Makroskop
Sustainable Economy Summit

Ökologische Transformation: Von Grün zu Camouflage?

| 19. Mai 2026
IMAGO / Mike Schmidt / eigene Überarbeitung

Der ökologische Umbau verliert seine moralische Sprache. Der Sustainable Economy Summit zeigte, wie aus Klimaschutz zunehmend eine Frage von Sicherheit, Resilienz und geopolitischer Souveränität wird. Die Transformation lebt weiter – aber unter neuer Flagge. 

Es hatte etwas von kollektiver Selbstvergewisserung, als in Berlin zum zweiten Mal der Sustainable Economy Summit stattfand – das wichtigste Branchentreffen nachhaltiger Unternehmen und Verbände in Deutschland. Doch anders als bei der euphorischen Premiere 2023 stand der diesjährige Summit vom 21. bis 22. April ganz im Zeichen des viel diskutierten anti-ökologischen Backlashs.

Vor drei Jahren war Robert Habeck noch Wirtschaftsminister, Klimaschutz innerhalb der Bevölkerung immer noch eines der zentralen gesellschaftlichen Themen und die USA unter Joe Biden hatten mit dem Inflation Reduction Act rund 370 Milliarden Dollar in Energiesicherheit und klimafreundliche Technologien mobilisiert. 2026 ist die Lage eine gänzlich andere.

In solchen Zeiten tut es offenbar gut, unter Gleichgesinnten zu sein. Dieses Gefühl war in den Räumen des exklusiven AXICA Kongresszentrum allgegenwärtig. Denn das Projekt der sozial-ökologischen Transformation gerät national wie international massiv unter Druck. Der erneute Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen, Gesetze gegen nachhaltigkeitsbezogene Investmentkriterien in mehreren US-Bundesstaaten, Proteste gegen Umweltregulierung in Europa oder das schrittweise Aufweichen zentraler Elemente des europäischen Green Deals – vom Verbrenner-Verbot bis zur Entwaldungsverordnung (EUDR) – markieren einen politischen Stimmungsumschwung.

Zwischen strategischer Verankerung und schwindender Priorität

Dabei zeigt sich innerhalb der deutschen Wirtschaft ein widersprüchliches Bild. Der Sustainable Transformation Monitor 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass Nachhaltigkeit für rund 62 Prozent der befragten Unternehmen nur noch eine geringe Priorität besitzt – ein drastischer Anstieg von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sehen lediglich 17 Prozent der Unternehmen in Nachhaltigkeit einen eigenständigen Business Case.

Und dennoch wäre es voreilig, daraus bereits den Zusammenbruch der ökologischen Transformation abzuleiten. Denn parallel dazu steigt der Anteil der Unternehmen mit einem strategischen Nachhaltigkeitsansatz um sechs Prozentpunkte auf 77 Prozent. Auch die institutionelle Verankerung entsprechender Managementstrukturen bleibt mit 73 Prozent stabil. Die ökologische Transformation verliert also möglicherweise ihre diskursive Priorität – nicht jedoch ihre organisatorische Infrastruktur.

Passend dazu wurde auf dem Summit erstmals der aktuelle Sustainable Economy Barometer vorgestellt. Die Präsentation erfüllte dabei erkennbar mehr als nur einen analytischen Zweck: Sie sollte Zuversicht stiften. Und tatsächlich ging ein spürbares Aufatmen durch den Saal. Denn die Studie deutet darauf hin, dass der Backlash in der Wirtschaft bislang weniger stark ausgeprägt ist als in der Politik.

So schreiben inzwischen mehr Unternehmen einer klimaneutralen Wirtschaft eine hohe Bedeutung für den Standort Deutschland zu als noch 2023 (plus 10 Prozent). Zwei Drittel der Befragten betrachten nachhaltige Geschäftsmodelle als Treiber langfristigen wirtschaftlichen Erfolgs – ebenfalls mit steigender Tendenz (plus 8 Prozent).

Die Rückkehr der Geopolitik

Allerdings könnten diese Zahlen auch Ausdruck einer anderen Entwicklung sein. Der Erhebungszeitraum des Barometers fiel zwischen den 11. März und den 15. April – mitten in die Eskalation des Krieges Israels und der USA gegen den Iran. Der Konflikt machte erneut sichtbar, dass die jahrzehntelang forcierte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nicht nur klimapolitisch, sondern ebenso sicherheitspolitisch und ökonomisch hochriskant ist.

Damit könnte ausgerechnet die geopolitische Krise zu einem unerwarteten Comeback klimaneutraler Technologien führen – allerdings unter anderer Flagge. Nicht mehr der Schutz des Klimas allein legitimiert die Transformation, sondern die Aussicht auf strategische Autonomie und Versorgungssicherheit.

Diese Verschiebung war auf dem Summit deutlich spürbar. Auf vielen Panels war kaum noch von „Nachhaltigkeit“ die Rede – ein Begriff, der sichtbar an gesellschaftlicher Bindungskraft verliert. Stattdessen dominierten Schlagworte wie „Resilienz“, „Zukunftsfähigkeit“ oder „strategische Souveränität“, wenn über Dekarbonisierung oder erneuerbare Energien gesprochen wurde.

Exemplarisch dafür stand der Auftritt von Robert Habeck, dessen 40-minütige Keynote zu „Europas Energiezukunft zwischen Klima und Geopolitik“ als Höhepunkt des Summits angekündigt war. Tatsächlich sprach Habeck über weite Strecken weniger über ersteres als über letzteres. Rund drei Viertel seiner Rede widmete er geopolitischen Verschiebungen, Handelskonflikten und der sicherheitspolitischen Bedeutung von Energieabhängigkeiten. Seine zentrale Botschaft lautete: Gerade wegen der geopolitischen Lage werde der Ausbau erneuerbarer Energien massiv an Dynamik gewinnen. Dass dies nebenbei auch dem Klimaschutz dient, erschien fast wie eine ergänzende Randnotiz.

Zeitenwende für den Klimadiskurs?

Bemerkenswert ist dabei weniger der Inhalt als die diskursive Verschiebung selbst. Der Nachhaltigkeitsdiskurs entfernt sich zunehmend von ökologischen Imperativen und nähert sich einer Sprache strategischer Interessen an. Erneuerbare Energien werden nicht mehr primär als Mittel gegen die Klimakatastrophe verstanden, sondern als geopolitische Ressource im globalen Machtwettbewerb.

Vermutlich handelt es sich dabei um den letzten verbliebenen argumentativen Rettungsanker für die ökologische Transformation. Denn während moralische Appelle an Verzicht, Verantwortung oder Generationengerechtigkeit zunehmend – und aus sozialer Sicht teilweise zurecht – auf Widerstand stoßen, versprechen Begriffe wie Sicherheit, Unabhängigkeit und nationale Resilienz neue politische Mehrheiten – jenseits des linksliberalen Spektrums.

So bezeichnet der Bundesverband Erneuerbare Energien e.V. (BEE) selbige als „Resilienzfaktor“ und möchte beim Thema Sicherheit „ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Souveränität des Landes“ leisten. Selbst der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) beschreibt Bio-Landwirtschaft als Beitrag zur geostrategischen Ernährungssouveränität. Der Schritt von Grün zu Camouflage scheint damit vollzogen.

Und tatsächlich liegen die geopolitischen Vorteile vieler klimaneutraler Technologien auf der Hand. Wer Strom aus Wind und Sonne produziert, reduziert seine Abhängigkeit von fossilen Importen und damit zugleich seine Verwundbarkeit gegenüber autoritären Rohstoffexporteuren, geopolitischen Erpressungsversuchen und volatilen Weltmarktpreisen.

Die europäische Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat dies schmerzhaft verdeutlicht. Länder mit hohem Anteil erneuerbarer Energien waren den Preisschocks deutlich weniger ausgeliefert als jene Staaten, deren Industrie auf billiges Gas angewiesen blieb. Ähnliches gilt für die Landwirtschaft: Regionale Kreisläufe und geringere Abhängigkeit von importierten Dünge- und Futtermitteln erscheinen plötzlich nicht mehr nur ökologisch sinnvoll, sondern sicherheitspolitisch und ökonomisch rational.

Doch genau darin liegt auch eine politische Ambivalenz. Denn je stärker die ökologische Transformation geopolitisch begründet wird, desto mehr verändert sich ihr politischer Charakter. Aus einem emanzipatorischen Projekt gesellschaftlicher Modernisierung droht eine technokratische Sicherheitsagenda zu werden. Erneuerbare Energien werden dann nicht mehr entwickelt, weil ökologische Zerstörung verhindert werden soll, sondern weil diese militärisch, ökonomisch und strategisch nützlich sind.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob diese neue Argumentationslogik funktioniert. Wahrscheinlich tut sie das sogar besser als die alte. Die eigentliche Frage ist vielmehr, was verloren geht, wenn sich die ökologische Transformation nur noch über Krise, Konkurrenz und Sicherheitsrhetorik legitimieren kann. Eine Gesellschaft, die Windräder nur akzeptiert, wenn sie der geopolitischen Machtstellung dienen, hat ihren klimapolitischen Kompass womöglich bereits verloren.