Makroskop
Krach in der Redaktion

Sind Männer ökonomisch bevorteilt?

| 25. Februar 2026

Die These ist schnell formuliert: Männer verdienen mehr, sitzen häufiger in Chefetagen und dominieren lukrative Branchen. Also sind sie ökonomisch strukturell bevorteilt. Ganz so geradlinig ist es allerdings nicht.

Die These, Männer seien in Deutschland ökonomisch strukturell privilegiert, stützt sich meist auf aggregierte Einkommensdaten – allen voran den Gender Pay Gap. Der unbereinigte Unterschied liegt deutlich über zehn Prozent, der bereinigte, also unter Berücksichtigung von Branche, Qualifikation, Arbeitszeit, Berufserfahrung und Position, bei rund sechs Prozent.

Doch schon hier beginnt die Differenzierung. Der bereinigte Wert misst erst einmal keine Diskriminierung, sondern einen statistischen Rest. Ob dieser auf Benachteiligung, Verhandlungsmuster oder Erwerbsunterbrechungen zurückzuführen ist, bleibt offen. Wer aus dieser Zahl pauschal eine strukturelle männliche Privilegierung ableitet, macht einen argumentativen Sprung.

Erwerbsbiografien, Freiheit und das Gleichstellungsparadox

Ein wesentlicher Faktor bleibt die Elternschaft. Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit sind biologische Faktoren, die sich schwer politisch wegorganisieren lassen. Auch in modernen Partnerschaften unterbrechen Frauen ihre Erwerbstätigkeit im Durchschnitt häufiger oder reduzieren ihre Arbeitszeit stärker. Das hat langfristige Einkommenseffekte. Doch ist diese Verteilung Ausdruck strukturellen Zwangs – oder auch Ergebnis individueller Prioritäten?

Damit wird eine Grundsatzfrage berührt: Was bedeutet Gleichberechtigung? Gleiche Rechte und echte Wahlmöglichkeiten – oder identische Ergebnisse?

Hier lohnt ein Blick ins Ausland. Ausgerechnet Länder mit besonders hohen Werten im Gleichstellungsindex zeigen ein bemerkenswertes Muster. In Staaten wie Norwegen, die seit Jahrzehnten eine Gleichstellungspolitik vorantreiben und Frauen gezielt fördern, bleiben Berufsentscheidungen klar geschlechtsspezifisch verteilt. Technische und MINT-Berufe sind weiterhin überwiegend männlich, Pflege- und Sozialberufe überwiegend weiblich. Teilweise treten diese Unterschiede dort sogar deutlicher zutage als in weniger egalitären Ländern. Dieses sogenannte Gleichstellungsparadox wurde unter anderem in der gleichnamigen Dokumentation des Soziologen Harald Eia aufgegriffen und kontrovers diskutiert.

Der Befund zwingt zumindest zur Vorsicht. Wenn selbst unter Bedingungen maximaler formaler Gleichstellung traditionelle Muster nicht verschwinden, kann strukturelle Diskriminierung nicht die alleinige Erklärung sein. 

Karriereleitbilder, Quoten und die Frage der Verhältnismäßigkeit

Stichwort die viel beschworene „gläsernen Decke“. In Deutschland existieren gesetzliche Quoten für Aufsichtsräte, Transparenzpflichten und zahlreiche Förderprogramme. Der Frauenanteil in Führungspositionen ist gestiegen. Dass er noch nicht bei fünfzig Prozent liegt, kann man kritisieren. Aber Unterrepräsentanz allein beweist keine aktive Ausgrenzung. Spitzenkarrieren verlangen extreme zeitliche Verfügbarkeit, hohe Mobilität und lineare Erwerbsverläufe. Wer diese Bedingungen nicht erfüllen will oder kann, bleibt außen vor – unabhängig vom Geschlecht.

Dabei fällt auf, dass weibliche Emanzipation in vielen Debatten stillschweigend mit der Angleichung an ein bestimmtes – männlich geprägtes – Karriereideal gleichgesetzt wird: lückenlose Erwerbsbiografie, hohe Wochenarbeitszeit, Führungsverantwortung. Die Öffnung aller Wege für Frauen war selbstredend ein Fortschritt. Doch daraus folgt nicht, dass Gleichberechtigung nur dann verwirklicht ist, wenn Frauen im selben Maße wie Männer dieses Modell wählen oder in dieses gedrängt werden.

Ein Tabu ist ebenso die Frage der positiven Diskriminierung. In Teilen des öffentlichen Dienstes und großer Unternehmen greifen Förderinstrumente, die bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugen. Quotenregelungen und Gleichstellungsprogramme sollen historische Ungleichheiten ausgleichen. Aber ist diese Form der Bevorzugung – also eine Ungleichbehandlung zugunsten eines Geschlechts – noch mit dem Grundsatz der Gleichberechtigung vereinbar? Das Grundgesetz garantiert gleiche Rechte, nicht die Garantie identischer Repräsentation in jeder Branche. Wenn Maßnahmen aktiv eine Seite bevorzugen, berührt das den Kern des Gleichheitsgrundsatzes und verlangt zumindest eine sorgfältige verfassungsrechtliche Abwägung.

Risiken, Bildung und Care-Arbeit

Wer von ökonomischer Bevorteilung spricht, verweist meist auf Durchschnittseinkommen. Seltener wird berücksichtigt, dass Männer häufiger Überstunden übernehmen und überdurchschnittlich in körperlich belastenden und gefährlichen Berufen vertreten sind: Bau, Industrie, Schichtarbeit, Militär. Arbeitsunfälle – auch tödliche – und gesundheitliche Langzeitfolgen betreffen überwiegend Männer. Einkommen und Risiko gehören jedoch zusammen. Wer nur die eine Seite betrachtet, erhält ein verzerrtes Bild.

Auch im Bildungssystem zeigt sich keine männliche Dominanz. Im Gegenteil. Mädchen erzielen im Durchschnitt bessere Schulabschlüsse, stellen die Mehrheit der Abiturienten und Studenten und erreichen häufig bessere Noten. Jungen sind überproportional von Schulabbrüchen und Förderbedarf betroffen. Wer von strukturell abgesicherten männlichen Startvorteilen ausgeht, muss erklären, warum sich diese im Bildungssystem nicht widerspiegeln.

Bleibt die unbezahlte Care-Arbeit. Zeitverwendungsstudien belegen höhere Anteile bei Frauen, insbesondere bei Routinehausarbeit und Kinderbetreuung. Gleichzeitig übernehmen Männer häufiger technische Instandhaltung, Reparaturen oder administrative Aufgaben, die rhetorisch aber weniger gewichtet werden. Die Definition von Care-Arbeit ist dabei nicht immer eindeutig. Vor allem aber entscheiden sich viele Paare bewusst für eine bestimmte Aufteilung. Nicht jede Ungleichverteilung ist automatisch Ungerechtigkeit.

All dies bedeutet nicht, dass Diskriminierung ausgeschlossen ist oder Ungleichheiten nicht existieren. Es bedeutet jedoch, dass die pauschale These einer strukturellen ökonomischen Bevorteilung von Männern die Realität stark vereinfacht. Unterschiede entstehen aus einem Zusammenspiel von Biografie, Branchenwahl, Risikobereitschaft, Arbeitszeitmodellen, persönlichen Prioritäten – und auch aus gezielten Fördermaßnahmen. Ökonomische Wirklichkeit ist selten eindimensional.

Eine ernsthafte Debatte über Gerechtigkeit muss diese Komplexität aushalten. Gleichberechtigung heißt gleiche Rechte und gleiche Chancen. Ob daraus identische statistische Ergebnisse folgen, ist eine andere Frage. Und möglicherweise die ehrlichere.