„Die Demografie-Angst wird alle zwanzig Jahre hervorgeholt“
Rentenangst als politisches Kalkül? Der Statistiker Gerd Bosbach über Lobbyismus in der Rentenpolitik, das Scheitern von Riester und die Zukunft der Alterssicherung.
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Gerd Bosbach ist emeritierter Statistik-Professor, der dem demographischen Alarmismus in der Rentendebatte empirische Fakten entgegenhält. Seit über 20 Jahren zeigt er ausgesprochen ausdauernd und leidenschaftlich, wieso die öffentliche Rente nicht nur ein Gebot der gesellschaftlichen Solidarität, sondern auch der ökonomischen Vernunft ist. MAKROSKOP sprach mit ihm anlässlich der im Sommer anstehenden Rentenreform.
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Herr Bosbach, Sie kommen gerade aus Berlin zurück, wo Sie mit verschiedenen Akteuren der Rentendebatte diskutiert haben. Welchen Eindruck haben Sie von der aktuellen Stimmung in der Hauptstadt mitgebracht?
Für mich war die Zurückhaltung derer, die früher uneingeschränkt für die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) eingetreten sind, erschreckend. Es herrscht eine Atmosphäre von: „Eigentlich bin ich ja dafür, aber ich traue mich nicht“. Viele glauben, sie müssten bei den Kapitalmarkt-Verfechtern mitschwimmen, um überhaupt noch Gehör zu finden. Selbst Leute, die ich früher für zuverlässig hielt, passen sich an, um nicht als „Ewiggestrige“ oder Phantasten aussortiert zu werden. Dabei müssten eigentlich die Befürworter der Kapitaldeckung in der Defensive sein.
Warum sollten sie in der Defensive sein? Schließlich wird die private Vorsorge doch als die notwendige Ergänzung zur staatlichen Rente angepriesen.
Schauen Sie sich doch die Fakten an: Riester ist gescheitert, Rürup ist gescheitert. Bei Lebensversicherungen wird mittlerweile versucht, die Beitragsgarantien komplett zu streichen. Wer 30 Jahre anlegt und am Ende weniger herausbekommt, als er eingezahlt hat – was ist das für ein Versprechen? Die aktuellen Koalitionsvorschläge verschlechtern Riester sogar noch, indem die Förderung für Geringverdiener gekürzt wird. Es wird immer deutlicher: Da ist eine Geldanlage geplant für Leute, die ohnehin schon Geld haben. Die gesetzliche Rente hingegen hat die Wiedervereinigung und die Finanzkrisen der letzten 30 Jahre stabil überstanden, obwohl ihr ständig die Luft zum Atmen genommen wurde. Eigentlich müsste die Stimmung genau umgekehrt sein.
Ein zentrales Argument der Gegenseite ist die Demografie. Die Gesellschaft altert, immer weniger Junge müssen immer mehr Alte finanzieren. Ist das nicht eine mathematische Zwangsläufigkeit, die das Umlagesystem sprengt?
Dass die Gesellschaft altert, stimmt. Ich kritisiere aber, dass der Einfluss der Demografie auf Wirtschaft und Gesellschaft total überbewertet wird. Wenn die Demografie die entscheidende Triebfeder der Wirtschaft wäre, müssten die jungen Staaten Afrikas oder Asiens ökonomisch mächtig sein und die „alten“ Staaten wie Schweden, Deutschland oder Japan am Abgrund stehen. Es ist aber genau umgekehrt. Demografie als Schreckgespenst hieße, dass Deutschland im Jahr 1900 ein blühendes Land und heute ein zerfallenes Land sein müsste. Das ist schlicht Blödsinn.
Wenn es nicht die Demografie ist, was entscheidet dann über den Wohlstand einer alternden Gesellschaft?
Die Produktivität! In den letzten 150 Jahren ist die Gesellschaft massiv gealtert, aber der Wohlstand ist dank der Produktivitätsentwicklung explodiert. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft. Um 1900 ernährte ein Bauer etwa 4 Menschen. 1950 waren es schon über 10, heute reicht ein einziger Bauer für über 100 Menschen. Diese Entwicklung ermöglicht es uns, trotz weniger Erwerbstätiger mehr zu konsumieren und auch mehr Alte zu versorgen. Natürlich nur, wenn die Verteilung der Gesellschaft nicht immer ungerechter wird.
Statt Angst vor der Demografie zu schüren, hätten wir in Ausbildung und Infrastruktur investieren müssen. Stattdessen haben wir beispielsweise angehende Physiotherapeuten mit 30.000 Euro Schulden in schlecht bezahlte Jobs geschickt – oder erst gar nicht ausgebildet. Heute sind nach Bertelsmann-Stiftung über 600.000 junge Menschen ohne Ausbildung. Das ist das wahre Versagen, nicht die Anzahl der Kinder.
Dennoch stellt sich die Frage der Finanzierung. Wie übersetzt sich Produktivität konkret in ein stabiles Rentenniveau?
Indem Arbeitnehmer entsprechend ihrer Leistung bezahlt werden. Die GRV ist im Kern ein System, in dem die heute Jungen die heute Alten mit Waren und Dienstleistungen versorgen. Geld ist dabei nur ein notwendiger Umweg. Wir essen kein Geld, wir brauchen reale Güter und reale Pflegekräfte.
Das Modell der Kapitaldeckung suggeriert, man könne Geld für die Zukunft „ansparen“. Aber volkswirtschaftlich müssen die Sozialleistungen einer Periode immer aus der Produktion derselben Periode kommen. Das wusste Gerhard Mackenroth schon 1952. Wenn Sie später viel Geld haben, aber keine Waren da sind, steigen nur die Preise – erlebt 1990 auf den Kanaren, als viele Tausend Touristen auf ein beschränktes Güterangebot trafen. Das konnte dort lokal durch Importe behoben werden, global geht das aber nicht, wenn die Marsbewohner uns nicht füttern. Geld allein löst kein Versorgungsproblem. Die heute Arbeitenden müssen alle heute Lebenden versorgen.
Sie kritisieren das Modell der Aktienrente, wie sie Ex-Finanzminister Christian Lindner vehement forderte. Aber auch Kanzler Friedrich Merz will einen "Paradigmenwechsel" hin zu einer kapitalgedeckten Altersvorsorge. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Gefahren einer verstärkten Kapitaldeckung?
Erstens: Man investiert spekulativ in einen instabilen Markt. Eine einzige Krise kann eine ganze Rentnergeneration in die Armut treiben. Zweitens entzieht man der heutigen Wirtschaft Kaufkraft, also Nachfrage, um sie in ein spekulatives „Wolkenkuckucksheim“ der Zukunft zu schieben. Prominente Kapitaldeckungs-Befürworter wie Martin Werding, der auf Arbeitgeberempfehlung im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sitzt, rechnen Modelle mit 5 Prozent jährlicher Verzinsung durch – nach Abzug aller Kosten, zu denen auch die Gewinne der Vermittler zählen, und ohne jede Krisenberücksichtigung. Das hat mit der Realität gar nichts zu tun.
Drittens ist der Kapitalmarkt ein Nullsummenspiel: Was der eine gewinnt, verliert der andere. Alle können nur gewinnen, wenn ständig frisches Geld nachgeschoben wird – was die Aktienkurse künstlich aufbläht, ohne dass die Unternehmen real wertvoller werden.
Welche konkreten Reformen schlagen Sie vor, um die gesetzliche Rente wieder „auskömmlich“ zu machen?
Wir müssen an die Verteilung ran. Ein absolutes Unding ist die Beitragsbemessungsgrenze. Während Steuern progressiv steigen, gibt es bei den Rentenbeiträgen einen Deckel, der die Besserverdienenden entlastet. Würden wir diese Grenze abschaffen, hätten wir sofort große Mehreinnahmen – genau in der Phase, in der die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Das Argument, dadurch entstünden später zu hohe Ansprüche, zieht nicht: Die Rente ist nur ein Teilersatz des Lohns, und wir brauchen das Geld jetzt. Ab 2036 gibt es nach allen Schätzungen Entspannung bei der Demografie. Zudem müssen Kapitalerträge wieder vernünftig besteuert werden. Unter Helmut Kohl hatten wir Spitzensteuersätze von 53 Prozent auf Kapitaleinkommen; Gerhard Schröder hat das auf 25 Prozent pauschal gedeckelt. Da liegen Gelder für einen soliden Bundeszuschuss zur Rente, bei einer vernünftigen Besteuerung von Reichtum ebenfalls.
Ein Blick über die Grenze zeigt oft andere Modelle. Was können wir von unseren Nachbarn lernen?
Schauen wir nach Österreich. Dort zahlen Arbeitgeber deutlich mehr ein als hier. Das Ergebnis: Die Renten sind 40 bis 60 Prozent höher als in Deutschland. Und hat das die österreichische Wirtschaft ruiniert? Im Gegenteil: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist dort höher als bei uns. Auch die Privilegien der Beamten wurden dort abgebaut, indem neue Arbeitskräfte als Angestellte mit entsprechenden Rentenansprüchen eingestellt wurden. Bei uns hingegen bekommen Professoren teilweise das Mehrfache dessen, was sie als Angestellte erhielten – das ist ungerecht und muss abgeschafft werden.
Warum dringen diese Argumente in der öffentlichen Debatte so schwer durch?
Da wurde über Jahrzehnte hinweg ganze Arbeit geleistet. Organisationen wie die arbeitgeberfinanzierte „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) haben seit den 90ern massiv Lobbyarbeit betrieben. Sie sind geschickt vorgegangen: Nicht die breite Öffentlichkeit wurde zuerst gesucht, sondern die Spitzen der Gesellschaft wurden mit „Insiderwissen“ über den angeblich bevorstehenden Kollaps der Rente geimpft.
Man spannte sogar Talkmaster als „Botschafter“ ein. Ich erinnere mich an den Moderator Reinhold Beckmann, der Ex-Bundesminister für Arbeit und Soziales Norbert Blüm in einer Weise anging, die völlig untypisch für ihn war – später stellte sich heraus, dass er „Botschafter“ für die INSM war.
Diese Lobbyisten sitzen heute überall. Auf einen Abgeordneten im Finanzausschuss kommen zehn Lobbyisten. Es ist ein Kampf gegen eine hundertfach geäußerte Lüge, der man eher glaubt als einer einmal geäußerten Wahrheit.
Das klingt fast ein wenig resigniert. Haben Sie noch Hoffnung auf eine Kehrtwende?
Optimistisch bin ich im Moment nicht, das gebe ich zu. Wenn selbst in den Gewerkschaften der Widerstand erlahmt und man sich mit faulen Kompromissen wie einer „Haltelinie“ von 48 Prozent zufriedengibt, ist das bitter. Aber ich werde weiterkämpfen. Es macht mir immer noch Freude, wenn ich Menschen mit schlüssigen Argumenten erreichen kann. Man muss es aushalten können, in manchen Kreisen als der „Störenfried“ angeguckt zu werden.
Die Demografie-Angst wird im Zwanzigjahresrhythmus hervorgeholt, um den Leuten etwas wegzunehmen. Wir müssen dagegenhalten und zeigen, dass eine solidarische Rente möglich ist – wenn man den politischen Willen dazu hat.
Herr Bosbach, vielen Dank für dieses Gespräch.