Makroskop
IW-Mitteilung

Arbeitsmarktprognose: Was das IW über die Zukunft zu wissen glaubt

| 17. Juni 2026

Das IW warnt vor 4,3 Millionen fehlenden Arbeitskräften. Doch wer genauer hinsieht, findet vor allem eine Demographieprognose – und fragwürdige Annahmen über Produktivität, Migration und Wohlstand.

"Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Arbeitskräfte" titelt das arbeitgeberfinanzierte Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer Pressemitteilung. Das wirft Fragen auf: Welche Wohlstandsverluste hat das zur Folge und wer wird von ihnen betroffen sein? Damit erfüllt die Schlagzeile einen naheliegenden Zweck: Sie erzeugt Emotionen, generiert Klicks und bindet Aufmerksamkeit.

Und das mit Erfolg: Ohne dass der zugehörige Kurzbericht des IW öffentlich zugängig war, griff die Tagesschau die Meldung unter Berufung auf Berichte aus der Rheinischen Post und dem Evangelischen Pressedienst auf. Reichweite war dem Arbeitgeberinstitut gewiss.

Der Produktivitäts-Pessimismus

Will heißen: Zum Zeitpunkt der Meldung war es der ARD noch nicht möglich, das Paper auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Denn im Kern geht es in der Prognose des Arbeitgeberinstituts nicht um das, was der Titel suggeriert – den vermuteten Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft in 10 Jahren –, sondern um Demographie.

Die Autoren des Papers, Holger Schäfer und Philipp Deschermeier verwenden den Begriff Arbeitskräftepotential. Dieses ergibt sich aus einer Bevölkerungsprognose, welche die Differenz zwischen den Erwerbspersonen zeigt, die das Renteneintrittsalter erreichen, und jenen, die neu ins erwerbsfähige Alter eintreten. 2026 soll es noch einen leichten Überhang von "Nachrückern" geben, 2027 kehre sich das Verhältnis dann um. Bis zum Jahr 2036 kumuliere sich diese Differenz zugunsten der "ausscheidenden Babyboomer" laut IW auf eine Gesamtlücke von 4,3 Millionen fehlenden Arbeitskräftepotentialen.

Schäfer und Deschermeier prognostizieren also nicht, wie viele Erwerbsfähige Arbeit finden werden, noch inwiefern sich Boomer "altersgerecht" verrenten lassen werden. Es sind lediglich Potentiale für die Arbeitsmarktintegration.

Ohne die konkrete Arbeitsmarktlage zu prognostizieren, sprechen die beiden von "große[n] Herausforderungen": Denn die ausscheidenden Babyboomer wollen nach ihrem Renteneintritt "weiterhin Güter und Dienstleistungen konsumieren", für die eine verhältnismäßig kleiner werdende Zahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter aufkommen muss. Entsprechend werde die "Sicherstellung des Arbeitsvolumens […] zur zentralen arbeitsmarktökonomischen Herausforderung der kommenden Jahre."

Wer das MAKROSKOP-Rentenpaket gelesen hat, weiß: Ein sinkendes Arbeitsvolumen – sprich, weniger volkswirtschaftlich geleisteter Arbeitsstunden – wird unter sonst gleichbleibenden Bedingungen kompensiert, wenn die Produktivität pro Arbeitsstunde entsprechend stark steigt. Das ist historisch evident: Obwohl seit mindestens 120 Jahren der sogenannte Altenquotient steigt – 1900 kamen noch 12,4 Erwerbsfähige auf eine Person über 64 Jahre, 2020 waren es nur noch 3,6 – ist die Arbeitsproduktivität stark gestiegen und damit der Wohlstand gewachsen.

Doch dem Argument, dass die Produktivität die Alterung kompensiert, versuchen die Autoren vorzubeugen: Kompensierende Produktivitätsgewinne infolge des technischen Fortschritts wären zwar grundsätzlich denkbar, bisher aber hätte der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) die gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwächse noch nicht beschleunigt. Die seit den 1990er-Jahren abnehmende Produktivitätswachstumsrate hätte vielmehr immer noch Bestand.

Hier tun sich zwei Fragen auf:

1. Warum verengen Schäfer und Deschermeier die Betrachtung auf KI-bedingte Produktivitätsgewinne? Prinzipiell sind alle Maßnahmen relevant, die Produktivität steigern – ob nun über Investitionen, Konsum oder den Außenbeitrag der Volkswirtschaft. Dass es hierfür zumindest derzeit ungenutzte Potentiale gibt, ist bei einer wachsenden Zahl Arbeitsloser offensichtlich: Im Mai 2026 gab es 30,2 Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

2. Warum schreiben die Autoren die geringen Produktivitätsgewinne durch KI aus der Vergangenheit für die Zukunft fort? Dies ist eine fragwürdige Prämisse, haben wir es doch in den letzten Jahren mit einer weitreichenden technischen Fortentwicklung der KI zu tun.

Während die klassisch analytische KI aus bestehenden Daten konkrete Schlussfolgerungen zieht, kann die generative KI – wie sie durch den Launch von ChatGPT im November 2022 ihren Durchbruch feierte – die zugrunde liegende Struktur von Daten verstehen, um neue Inhalte wahrscheinlichkeitsbasiert zu produzieren.

Generative KI fungiert wie ein digitaler Assistent: Large Language Models (LLM) wie ChatGPT automatisieren zeitintensive, textbasierte Routineaufgaben. Wenn ein KI-System die Schreib- und Analysearbeit eines Beraters um 25 bis 40 Prozent beschleunigt, sinkt der Personalbedarf in diesen Sektoren.

Feldexperimente auf Mikroebene weisen bereits auf die produktivitätssteigernde Wirkung dieser neuen Generation von KI hin: Forscher von Microsoft und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben festgestellt, dass der KI-Assistent GitHub Copilot die Programmiergeschwindigkeit um 55,8 Prozent steigert. Andere Forscher vom MIT stellten fest, dass die Probanden bei typischen Büro- und Schreibaufgaben (wie das Verfassen von Pressemitteilungen oder Berichten) im Schnitt 37 Prozent schneller waren und die Qualität um 0,45 Standardabweichungen anstieg. Auch bei der Unternehmensberatung und bei komplexen Wissensarbeiten glänzt ChatGPT: Solange die Aufgaben innerhalb der Fähigkeiten der KI liegen, erledigten die Berater 12,2 Prozent mehr Aufgaben, schließen diese 25,1 Prozent schneller ab und erzielten eine signifikant höhere Qualität – so eine Studie der US-amerikanischen Gesellschaft für Operations Research und Management-Wissenschaft INFORMS. Und auch beim Kundenservice erhöhte sich die Zahl der erfolgreich gelösten Probleme pro Stunde im Durchschnitt um 14 Prozent, so eine Studie des nationalen US-Wirtschaftsforschungsinstituts.

Es scheint also weniger die Frage zu sein, ob Produktivitätsgewinne durch generative KI möglich sind, sondern vielmehr, ob sie auch auf Makroebene realisiert werden also inwieweit diese die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anheben. Dazu muss es etwas produziert werden, was auch verkauft werden kann. Bei degressiver Lohnentwicklung ist dies keinesfalls sicher.

Gegen Produktivitätssteigerungen durch KI wenden die beiden IW-Autoren ein, diese schaffe "neue Bedürfnisse“, für deren „Befriedigung wiederum menschliche Arbeit gebraucht wird". Dieser Einwand ist weniger schlagkräftig, als es auf den ersten Blick erscheint. Zwar erfordern KI-Wartung, Prompt-Engineering und der Betrieb von Rechenzentren zusätzliche hochqualifizierte Arbeitskräfte, aber KI weist sehr hohe Skaleneffekte auf (Grenzkosten tendieren gegen Null).

Heißt: Sobald das Modell von einer verhältnismäßig kleinen Anzahl an Informationstechnikern konstruiert wurde, kann es unendlich oft kopiert und von jedem zahlungskräftigen Akteur genutzt werden. Geht die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte wie vom IW prognostiziert zurück, trifft dies KI-intensive Tätigkeiten weit weniger als arbeitsintensive Bereiche wie Pflege, Gesundheit oder Bildung.

Unsicherheitsfaktor Migration

Wenn man die Produktivitätspotentiale genauso skeptisch wie Deschermeier und Schäfer beurteilt, bleibt ein weiteres Problem der IW-Prognose bestehen: ihre Annahmen zur Migration.

Während Makroökonomen für die Entwicklung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch einen Außenbeitrag heranziehen (Exporte minus Importe), arbeiten Demographieforscher mit einem Wanderungssaldo (Einwanderer minus Auswanderer), um die Bevölkerungsentwicklung abzuschätzen.

In der Migrationspolitik sehen die IW-Ökonomen eine Stellschraube, um die Fachkräftezuwanderung zu fördern – also die Zusammensetzung des Wanderungssaldos nach Qualifikation zu beeinflussen – und somit dem schwindenden Arbeitskräftepotential der Binnenwirtschaft entgegenzuwirken.

Doch hier machen sich die Autoren wenig Hoffnungen: Die „eingetrübte konjunkturelle Perspektive sowie die Migrationswende der Bundesregierung“ würde Deutschlands Attraktivität als Zielland verringern. Zugleich entstehen in vielen ost- und mitteleuropäischen Herkunftsländern demographische Engpässe, während sich das Wohlstandsgefälle zu Deutschland reduziert. Dadurch würden Migrationsanreize sinken.

Erneut überrascht die Gewissheit der Autoren, weil Migrationsströme hochgradig volatil sind. Was ist, wenn diese oder eine neue Bundesregierung die Migrationspolitik ändert, sich die konjunkturelle Lage bessert und Deutschland wieder größeren Fortschritt gegenüber seinen mittel- und osteuropäischen Nachbarn gewinnt? Auch geopolitische Unsicherheiten sind groß. Besonders (eskalierende) Kriege können die Migration wieder schlagartig befeuern.

Exemplarisch zeigen die Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes, wie schwer langfristige Wanderungsbewegungen vorherzusagen sind. Nach dem Anwerbestopp von 1973 blieb die vielfach erwartete Rückwanderung vieler Gastarbeiter aus, während der Familiennachzug zunahm. Der Zusammenbruch des Ostblocks führte anschließend zu einer umfangreichen Zuwanderung von Übersiedlern aus der Ex-DDR und Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Später ließ der Syrienkrieg den Wanderungssaldo 2015 auf 1,14 Millionen steigen, obwohl die damaligen Bevölkerungsprognosen langfristig lediglich von 100.000 bis 200.000 Nettozuzügen pro Jahr ausgingen. Der Ukrainekrieg brachte innerhalb kurzer Zeit rund 1,46 Millionen Menschen nach Deutschland und führte erneut zu Wanderungsbewegungen, die die zugrunde liegenden Annahmen deutlich übertrafen. Die Geschichte der Bundesrepublik zeigt, wie schwer langfristige Migrationsprognosen zu treffen sind.

Verschuldung für den Sozialstaat?

Da Deschermeier und Schäfer kaum Hoffnungen in produktivitätssteigernde Maßnahmen – inklusive KI – und Migration setzen, sehen sie die einzige Möglichkeit zur Aufrechterhaltung des umlagefinanzierten Rentensystems und des Wohlstandsniveaus darin, den wachsenden Anteil an Beitragsbeziehern durch eine Ausweitung der Arbeitszeit der inländischen Beitragszahler zu kompensieren. Weniger Chancen bestünden in einer stärkeren Integration von bisher unterrepräsentierten Gruppen in den Arbeitsmarkt – vor allem von Frauen und Migranten – als in der Steigerung der Pro-Kopf-Arbeitszeit. Mehr noch: "das größte Potential" liege in der Verlängerung der individuellen Arbeitszeit.

Ihre Begründung: Selbst die meisten Vollzeitbeschäftigten könnten sich eine Ausweitung ihrer Arbeitszeit vorstellen, wenn die Belastung mit Steuern und Sozialbeiträgen geringer wird. Hier stützen sich die beiden auf eine letztjährige  IW-Online-Befragung unter 4.997 Beschäftigten, laut der dies für 74 Prozent der Vollzeitbeschäftigten und 72 Prozent der Beschäftigten insgesamt in Frage kommt.

Doch die Forscher betrachten lediglich eine Seite der Medaille. Die andere Seite betrifft die Arbeitskräftenachfrage der Wirtschaft. Und diese ist rückläufig. Das sieht man etwa seit dem Ende der Corona-bedingten Lockdown-Politik an der erneuten Zunahme an Kurzarbeitern:

Und der sinkenden Anzahl offener Stellen seit November 2022:

Das Papier ignoriert somit ein zentrales Paradoxon: Steuersenkungen mögen zwar die Motivation der Belegschaft steigern, zusätzliche Aufträge zu erledigen. Doch dieser Eifer verpufft, wenn den Unternehmen schlichtweg die Aufträge fehlen. Wo keine Aufträge vorhanden sind, nützt auch die höchste Motivation zur Mehrarbeit nichts. Treffen die pessimistischen Erwartungen der Autoren an die Entwicklung der Arbeitsproduktivität ein, wird sich dieses konjunkturelle Problem konsolidieren oder sogar verschärfen.

Und selbst wenn es mit gleichbleibend oder sinkender Arbeitskräftenachfrage gelingt, den ein oder anderen Erwerbstätigen zu Mehrarbeit durch Steuer- und Abgabensenkungen zu bringen, würde man das Problem nur auf finanzpolitischer Ebene verschieben. Denn die Maßnahme schwächt gleichzeitig die Beitrags- und Steuerbasis des Staates, die eigentlich durch die Steigerung des Arbeitsvolumens kompensiert werden soll.

Die implizite Hoffnung des IW, dass Steuersenkungen zu so viel Mehrarbeit führen, dass die Staatskassen am Ende voller sind, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als quantitativ unwahrscheinlich. Die erforderliche Mehrarbeit müsste eine doppelte Kompensationsleistung vollbringen:  Sie müsste nicht nur die Einnahmeverluste kompensieren, die durch die geringeren Steuern und Abgaben pro Arbeitsstunde entstehen, sondern zusätzlich die Mehrkosten der wachsenden Rentner-Kohorte decken.

Zwar hat sich das Arbeitgeberinstitut zuletzt vermehrt für eine Lockerung der Schuldenbremse ausgesprochen, aber hier allein für investive Ausgaben. Schuldenfinanzierte konsumtive Ausgaben wie sie für die Rente von vorrangiger Bedeutung sind, gelten nach wie vor als Tabu. 

Nicht weniger als ein Paradigmenwechsel wäre also erforderlich. Wäre das Arbeitgeberinstitut im Ernstfall hierzu bereit?