Makroskop
Kapitalmarktunion

Die Kapitalmarkt-Illusion: Warum Europas Innovationskrise nicht am Geld scheitert

| 19. Mai 2026

Brüssel will Europas Wachstum mit mehr Risikokapital ankurbeln. Doch Kapital ist längst genug vorhanden. Das eigentliche Problem liegt tiefer: in den realwirtschaftlichen Strukturen Europas.

In der Brüsseler und Berliner Politik hat sich ein Narrativ verfestigt: Europa hinke wirtschaftlich und technologisch hinterher, weil es an Kapital fehle. Das Schreckgespenst fragmentierter Kapitalmärkte und risikoaverser Europäer, die ihr Geld lieber auf das Sparbuch legen, statt mutig in Start-ups zu investieren, dient als Begründung für ambitionierte Projekte wie die Kapitalmarktunion. Die Logik dahinter: Wenn wir nur die Finanzströme effizienter lenken und die „Aktienkultur“ fördern, löst sich die Innovationsstarre fast von selbst auf. 

Hierzu hat die Kommission ein umfassendes Maßnahmenpaket (Market Integration and Supervisory Package, MISP) verabschiedet. Dieses gipfelt in der Idee, eine europäische Aufsichtsbehörde (ESMA) mit 2000 Beamten zu erschaffen, welche einen gemeinsamen Kapitalmarkt durch Überwachung der Kapitalmarktteilnehmer vorantreiben soll.

Unabhängig davon, dass die Maßnahmen des MISP nicht geeignet sind, Risikokapital zu kreieren, ist dies auch gar nicht notwendig. Der Kapitalmarkt ist keine Wachstumsbremse – es gibt genügend Anleger, die attraktive Anlagen suchen. Der Kapitalmarkt ist lediglich ein Spiegelbild der realwirtschaftlichen Verfassung. Wer glaubt, durch mehr Kapital die Wirtschaft transformieren oder Innovationen erzwingen zu können, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Vorstellung, mit einer „Kapitalmarktunion“ das Wachstum anzukurbeln ist entweder ein gefährlicher Trugschluss oder eine schlechte Ausrede.

Der hocheffiziente Kapitalmarkt und die „transatlantische Arbeitsteilung“

Das Kernargument der Politik – es gäbe in Europa nicht genügend Venture Capital für riskante, aber sehr ertragreiche und für die Zukunft Europas nützliche Unternehmen, weil die Anleger risikoavers seien oder durch zu kleine nationale Kapitalmärkte gehindert werden – unterschätzt die fundamentale Effizienz und globale Natur des modernen Kapitalmarkts. Kapital ist kein knappes, lokal gebundenes Gut, sondern seit dem Abbau der Kapitalverkehrskontrollen eine hochmobile Ressource, die stets dorthin fließt, wo das beste Verhältnis aus Renditeerwartung und Risiko herrscht.

Zwar mag der Kapitalmarkt fragmentiert sein, was die Mentalität der meisten Anleger betrifft, doch dies führt keineswegs zu einer Unterversorgung. Zum einen beobachten wir vielmehr eine globale Arbeitsteilung aufgrund unterschiedlicher Risikoneigung: Während US-amerikanische Investoren traditionell risikofreudiger sind und massiv Eigenkapital bereitstellen, neigen europäische Anleger zur Risikoaversion und bevorzugen Fremdkapital. 

Zugespitzt gesagt: Wenn ein europäisches Start-up ein attraktives Geschäftsmodell bietet, findet sich das Kapital – oft von nordamerikanischen oder arabischen Fonds, während die Mehrheit der Europäer im Gegenzug die amerikanischen Staatsschulden finanziert.

Aber auch in Europa gibt es risikofreudige Anleger. Nur investieren diese mangels attraktiven Angebots und aus Risikodiversifikationsgründen nicht in Europa, sondern vor allem in US-Venture Fonds. 

Geld ist also ausreichend vorhanden und stellt für wirklich attraktive Investments keine begrenzte Ressource dar. Woher es kommt, ist letztendlich egal – pekunia non olet. Es bedarf daher keiner staatlichen Mobilisierung des Kapitalmarktes. Und man sollte auf alle Maßnahmen zur Förderung von mehr Risikokapital mit dem Ziel der Stärkung des Innovationstandorts Europa verzichten, weil sie keinen Effekt haben werden. Nur weil die USA einen größeren Kapitalmarkt und mehr Start-Ups haben, bedeutet dies nicht, dass der größere Kapitalmarkt die Ursache ist und die größere Anzahl von Start-Ups die Wirkung. 

Kein Kapital ist ein Signal

Warum klagen dann so viele Start Ups und ihre Interessenvertreter über zu wenig Risikokapital? Und warum gibt es objektiv wesentlich weniger Venture Finanzierungen als in anderen Ländern? Dass viele Gründer über mangelndes Kapital klagen, ist oft ein schmerzhaftes Marktsignal: Die Klage korreliert häufig schlicht mit einem wenig rentablen Geschäftsmodell. Der Kapitalmarkt fungiert als Filter; wenn Kapital ausbleibt, liegt das meist an der Qualität des Objekts – unter den gegebenen europäischen Rahmenbedingungen. 

Die Ursachen der Innovations- und Investitionsschwäche liegen vielmehr tief in der Realwirtschaft. Allerdings gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, was genau zu tun ist, um Innovationen zu fördern. Die Marktgläubigen sehen Regulierung, Bürokratie, hohe Steuern und starre Arbeitsmärkte als Haupt-Hindernisse für rentable Investitions- bzw. Innovationsprojekte. Die „Kosten des Scheiterns“ sind zu hoch. Wenn die Politik diese Hindernisse beseitigt, würden profitable Projekte aus dem Boden sprießen und durch genügend privates Geld finanziert. 

Auch Industriepolitik scheitert nicht an fehlendem privatem Geld

Demgegenüber setzen die Staatsgläubigen auf staatliche Innovationsförderprogramme und -fonds, um Innovationen zu fördern, die aussichtsreich, aber noch nicht profitabel sind. Die Marktgläubigen sehen diesen Ansatz als nicht zielführend an, da die Gefahr von fehlgeleiteten Investitionen bestehe, die vom privaten Kapital gemieden werden und sich als dauerhaft unprofitabel erweisen könnten. 

Wie dem auch sei, grundsätzlich ist auch der industriepolitische Ansatz nicht durch Mangel an privatem Geld begrenzt – hier ist staatliches Geld die Basis und privates Geld kann durch günstige staatlich garantierte Finanzierungsbedingungen ergänzend hinzukommen.

Die Lehren aus Sustainable Finance

Dass Kapitalmarkt-Maßnahmen als Steuerungsinstrument versagen, lässt sich bereits an der „Sustainable Finance“-Strategie der EU beobachten. Die Idee, durch wirkungsorientierte Investments die grüne Transformation zu erleichtern, hat nicht funktioniert: Obwohl viele staatliche Regulierungen und Marketing-Aktionen von Banken eine Schwemme an „Grünen Fonds“ hervorgebracht haben, ist die grüne Revolution in der Realwirtschaft ausgeblieben. 

Wirkliche Veränderung entsteht in den Unternehmen selbst und durch die politischen Rahmenbedingungen, unter denen sie agieren. Wenn grüne Technologien durch CO2-Abgaben oder gezielte Subventionen rentabel werden, sorgt der effiziente Kapitalmarkt ganz von allein für die nötigen Mittel. Was bei der ökologischen Wende nicht funktioniert, wird auch bei der allgemeinen Innovationsförderung scheitern.

Fazit: Der bequeme Ausweg der Politik

Warum konzentriert sich die Politik auf den Kapitalmarkt? Weil es der Weg des geringsten Widerstands ist. Reformen der Realwirtschaft sind konfliktbeladen. Ein „Aktionsplan Kapitalmarktunion“ klingt nach Fortschritt, ohne weh zu tun. Doch solange die realwirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen, bleibt der Fokus auf den Kapitalmarkt eine teure und ineffektive Ausrede.