Makroskop
Updates zur Konjunktur

Deutschlands letzter Konjunkturmotor

| 18. Juni 2026

Das DIW spricht erstmals offen von einer drohenden Rezession. Während Industrieaufträge einbrechen und die Arbeitslosigkeit steigt, bleibt der Staat die wichtigste Stütze der deutschen Wirtschaft.

  • DIW warnt vor technischer Rezession im zweiten und dritten Quartal 2026
  • Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent halbiert; für 2027 auf 0,8 Prozent gesenkt
  • Industrieaufträge im April um 3,8 Prozent eingebrochen; Lieferketten unter Druck
  • Inflation bei 2,9 Prozent (2026) und 3,0 Prozent (2027); Reallöhne unter zunehmendem Druck
  • Beschäftigungsabbau setzt sich fort; Arbeitslosenquote steigt auf 6,4 Prozent
  • Staatliche Ausgaben und Sondervermögen als derzeit einzig wirksame Konjunkturstütze
  • DIW empfiehlt Energiekostenpauschale und lehnt Verlängerung des Tankrabatts ab

Die deutsche Wirtschaft steht möglicherweise vor einer neuen Rezession. Als erstes großes deutsches Wirtschaftsforschungsinstitut rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) offen mit einer „technischen Rezession“ – und erwartet für das zweite und dritte Quartal 2026 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Was lange als vorübergehender Energieschock erschien, entwickelt sich zunehmend zu einer umfassenden Wachstumskrise.

Die Prognoserevision des Instituts fällt deutlich aus. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet das DIW nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent und damit nur halb so viel wie noch im Frühjahr prognostiziert. Auch die Erwartungen für 2027 wurden von 1,4 auf 0,8 Prozent gesenkt. In einem ungünstigen Szenario könnte die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr sogar um rund 0,5 Prozent schrumpfen.

Auslöser der erneuten Prognosekorrektur ist der seit Ende Februar andauernde Iran-Krieg. Der dadurch ausgelöste Anstieg der Öl- und Gaspreise belastet Unternehmen und Haushalte gleichermaßen. Höhere Energiekosten schmälern die Kaufkraft, verschlechtern die Gewinnsituation vieler Betriebe und erhöhen die Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen.

Das DIW verweist allerdings darauf, dass der aktuelle Schock weniger gravierend sei als die Energiekrise von 2022. Die Versorgungssicherheit sei höher, Deutschland weniger abhängig von fossilen Importen und der Preisanstieg konzentriere sich stärker auf Öl als auf Gas. Dennoch reicht der Schock offenbar aus, um eine ohnehin fragile Konjunktur ins Wanken zu bringen.

Industrieaufträge eingebrochen – Lieferketten angespannt

Die harten Wirtschaftsdaten liefern dafür reichlich Belege. Im April 2026 gingen die Industrieaufträge gegenüber dem Vormonat um 3,8 Prozent zurück und damit deutlich stärker als von Analysten erwartet. Besonders betroffen waren die Automobilindustrie mit einem Minus von 5,3 Prozent, der Maschinenbau mit minus 7,4 Prozent sowie die Hersteller elektrischer Ausrüstungen, deren Auftragseingänge sogar um 16,3 Prozent einbrachen. Die Bestellungen aus dem Euroraum gingen um 11,1 Prozent zurück, die gesamten Auslandsaufträge um 4,2 Prozent.

Der Rückgang wiegt umso schwerer, weil der kräftige Anstieg im März vor allem auf Vorzieheffekte zurückzuführen war. Viele Unternehmen hatten angesichts drohender Lieferengpässe Bestellungen vorgezogen. Der April markiert daher weniger eine Überraschung als vielmehr eine Rückkehr zur konjunkturellen Realität.

Hinzu kommen neue Belastungen in den Lieferketten. Im Mai meldeten 15,9 Prozent der Industrieunternehmen Probleme bei der Versorgung mit Vorprodukten, nach 13,8 Prozent im Vormonat. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Bedarf an energieintensiven Vorleistungen. Eine nachhaltige Erholung des Verarbeitenden Gewerbes dürfte erst möglich sein, wenn sich die Lage an den Energiemärkten stabilisiert. Angesichts der geopolitischen Risiken erscheint dies derzeit jedoch alles andere als sicher.

Die eingetrübten Aussichten spiegeln sich auch in den Stimmungsindikatoren wider. Der ifo-Geschäftsklimaindex fiel im April auf den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Der Einkaufsmanagerindex rutschte erneut unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten. Gleichzeitig berichten die Industrie- und Handelskammern von einer Investitionsbereitschaft, die so schwach ausfällt wie zuletzt während der Corona-Pandemie. Mehr als 30 Prozent der Investitionsgüterhersteller klagen inzwischen über Auftragsmangel. Unternehmen investieren selten in zusätzliche Kapazitäten, wenn die Nachfrage fehlt.

Konsum, Reallöhne und Einzelhandel: fragile Basis

Besonders problematisch ist dabei, dass die Schwäche inzwischen auf die Binnenwirtschaft überzugreifen droht. Zwar stiegen die Nominallöhne im ersten Quartal noch um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die Verbraucherpreise lediglich um 2,2 Prozent zulegten. Daraus ergab sich ein Reallohnplus von 1,8 Prozent. Vor allem Beschäftigte im unteren Einkommensbereich profitierten von der Anhebung des Mindestlohns auf 13,90 Euro. Doch dieser positive Effekt dürfte nur von kurzer Dauer sein.

Die Tarifverdienste steigen inzwischen deutlich langsamer als noch vor einem Jahr. Für die anstehenden Tarifrunden rechnen Experten mit eher moderaten Abschlüssen. Gleichzeitig verharrte die Inflationsrate zuletzt bei 2,9 Prozent. Sollte die Teuerung das Lohnwachstum erneut überholen, droht die Kaufkraft der Beschäftigten wieder zu sinken. Für eine Wirtschaft, die zunehmend auf die Binnenkonjunktur angewiesen ist, wäre dies ein weiteres Problem.

Am Einzelhandel lassen sich die Folgen bereits beobachten. Die realen Umsätze gingen im April den vierten Monat in Folge zurück. Besonders deutlich war der Rückgang an den Tankstellen, deren reale Umsätze um 10,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau lagen. Das DIW rechnet für das Gesamtjahr lediglich mit einem Konsumwachstum von 0,2 Prozent. Die real verfügbaren Einkommen dürften nahezu stagnieren. Gleichzeitig steigt die Sparquote wieder an, weil viele Haushalte angesichts der Unsicherheit vorsichtiger werden.

Langfristige Verschiebung der Beschäftigungsstruktur

Auch am Arbeitsmarkt verdichten sich die Anzeichen einer Abschwächung. Im ersten Quartal sank die Zahl der Erwerbstätigen saisonbereinigt um 61.000 Personen. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei über 2,9 Millionen Menschen. Seit Oktober 2022 stieg die konjunkturnahe Arbeitslosigkeit im Rechtskreis SGB III um mehr als 370.000 Personen. Für 2026 erwartet das DIW eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent. Erst im kommenden Jahr dürfte sie leicht zurückgehen.

Besonders bemerkenswert ist die langfristige Verschiebung der Beschäftigungsstruktur. Seit 2019 gingen im Verarbeitenden Gewerbe rund 660.000 Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig entstanden im öffentlichen Dienst sowie im Gesundheits- und Sozialwesen mehr als 1,2 Millionen neue Stellen. Dass Unternehmen inzwischen zunehmend auf Kurzarbeit verzichten und stattdessen Personal abbauen, deutet darauf hin, dass die wirtschaftliche Schwäche immer häufiger als dauerhaft wahrgenommen wird.

Staat als Konjunkturmotor

Vor diesem Hintergrund hat der Staat als derzeit wichtigster Konjunkturmotor Deutschlands eine Schlüsselrolle eingenommen. Nach Einschätzung des DIW wäre das ohnehin schwache Wachstum ohne öffentliche Ausgaben kaum noch sichtbar. Höhere Verteidigungsausgaben sowie Mittel aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität treiben sowohl den Staatskonsum als auch die öffentlichen Investitionen an. Der reale Staatskonsum dürfte 2026 um 2,6 Prozent und 2027 um 2,0 Prozent wachsen.

Allerdings entfalten die Sondervermögen ihre Wirkung bislang nur verzögert. Planung, Genehmigung und Mittelabfluss bleiben hinter den Erwartungen zurück. Das DIW mahnt deshalb, dass die bereitgestellten Mittel tatsächlich zusätzlich investiert werden müssten und nicht lediglich bereits geplante Projekte ersetzen dürften. Andernfalls würde der konjunkturelle Impuls deutlich schwächer ausfallen.

Für die unmittelbare Entlastung der Haushalte plädiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher für eine Energiekostenpauschale nach dem Vorbild von 2022. Sie würde die Kaufkraft gezielt dort stützen, wo steigende Energiepreise besonders stark belasten. Eine Verlängerung des Tankrabatts lehnt er dagegen ab, da dieser teuer sei, wenig zielgenau wirke und auch den Mineralölkonzernen zugutekomme.

Risiken bleiben erheblich

Die Risiken für die kommenden Monate bleiben erheblich. Zwar sind die Ölpreise nach der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding zwischen Iran und den USA zuletzt wieder gesunken. Die Märkte setzen darauf, dass die Straße von Hormus rasch wieder vollständig geöffnet wird und weitere Eskalationen ausbleiben. Doch selbst in diesem günstigen Szenario dürfte die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung des DIW zwei Quartale lang schrumpfen. Eine erneute Zuspitzung der geopolitischen Lage könnte die Energiepreise rasch wieder nach oben treiben und die Erholung weiter verzögern.

Damit verdichtet sich ein Befund, der weit über den aktuellen Energieschock hinausweist: Deutschlands Wirtschaft leidet nicht nur unter den Folgen internationaler Krisen. Sie kämpft zugleich mit einer schwachen Investitionsdynamik, einer fragilen Binnennachfrage und einer Industrie, die seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Der Staat verhindert derzeit einen tieferen Absturz. Ob daraus jedoch wieder selbsttragendes Wachstum entsteht, bleibt offen.