinflusst Volumina erheblich. Eine dauerhafte Regionalisierung des Welthandels würde das deutsche Exportmodell, das stark auf globale Absatzmärkte setzt, vor zusätzliche Herausforderungen stellen.
Die entscheidende Frage: Binnenmarkt oder Außenfokus?
Die aktuellen Daten legen nahe, dass eine nachhaltige Stabilisierung nicht allein außenpolitisch erreicht werden kann. Sinkende Exportüberschüsse treffen auf hohe Konsumzurückhaltung im Inland. Das Fundament der Wirtschaft wirkt schmal.
Eine stärkere Binnennachfrage – gestützt durch solide Lohnentwicklung und investive Fiskalpolitik – könnte das Modell breiter aufstellen. Ohne eine solche strategische Verschiebung droht Deutschland in einem Zustand niedriger Wachstumsraten und erhöhter Verwundbarkeit zu verharren.
Die Wirtschaft befindet sich im Wartestand. Ob daraus ein neuer Aufschwung entsteht, entscheidet sich weniger in fernen Märkten als im Vertrauen der eigenen Haushalte und Unternehmen.